Anne 1/2: Kindheit und Jugend, Kirche als „Schutzraum“, Sexualität und Schuldgefühle, Missionsvorbereitung, Endowment

In dieser zweiteiligen Interview-Serie erzählt Anne (Name geändert) von ihrer bewegenden Lebens- und Glaubensreise als HLT-Kirchenmitglied. Das Interview führt Guido.
Teil eins handelt von ihrer insgesamt positiv empfundenen Kindheit in der Kirche und ihrem Kampf mit dem Thema Sexualität als Jugendliche. Im Vorfeld ihrer Mission erleidet sie einen Missbrauch. Sie erzählt von ihrem ersten Tempelbesuch in Vorbereitung auf ihre Mission und was sie dabei empfunden hat.
In Teil zwei, geht es um ihre zunächst aufbauende Erfahrung im Vollzeit-Missionsdienst in den USA, welcher dann eine dramatische Wendung vollzog und darin mündete, dass sie nach Hause geschickt wurde. Anne arbeitet ihre traumatischen Erfahrungen im Zusammenhang mit diesem Ereignis auf. Dann erzählt sie, was sie für ihr heutiges Leben aus diesen ganzen Erfahrungen gelernt hat und wie sich ihre Sicht auf die Kirche und den Glauben dadurch verändert hat.

Liebe Anne (Name geändert), danke dass Du uns über Deine Erfahrungen in der Kirche erzählen wirst. Zunächst einmal: Was sind Deine Beweggründe, dieses Interview zu geben?

Nach allem, was ich erlebt habe, sehe ich Offenheit und Direktheit in Bezug auf meinen Weg als wirksamstes Mittel für einen ganzheitlichen Diskurs im HLT-Universum. Ich bin mit meinen Erfahrungen und Ansichten nicht allein und gebe deshalb einer Gruppe eine Stimme.
Ich möchte jeden, ganz unabhängig vom HLT-Hintergrund, ansprechen. Ich hoffe, dass meine Geschichte diejenigen stärkt, die einen inneren Konflikt durchleben. Beispielsweise aufgrund folgender Gründe: Wahrgenommene Kontrolle durch die Kirche als Institution, Wunsch nach mehr Offenheit und Akzeptanz, Wunsch nach Selbstbestimmung und die „Welt“ nicht als gänzlich verdorben wahrnehmen.
Lesern, welche aktiv im Glauben gehen, wünsche ich ein klareres Bewusstsein über die Kirche als Institution und die darin liegenden Mechanismen. Menschen, die die Kirche verlassen, gehen schwere Schritte. Dafür möchte ich sensibilisieren und aufzeigen, dass man diese Schritte nicht unreflektiert geht. Menschen sehen ihren Weg in der Kirche oder nicht. Auch diejenigen, die das nicht mehr tun, haben valide Gründe.

Wie hast Du Deine Taufe erlebt? War es etwas Besonderes, das Dich sehr bewegt hat?

Ich habe mich sehr darauf gefreut. Es war etwas, das ich wollte. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an das Gespräch, das ich damals mit dem Bischof hatte und an die Taufe selber. Mein Vater hat mich getauft und ich habe das sehr bewusst erlebt. Damals habe ich den Heiligen Geist am gleichen Tag wie die Taufe empfangen.

Was sind ab dem Punkt, an dem Du getauft wurdest, weitere Erinnerungen an Deine Jugend und Kindheit in Bezug auf die Kirche?

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich als Kind immer mit großer Freude an Gemeindefesten teilgenommen habe und wie ich auf der Wiese mit anderen Kindern gerannt bin, wenn gegrillt wurde. Das Erleben der Kirche war durchweg positiv, bis ich etwa elf Jahre alt war. Es fing damit an, dass ich mich dem Kindergarten nicht mehr zugehörig gefühlt habe. Sonntags habe ich mich dort sehr gelangweilt und es hat mich ein wenig genervt. Außerdem gab es viele jüngere Kinder und dann mich als älteres. In meiner Gemeinde gab es keine Kinder in meinem Alter und deshalb habe ich in der Kirche nicht wirklich Freunde gehabt. Ich habe aber gerne gesungen. Eine riesengroße Erleichterung war dann der Eintritt in die Jugendorganisation und die Teilnahme an Aktivitäten auf Pfahlebene. Dadurch habe ich erste Freundschaften schließen können.

