Adelheid: „Trotz aller guten Bemühungen schleichen sich Gewohnheiten ein, die destruktive Auswirkungen auf die Freiheit ganzer Gemeinschaften haben“

Adelheid Schnell ist Kirchenmitglied und Autorin eines deutschsprachigen Buches für Adelheid SchnellHLTs mit dem Titel „Früchte seiner Liebe hervorbringen – Selbständigkeit und Freiheit gewinnen“. Für die Herausgabe des Buches, in dem Sie für eine Gemeinschaft der Liebe wirbt, und auf diese Weise eigene Erfahrungen in der Kirche verarbeiten wollte, wurde sie zu ihrem eigenen Erstaunen vor einen Disziplinarrat gebracht, in dem untersucht werden sollte, ob sie „von der Kirche abgefallen“ sei. In diesem Beitrag schildert Sie ein paar ihrer Erfahrungen und berichtet über Erkenntnisse, die sie in dieser Zeit sammeln konnte.

Meinungsfreiheit und Rücksichtnahme

Berechtigt Meinungsfreiheit überall zu freier Meinungsäußerung? In einer Familie z.B. nehmen Vater und Mutter Rücksicht auf ihre Kleinkinder und Kinder und halten vieles vom eigenen Denken zurück, um sie nicht zu überfordern. Genauso ist das in einer Kirchen-gemeinde oder anderen Gemeinschaften: Wir nehmen mit den Äußerungen unserer Meinungen Rücksicht und holen den anderen gern dort ab, wo er gerade steht. Mit Rücksicht auf den unterschiedlichen Erkenntnisstand der Menschen ist es nicht gut, unsere Meinungen rücksichtslos überall kundzutun.

Folgen von Manipulation und Kontrolle

Trotz aller guten Bemühungen schleichen sich aus unserem menschlichen Unvollkommensein oder aus Gedankenlosigkeit heraus Gewohnheiten ein, die destruktive Auswirkungen auf die Freiheit des anderen und die Freiheit ganzer Gemeinschaften haben. Dazu zählen unter anderem Manipulation und Kontrolle. Joseph Smith drückt eine Folge davon so aus:

„… wenn wir auch nur mit dem geringsten Maß von Unrecht irgendwelche Gewalt, Herrschaft oder Nötigung auf die Seele der Menschenkinder ausüben wollen – siehe, dann ziehen sich die Himmel zurück [und] der Geist des Herrn ist betrübt…“ LuB 121:37

Im Anschluss daran nennt er noch eine viel gravierendere Folge, nämlich dass dort wo lieblose Machtausübung stattfindet auch die Vollmacht des Priestertums endet bzw. die Bevollmächtigung Gottes erlischt.

Gott befürwortet Meinungs- und Entwicklungsfreiheit

Taufe HLT
Von rechts: Adelheid, ihr Mann Elmar, Rest der erweiterten Familie

Die hohe Wertschätzung Gottes für unsere indidivuelle Freiheit zeigt wie ich finde ein Erlebnis meines Mannes besonders gut: Elmar unterrichtete vor Jahren als Sonntagsschulleiter die Erwachsenenklasse. Er verfasste dazu am Anfang des Jahres, als das Buch Mormon als Studienobjekt an der Reihe war, einen Fragebogen mit der Möglichkeit das Zutreffende anonym anzukreuzen. Die Fragen lauteten ungefähr so: „Haben Sie das BM schon einmal durchgelesen? Oder schon öfter? Lesen Sie regelmäßig darin? Konnten Sie daraus für Ihr Leben Nutzen ziehen?“
Es gab neben der Mehrheit, die das Buch schon mehrere Male gelesen hatte, auch einige, die es noch nicht ganz durchgelesen hatten und auch andere, die angaben, daraus keinen Nutzen gezogen zu haben. Um nun das Lesen und Studieren im Buch Mormon zu intensivieren, überlegte er sich die Möglichkeit, diejenigen, die im Laufe des Jahres daraus für sich Nutzen zögen, regelmäßig von ihren Erfolgserlebnissen berichten zu lassen. Nach diesen Überlegungen wandte er sich während einer Wanderung durch den Wald im Gebet an den Herrn und fragte, ob sein geplantes Vorgehen richtig sei. Die Antwort, die dann vom Herrn kam, hätte er nicht erwartet. Sie lautete: Er solle seinen Plan nicht weiter verfolgen, denn jeder solle sich individuell entwickeln können.
Diese Erfahrung hinterließ uns in dem Glauben, dass uns die Freiheit unserer Meinungen, unseres Gewissens und unserer Entwicklung von Gott nicht nur zugestanden wird, sondern dass er sie regelrecht behütet, wenn ER um Seinen göttlichen Rat gefragt wird. Zu oft wird unserer Ansicht nach in unseren Gemeinden und Pfählen aber etwas gepredigt oder eingeführt nach Gutdünken und „Gutmeinen“. An der Auswirkung auf die liebevolle Atmosphäre, die wahrgenommene Meinungsfreiheit und den vorherrschenden Geist der Gemeinde können wir erkennen ob eine Maßnahme von Gott unterstützt wird, denn ich bin überzeugt: der Geist Gottes wird sich zurückziehen, wenn auf irgendeine Art Druck ausgeübt wird. Menschen, die mit einer Sensibilität für solche Dynamiken ausgestattet sind, können das spüren.

