Guido: „Obwohl ich vieles in der Kirche schätze, stehen Exklusivismus, Informationskontrolle und Verschleierung mit meinen wichtigsten Werten im Widerspruch“

GuidoKlimpelIch heiße Guido und bin in eine Mormonen-Familie im Zweig Leer (Pfahl Hamburg) als jüngstes von acht Kindern zur Welt gekommen. Von 1998-2000 war ich in der Österreich Wien Mission Vollzeit-Missionar. Danach habe ich mehrere Jahre an der BYU in Provo studiert, wo ich u.a. im Missionary Training Center gelehrt habe.
Meine persönlichen Erfahrungen mit der Kirche waren zunächst sehr positiv und dann in einer späteren Lebensphase gemischt bis negativ. Einige Mitglieder waren und sind wie Familie für mich. Ich habe bereits früh unsere Gesangbuch-Lieder schätzen gelernt und war in vielen verschiedenen Chören auf Pfahl- und Gemeindeebene aktiv, schließlich auch im überregionalen Kammerchor „Vocalis“. Ich liebe außer der Kirchenmusik viele weitere Aspekte, z.B. die gesundheitsbewusste Lebensweise, den Grundgedanken der fortdauernden Offenbarung, die ehrenamtliche Hingabe und Hilfsbereitschaft vieler Mitglieder sowie soziale Aktivitäten wie Tagungen und Tanzveranstaltungen.
Aktuell bin ich in einer Lebensphase in der mir Authentizität ungemein wichtig ist. Ich habe jedoch das Gefühl, dass in der Kirche größtenteils das Gegenteil davon vermittelt wird. Auch wurden mir durch verschiedene Erfahrungen die Augen dafür geöffnet, wie viele Menschen durch Entscheidungen der Kirchenführung unnötig leiden und für mich spricht Einiges dagegen, die Kirchenorganisation aktuell weiter zu unterstützen. Da ich mich manchen Glaubensaspekten noch verbunden fühle und bedeutungsvolle soziale Verbindungen innerhalb der Kirche habe, bleibe ich mit dem Mormonismus auf diese Weise in Berührung. Ich identifiziere mich aktuell als „progressiven Christen“ und hoffe auch, dass die Kirche sich in ihrer Glaubensinterpretation und Kultur weiterentwickeln wird. Ob Platz für Menschen wie mich darin ist und auch ob ich noch den Wunsch haben werde, Mitglied zu bleiben, muss sich für mich noch zeigen.

Aufwachsen in der Kirche

Ich hege sehr viele positive Erinnerungen an mein Heranwachsen in der Kirche. In unserer Gemeinde in Leer gab es einen starken Zusammenhalt. Ich erinnere mich an inspirierende und auch lustige Erlebnisse mit den Missionaren; in Vorbereitung auf meine Mission begleitete ich sie häufiger zu Belehrungsterminen.
Die verschiedenen Aufgaben machten mir Freude: z.B. war ich Redakteur der Gemeindezeitung, sorgte für Layout und Print und schrieb begeistert Artikel über das Wort der Weisheit und sonstige Themen.
Ich denke Kindern und Jugendlichen werden sehr hilfreiche Werte vermittelt, die in unserer Gesellschaft häufig zu kurz kommen: Ehrlichkeit, Fleiß, Hilfsbereitschaft, Mut, Zusammenhalt, etc. Auch genoss ich die Pfadfinderlager und Jugendtagungen sehr. Insgesamt blicke ich mit viel Dankbarkeit zurück.

Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Vertrauen

Ein weiterer Aspekt des Mormonismus, den ich bewundere ist, wie selbstverständlich sich Menschen innerhalb der Kirche untereinander helfen und wie großzügig viele Kirchenmitglieder sind. Ich hatte mich daran gewöhnt dass wenn jemand einen Umzug zu bewältigen hat, Gemeindemitglieder bereitwillig ihr Wochenende opfern und mithelfen. Erst etwas später im Leben entdeckte ich, dass dies überhaupt keine Selbstverständlichkeit ist und dass Freunde außerhalb der Kirche teils teure Umzugsunternehmen beauftragen oder Menschen für ihre Hilfe bezahlen. Da war ich ziemlich überrascht. 🙂 Außerdem waren Arbeitskollegen von mir erstaunt darüber, dass so viele Veranstaltungen innerhalb der Pfähle und Gemeinden kostenfrei angeboten wurden und wie viel wir als Mitglieder spenden.
Auch die Freundlichkeit und Offenheit gegenüber anderen bisher unbekannten Mitgliedern fand ich immer sehr erstrebenswert. Innerhalb der Kirche ist das zwischenmenschliche Vertrauen relativ hoch im Vergleich zu anderen mir bekannten kirchlichen Gruppierungen. Dies beschleunigt bestimmte Prozesse, die anderswo wesentlich länger dauern, wie z.B. das Kennenlernen neuer Freunde, etc.

Ein eigenes Zeugnis

Als Jugendlicher hörte ich im Kirchenumfeld immer davon, wie wichtig ein Zeugnis ist und wie man mit sicherer Gewissheit wissen kann, dass Gott und Christus leben, dass das Buch Mormon und unsere Kirche wahr ist und dass Joseph Smith ein wahrer Prophet ist usw. So versuchte auch ich, solch ein Zeugnis zu erlangen. Ich ließ mich von Alma inspirieren und nahm mir vor, zu fasten und zu beten. Für drei Wochen nacheinander fastete und betete ich jeden Sonntag  für mein Zeugnis. Ich erinnere mich noch gut an den dritten und letzten Sonntag: Es fiel mir besonders schwer, wegen des Fastens auf das Mittagessen zu verzichten, da es Brathähnchen gab. 😉 Während die Familie zu Mittag aß, verbrachte ich die Zeit in meinem Zimmer und betete. Mich überkam ein unbeschreibliches Gefühl und eine große Freude, während ich über Jesus Christus nachdachte. Dies nahm ich als Hinweis, dass er lebt und tatsächlich wie die Schriften sagen unser Erlöser und Erretter ist. Über diese Erfahrung schrieb ich ca. 8 Seiten in mein Tagebuch – so sehr bewegte mich das.
Meine Zeugniserfahrung enthielt bis dahin noch keine Bestätigung bzgl. des Buches Mormon, aber ich forschte weiter und las in etwa zu dieser Zeit die Schriftstelle Moroni 7:13:

„Aber siehe, das, was von Gott ist, lädt ein und lockt, beständig Gutes zu tun; darum ist alles, was einlädt und lockt, Gutes zu tun und Gott zu lieben und ihm zu dienen, von Gott eingegeben.“

Ich war überzeugt, dass das Buch Mormon gute Inhalte hat und so schloss ich aus dieser Erfahrung, dass es von Gott sein müsste. Allerdings bekam ich keine separate geistige Bestätigung, dass das Buch Mormon eine authentische Heilige Schrift sei bzw. dass die Entstehungsgeschichte des Buches Mormon wahrheitsgemäß ist. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich damals sicherlich auch gar nicht die intellektuellen Möglichkeiten noch die Materialien gehabt hätte, dies erfolgreich zu erforschen. Ich fühlte also lediglich, dass das Buch Mormon gute, inspirierende Inhalte hatte. Dies reichte mir aber als „Zeugnis“ aus und in etwa in dieser Zeit fiel dann auch mein Entschluss, eine Mission zu erfüllen. Ich erhielt meine Berufung für die Österreich Wien Mission.

Mission

Meine Zeit im Missionary Training Center am Preston Tempel in England war sehr geistig aber auch extrem reguliert. Ich musste mich an strenge Regeln gewöhnen – insbesondere dass ich außer beim Toilettengang nicht mehr alleine sein konnte, dass ich nicht mehr zu Hause anrufen durfte, dass ich nur noch Schriften der Kirche lesen durfte, etc. Mir wurde im MTC beigebracht, dass wir als erwählte Generation für diese letzte Zeit aufbewahrt wurden, um einer „sündigen“ Menschheit Errettung und Wahrheit zu bringen. Mit dieser Rolle identifizierte ich mich ab sofort.
Wir hatten auch einen strengen MTC-Präsidenten, der uns exakten Gehorsam beibrachte. Es hieß, dass das weiße Handbuch wie Gebote für Missionare seien. Ich zählte u.A. aufgrund dieser Einflüsse eher zu den pflicht- und regelbewussten Missionaren und als Folge auch nach der Mission zu den sehr orthodoxen, kirchentreuen Mitgliedern.
Mein erster Missionspräsident im Feld war eine Art Vaterfigur für mich: Ein Mensch den ich sehr bewunderte und liebte. Die Zonenkonferenzen, das Studium, die Gemeinschaft mit den Mitgliedern waren schöne Erfahrungen, die über die äußerst schwierige Bekehrungsarbeit hinwegtrösteten: Kaum jemand wollte unsere Botschaft hören. Damals ordnete ich die Ablehnung als Beweis dafür ein, wie schlecht und wahrheitsfeindlich unsere Welt geworden sei.