Hast Du damals auch schon den Eindruck gehabt, ein „Zeugnis“ zu haben?

Das Zeugnis oder das Bewusstsein darüber kam bei mir erst in der Jugendzeit. Für eine gewisse Zeit – etwa mit elf bis dreizehn Jahren – bin ich auch gar nicht gerne zur Kirche gegangen und durfte zu Hause bleiben, wenn ich das wollte. Das hatte aber weniger etwas damit zu tun, dass ich nicht gewusst hätte, ob ich das glaube, sondern in dem Alter hatte ich einfach keine Lust. Ich hatte aber auf jeden Fall einen Glauben an Gott und Christus. Das erste Mal Zeugnis habe ich etwa mit 12 gegeben. Ich denke, das war nach meiner ersten Tempelfahrt. Tatsächlich gehörten meine Eltern nicht zu der Sorte, die ihre Kinder von klein an mit nach vorne nehmen und ihnen ein Zeugnis vorsagen. Ich erinnere mich gut an diese Zeugnisversammlung und das Gefühl, das ich hatte.

Hat Dein Glaube an Gott und Christus Dich rückblickend in Deiner Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst?

Ja, es hat mir Halt und Kraft gegeben. Ich hatte während meiner Jugend den Glauben, dass es Gott und Christus gibt. Auch in Zeiten des pubertären Selbstzweifels hat mich dieses Gefühl nie verlassen. In der weiterführenden Schule war ich eine Außenseiterin, u.a. da ich Mormonin war. Dieses Mobbing hat mich sehr verletzt und meine Selbstzweifel manifestiert. Ich kam mit mir selbst nicht klar und fand wenig Anschluss. Die Jugendorganisation der Kirche, inkl. der Pfahlaktivitäten und JD-Lager, war für mich eine Art Zuflucht. Dort hatte ich Freunde gefunden und wurde akzeptiert. Das hat mir auch geholfen zu verstehen, dass ich Freunde finden kann. Im Alltag hatte ich zunächst das Gefühl, dass mein Anderssein eine Last ist. In der Kirche hingegen war ich immer mit vollem Enthusiasmus dabei und es hat mich sehr erfüllt. Die Welt um mich herum habe ich auch nur bedingt verstanden. Mit etwa 13 Jahren habe ich dann eine persönliche Offenbarung gehabt, dass es einen Grund hat, dass ich mit dem Evangelium groß geworden bin. Dass ich eine Aufgabe habe, ein Beispiel für andere zu sein. Ab da war es keine Last mehr, sondern eine Art Berufung oder Bestimmung, ein Gegenpol in dieser Welt zu sein. Ich wollte meinen Glauben an Gott und Christus aber nie anderen aufdrängen, sondern habe es immer so verstanden, dass andere etwas erfahren können, wenn es sie interessiert. Später habe ich übrigens dann auch in der Schule Freunde gefunden. Dafür habe ich auch sehr gebetet.

So wie ich das wahrnehme, hast Du durch diese Erlebnisse zunächst eine starke Bindung an die Kirche erfahren…

Definitiv! Die Kirche war mein Schutzraum, aber auch mein soziales Zentrum. Dort hat sich mein Leben abgespielt. Ich habe gerne mehrere Stunden Autofahrt für eine Aktivität in Kauf genommen, bin gerne zu Konferenzen gegangen, auch weil ich dort meine Freunde gesehen habe. Das war immer ein Highlight, wenn alle an einem Fleck waren. Außerdem hatte ich in der Gemeinde Vorbilder gefunden, die mich nachhaltig geprägt haben.