Begegnung mit der Kraft seiner Liebe

Im Jahr 1982 hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das mir die liebende Sicht Christi deutlich machte. Diverse Ereignisse führten soweit, dass mich ein Gemeindeleiter regelrecht beschimpfte, weil ich ihn auf Basis der oben beschriebenen Sensibilität auf etwas aufmerksam machen wollte. Er gehörte jedoch zu der Sorte von Männern, die -wie ich im Nachhinein annehmen musste- mit alternativen Vorschlägen nicht besonders gut umgehen können. Seine Beschimpfungen fühlten sich für mich an wie eine Schüssel schmutzigen Spülwassers, die er über mich ausgoss. „So soll ich sein?“ fragte ich mich danach immer wieder. Ich konnte es nicht glauben, dass ich ein solches Nichts sein sollte und es tat auch unendlich weh. Die halbe Nacht konnte ich nicht schlafen und ich begann Trost in den Heiligen Schriften zu suchen und zu beten, viele Stunden lang.
Auf einmal am nächsten Vormittag leuchtete mir beim Studium ein Vers entgegen, bei dem mir sofort klar war, dass er vom Herrn selbst kommt, als eine Anleitung für mich. Gleichzeitig fühlte ich eine ganz reale große Liebe von oben auf mich kommen, so wie durch einen hellen Schacht mit der fühlbaren Mitteilung: „Ich bin zufrieden mit Dir, so wie du bist.“ Der Herr hat mich wieder aufgerichtet und sogleich war der Groll, den ich diesem Menschen gegenüber hatte, weg. Ich konnte ihm in dieser Kraft der Liebe, die über mich kam, vergeben und brauchte nicht mehr darunter zu leiden. Die Verse, die mir als Rat gegeben wurden lauteten:

„Sei geduldig in Bedrängnissen, schmähe nicht diejenigen, die schmähen.“ LuB 31:9

An diese Verse hielt ich mich akribisch, sprach keinem gegenüber schlecht über diesen Mann und fuhr damit sehr gut. Ich bekam in dieser Sache keine weiteren Schwierigkeiten mehr.
Die Kraft dieser von Jesus Christus mir damals geschenkten Liebe spürte ich noch einige Tage als eine reale Energie, indem ich mit meinen damals fünf Kindern so große Geduld haben durfte, wie nie zuvor. Diesen Zustand hätte ich gerne festgehalten. Aber so viel Mühe ich mir auch gab, es gelang mir nicht und nach einigen Tagen war diese Kraft Seiner Liebe wieder weg. Aber die Erinnerung daran blieb. Sie war voll von dem Frieden, der Wärme und der Freude, die man fühlt, wenn man einen alten Freund trifft und endlich Zustimmung erhält und nicht mehr allein ist. Sie war voller Erkenntnis und Licht und Wertschätzung, ohne Vorwurf, sie sieht unseren Wert aus ewiger Sicht. Seine Liebe ist eine bedingungslose Liebe. Heute haben wir zum besagten Gemeindeleiter ein gutes freundschaftliches Verhältnis und wir können uns wieder mit vollem Respekt voreinander austauschen.