Studium in Utah

Während meiner Studienzeit verbrachte ich im Rahmen eines Auslandssemesters ein Jahr an der University of Utah in Salt Lake City. Die Auswahl dieser Universität schien mir perfekt, da ich durch die Auslandserfahrung insbesondere meinen religiösen Ursprung besser verstehen wollte.
Ich belegte neben den Pflichtkursen während dieses Semesters insgesamt fünf weitere Institutsklassen. Das Institutsprogramm welches in einem tollen Gebäude in Campusnähe angeboten wurde, war wirklich eine sehr glaubensstärkende und inspirierende Erfahrung.252909_1944793273939_2041781_n Später an der Brigham Young University (BYU) mochte ich die sogenannten „Religion Courses“ nicht mehr so gern. Institutskurse an der University of Utah wurden freiwillig und ohne Benotung belegt, während es sich an der BYU um benotete Pflichtkurse handelte. Das zerstörte für mich die schöne, geistige Atmosphäre.

Umzug nach Utah

Obwohl ich mir vor meinem Auslandsaufenthalt geschworen hatte, mich in Utah nicht zu verlieben und niemals dauerhaft dorthin zu ziehen, lernte ich noch während des Semesters meine spätere Freundin und Ehepartnerin kennen. Sie wohnte noch bei ihrer Familie in Sandy, Utah. Da ich bereits absolut begeistert von Utah, der Kirche und dem Mormonenleben war, konnte ich mir plötzlich gut vorstellen, dort zu leben und weiterhin mit ihr zusammen zu sein. Was mir in Utah positiv auffiel war die Freundlichkeit, Positivität und Großzügigkeit der Menschen.
Ich belegte auch einen Vorbereitungskurs für angehende Seminarlehrer im Bildungswesen der Kirche. Mein Praktikum dafür leistete ich im HLT-Religionsunterricht an der East High School in Salt Lake City ab. Ja, das ist der Ort wo „High School Musical“ gedreht wurde. 😉

208384_1014019045165_1839_nDanach entschied ich mich auch wegen meiner damaligen Freundin in Utah zu bleiben und mein Studium an der BYU zu beenden. Ich wurde Lehrer im MTC und arbeitete auch an der deutschen Übersetzung von Missionsmaterialien mit, unter Anderem am neuen „Preach My Gospel“. Kurz danach heirateten wir und zogen in ein eigenes kleines Haus in eine bescheidene Nachbarschaft, etwa zehn Minuten von meinen Schwiegereltern entfernt.

Anfängliche Zweifel

Da ich als 25-facher Onkel immer viel Zeit mit meinen Nichten und Neffen verbrachte und generell kinderlieb bin, spielte ich in Utah häufig mit Kindern befreundeter Nachbarn – auf deren Trampolin. Eines Nachmittags erschienen am Zaun ein paar Nachbarskinder, die gerne mitspielen wollten. Ich wollte sie schon herbeirufen, was meine ganz natürliche Reaktion war, als mir einer meiner HLT-Freunde mitteilte, dass das nicht gewünscht sei. Ich erfuhr dass die Eltern dieser Kinder keine Kirchenmitglieder seien und dass es nicht in ihrem Sinne war, dass die eigenen Kinder mit ihnen zusammen spielen.

Als ich mich näher mit diesem Erlebnis beschäftigte und Fragen stellte, erfuhr ich dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte, sondern dass solches Verhalten gegenüber Nicht-Mitgliedern und Inaktiven in Utah häufiger vorkam. Ich fragte mich, wie Christen dazu kommen, andere Menschen auf diese Weise auszugrenzen, denn für mich galt immer, dass unser Vorbild Jesus Christus JEDEN Menschen eingeladen hatte.

Dies war ein Schlüsselerlebnis, das symbolhaft für weitere Erlebnisse in der Kirche sein sollte. Mit der Zeit kamen weitere ernüchternde Erkenntnisse in Utah hinzu:

  • Mir missfiel mehr und mehr, wie wenig informiert die Einheimischen über das Weltgeschehen und andere Kulturen waren. Einige Leute in meiner Nachbarschaft schienen sogar stolz darauf zu sein, dass sie und ihre Kinder keinerlei Interesse daran hätten, mal in ein anderen Land ziehen zu wollen bzw. eine andere Kultur kennen zu lernen.
  • Manche sahen andere Bundesstaaten der USA oder auch andere Länder als weniger rechtschaffen und das Leben dort als gefährlich an. Nur Utah war gemäß dieser Weltsicht ein wirklich sicherer und friedlicher Ort.
  • In der Familie, in die ich einheiratete, schwieg man sich über Probleme und Konflikte aus. Es fand keine offene, authentische Kommunikation statt. Eine weitere Grundregel des Umgangs, war, dass auch Religion und Politik nicht thematisiert werden.
  • Ich fühlte mich manchmal als ob mir die Luft abgeschnürt war durch die eingeengte Weltsicht, auf die ich bei manchen Menschen in Utah stieß. An der BYU, wo viele Professoren und Studenten aus sämtlichen Bundesstaaten der USA studierten, war dies noch nicht so gravierend.

Da Religion und Kultur in Utah sehr stark verknüpft sind, könnte man meinen, dass diese Erfahrungen auch meine Begeisterung für meine Religion hätten bremsen müssen. Es gab ein paar leise Zweifel und Irritationen, aber das wirkte sich nicht auf meine Loyalität aus: Obwohl meine falschen Erwartungen an kulturelle Offenheit, integrative Einstellung und die Bereitschaft zur authentischen Kommunikation der Mitglieder in Utah zerstreut wurden, hielt ich weiter an der Kirche fest.

Scheidung und Schuldgefühle

Meine Ehe in Utah war von zahlreichen Schwierigkeiten geplagt und mehr und mehr wurde mir das Leben in Utah fremd. Meine Heimweh wuchs. Schlimmer noch: Ich verfiel in immer tiefere Depressionen. Wenn ich es umschreiben müsste, war es eine Mischung aus Hoffnungslosigkeit, Heimweh und Perspektivlosigkeit. Ich konnte dort trotz Cum Laude- Abschluss keinen Job finden – auch die Beziehung wurde wie bereits angedeutet immer schwieriger: Die Hauptgründe dafür waren Kulturunterschiede und die unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wo wir wohnen sollten. Dennoch wurde uns ein wunderbarer Sohn geboren, was allerdings in dem Moment nicht nur schön für mich war, sondern auch eine gewisse Tragik hatte, denn ich merkte mehr und mehr, dass ich in Utah nicht auf Dauer ohne Depressionen leben konnte und hatte schon eine Weile sehr intensive Wünsche, nach Europa zurückzukehren. Meine Frau war jedoch lediglich bereit, Europa zu besuchen – sie konnte sich keinesfalls vorstellen, dort auf Dauer zu leben.
Um meine Depression und eine mögliche Scheidung abzuwenden, empfahlen mir zwei verschiedene Bischöfe in Utah Antidepressiva. Ich wusste aber dass Medikamente keine nachhaltige Lösung waren, denn ich kannte ja die Ursachen für meinen schlimmen Zustand. Nach einigem Hin- und Her lief unsere Beziehung tatsächlich auf eine Scheidung hinaus. Diese Entscheidung und der damit zusammenhängende dauerhafte Umzug nach Deutschland, fern von meinem Sohn, war die schwerste Entscheidung meines Lebens, denn ich hatte das Gefühl, mich zwischen zwei sehr schlechten Optionen entscheiden zu müssen…in etwa wie: Werde ich meinen Arm oder mein Bein abtrennen? Nehme ich dauerhafte Einbußen meiner Gesundheit in Kauf oder eine große geographische Distanz zu meinem Sohn?