Zusätzlich dazu hatte ich weitere verschiedene geistige Erlebnisse. Z.B. hatte ich ein felsenfestes Zeugnis vom Heiligen Geist und vom Priestertum. Ich war zwar nie jemand, der täglich gebetet oder in den Schriften gelesen hat, aber in Krisen habe ich jedoch umso mehr gebetet. Das hat mich durch schwere Phasen hindurch getragen. Gleichzeitig habe ich durch das „Anderssein“ aufgrund meiner Religion ja auch Ausgrenzung erfahren, es aber wie gesagt als meine persönliche Aufgabe gesehen, ein Beispiel und ein Licht für andere zu sein. Zudem habe ich mir irgendwann gedacht, dass ich niemanden zum Freund haben will, der mich wegen meiner Religion oberflächlich abstempelt.

Was waren kurz vor Mission noch weitere Erfahrungen?

Mit 17 bin ich aufgrund von Prüfungsängsten nicht regelmäßig zur Schule gegangen und habe auch sehr unregelmäßig geschlafen. Es war das klassische Bild einer Depression, sogar teilweise mit Suizidgedanken. Das war eine sehr schwere Zeit für mich. Somit kam meinem Glauben eine noch wichtigere Rolle zu. Er half mir, mein Leben in die Hand zu nehmen. Ich selbst habe inmitten der Schwierigkeiten keinen Wert mehr für mich gesehen, aber die Liebe Christi und Gottes habe ich immer gespürt. Ich wusste „da ist noch was“. Ich war wie in einem dunklen Tunnel. Es war nach einem intensiven Gebet, dass ich ein wenig Licht und Hoffnung sehen konnte und Kraft aufbrachte, mir professionelle Hilfe zu holen. Ich hatte gespürt, dass mein Leben etwas wert ist. Ich habe mich durch diese schwere Zeit von dieser Liebe getragen gefühlt. Das Licht wurde heller und irgendwann war ich dann aus dem Tunnel.

Andere Erfahrungen waren die, die ich auf Jugendaktivitäten gemacht habe. Ich bin meine gesamte Jugendzeit gerne in den Tempel gegangen. Es war für mich immer ein Ort der Kraft und Ruhe. Außerdem waren die Tempelfahrten und Tanzabende echt toll. Ich hatte bis auf wenige Ausnahmen tolle Jugendführer, die uns viel Vertrauen und Freiheiten entgegengebracht haben. Nicht so toll fand ich dann die Einführung des EFY / FSY. Daran habe ich mehrmals teilgenommen. Für mich hat das einiges kaputt gemacht, da zum Beispiel Zeltlager nicht mehr jährlich statt fanden, ich aber so gerne zelten ging und meine Freunde alle weit weg wohnten. (man durfte sich die Gruppen auf dem EFY/FSY nicht aussuchen) Außerdem habe ich miterlebt wie aktive und auch weniger aktive Freunde nicht mit auf EFY/FSY durften, weil sie zu lange Haare oder die falsche Haarfarbe hatten. Das war sehr schlimm und ist für mich noch heute unbegreiflich. Ich fand es bedrückend, auch wenn ich mich auf diese Veranstaltung gefreut hatte. Außerdem waren die Regeln auf EFY/FSY sehr streng und sehr kontrollierend. Ehrlich gesagt, war es das erste Mal, dass mir die Kontrolle auffiel und zu viel wurde. Wir knieten uns im Zimmer gemeinsam mit unserer Betreuerin hin, um sicher zu stellen, dass unser Rock lang genug war. Einmal musste ich während einer Klasse aufs Zimmer, weil ich meine Schriften vergessen hatte. Man durfte grundsätzlich nicht auf dem Zimmer bleiben und durch die Gänge liefen ständig Aufpasser*innen. Mir ist eine begegnet und sie begleitete mich dann bis zum Zimmer und beobachtete genau, dass ich auch wirklich wieder zu meiner Klasse zurück ging. Es war bedrückend. Ich verstehe schon, dass die Betreuer dort eine große Verantwortung gegenüber den Jugendlichen und den Eltern tragen. Allerdings war das alles sehr durchgeplant, die Aktivitäten waren größtenteils schön, aber man hatte eben kaum Freiheiten.

Dadurch, dass wir im Vorfeld deine Geschichte besprochen haben, weiß ich, dass Sexualität ein kritischer Punkt für Dich war. Was gibt es in Bezug auf Deine Sexualität zu wissen, damit man spätere Erlebnisse verstehen kann?