Ablehnung durch Gemeindeautoritäten

Ich glaube dass jeder Mensch mit bestimmten Gaben ausgestattet wird. Und ich glaube eine meiner Gaben war schon immer, Entwicklungen und Strömungen in Gruppen wahrzunehmen. Da ich der Überzeugung bin, dass auch diese Gabe für einen positiven Nutzen gegeben wurde, ging ich manchmal auf die Gemeindeleitung zu und teilte ihr mit, was ich wahrgenommen hatte. Dies wurde jedoch, wie ich aus der Reaktion annehmen musste, in keinster Weise gewertschätzt.
Zusammen mit gehäuften Missverständnissen und der mangelnden Zeit und Kraft für klärende liebevolle Gespräche, entwickelte ein Verantwortlicher der Gemeinde ein Verhalten mir gegenüber, das von Negativität und Zorn geprägt war. In meiner Wahrnehmung tat ich jedoch gewissenhaft nur meine Arbeit nach meiner besten Überzeugung. Ich unterstützte ihn selbstverständlich auf meine individuelle Art, so wie jeder von uns individuell ist. Im Hinblick auf Vorwürfe seiner Vorgänger ordnete er dann an, dass ich zum über 100 km entfernten Pfahlhaus fahren müsse um meinen Tempelschein überprüfen zu lassen, weil ich ihn, den Zweigpräsidenten, angeblich nicht „unterstützen“ würde. Diese Fahrt zum Pfahlhaus war aber zu der Zeit schlecht möglich, weil mein Mann wegen einer Operation ins Krankenhaus musste. Mein Mann sagte einfach: Lass dich nicht zitieren. Ich versuchte dem Pfahlpräsidenten per Email klarzumachen, dass ich den Zweigpräsidenten sehr wohl unterstütze. Dieser nahm aber meine Erklärung nicht an und schenkte dem Zweigpräsidenten Glauben.

Disziplinarverfahren

Bald war, wie mir schien, so gut wie jedes Mitglied der Gemeinde über diese Vorfälle informiert und ich erfuhr durch Geschwister aus Friedrichsdorf, welche Kreise die Sache gezogen hatte. Eineinhalb Jahre später wurde ich aus vorgenannten Gründen vor Bildschirmfoto 2016-09-01 um 21.37.45einen Disziplinarrat gebracht, aber auch wegen meinem Buch, das ich inzwischen verfasst hatte mit dem Titel „Früchte Seiner Liebe hervorbringen – Selbständigkeit und Freiheit gewinnen“. Ich hatte es geschrieben um dieses ganze Geschehen zu verarbeiten und um für einen positiveren Umgang in der Gemeinde zu werben. Der Zweck des Disziplinarverfahrens war, mich bzw. mein Buch prüfen zu lassen und festzustellen ob ich abtrünnig sei.
Im Voraus wurde mir das „Treffen mit Hohen Räten“ beschrieben als etwas, wo ich mit viel Liebe angehört werde. Als ich dann mit meinem Mann dort vor den Hohen Räten und der Pfahlpräsidentschaft saß, und sich dicht hinter uns auch noch die Ankläger (Zweigpräsident, sein Ratgeber und Kollegiumspräsident) aus der Gemeinde befanden, war ich entsetzt und empfand es als eine Schikane mich unter falschem Vorwand dorthin gelockt zu haben. Denn zu einem Disziplinarrat zur Überprüfung meiner Würdigkeit im Beisein dieser Ankläger wäre ich gar nicht erschienen, weil mir so ein Aufwand überflüssig erschien. In ein oder zwei Gesprächen unter vier Augen im Beisein meines Mannes, wenn nötig auch eines Anklägers, hätte die Sache liebevoller geregelt werden können. Den Anklägern wurde erlaubt vor versammelter Gruppe nochmals all die nach eineinhalb Jahren immer noch ungeklärten Geschehnisse vorzuwerfen und dies in einem ähnlichen Ton wie damals. Ich musste annehmen, dass der Zweigpräsident Angst hatte, dass ich ihn in meinem Buch schlecht gemacht haben könnte, das habe ich aber überhaupt nicht getan, im Gegenteil, ich hatte schon vor dem Schreiben des Buches Vergebung geübt. Eine Gruppe der Hohen Räte hatte die Aufgabe für mich zu stimmen, was natürlich angenehm war. Jedoch Anwälte für mich waren sie eigentlich nicht, weil sie die Vorgänge gar nicht kannten und mit mir vorher nicht gesprochen hatten. Um zwei Uhr morgens erst war die lange Sitzung beendet. Sie hatte erst kurz vor Mitternacht angefangen denn davor fand ein anderes Verfahren mit einer Schwester unserer Gemeinde statt. Ich musste dann mitten in der Nacht mit meinem Mann, dieser Schwester und deren Tochter im Auto, unseren Wagen über 100 Kilometer sicher nach Hause lenken, denn mein Mann darf wegen der Nebenwirkung starker Schmerzmittel nicht mehr Auto fahren. Am nächsten Vormittag wurde mir bewusst, dass der Herr mich während des Verfahrens beruhigt und wie in eine Narkose versetzt hat, damit ich noch gut nach Hause komme, so dass ich jetzt dann die großen Schmerzen fühlte, verursacht durch die Geringschätzung der Ankläger und die Art und Weise dieses inquisitorischen Verfahrens. Obwohl letztendlich ein Abfall bzw. eine Abtrünnigkeit nicht festgestellt werden konnte, fühlte sich mein Mann total übergangen. Wenn nämlich Bemühungen um Frieden in einer strittigen Sache mit einer Schwester zu keinem Ergebnis führen, wäre ein Gespräch mit ihrem Ehemann doch einem Disziplinarverfahren noch vorzuziehen gewesen, weil damit auch das Priestertum ihres Mannes geehrt und ernst genommen worden wäre. Ein solches Gespräch war aber nie gesucht worden.