LuB 132

Nach meiner Scheidung und Rückkehr nach Deutschland stellte ich mir die Frage, ob meine „Erhöhung“ verwirkt sei und ich nun wie im Buch Lehre und Bündnisse (LuB) erwähnt für immer ein „dienender Engel“ sein würde. Ich studierte in dieser Phase sehr aufmerksam das Kapitel LuB 132. Dort steht in Vers 4:

„Denn siehe, ich offenbare euch einen neuen und einen immerwährenden Bund; und wenn ihr diesen Bund nicht einhaltet, so seid ihr verdammt; denn niemand kann diesen Bund verwerfen und dennoch in meine Herrlichkeit eingelassen werden.“

Mir machte das große Angst, denn mir wurde immer gelehrt, dass mit dem neuen und immerwährenden Bund die celestiale Ehe gemeint sei. Mir war nicht klar, ob ich nun als Geschiedener meine Erhöhung auf jeden Fall verwirkt hatte. Ständig machte ich mir deswegen Sorgen. Ich konnte mein Leben nicht mehr normal und unbeschwert leben.
Ich las auch in LuB 132:54, dass Emma wegen eines möglichen Abweichens in ihrer Rolle als Frau von diesem celestialen Bündnis von Joseph Smith die Vernichtung angedroht wurde: 

„Und ich gebiete meiner Magd Emma Smith, bei meinem Knecht Joseph zu bleiben und an ihm festzuhalten und an niemandem und nichts sonst. Doch wenn sie nicht nach diesem Gebot lebt, wird sie vernichtet werden, spricht der Herr; denn ich bin der Herr, dein Gott, und werde sie vernichten, wenn sie nicht nach meinem Gesetz lebt.“

Da ich in gewisser Weise auch nicht mehr „nach diesem Gebot lebte“ befürchtete ich, auch einer vergleichbaren Vernichtung preisgegeben zu sein. Meine Angst und Schuldgefühle nahmen extreme Ausmaße an. Meine Schwester kann sich z.B. erinnern, dass allein das Mitfahren im Auto bereits Todesängste bei mir hervorrief. Das mag unterhaltsam klingen, aber ich kann nur sagen als Betroffener ist es das auf keinen Fall.

Geschieden in der Kirche

„Kein anderweitiger Erfolg kann ein Versagen in der Familie wettmachen.“

Dies sagte David O. McKay. Neben LuB 132 brannte sich auch dieser Satz in mein Bewusstsein ein und vertiefte in mir das Bewusstsein eines endgültigen Scheiterns. Als Geschiedenes Mitglied der Kirche gewann ich auch den Eindruck, dass ich nicht mehr „reinpasse“ und eigentlich nichts Positives mehr beitragen kann. Ich hatte mich nach meiner Scheidung als Jugendbetreuer für Especially For Youth (EFY) angemeldet. Mit Begeisterung nahm ich auch an dem Vorbereitungsprogramm dafür teil, das drei Tage umfasste. Kurz vor der Abreise kam jemand aus der Führungsebene auf mich zu und sagte mir, dass Geschiedene laut Kirchenrichtlinien nicht als Helfer bei EFY akzeptiert werden und dass ich trotz Teilnahme an der Vorbereitung nicht bei EFY mitwirken darf. Ich interpretierte das für mich so, dass ich nie wieder dem mormonischen Ideal entsprechen kann und das traf mich schon, denn ich war überzeugt, dass jeder ungeachtet seiner Vergangenheit ein Vorbild sein kann. Für mich kam es darauf an, was man aus seiner Situation macht. Ich fragte mich auch, was wohl mit Leuten sei, die – im Gegensatz zu mir – evtl. gar nichts für ihre Scheidung können…und nahm diesen Aspekt unserer Kultur als unfair und ungesund wahr. Ich hatte als Geschiedener auch den Eindruck, weniger verantwortungsvolle Aufgaben im Vergleich mit verheirateten Mitgliedern zu erhalten und eine Art „Mitglied zweiter Klasse“ zu sein.

Ich hatte während der Phase, in der auch die Schuldgefühle mein ständiger Begleiter waren, auch noch ein unschönes Erlebnis mit Elder Johann Wondra, wo ich ihn wegen meiner Probleme konsultieren wollte, und er sich schon bei der Nennung meines Anliegens nicht mit mir und meiner Geschichte beschäftigen wollte. Das und die Art und Weise seiner Ablehnung tat sehr weh denn mir ging es sehr schlecht und ich brauchte Hilfe. Ein paar Wochen später hörte ich in einer Ansprache von ihm, wie er Drohungen und Warnungen äußerte für diejenigen, die sich scheiden lassen und ihren familiären Verpflichtungen nicht nachkommen. Dies verstärkte meine durch LuB 132 schon extrem starke Schuldkrise noch mehr. Trotzdem blieb ich in der Kirche aktiv. Irgendwann erhielt ich dann einen Segen von meinem damaligen Bischof in der Gemeinde Wilhelmsburg, wo mir verheißen wurde, dass ich wieder im Tempel heiraten werde. Es fühlte sich für mich wie eine Erlösung an und verlieh mir wieder Hoffnung.

Ernüchternde Missionierungs-Erfahrungen

Wie üblich war ich immer noch viel mit den Missionaren unterwegs und half bei deren Arbeit. In Hamburg belehrten wir Karsten, einen durch die Missionare gewonnenen Kontakt, den man der gebildeten Mittelschicht zuordnen kann. Während der Wochen wo wir ihn belehrten, hatte Karsten keinen Zugriff auf das Internet – ich glaube aufgrund eines Provider-Problems. Er fühlte sich durch unsere Botschaft berührt und vertraute uns, auch ohne ein eigenes Studium unabhängiger bzw. externer Quellen. Ich taufte ihn nach einigen Wochen, was ein spiritueller Höhepunkt für mich war. Nach 1 oder 2 Wochen Mitgliedschaft in der Kirche erhielt er seinen Zugang zum Internet zurück und fing an, mehr Informationen zu suchen, um seine Wahl der Taufe zu validieren. Er fiel innerhalb weniger Tage ab; das war für mich herzzerreissend. Wir besuchten ihn noch mit dem Bischof zusammen, um ihn umzustimmen, doch er teilte uns mit, dass es keine Möglichkeit gäbe. Ich erinnere mich noch daran, dass er sagte, er sehe einen dringenden Reformbedarf in unserer Kirche.

Ich arbeitete hart, Menschen für die Kirche zu missionieren, weil ich darauf vertraute dass es das einzig wahre Evangelium war, aber es schien nie wirklich zu funktionieren oder nachhaltig jemandem zu helfen. Manche Kirchenmitglieder haben mir vermittelt, dass die Gründe dafür „antimormonische“ Lügen und Stolz und Schlechtigkeit unter den Menschen seien.

Mir war es schon immer extrem wichtig, dass ich in meine Kirchengemeinschaft auch meine Familie und Freunde einladen kann. Oft dachte ich wenn ich in einer nicht so lebhaften und tollen Gemeinde war: „Schade, hier kann ich Freunde und Untersucher nicht guten Gewissens herbringen.“ Durch die Erfahrung mit Karsten gewann ich mehr und mehr den Eindruck, dass nicht nur die Beschaffenheit lokaler Gemeinden der Missionsarbeit im Weg stehen kann, sondern auch unsere Kirchengeschichte und die globale Kirche.

Weil ich davon überzeugt war, dass wir als Mitglieder auch Antworten auf geschichtlich und wissenschaftlich begründete Bedenken geben können sollten, besuchte ich mehrere Jahre Konferenzen von FAIRMormon, einer apologetischen Organisation, die versucht, glaubenstreue Antworten auf kritische Fragen bzgl. unserer wissenschaftsrelevanten Wahrheitsbehauptungen zu geben.

Christus oder Werke?

Einmal stellte ich als Lehrer einer Priestertumsklasse die Frage, wer oder was in welchem Umfang zu unserer Errettung beitrüge: Jesus Christus oder unsere Werke. Einige der allesamt erwachsenen Teilnehmer waren der Meinung, dass unsere Werke und unser Gehorsam wesentlich ausschlaggebender wären als Christus. Mir wurde durch dieses und andere Ereignisse über die Jahre etwas verständlicher, warum andere Christen unser Verständnis von Jesus Christus als Erretter und damit unser Christsein anzweifeln.
Im Zuge solcher Erfahrungen entwickelte ich eine Vorliebe für die Ansprachen und Bücher von Brad Wilcox, der an der BYU eine der am meisten gehörten und best-bewerteten Ansprachen aller Zeiten gab: „Seine Gnade ist ausreichend“. Ich schrieb auf einer eigenen Webseite Beiträge über dieses Thema und übersetzte die Ansprache von Wilcox ins Deutsche, um Freunde und Verwandte daran teilhaben zu lassen.