In der Pubertät kommen wie bei jedem Menschen Gefühle und Bedürfnisse auf. Mir ging das natürlich auch so. Ich habe jedoch erst realisiert, dass Selbstbefriedigung ein Problem ist, als ich „Für eine starke Jugend“ gelesen habe. Das war mit zwölf Jahren. Bis dahin habe ich mich und meinen Körper ganz normal kennengelernt. Mit 13 hatte ich auch mal mit meiner Mutter darüber gesprochen. Sie meinte, dass sie es nicht als Problem sieht, aber dass ich es einfach nicht mehr machen solle.
In der JD habe ich außerdem gelernt, dass man wegen „schwerwiegender Sünden“ zum Bischof muss, weil er die Schlüssel zur Vergebung bei schwerwiegenden Sünden hat…

Dann kam bei Dir wohl die Frage auf, ob Selbstbefriedigung eine schwerwiegende Sünde sei…?

Ja, genau, und deshalb bin ich in meiner Jugend auch regelmäßig beim Bischof gewesen. Da war immer eine große Scham dabei, aber hinterher ging es mir immer gut. Ich habe wenig angezweifelt, dass ich mit ihm reden muss. Ich selbst habe mich teilweise als Versagerin gesehen. Ich habe es einfach nie richtig in den Griff bekommen. Auch als ich dann einen Freund hatte, habe ich dann noch weitere „Erfahrungen“ gemacht und es war immer ein Selbstzweifel und sogar Selbsthass dabei, weil Dinge passiert sind, die nicht hätten passieren sollen. Mir wurde ja gelehrt, dass es eine schwerwiegende Sünde sei, ich rein sein und „mich aufheben“ solle für den Richtigen.

Selbstbefriedigung ist ja für viele junge Mitglieder sowieso ein sehr problematisches, schuldbeladenes Thema. Hattest Du auch andere Materialien von der Kirche oder von Kirchenführern dazu gelesen?

Nein, es war primär „Für eine starke Jugend“ und der Liahona.

Hat Dich dieser ständige innere Kampf (in Bezug auf Schuldgefühle) damals schon gestört?

Ja, es hat mich sehr gestört, bloß habe ich dabei immer irgendwie den Eindruck gehabt, diesen Kampf zu kämpfen, um das „Richtige“ zu tun. Es gab natürlich auch Zeiten, in denen es klappte und da habe ich mich sehr gut gefühlt, weil alles gut war und „richtig“ lief. Generell wird ja auch immer über „Würdigkeit“ und „reine Gedanken“ in Bezug auf sexuelle Reinheit gesprochen. Das hat diesen Kampf schon ziemlich ausgeweitet.

Wir haben ja auch schon Deine Beziehungen angesprochen, die in Sachen Sexualität für Dich als Mormonin schwierig waren. Wie ging das weiter?

Meinen ersten Freund hatte ich recht früh. Von dem Ratschlag in „Für eine starke Jugend“, dass man erst mit 16 daten soll, habe ich damals schon nicht viel gehalten… Mein Freund war ebenfalls in der Kirche und nachdem wir auseinander waren, bin ich zum Bischof gegangen und habe ihm gesagt, was zwischen uns vorgefallen ist. Es handelte sich dabei übrigens nur um Zärtlichkeiten bzw. Vorstufen von Sex, was aber nichts daran änderte, dass Schuldgefühle im Spiel waren. Am Rande habe ich auch mitbekommen, wie er mit seinem eigenen Bischof gesprochen hat.

Mit 15 erlebte ich also meine erste große „Umkehr“. Ich habe mich selbst dafür verurteilt, weil ich es nicht geschafft habe, nein zu sagen. Es gab in meinem Hinterkopf immer eine innere Stimme die mich „gewarnt“ hat. Diese innere (Schuld-)Konversation hatte ich also immer in den Momenten, als ich meine Sexualität für mich entdeckt habe.

Es gab ab diesem Zeitpunkt auch immer mal wieder Beziehungen, in denen ähnliche Zärtlichkeiten und Intimitäten im Spiel waren.

