Anne 2/2: Vorzeitiges Ende der Mission, Selbstfindung und Ausblick

In dieser zweiteiligen Interview-Serie erzählt Anne (Name geändert) von ihrer bewegenden Lebens- und Glaubensreise als HLT-Kirchenmitglied. Das Interview führte Guido.
Teil eins handelte von ihrer insgesamt positiv empfundenen Kindheit in der Kirche und ihrem Kampf mit dem Thema Sexualität als Jugendliche. Im Vorfeld ihrer Mission erleidet sie einen Missbrauch. Sie erzählt von ihrem ersten Tempelbesuch in Vorbereitung auf ihre Mission und was sie dabei empfunden hat.
Im vorliegenden Teil zwei, geht es um ihre zunächst aufbauende Erfahrung im Vollzeit-Missionsdienst in den USA, welcher dann eine dramatische Wendung vollzog und darin mündete, dass sie nach Hause geschickt wurde. Anne arbeitet ihre traumatischen Erfahrungen im Zusammenhang mit diesem Ereignis auf. Dann erzählt sie, was sie für ihr heutiges Leben aus diesen ganzen Erfahrungen gelernt hat und wie sich ihre Sicht auf die Kirche und den Glauben dadurch verändert hat.

Anne, im letzten Teil hatten wir davon berichtet, mit welchen Schwierigkeiten Du im Vorfeld auf Deine Mission zu kämpfen hattest. Diese wurden aber schließlich überwunden und Du bist tatsächlich auf Mission gegangen. Wie hast Du Deine Mission erlebt?

Ich war total gerne auf Mission! Das MTC habe ich jedoch als „Goldenen Käfig für Kleinkinder“ empfunden. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt schon älter als die meisten anderen Missionare, die 18 oder 19 sind, und dementsprechend kamen mir viele dieser Regeln etwas albern vor. Manche haben sich aber noch sehr unreif verhalten, aber ich habe auch Menschen mit ein bisschen mehr Lebenserfahrung getroffen. Auf sie wirkten die Regeln auch teilweise übertrieben.

Die internationalen Missionare sind einen Tag vorher als die inländischen Missionare angekommen und wurden in einem separaten Gebäude untergebracht, um Krankheiten zu vermeiden. Vom Europäer bis zum Inselbewohner aus dem Pazifik war alles dabei. An diesem Tag gab es verschiedene Workshops zu Höflichkeit und Hygiene. Uns wurde dann gesagt, dass man, um Krankheiten zu vermeiden, seine Hände regelmäßig wäscht und danach den Türgriff in Toilettenräumen mit einem Trockentuch öffnet. Niesen und husten sollte man in den linken Ellenbogen. Insgesamt  fand ich das alles schon ziemlich kurios, aber vielleicht hatte es der ein oder andere nötig.
Besonders gut erinnern kann ich mich auch an einen speziellen Workshop für Sisters. Es wurde gesagt, dass, falls wir zum Frauenarzt gehen, zur Sicherheit immer eine Senior Sister mitnehmen sollten. Es gäbe Länder, in denen wird nicht verstanden, dass wir jungen Schwestern rein seien und deshalb diverse Abstriche zu sexuell übertragbaren Krankheiten nicht bräuchten. Diese Abstriche seien oft brutal und schmerzhaft und das solle man auf keinen Fall mit sich machen lassen. Sollte außerdem unsere Periode während Mission zeitweise oder ganz ausbleiben, könne man das auch als Segnung verstehen.

Insgesamt waren die Wochen im MTC eine Zeit voller gemischter Gefühle. Es war echt toll, dass die Mission endlich begonnen hatte. Man wurde schon ziemlich fürs Feld motiviert. Außerdem musste ich eine Sprache lernen, was nicht ohne war. Im Tempel hatte ich dort gute Erlebnisse, die mich gestärkt haben. Meine Mitarbeiterin war echt toll und wir hatten eine gute Zeit. Dann aber hat es mich sehr gestresst, so eingesperrt und überwacht zu werden. Deshalb fing ich an, die Sportzeit zu nutzen, um mich abzureagieren. Das hatte ich vorher noch nicht erlebt. Vor Mission war ich eher ein Sportmuffel. Beim Essen habe ich aufgepasst. Entgegen mancher Horrorgeschichten gab es meines Erachtens genug Möglichkeiten, sich dort gesund zu ernähren. Es war aber auch die total überspitzte Mormonen-Mentalität, die mir dort wirklich aufstieß. Zum Beispiel trug ich einmal eine Strumpfhose mit einem eher unauffälligem Muster. An dem Tag traf ich zufällig auf die Frau des MTC-Präsidenten. Sie sagte mir, dass diese Strumpfhose „einfach gar nicht“ ginge. Das fand ich ziemlich lächerlich, aber es hat mich aber auch angegriffen und verletzt, weil sie das vor ziemlich vielen Leuten zu mir gesagt hat. Spätestens an diesem Zeitpunkt konnte ich es kaum erwarten da raus zu kommen.