Exklusivismus

Es wunderte mich schon häufiger, dass nur so verschwindend wenige der Milliarden von Erdenbewohnern im Diesseits die „einzig wahre Kirche“ kennen sollten. Auch weitere exklusivistische Aspekte unserer Religion konnte ich mit meiner offeneren Einstellung nicht nachvollziehen: den Anspruch der exklusiven Priestertumsvollmacht und Allein-Seligmachung, den Ausschluss von Nicht-Tempelschein-Inhabern bei Ehe-Siegelungen, die Geheimzeremonie der „Zweiten Salbung“, das Prinzip der „Würdigkeit“ sowie die Geheimhaltungsversprechen des Tempel-Endowments.
Während der Durchführung von Tempelverordnungen überkam mich häufiger ein seltsames Gefühl. Ich hatte immer wieder an bestimmten Stellen den Eindruck, in einer Sekte zu sein. Andere Aspekte des Tempels wiederum gefielen mir und waren eine Quelle geistiger Erfahrungen. Ich war überzeugt, dass die Geschichte des Tempelendowment den Sinn des Lebens gut erklärte.
Trotzdem hat mir mehr und mehr gedämmert während meiner Mitgliedschaft, dass der Exklusivismus den ich in der Kirche vorfand meinem Wertesystem widerspricht.

Aufrichtige Bitte um Führung

Während meiner orthodoxen Lebensphase betete ich sehr häufig und regelmäßig. Ich weiß noch, dass ich Gott ein paar Mal bat, mich in Licht und Wahrheit zu führen. Da ich überzeugt war, dass die Kirche wahr ist, investierte ich sehr viel Geld, Zeit und mich selbst in diese Sache. Wie beschrieben hatte ich hin und wieder leise Momente des Zweifels. Im Zuge dessen gab ich ein Versprechen ab: Wenn sich irgendwann zeigen sollte, dass die Kirche nicht das ist, was sie vorgibt zu sein, dann würde ich Gott trotzdem treu bleiben.

Höhepunkt der Glaubenskrise

Der Eindruck dass ich evtl. selber nicht mehr in die Kirche „reinpasse“ verstärkte sich als ich im Zuge meiner persönlichen Krisen anfing, mich intensiver mit Kirchengeschichte auseinanderzusetzen: Als ich einmal ca. zwei Wochen am Stück krank war, las ich „Rough Stone Rolling“ vom kirchenfreundlichen aber authentischen HLT-Historiker Richard Bushman, „No Man Knows My History“ von Fawn Brody, „An Insiders View of Mormon Origins“ von Grant Palmer und den CES Letter von Jeremy Runnells. Auch sah ich den spannenden und ausgewogenen PBS-Dokumentarfilm „The Mormons“. (YouTube: Teil 1 , Teil 2)

Mein damaliger Mitbewohner, der HLT war, empfahl mir auch Mormon Stories und so fing ich an, mir regelmäßig verschiedene Podcasts anzuhören – unterwegs im Auto, bei der Gartenarbeit, in der Badewanne etc. Ich stieß über Mormon Stories auch auf Mormon Stories Germany und hörte mir auch die deutschsprachigen Podcasts an. Ich fand diese Initiativen für mich extrem hilfreich und unterstützte sie nach besten Kräften. Mein heutiger Lieblings-Podcaster/Blogger ist der ehemalige HLT-Bischof Bill Reel, Initiator der Webseite Mormon Discussions.

Teilweise war ich bei meiner Recherche erstaunt, aber häufig passten die Dinge für mich ins Bild. Wenn ich davon las, auf welche Art und Weise Joseph Smiths Polygamie und Beziehungen zu Minderjährigen vor der Öffentlichkeit und teilweise Emma geheimgehalten wurden, war es für mich zwar einerseits widersprüchlich aber gleichzeitig sah ich die Verbindung zu moderneren Zeiten, wo wir ja als Kirche häufig kritische Informationen unter Verschluss halten. Wenn ich davon erfuhr, dass Joseph Smith ggü. Frauen die sich weigerten ihn zu heiraten Drohungen aussprach, wunderte es mich nicht sehr, denn ich hatte diese (drohende) Seite von Joseph Smith vergleichbar in LuB 132 erlebt.
Wenn ich Dinge von Personen las, die aus der Kirche exkommuniziert wurden, stellte ich vergleichende Recherchen in externen, kirchenfreundlicheren Quellen an, die mir sehr viel bestätigten. Mir wurde plötzlich klar, dass das, was von Mitgliedern so häufig als „Anti-Mormonen-Literatur“ angeprangert wurde, in großen Teilen sehr authentische Berichte waren. So half ich auch mit, den CES Letter von Jeremy Runnells in die deutsche Sprache zu übersetzen. Ich bin der Meinung dass er für Menschen die sich für Kirchengeschichte interessieren einen guten Einstieg darstellt, auch wenn ich mit den Standpunkten, Interpretationen und Schlussfolgerungen von Jeremy nicht in allen Punkten übereinstimmen muss. (Mit ca. 80-90 % bin ich einverstanden.) Eigentlich hätte die Kirche durch mehr Transparenz und Offenheit verhindern können, dass so ein Dokument wie der CES Letter entsteht. Es wäre auch hilfreich gewesen, wenn man Jeremy auf seine ursprünglichen Fragen und Bedenken geantwortet hätte.

Meine Reaktion

Ich war im ersten Moment entsetzt über die Informationen, die mir vorenthalten wurden. Weil wir in der Kirche so viel von Wahrheit und Gewissheit sprechen, glaubte ich, dass ich mein Leben lang die Wahrheit gelehrt bekommen hatte. Diese beinhaltete für mich jedoch auch Aspekte, die nicht so optimal oder sogar alles Andere als optimal verlaufen sind.

Dadurch, dass ich aber immer eine ziemlich „weißgewaschene“ Version der Kirchengeschichte belehrt bekommen hatte, brach für mich eine Welt zusammen. Warum wurde mir so viel an Information vorenthalten? Warum wurden problematische Aspekte so stark verschleiert? Ein riesiger Vertrauensverlust in unsere Kirchenführung war die Folge dieses Schocks. Sogar für mich sehr wertvolle Glaubensaspekte wie z.B. der Glaube an Gott und Jesus Christus drohten dabei zu zerbrechen.

Ich sehe die Verantwortung für den Vertrauensverlust jedoch überhaupt nicht bei den Autoren, die ich gelesen habe oder bei den Podcast-Sprechern, sondern bei der Kirchenführung, die mit dem Leitsatz der „Glaubensstärkung“ einen Kurs fährt, der für Authentizität-orientierte Menschen wie mich fatal war. Ich hätte glaube ich viel besser damit leben können, wenn Führer von Beginn an offener mit unserer problembeladenen Kirchengeschichte umgegangen wären, denn die Kirche an sich hat mir ja wie oben beschrieben auch viel Gutes gebracht.

Wie Verwandte und Menschen in meinem Umfeld reagiert haben

Meine resultierenden Zweifel an der kanonisierten Entstehungsgeschichte des Buches Mormon etc. führten zu verschiedenen Gesprächen, mit der Folge dass manche meiner früheren Kirchenfreunde den Kontakt mit mir abbrachen. Eine andere mir nahestehende Person kommentierte meine Entwicklung folgendermaßen: „Es wurde ja vorhergesagt, dass in der letzten Zeit immer mehr Leute dem Satan folgen.“ Das war einer der schmerzhaftesten Momente in meinem Leben, das von einer so nahestehenden Person gesagt zu bekommen.
Auch mein Bischof machte es nicht viel besser: anstatt auf meine aufrichtigen Bedenken und Zweifel einzugehen,  fragte er mich, ob ich noch die Gebote halten würde…nicht gerade hilfreich. Auch meinen Pfahlpräsidenten konsultierte ich, aber für mich war sein Umgang mit meiner Situation nicht zufriedenstellend. Ein Mitgefühl für meine Situation oder ein Interesse für meine Erfahrungen war nicht vorhanden. Ich spürte eher den Druck, dass ich mein „Zeugnis“ zurückerlangen und wieder der Kirche gehorsam sein sollte. Ich hatte von da an auch das Gefühl, unter „Beobachtung“ zu stehen.