Du hast dann auch in unseren Vorgesprächen schon erwähnt, dass es bei Dir eine Beziehung gab, die Dich besonders beeinträchtigt hat…

Ja, ich hatte gegen Ende meiner Teenager-Zeit einen Freund, der mich in der Beziehung emotional und körperlich missbraucht hat. Dieser Missbrauch hatte verschiedene Facetten. Ich hatte damals eigentlich aufgrund der Therapie, die ich ja wegen meiner Depressionen begonnen hatte, bereits Fortschritte gemacht, doch nun war mein Leben wieder ein Scherbenhaufen. Meine emotionale Basis, die mir Sicherheit gegeben hatte, ist quasi in sich zusammengefallen. Jemand hatte sich etwas genommen, was ihm nicht zustand. Ich wurde bedroht und hatte eine riesige Angst. Dadurch hatte ich Dinge mit mir machen lassen, die ich demjenigen gar nicht geben wollte.

In der resultierende Krise fragte ich mich natürlich, wie dies passieren konnte. Ich habe diesen Missbrauch zunächst gar nicht mitbekommen. Die Erkenntnis lief stufenweise ab, denn es ging erstmal mit emotionaler Erpressung los, bevor es dann hin zu Androhungen von Gewalt und sexuellen Übergriffen kam. Aber ich habe den Missbrauch an sich erst realisiert, als er mich drängte die Kirche zu verlassen. Ich akzeptierte seine Entscheidung die Kirche zu verlassen, ich selbst wollte es aber nicht und da unterstellte er mir, dass ich die Kirche über die Liebe stellen würde. Erst in dem Moment, als dieser Mensch anfing, an meinem Zeugnis zu rütteln, habe ich innere Warnsignale bemerkt. Bei allem was vorher schon passierte, realisierte ich nicht direkt, dass ich missbraucht wurde. Ich kaufte mir Selbsthilfebücher, las viel über Missbrauch und sprach ab dem Zeitpunkt nur noch in Ich-Botschaften mit ihm. Ab dann ging es richtig los mit Beschuldigungen, Zuschreibungen und Drohungen seinerseits. Das war der letzte Tropfen im Fass und alles in mir sagte „lauf so weit du kannst“.

Das späte Erkennen des Missbrauchs und dass es erst mit dem Angriff gegen mein Zeugnis einsetzte, hat mir im Nachhinein sehr zu denken gegeben. In der Folgezeit kamen bei mir Zweifel auf, ob ich mich nach diesem Trauma überhaupt nochmal verlieben könnte oder ob ich überhaupt nochmal eine Beziehung eingehen könne.

Wie hat der Wunsch Deines „Peinigers“, dass Du nicht mehr zur Kirche gehen sollst, Dein Verhältnis zur Kirche beeinflusst?

Für mich war die Kirche mein unumstrittener Hafen – entsprechend musste ER aus meinem Leben gehen und ich bin weiterhin in die Kirche gegangen. Der Tag, als das passierte, war interessanterweise auch ein Sonntag. Ich habe ihn dann bei mir „rausgeschmissen“, er ist nach Hause und ich bin dann in die Kirche gegangen. Das war dann auch das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe.

Als ich an dem Sonntag zur Kirche ging war mir, als ob ich etwas ganz Schlimmes hinter mir lasse und an einem sicheren Ort einkehre. Damals habe ich auch mit meinem Bischof darüber gesprochen, weil ich mir auch nicht sicher war, ob ich jetzt selber umkehren müsse. Irgendwie hatte ich ja realisiert, dass ich sexuell missbraucht wurde, war mir aber nicht ganz sicher und habe das dann mit meinem Bischof besprochen. Er hat mir dann versichert, dass mich keine Schuld trifft. Ich habe in dem Moment einen menschlichen Rat gesucht, der mir dann auch sehr geholfen hat!

Man könnte schon sagen, dass dies Deine Verbindung zur Kirche gestärkt hat, oder? Dein Peiniger wollte Dir diese als positiv empfundene Bindung streitig machen, und in der Kirche wiederum hast Du Hilfe in Deiner Situation erhalten.