Verbesserungsvorschläge

Unter der aktuellen Gemeindeleitung war es uns nicht mehr möglich diese Gemeinde zu besuchen und wir gingen in eine 60 Kilometer entfernte andere Gemeinde. Dort erkannten wir, dass das System der Kirche überall gleich ist und durch verschiedene Kontrollorgane wie z.B. das Tempelinterview enormen Druck ausübt. Uns fiel auch auf dass kaum etwas dafür unternommen wird, die Meinungsfreiheit des einzelnen vor den Eingriffen ungeschulter Kräfte zu schützen und dass unsere Gewissensfreiheit die ihr gebührende Achtung erhält. Mit Schulungen und dem Einbringen von Erkenntnissen aus der Psychologie könnte man solchen Vorkommnissen entgegenwirken, man lässt wie mir scheint aber alle lokalen Führungskräfte größtenteils von Anfang an selbst lernen („Learning by doing“) und dies auf Kosten von Unschuldigen, die sich dann zum Teil von der Kirche entfernen. Hat denn nicht schon Brigham Young dem entgegenwirken wollen, indem er folgendes sagte:

„Alle Wahrheit gehört zum Evangelium, selbst wenn man zu den Heiden gehen muss um sie zu finden.“

Mit „Heiden“ sind heute bestimmt nicht nur die Ungläubigen und Andersgläubigen, sondern auch die Psychologen gemeint. Überall findet man Wahrheiten, die wir studieren, prüfen, erkennen und nutzen dürfen.
Als ich mein Buch jetzt nach vier Jahren wieder in die Hand nahm, stellte ich fest: Es ist heute noch genauso aktuell wie damals und kann gut auch Kirchenmitgliedern dienen mit vielen guten Vorschlägen. Es steht jedem, der es lesen möchte als PDF-Datei zur Verfügung. Ich bin heute für meine Erlebnisse dankbar, besonders für das, was der Herr mir dadurch an Erkenntnissen geschenkt hat.

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Eva
Gast
Eva
10 Monate 20 Tage her

Liebe Adelheid
Ich wünsche dir alles gute für dein weiteren Weg
Und zu Kirche ich finde es sehr traurig das man so mit seine Leuten umgeht
Aber weißt du Gott liebt dich auch so sehr weil er sieht was für ein guter Mensch du bist
Viele liebe grüße

Folkhard
Mitglied
10 Monate 19 Tage her

Liebe Adelheid
Dein Beitrag ist aus meiner Sicht aus zwei Gründen interessant. Erstens zeig er, dass unabhängig von Dogmen und Ansichten anderer, der Herr auf uns individuell eingeht und dass wir “ viele Gute Dinge aus eigenem Antrieb“ leisten sollen ( irgendwo in LuB) Das hast Du ja versucht zu tun.

Naomi
Gast
Naomi
10 Monate 17 Tage her

Folkhard: LuB 58:26-29, eine meiner Lieblingsschriftstellen. Wenn das die Stelle ist, die Du meinst.

Folkhard
Mitglied
10 Monate 17 Tage her

Jep, genau

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