Meine Familie reagierte auf meine Abkehr von der „orthodoxen“ Glaubensinterpretation teilweise verständnisvoll, teilweise schockiert. Manche HLT-Freunde und weitere lokale Mitglieder in Führungspositionen versuchten mir meine Zweifel auszureden. In der ersten Zeit waren Gespräche sehr schwierig denn ich war über vieles entrüstet.

12795511_10207948274739151_2644283663697149012_nWas diese Zeit der Glaubensveränderung anbetrifft habe ich John Dehlin, dem Urheber des Mormon Stories Podcast besonders viel zu verdanken. Seine Audio-Interviews, die er über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren durchgeführt hat, haben mir auf vielfältige Weise durch diese schwere Zeit hindurch geholfen und mir gezeigt, dass ich mit meinen Schwierigkeiten und Bedenken nicht allein bin. Vor kurzem traf ich John Dehlin auf der ersten europäischen „Sunstone“-Konferenz und mein positiver Eindruck von ihm wurde bestätigt. Er strahlt viel Authentizität aus und war für mich ein sehr guter Zuhörer. Es war eine völlig andere Erfahrung, als das was ich mit meinen lokalen Führern erlebt habe. Ich spürte auch keinerlei Druck von ihm in irgendeine Richtung.

Es war während und nach meiner Glaubenskrise mehrfach heilsam für mich, mit Mitgliedern der Gemeinschaft Christi Kontakt zu haben. Sie sind sehr offene Gesprächspartner und ich hatte bereits Treffen mit diversen globalen Kirchenführern. Auch habe ich bei mir zu Hause ein paar Mal HLT-Freunde zum Dialog mit der Gemeinschaft Christi eingeladen.

Wie hat sich mein Leben nach meiner Glaubenskrise verändert?

  • Freundschaften
    Ich suche mir Freunde aus, weil sie zu mir passen, nicht weil sie Mitglieder der Kirche sind. Die Freundschaften haben mehr Tiefe…ich führe das auf zusätzlich gewonnene Authentizität zurück. Ein weiterer Faktor der sich positiv auswirkt in Bezug auf Freundschaften mit Nicht-Mitgliedern ist der Wegfall von Bekehrungsabsichten.
  • Schuldgefühle
    Während meiner orthodoxen Zeit hatte ich häufig starke Schuldgefühle und habe mich unwürdig und unzureichend gefühlt. Es ging bei dieser angsterfüllten Selbstbetrachtung häufig um mich und meine Sünden. In der Kirche habe ich ja gelernt, dass es verschiedene Arten von Sünden gibt. Aktive Sünden, Unterlassungssünden und Sünden in Gedanken. Fragen wie „War ich diesen Monat Heimlehren? Habe ich in den Schriften gelesen? Habe ich unreine Gedanken gehabt? Habe ich Missionsarbeit gemacht? Habe ich meine Berufung gut ausgeführt? Habe ich mich gestritten?“ waren häufig in meinen Gedanken.
    Heute fühle ich mich in erster Linie schuldig, wenn ich einen Menschen verletze oder wenn ich mich nicht für Menschen einsetze, die leiden, denen etwas fehlt oder  die Ungerechtigkeit erleiden. Ich sehe das für mich als Fortschritt, denn ich bin mehr auf liebevolle Weise mit anderen Menschen beschäftigt und weniger auf ich-bezogener Ebene mit mir selbst. Außerdem habe ich den Eindruck, dadurch selber glücklicher und freier zu sein.
  • Dienen
    Ich weigere mich, Menschen als Projekte anzusehen. Auch habe ich das Gefühl, Menschen die wirklich Hilfe brauchen mit wichtigen Bedürfnissen zu helfen, mit weniger Hintergedanken als vorher.
  • Beziehungen zu Familienmitgliedern
    Die Beziehungen zu Familienmitgliedern, insbesondere mit solchen die nicht an die Kirche glauben, sind wesentlich besser geworden. Die sonstigen Beziehungen sind etwas offener und authentischer geworden. Ich glaube Offenheit kann zunächst auch mehr Konflikte mit sich bringen, aber langfristig zahlt sie sich immer aus. Mit zwei meiner Schwestern konnte die Distanz, die unbeabsichtigt entstanden war als sie sich von der Kirche abwendeten, neuerdings überwunden werden.
  • Beziehungen zu Andersgläubigen
    Ich habe den Eindruck, dass sich mein Verhältnis zu Andersgläubigen von Grund auf verbessert hat. Ich sehe ihre Glaubensansichten nicht wie manchmal früher als „weniger“ an. Das bedeutet auch: Ich gehe nicht mehr mit der Einstellung in Gespräche, dass ich durch meine Kirche „mehr Wahrheit“ habe, sondern begegne auf Augenhöhe und mit nachhaltigerem Respekt.
  • Wohltätige Spenden
    Während ich früher das Gefühl hatte, dass ich bzgl. meiner Geldspenden in Form von Zehnten und Abgaben kaum mitbekomme, was mit dem Geld passiert, erhalte ich heute für meine Spenden eine Rückmeldung: Ich habe in Verbindung mit dem Asylkreis meines Wohnortes ein eigenes Projekt gestartet. Es heißt „Integration durch Sport“. Wenn mit Stiftungsgeld einem Kind aus Syrien Fussballschuhe gekauft werden oder Kinder aus Afghanistan von mir bezahlbaren Tennisunterricht erhalten, dann sehe ich Dankbarkeit und ein Lächeln. Das ist für mich eine unschätzbare Belohnung und wesentlich befriedigender als die frühere Art und Weise, meine finanzielle Wohltätigkeit komplett an die Kirche zu delegieren. Ich zahle weiterhin einen zehnten Teil meines Einkommens, allerdings größtenteils an wohltätige Organisationen oder für eigene Projekte. Ich finde das Grundprinzip, dass wir zehn Prozent unserer Ressourcen und auch unserer Zeit für gute Zwecke geben, sehr hilfreich und wünschte, das würde die gesamte Menschheit tun.
  • Gesundheit 
    Ich beachte das Prinzip von Ursache und Wirkung mehr und dadurch lebe ich nach meinem Empfinden gesünder als vorher. Dies betrifft insbesondere Essgewohnheiten, Schlafgewohnheiten und Sport. Für Rauchen, Trinken, etc hatte ich eh‘ nie etwas übrig. Mir gefällt es, dass die Mitglieder der Kirche diese Gewohnheiten nicht haben und ist ein Aspekt, wo ich den Lebensstil der HLT nach wie vor vorbildhaft finde.
  • Gebet
    Es gab eine Zeit wo ich im Zuge meiner Nachforschungen weniger gebetet habe. Mir wurde so vieles gelehrt, was für mich dann offensichtlich nicht mehr stimmen konnte, dass ich mich naturgemäß fragte welchen Dingen, die mir die Kirche beigebracht hat ich überhaupt noch trauen konnte. Manchmal fragte ich mich dann sogar, ob es Gott überhaupt gibt und somit betete ich weniger.
    Nun, einige Zeit später, bete ich wieder häufiger und fühle mich auch vom Geist bewegt zu beten. Meine Gebete fühlen sich jedoch anders an und haben auch einen anderen Inhalt. Ein Anliegen, für das ich manchmal den Eindruck habe zu beten ist, dass Menschen es schaffen mögen, ihren inneren Überzeugungen und Gefühlen gegenüber treu zu sein. Ich bete auch, dass die notleidenden Kinder dieser Welt beschützt werden und dass ich diesbezüglich ein Werkzeug in Gottes Händen sein kann. In diesem Zusammenhang begeistert mich ein Zitat von Mutter Theresa:
    „In der Vergangenheit betete ich gewöhnlich dass Gott die Hungrigen ernähren würde oder dies oder jenes tun würde, nun bete ich dass er mich zu allem führen wird was ich tun soll, was ich tun kann. Damals betete ich um Antworten, aber heute bete ich um Stärke. Ich glaubte früher dass das Gebet Dinge ändert, aber heute weiß ich dass das Gebet uns ändert und wir dann die Dinge ändern.“
    Ein weiterer Punkt, der meine Gebete auch heute noch prägt war eine Aussage von David A. Bednar, der sagte dass ein „sinnerfülltes Morgengebet ein wichtiger Bestandteil der geistigen Schöpfung [ist], die der zeitlichen Schöpfung oder der tatsächlichen Durchführung des Tages vorausgeht.“ Ich gebrauche das Gebet, um Prioritäten für meinen Tagesablauf zu spüren und den Tag gemeinsam mit dem Herrn zu planen.