Ja! Für mich war die Verbindung zur Kirche ein großer Aspekt meines Lebens, etwas, das mich ausmacht, das, was ich bin und was ich glaube. Mein „Freund“ hat in dem Fall an meiner Identität gekratzt und mich quasi in allen Aspekten meines Lebens „auseinandergenommen“. Er hat ja auch versucht mir Sachen über mich einzureden. Mein Bischof hat genau richtig gehandelt und das Richtige gesagt.

Der nächste Abschnitt Deiner Geschichte ist Deine Mission. Wie kam es dazu und wann hast Du entschieden, dass Du gehen möchtest?

Bei einer Fireside bei EFY/FSY habe ich das erste Mal den Gedanken gehabt, dass ich auf Mission gehen möchte. Ich wollte das, was mir Kraft gegeben hat, mit Anderen teilen.

Damals schien das zwar noch in weiter Ferne, weil ich noch in der Schule war. Wegen meiner Probleme hatte ich ja früher auch die Schule unterbrochen, so dass ich jetzt etwas „nachzuholen“ hatte. Ich hatte dann für mich den Gedanken, wenn es passt, gehen zu wollen, habe aber noch die Schule zu Ende gemacht.

Welche Schwierigkeiten bzw. Hürden gab es in der Vorbereitung auf Deine Mission?

Wenige Zeit später, als ich mich von meinem vorgenannten Freund getrennt hatte, habe ich außerhalb der Kirche jemanden kennengelernt. In dieser Beziehung war ich aufgrund meiner vorherigen verletzenden Erfahrung viel aufmerksamer in Bezug darauf, wie mich jemand behandelt und wie ich mich in bestimmten Situationen fühle. Mit ihm kam ich dann zusammen. Ich hatte große Ängste, nicht mehr lieben und nicht mehr vertrauen zu können. Er war aber jemand, dem ich nach einer gewissen Zeit vertrauen konnte.

Es war für mich eine heilsame Beziehung. Ich habe ihm vertraut und es fühlte sich für mich gesund und richtig an, Intimität mit ihm zu teilen. Ich wollte geben. Dem Gesetz der Keuschheit stand ich seit dem Missbrauch kritisch gegenüber. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, jemanden zu heiraten, ohne diese Seite des anderen zu kennen. Ich konnte mir schon vorstellen, dass ich es mit Gott schaffen würde, einen rechtschaffenen Mann zu erkennen, aber ein Restzweifel blieb. Außerdem war ich der Heiratskultur der Mormonen noch abgeneigter als zuvor. Daneben hatte ich mich auch schon vor dem Missbrauch viel mit Homosexualität und Kirche auseinandergesetzt und sah eine Diskrepanz. Ich war bereits mit 18 der Ansicht, niemand dürfe irgendjemand anderem vorschreiben, wen er wie zu lieben hat.

Du hattest gesagt, dass es ein Hin und Her mit Deinem Freund gab…

Ja, es war ein totales Hin und Her. Mein Freund ist damals sogar manchmal mit zur Kirche gegangen und hat sich auch mit den Missionaren getroffen. Irgendwann haben wir uns aber ausgesprochen, weil er nicht aus eigenem Interesse, sondern wegen mir zur Kirche ging. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich habe dann irgendwann, weil ich auf Mission gehen wollte und mir auch über die Beziehung nicht mehr sicher war, mit ihm Schluss gemacht.
Wirklich vorbei war die Beziehung nach dem „Schluss“ nicht. Vor Mission kamen wir nochmal offiziell zusammen, bis ich die Beziehung endgültig beendete.

Es war ein Herd aus inneren Konflikten, den ich auf unserer Beziehung austrug. Das war ihm gegenüber nicht fair, das weiß ich heute. Ich sah damals in Bezug auf Keuschheit keine andere Option, als die Beziehung zu beenden. Aber die Entscheidung, mich auf ihn einzulassen, habe ich nie bereut. Ein gesundes Verhältnis zu mir selbst und gesunde Sexualität war nach dem Missbrauch im Vordergrund und ein gewonnenes Gut. Vermischt wurde das mit Schuldgefühlen und der Frage, warum sich das nicht mehr falsch anfühlte. Ich wollte das Richtige tun, schätzte meine Erfahrungen und verstand das Gesetz der Keuschheit nicht mehr.