Was ich heute weiß, was ich hoffe und was ich glaube

Als Mitglied der Kirche reden wir in Bezug auf unseren Glauben so häufig von absoluter Gewissheit. Dies fand ich schon in Zeugnisversammlungen häufig befremdlich und unauthentisch. Heute finde ich es sinnvoll, etwas nuancierter zu sein:

  • Gott und Christus
    Ich bin überzeugt davon, dass es eine höhere Intelligenz gibt, die das Schicksal der Erde und der gesamten Menschheit in seiner liebenden Hand hält. Ich hoffe dass Gott wie in unseren Schriften beschrieben existiert und dass Jesus Christus als sein einzig gezeugter Sohn im Fleische auferstanden ist. Ich bin beeindruckt von der Schönheit und Zeitlosigkeit der Lehren Jesu Christi. Außerdem glaube ich dass einige seiner Lehren uns individuell aber auch kollektiv heilen können, insbesondere das Prinzip der Nächstenliebe und dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Alle anderen Gebote Gottes inkl. der Zehn Gebote sind letztlich diesen Grundsätzen untergeordnet. Ich möchte mir die Welt nicht vorstellen, wenn wir diese Prinzipien kollektiv verwerfen.
  • Sinn des Lebens
    Ich bin davon überzeugt, dass unsere Existenz hier auf der Erde einen tieferen Sinn hat. Mein Glaube an ein Leben nach dem Tod und eine Verantwortlichkeit meines Handelns helfen, Entscheidungen mit langfristiger Perspektive zu treffen. Das Bewusstsein, dass ich alle Menschen die mir in diesem Leben begegnen dort wiedersehen werde, motiviert mich dazu, ihnen gegenüber ehrlich, fair und aufrichtig zu sein.
  • Buch Mormon
    Ich glaube -in Übereinstimmung mit meiner Zeugniserfahrung- dass das Buch Mormon in vieler Hinsicht ein Buch mit einigen guten und inspirierenden Inhalten ist. Jedoch glaube ich nicht mehr, dass die in der Kirche offiziell vermittelte Entstehungsgeschichte authentisch und echt ist. Vielmehr gewinne ich den Eindruck, dass das Buch Mormon ein Produkt des 19. Jahrhunderts ist, auch wenn die aus verschiedenen Quellen zusammengestellten Elemente darin größtenteils auf inspirierte Art entstanden sein mögen. Den hilfreichsten und wichtigsten Beitrag zu dieser Erkenntnis hat für mich Grant Palmer mit seinem Buch „An Insiders View of Mormon Origins“ geleistet, das eine sehr klare und deutliche Interpretation der relevanten Vorgänge in der Entstehung des Buches Mormon darstellt.
    Obwohl bzgl. der Entstehung des Buches für sich allein genommen noch Raum für eine glaubensvolle Interpretation geben mag, so entsteht für mich ein unüberwindbares Problem, wenn ich im Zusammenhang damit noch weitere „Übersetzungsprojekte“ von Joseph Smith betrachte, wie z.B. das Buch Abraham samt der Faksimilen, die Kinderhook Platten, etc. Ich muss reichlich „Hirnakrobatik“ betreiben muss um es mir in meinem Kopf doch noch als wahr und authentisch hinzurücken.
  • Erste Vision / Wiederherstellung des Priestertums
    Ich bin im Nachhinein entsetzt über die Tatsache, dass ich auf Mission unzähligen Menschen die kirchenoffizielle Version von Joseph Smiths Erster Vision erzählt habe. Diese beinhaltet ja, dass zwei Lichtgestalten, also Gott Vater und Jesus Christus dem Propheten Joseph Smith im Wald erschienen sind, dass der Satan dagegen gearbeitet hat, etc. Auf diese Details habe ich in meinen Belehrungsterminen explizit verwiesen – im Vertrauen darauf dass sie authentisch seien. Ich betonte auch welche Bedeutung es dem Propheten Joseph Smith verleiht dass ihm beide Personen der Gottheit erschienen sind, und welche Bedeutung es seinem Werk verleiht dass der Satan dagegen gearbeitet hat, etc.
    Erst im Jahr 2016 wurden ja dann die vier unterschiedlichen Berichte über die Erste Vision offiziell von der Kirche veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits aus verschiedenen Quellen davon erfahren und war entsprechend sauer, denn ich finde die Unterschiede in den Erzählungen sind so gravierend, dass die Glaubwürdigkeit unserer offiziellen Version massiv in Frage gestellt ist. Weil es sich um ein so zentrales Ereignis unserer Kirchengründung handelt, finde ich es absolut wichtig, hier akkurate Informationen zu haben. Auch hier gilt für mich: Wären die Widersprüchlichkeiten ein Einzelfall, könnte ich mit den anderen problematischen Aspekten leben, aber da so viele andere Punkte in Joseph Smiths Behauptungen zusätzliche Widersprüche offenbaren, ist es sehr schwierig hier eine traditionell-mormonische Sichtweise beizubehalten. Ich wünschte mir, dass jemand von offizieller Seite mir die Zusammenhänge erklären könnte, oder wie es zu diesen Diskrepanzen gekommen ist. Leider werden diese Dinge kaum oder gar nicht angesprochen von den Kirchenführern. Die Erklärung in dem offiziellen Essay der Kirche dazu reicht mir vorne und hinten nicht. Sie ist für mich weder vollständig noch wirklich offen. Unzählige gravierende Widersprüche bleiben ungeklärt.
    Mich fasziniert von den vier verschiedenen Versionen von Joseph Smiths Erster Vision seine allererste Erzählung von 1832, die als Tagebucheintrag verfasst wurde. Ich finde es ist eine sehr inspirierende und persönliche Geschichte. Seine Beziehung zu Christus, das Sühnopfer Christi und Vergebung stehen im Mittelpunkt. Diese Version ist die früheste und für mich auch die glaubwürdigste von allen. Sie wurde von ihm selbst handschriftlich in seinem Tagebuch aufgezeichnet. Ich glaube, dass in späteren Erzählungen Details der ursprünglichen Geschichte variiert wurden, um bestimmte Absichten und Ziele damit zu verfolgen. Die Absichten hinter der kirchenoffiziellen, kanonisierten Version sind für mich angesichts der vielen Abtrünnigen und der teils chaotischen Zustände, denen Joseph Smith und seine Kirche sich in der Zeit vor der Veröffentlichung gegenüber sahen, ziemlich eindeutig: Joseph Smith wollte seine Autorität und die seiner Kirche untermauern und seine Bedeutung als Prophet hervorheben. Ähnliches gilt für die geistigen Erlebnisse, die später eine Neuinterpretation mit dem Bezug zur Wiederherstellung des Priestertums erfuhren. Somit sehe ich auch den exklusiven Anspruch auf Priestertumsvollmacht auf wackeligen Füßen.
  • Joseph Smith
    Für mich ist Joseph Smith ein Mann von großer Phantasie und Vorstellungskraft. Ich möchte ihm nicht unterstellen, dass er selbst nicht an seine eigene Berufung geglaubt hat. Selbst wenn man sich mit allen Problemen und Unvollkommenheiten von Smith beschäftigt: Geheimgehaltene Polygamie, das Ehelichen bereits verheirateter Frauen und Minderjährigen mit manipulativen und druckvollen Methoden, die irreführende Darstellung in Bezug auf seine Fähigkeit zu „übersetzen“, etc.; sehe ich doch einen vielfach inspirierten Mann, der das Christentum seiner Zeit vorangebracht hat. Ich finde dass unsere Haltung zu Joseph Smith sehr viel über uns aussagt, dafür muss ich mich aber erstmal in aller Gründlichkeit mit ihm beschäftigen.
    Was ich jedoch nicht bewundern und toll finden kann, ist wenn entscheidungsrelevante Informationen verschleiert oder verdreht werden. Das nimmt mir und Anderen die Möglichkeit, wahrheitsbasierte Entscheidungen zu treffen.
  • Betrug oder Wahrheit?
    Ich glaube weder, dass die Kirche ein bösartiger Komplett-Betrug ist, noch glaube ich, dass wir die einzige Kirche mit gültigem Heilsversprechen sowie exklusiver Vollmacht und Wahrheit sind. Ich denke, dass wie bei so vielen Dingen die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt, dennoch liegen Welten zwischen dem was wir in Leitfäden und Sonntagsschulen gelehrt bekommen und dem, wie es damals wirklich war.
    Ich glaube, dass unsere heutigen Kirchenführer selber wirklich überzeugt sind, dass sie das Richtige tun. Ich unterstelle ihnen auch keine bösen Absichten. Jedoch glaube ich, dass sie fast durchweg „massiv unterinformiert“ über unsere Kirchengeschichte sind und es fällt mir schwer, eine rein auf Gefühlen basierende Bestätigung ihrerseits als Zeugnis zu akzeptieren.
  • Glaubensabfall oder „Glaubensveränderungsphase“?
    Früher glaubte ich wegen dem was ich in der Kirche hörte, dass Menschen mit abweichenden Überzeugungen vom HLT-Glauben „abgefallen“ sind – wahrscheinlich aus Sündhaftigkeit. Da mich diese Einstellung nie richtig zufrieden stellte, fand ich während meiner Glaubenskrise eine Entdeckung sehr hilfreich: das Glaubensstufen-Modell von James Fowler. Mittlerweile denke ich wir durchlaufen alle verschiedene Glaubensstufen in unserem Leben. Wo ich also früher Glaubensabfall vermutete, schaue ich heute mit weniger Vorurteil darauf und erkenne evtl. eine Weiterentwicklung.
  • Religiös begründete Diskriminierung?
    Ich glaube, dass man viele Diskrimierungen, die gegenüber verschiedenen Randgruppen passiert sind, nicht als isolierte Fehler abtun kann. Vielmehr glaube ich, dass manche der ursächlichen Sichtweisen durch unseren Schriftenkanon und das Verhalten unserer ersten Kirchenführer entstanden sind. Ein Beispiel ist Mose 7:8 in der Köstlichen Perle, womit Rassismus ggü. Schwarzen religiös legitimiert wurde. Heutzutage macht mir insbesondere unser Umgang mit LGBT-Individuen (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell) große Sorgen und ich sehe die homosexuellen-feindlichen Handbuchänderungen vom November 2015, die unter Mitgliedern als „Exklusionsrichtlinie“ bezeichnet werden nicht unbedingt als Zufall an. Sie sind die Fortführung einer in Teilen menschenfeindlichen Glaubensinterpretation zum Thema Sexualität, Ehe und Familie. Mich selbst wundert nicht, dass wir heute weiterhin mit göttlichem Siegel Diskriminierungen verüben, denn wir haben unsere Kirchengeschichte nicht authentisch aufgearbeitet wie wir es schon längst hätten tun sollen. Dadurch dass wir in apologetischer Manier gewohnt sind unsere Vergangenheit in das beste Licht zu rücken, entschuldigen wir (vielleicht unbewusst) vieles, womit unsere ersten Kirchenführer Menschen geschadet haben. Ich meine, dass man Respekt vor ehemaligen Kirchenautoritäten bewahren kann auch wenn man sich von schädlichen Ansichten und Verhaltensweisen distanziert.
  • Gehorsam
    Früher lernte ich in der Kirche, dass Gehorsam das erste Gesetz des Himmels ist. Das schloss auch immer Gehorsam gegenüber Autoritäten ein. Heute glaube ich nicht mehr dass Autoritäts-Gehorsam ein grundlegendes Prinzip für mein Glücklichsein ist, denn dieser kann sowohl falsch als auch richtig sein, je nachdem ob die Autorität der ich gehorche falsch oder richtig liegt. Ich lernte also, selbstbestimmt zu entscheiden was recht und unrecht ist. Ich glaube ich bin zuallererst meinem eigenen Gewissen verpflichtet.
    Dadurch ist mein Leben nicht unbedingt „einfacher“ geworden, denn ich muss selber Entscheidungen treffen und mir Gedanken machen. Es fühlt sich jedoch richtig an, auf meine eigene innere Stimme zu hören.
  • Offenheit vs. Informationskontrolle
    Ich glaube wir sollten unsere ehrlichen Überzeugungen in der Kirche verbalisieren, da das Unterdrücken authentischer Gedanken und Gefühle schadet. Disziplinarische Maßnahmen (wie z.B. Gemeinschaftsentzug oder Exkommunikation) für Fälle wo Mitglieder offen ihre Zweifel und Bedenken äußern, sehe ich als massiven Fehler an. Sie erzeugen bei vielen Mitgliedern Unsicherheit und Angst und schränken somit unsere Rede- und Meinungsfreiheit ein. Das wiederum schadet uns als Gemeinschaft und blockiert den Fortschritt.
    Die resultierende Praxis der Informationskontrolle in der Kirche widerspricht nicht nur meinem Wertesystem, sondern sie funktioniert auch immer weniger. In Zeiten der sozialen Medien gehört die Effektivität solcher Maßnahmen der Vergangenheit an und das kann man auch erkennen, wenn man sich die aktuellen Probleme der Kirche ansieht.
    In der ersten Zeit meiner Glaubensveränderung kostete es mich viel Zeit und Überwindung, offen mit meiner Geschichte zu sein. Erst viele Monate nach meiner Glaubenskrise habe ich den Eindruck, mich wirklich authentisch äußern zu können. Ich treffe mittlerweile auch viele Menschen, denen es ähnlich geht. Sie äußern sich nicht, weil sie Exkommunikation und damit auch die Ausgrenzung in ihrer Gemeinde fürchten. Das finde ich sehr schade und hoffe dass wir mehr Mut entwickeln, unsere Überzeugungen und Erkenntnisse zu verbalisieren.
  • Kirchenführung und Vielfalt
    Ich habe den Eindruck, dass in unserer Glaubensgemeinschaft Vielfalt und Lebendigkeit verloren geht, weil wir eine soziologisch und kulturell sehr uniforme oberste Führungsebene (Erste Präsidentschaft und Kollegium der Zwölf) haben: Ein Europäer, sonst nur US-Amerikaner, alles weiße ältere Herren, primär erfolgreiche Geschäftsleute, Ärzte und Anwälte… das ist zu wenig.
    Warum nicht mal jemand, der früher Alkoholiker war und eine Wandlung durchlebt hat? Warum nicht ein Südamerikaner? Warum nicht ein Psychologe? Warum kein Sozialarbeiter? Warum nicht eine Frau? Warum nicht jemand, der homosexuell ist? Ich fand es sehr enttäuschend, dass bei der Neuberufung von drei neuen Aposteln die Wahl wieder ausschließlich auf ältere, weiße und höchstwahrscheinlich heterosexuelle Herren aus Utah und Idaho fiel.
  • Wahrheitssuche: Verstand oder Gefühl
    Früher predigte ich den Menschen auf Mission, dass sie durch Gebet eine Bestätigung der Wahrheit und Authentizität des Buches Mormon und der Kirche erhalten können. Heute glaube ich, dass Gott uns mit Fähigkeiten und Gaben ausgestattet hat, um Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden. Die Fähigkeiten schließen unseren Verstand und unsere Fähigkeit zu Glauben und zu Zweifeln ein. Die Gaben schließen unser inneres Gefühl ein, das uns zuflüstert, was für uns gut und richtig ist. Manche Menschen nennen das den Heiligen Geist, manche nennen es Intuition oder Bauchgefühl. Eine weitere Gabe Gottes können auch andere Menschen sein, die bereits Zusammenhänge erforscht haben und Informationen leichter zugänglich und überschaubar gemacht haben.
    Was ich jedoch nicht mehr glaube ist, dass Gott uns Antworten geben wird, wenn wir die Fähigkeiten und Gaben, die wir erhalten haben, gar nicht einsetzen. Das wäre so, als wenn ich meinem Kind lesen beigebracht habe, nur damit das Kind ab sofort immer nur noch mich fragt und erzählt bekommt was in einem Text stand. Ich bin davon überzeugt, dass es gut ist, sich genau zu informieren und verschiedene Quellen zu berücksichtigen. Ein Gefühl im Gebet wie in Moroni 10:3-5 erwähnt kann für mich nur eine Ergänzung meiner eigenen ausführlichen Bemühungen sein, es kann nicht die einzige Grundlage dafür sein, zu wissen, ob eine Kirche „die einzig wahre Kirche“ ist. Warum? Weil eben Angehörige vieler anderer Religionen, denen ich ihre Aufrichtigkeit nicht absprechen möchte, aufgrund einer solchen gefühlsbasierten „Zeugniserfahrung“ behaupten, dass ihre Kirche die wahre ist:

 

Mein Anliegen

Es ist bedauernswert, wenn Mitglieder aufgrund einer HLT-Glaubenskrise so viel Leid erfahren. Angesichts der Widersprüchlichkeit unserer Kirchengeschichte ist dies aber keine Thematik, wegen der man Streit und Vorurteile haben sollte. Mit dem langjährigen Verschleiern und Ignorieren dieser Widersprüche beabsichtigte die Kirche „Glauben zu stärken“, aber für mich tat es genau das Gegenteil: Vertrauen, Glaube und wertvolle Beziehungen wurden schwer beschädigt. Für mich ist dies ein zentraler Grund, warum ich unsere Kirche im Moment nicht mehr wie früher unterstützen kann.
Ich wünschte die Kirche würde sich verändern, denn wie eingangs erwähnt gibt es auch so viel Positives. Diese Hoffnung auf Veränderung gebe ich erstmal nicht auf.

Warum ich öffentlich über meine Erfahrungen spreche

Ein weiser Mensch sagte einmal, dass man selbst der Wandel sein sollte, den man sich in der Welt wünscht. Ich hätte gerne bereits vor zehn Jahren Berichte mit offenen Erkenntnissen und Meinungen über die angesprochenen Kirchenaspekte zur Verfügung gehabt – die Erfahrungen Anderer haben mir sehr weitergeholfen. Auch jetzt erhalte ich bereits Feedback, dass viele die openfaith-Initiative gut und hilfreich finden. Ich suche weiterhin Kontakt zu Mormonen jeglichen Standes zur Kirche mit denen ich offen und authentisch sein darf. Wenn sich durch diese Webseite neue Verbindungen und Freundschaften ergeben, dann freut mich das! Dass ich beim Ausdrücken meiner Gedanken nicht perfekt bin, ist mir klar und ich erhebe auch nicht den Anspruch, immer korrekt und fair zu sein. Jedoch bemühe ich mich darum, einen konstruktiven Ton zu treffen.

Ich beabsichtige nicht, der Kirche zu „schaden“, obwohl selbst Präsident J. Reuben Clark mal gesagt hatte:

„Wenn wir die Wahrheit haben, dann kann Überprüfung ihr nicht schaden. Wenn wir die Wahrheit nicht haben, dann sollte ihr geschadet werden.“
-Präsident J. Reuben Clark

Meine Absicht ist auch nicht, Menschen aus der Kirche herauszuführen, denn ich glaube eine aktive Mitgliedschaft kann einigen Menschen helfen. Vielmehr ist es meine Absicht, Menschen die eventuell in meinen Schuhen stecken durch meine Erfahrungen und Erkenntnisse zu helfen. Ich bin jedoch ein völlig individueller Fall und daher sehe ich auch meine eingeschlagenen Entscheidungen und Wege als individuell an. Jeder muss selber entscheiden, was für sie/ihn das Richtige ist. Ich bin sogar überzeugt: Wer Menschen für individuelle Gewissensentscheidungen Schuldgefühle einredet, egal ob innerhalb oder außerhalb der Kirche, wird sich für diesen manipulativen Angriff auf die Entscheidungsfreiheit vor Gott verantworten müssen.

Ergänzungen, Änderungen und Fortsetzung sind sehr wahrscheinlich, denn ich schreibe diesen Bericht auch, um mir mehr und mehr selbst darüber klar zu werden was ich fühle, glaube und denke. Die Geschichte ist hinsichtlich mancher prägender Lebensereignisse bewusst unvollständig – aus Respekt vor der Privatsphäre Dritter…

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Viktor V.
Gast
Viktor V.
1 Jahr 3 Monate her
WoW Guido, du hast mir die Augen geöffnet für deine jetzigen Ansichten und bin dankbar für deine Offenheit uns diese damit zu erklären, wie dein Lebensweg bis jetzt war. Ich kann dazu nur sagen und das fühle ich hier und jetzt von Herzen…Guido du bist nicht von dieser Welt, das meine ich zeitlich! Die Worte von Christus zu seinen Appsteln beschreiben dies sehr gut. (Joh. 17:14-17) Du magst zwar von anderen ‚gehasst‘ werden, weil du anders denkst, redest oder anders bist…aber ich bitte Gott auch darum, dass du vom Bösen bewahrst wirst! Womit ich meine, von bösen Anfeindungen, Verleumdung und Menschen die dir Schmerzen jeglicher Natur antun wollen, nur weil sie dir nicht zustimmen! Ja Guido, du bist nicht von dieser Zeit, ja bist uns vorraus und deshalb mögest du deinen Frieden in der Wahrheit finden, wo auch immer sie zu finden ist! „14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben… Weiterlesen »
Alexandra
Gast
Alexandra
1 Jahr 3 Monate her
Guido…. Lass dich einfach nur umarmen!!! – Bleib weiterhin dem Herrn treu und suche sein Angesicht. …Er ist unser Erloeser und ich finde es toll, dass du im Asylarbeitskreis taetig bist. Ich habe auch mit ihnen gearbeitet und Kinder unterrichtet, bevor ich zu krank wurde. Ich habe meine Aufgabe geliebt und werde es wieder tun, wenn es mir besser geht. 🙂 Das erste Gebot ist Liebe und Gehorsam nur Gott gegenueber, aber nicht Menschen gegenueber. Das wird oft verwechselt, leider. Du bist in deiner persoenlichen Entwicklung auf dem richtigen Weg,von dem was ich gelesen habe. Dein Herz ist auf dem rechten Fleck. 🙂 – Angst kommt nicht vom Herrn. Er moechte, dass wir authentisch sind. …Der Herr verdammt keinen, der fuer ihn ist und der versucht ein besserer Mensch zu werden, ihm aehnlich und der nach Licht und Erkenntnis strebt. <3 Ich denke der Herr wird dich weiterhin fuehren auf… Weiterlesen »
Daniel Willis
Gast
Daniel Willis
1 Jahr 2 Monate her

Guido es ist eine Weile gewesen seit dem letzen mal dass ich dich gesehen habe. Obwohl ich nach Deustchland zuruckkehren wollte, habe ich es noch nicht geschaffen. Es ist besonders schwer, wenn Mann Zahnartztmedizin studiert…dann hat Mann uberhaupt KEIN Geld irgendwo fliegen zu koennen!
Ich kennte dich als ich auf Mission war und obwohl ich viel sagen will und Viele Fragen auch dazu habe, brauche ich dir nur das folgendes sagen: ich habe dich Lieb. Es ist mir egal was du entscheidest, bei mir bist du immer meinen Brueder im Herrn. Ich wuensche nur dass diejenige, die dir nicht zuhoeren wollte, dir frueher eigentlich zuhoreen haetten.
I also wish that my phone would stop autocorrecting every German word I type in here!
Wishing you all the best buddy. Take care!

Adelheid
Mitglied
11 Monate 1 Tag her
In Deiner Geschichte ist dasgleiche geschehen wie in der meinen: Deine Augen wurden geöffnet und das tut der Herr selbst. Ich habe das Gefühl, dass ER uns dahin führt. Wir dürfen mehr sehen und verstehen und dies bedeutet gleichzeitig auch eine Befreiung. Die Frage ist nun nur: Wozu und wie nutze ich diese neue Freiheit? Um meine Geschichte besser verarbeiten zu können, habe ich ein ganzes Buch geschrieben mit dem Titel „Früchte seiner Liebe hervorbringen …“ und dem Untertitel „Selbständigkeit und Freiheit gewinnen“. Was Du nun tust, dass Du keine Angst vor Exkommunikation hast und Deinen Mund trotzdem auftust, finde ich gut. Mit meinem Buch hatte ich bereits meinen Mund aufgetan und landete vor einem Disziplinarverfahren, das allerdings feststellen mußte, dass ich nicht abgefallen bin. Nun habe ich einmal scherzhaft gesagt, dass Gott mich schon von einem Waal verschlucken lassen muss wie Jona, wenn ich wieder meinen Mund auftun soll.… Weiterlesen »
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