Eine Rolle spielte auch das Thema Homosexualität, korrekt?

Ja genau, ich fand es irgendwie seltsam, dass Homosexuelle in dieser Theologie gar keinen Platz haben. Die allgemein akzeptierte Homophobie innerhalb der Kirche machte mich wütend und frustriert. Diesen Konflikt kompensierte ich mit der Beobachtung verschiedener Strömungen innerhalb der Kirche. Damals hatte man ja das Gefühl, dass sich vielleicht etwas ändern würde oder, dass es Gemeinden und Gegenden gab, in denen progressive Ansätze vorherrschten. Ich habe dann auch mehr über „Mormons Building Bridges“ erfahren und dachte mir: „Toll, sowas sollte es hier in Deutschland auch geben: Menschen, die sich für homosexuelle HLT stark machen.“ Durch meine Erfahrungen mit Depressionen, Selbstzweifel, Suizidgedanken, Keuschheit und Umkehr konnte ich mich sehr gut in die Lage der LGBTQA+ HLT hinein versetzen.

Es gibt ja verschiedene Wege, wie man Keuschheitsregeln interpretieren kann. Prinzipienbasiert oder regelbasiert. Ich gewinne den Eindruck, etwas Prinzipienbasiertes hätte besser zu Dir gepasst. Vor Deinem Hintergrund verstehe ich noch mehr, dass eine einzige Regel hier nicht wirklich für jeden Menschen anwenden lässt.

Ja, mir war klar, dass es für meinen Heilungsprozess wichtig war und es fühlte sich richtig an. Ich hatte eine Beziehung voll Vertrauen und Respekt. Ich wollte nicht, dass das Trauma meine Zukunft diktiert. Die HLT Lehre zu Keuschheit schoss an meiner Realität vorbei. Tatsächlich habe ich aber immer gespürt, dass Gott mich versteht. Das gab mir Zuversicht und Trost. Ich bin heute fest davon überzeugt, dass wenn ich nicht auf mich selbst gehört hätte, dieses Trauma heute noch präsenter wäre. Ich muss nur an Momente von damals denken, in denen ich richtig Panik hatte, wenn mir ein Mann nur annähernd näher kommen wollte.

Die Dinge wurden vor Mission ein Thema, also die Würdigkeit auf Mission zu gehen. Wie hast Du es letztlich hinbekommen.

Ich war ganz offen mit meinem Bischof und er war ganz offen mit mir. Zu dem Zeitpunkt war ich das zweite Mal mit meinem Freund zusammen. Der Bischof sagte mir dann, er könne mich so leider nicht auf Mission schicken. Ich sagte ihm, dass ich das verstehen könne. Wir waren da ziemlich realistisch.

Insgesamt war die ganze Unterredung beim Bischof recht positiv. Ich lebte mit meinem Freund dann wieder enthaltsam. Am Tag vor dem Tempelinterview mit meinem Bischof ist dann zwischen mir und meinem Freund nochmal etwas passiert.

Ich saß dann in meinem Zimmer und wusste nicht, was ich tun soll. Ich habe gebetet. Als Antwort fühlte ich: „Ich möchte dass Du auf Mission gehst, es wird alles gut werden. Ich verstehe Dich, mach Dir keine Sorgen. Ich brauche Dich unbedingt auf Mission.“ Deshalb habe ich das dann durchgezogen und bin auf Mission gegangen.

Wie hast Du vor Mission Deinen obligatorischen Tempelbesuch empfunden?

Der erste Tempelbesuch war für mich ein Horror. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, in einer Sekte zu sein. Das synchrone „Ja“-Sagen, das Kopf-Neigen, die Tatsache, dass ich als Frau mein Gesicht an einer Stelle des Rituals verschleiern musste, hat mich echt bedrückt. Ich habe unter dem Schleier schlecht Luft bekommen. Es mag sich seltsam anhören, aber die Gefühle, die ich das erste Mal hatte, als ich im Tempel war, haben sich sehr mit den Gefühlen des Missbrauchs geähnelt, den ich erlebt hatte. Ich habe mich kontrolliert und meiner Freiheit beraubt gefühlt. Es ist ja auch eine Art Kontrollverlust, wenn man dort hineingeht. Es wird zwar gesagt, man könne jederzeit gehen, aber irgendwie kann man das nicht wirklich.

Die Tempelvorbereitung hatte mir gar nichts gebracht. Ich war nach dem Tempelbesuch so zerrüttet, dass ich eine Woche lang nur geweint habe. Ich bin heute noch der Meinung, dass wenn man von vornherein ganz offen über die Abläufe im Tempel gesprochen hätte, wäre es kein Problem gewesen. Gewöhnlich wie die Abendmahlssegnung am Sonntag. Dort ist es aber so: Man geht hin, weiß nicht was kommt und man macht es einfach. Erst hinterher macht man sich Gedanken, aber dann ist es ja schon geschehen.

Später kam ich mit dem Tempel besser klar, weil ich dann ja schon alles kannte.

Wenn man Dinge versprechen soll, die das ganze Leben betreffen werden, wüsste man schon gerne vorher, welche Versprechen man eingehen wird, oder?

Genau, und das ist so seltsam, denn beim Taufbündnis weiß man vorher sehr genau, was gemacht wird und was man verspricht. Es ist einfach absurd Menschen so auflaufen zu lassen. Ich habe mich seitdem gefragt, warum man nicht klar kommuniziert. Das würde vieles einfacher machen. Das Argument der Heiligkeit zählt für mich nur sehr bedingt. Ich habe mir damals geschworen mit meinen Kindern alles, auch die ganze Symbolik, klar zu besprechen, um sie vor so einer schrecklichen Erfahrung zu schützen. Wenn man vorher weiß, Zeichen x steht für y, oder die zeremonielle Kleidung sieht so aus und hat diese Eigenschaften, weil… , dann geht man doch ganz anders da ran.

Eine weitere Sache trieb mich ebenso um: Es werden ja vier Dinge versprochen im Tempel – eine davon ist die Keuschheit. In der Realität wird das Gesetz der Keuschheit immer sehr überbetont und weniger das Augenmerk auf die anderen drei Dinge gelegt. Das hat mich stets sehr beschäftigt.

***

Die Veröffentlichung von Teil zwei des Interviews für die nächsten 14 Tage geplant.

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Guido
Webmaster
3 Monate 20 Tage her

Für mich persönlich zeigt dieser Teil des Interviews auf, wie schön und schützend die Kirche sein kann, aber wie die Regelwerke und Handbücher dann in manchen Fällen auch gegen den Menschen arbeiten können. Anne hatte selbst eine ganz klare Antwort gespürt, dass sie auf Mission gehen sollte…sie hatte eine wunderbare Erfahrung dort und alle die mit ihr zu tun hatten ebenfalls. Später wurde sie (ich greife das vorweg) dennoch wegen des „einen Males“ nach Hause geschickt.

Danny
Gast
Danny
3 Monate 20 Tage her
Hallo „Anne“, ich bedanke mich für dieses Interview. Du bist auf jeden Fall nicht allein mit einigen dieser Erfahrungswerte. Als ich zum ersten mal im Tempel war, dachte ich auch an Sekte und entwickelte schnell eine Abneigung gegen dieses „kostümieren“. Aber was solls die Bayern tragen auch ihre Trachten. In dem Sinne kann ich auch mal für ne kurze Session meinen inneren Schweinehund überwinden. 😀 Mit dieser Perspektive war es für mich nicht mehr allzu schlimm. Ja als LDS kann man auch Ausgrenzungserfahrungen machen, was zum Teil aber auch durch das eigene Verhalten verstärkt wird. Da ich mich selbst zu den selbstbewussteren Typus (Resilienz) zähle und mich auch entsprechend authentisch verhalte, hatte ich eher weniger Probleme damit und sogar Zuspruch von Außenstehenden. Man muss den daraus entstehenden Dialog als Chance sehen. Bsp. Warum trinkst du kein Kaffee. Dann sagte ich meist, weil ich als immer nur Limo trinke seit ich… Weiterlesen »
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