Meine Trainerin im Missionsfeld war sehr konservativ. Mir hat das als Pragmatikerin schon einige Probleme bereitet.

Wie hat Dich das beeinflusst?

Ich habe sie als krankhaft perfektionistisch wahrgenommen im Hinblick auf das Evangelium und den Zeitplan. Gerade Perfektionismus war aber etwas, gegen das ich mit Hilfe der Therapie gearbeitet hatte und das ich abgelegt hatte, da es mir mental geschadet hat. Ein paar Male ist mir auch etwas der Kragen geplatzt. Ich habe in der Zeit sehr gemerkt, wie unsicher sie war und wie viel Angst sie hatte, etwas falsch zu machen. Ich glaube bis heute, dass sie große Minderwertigkeitskomplexe in Bezug auf das Evangelium hatte. Ich erkannte das zwar, hatte dann aber immer mehr selbst Angst, etwas falsch zu machen. Ihr Verhalten wirkte allmählich wie eine Art Rückkopplung auf mich.

Wie ging es dann weiter?

Die Arbeit mit den Mitgliedern hat mir Freude bereitet. Die Untersucher habe ich geliebt. Meine Sprachfertigkeiten verbesserten sich allmählich. Man könnte sagen, dass ich richtig in der Arbeit aufgegangen bin. Es war das, was ich machen wollte. Ich habe mich am richtigen Platz gefühlt. Ich hatte ja auch persönliche Offenbarung, dass die Mission für mich wichtig ist. Mein Leben und meine Zeit habe ich quasi „auf den Altar gelegt“ und mir gesagt: Ich opfere jetzt diese 18 Monate und mache das Beste, was ich kann, um die Kirche nach vorne zu bringen und Menschen die Freude zu bringen, die ich im Evangelium empfunden habe. Das Evangelium hat mir Freude und Kraft gegeben.

Deine Mission hat Dir also offensichtlich Spaß gemacht und Dein Verhältnis zu Gott bestärkt. Klingt bis hier größtenteils sehr positiv.

Ja, dem war auch so. Es kam dann aber eine Art Wendepunkt und ich begann häufiger „Down-Momente“ zu haben. Mich beschäftigte meine Unehrlichkeit. Ich fragte mich: „Wie kann ich selber Menschen vom Sühnopfer erzählen, wenn ich selbst eine Sünde begangen habe und davon nicht umgekehrt bin?“ Da hat sich bei mir dann etwas verändert. Ich selber habe mich als „töricht“ empfunden und hatte mittlerweile eine sehr absolute Haltung gegenüber dem Evangelium, weil ich es „richtig“ machen wollte. Meine Trainerin hatte zwar zu dieser Haltung beigetragen, aber sie kam auch in mir selbst zum Vorschein. Ich zweifelte an meiner Kompetenz und wollte Dinge klar stellen.

Ich bin dann zum Missionspräsidenten gegangen und habe ihm das „gebeichtet“. In diesem Gespräch haben wir beide geweint. Er sagte mir dann, dass er es nicht entscheiden könne, ob ich noch auf Mission bleiben könne. Er würde nun eine Empfehlung an einen Siebziger geben.

Was hattest Du ihm genau gesagt?

Dass ich vor meiner Mission noch einmal Geschlechtsverkehr mit meinem Freund gehabt hatte, ohne mit meinem Priestertumsführer darüber gesprochen zu haben. Dass mich die Lüge am meisten belastete. Ich hatte ihm auch von dem Missbrauch erzählt, und versucht zu erklären, was diese Bindung zu dem Freund mir bedeutete, damit er den Hintergrund besser nachvollziehen könnte. Weil ich wollte, dass er mich als Mensch versteht, habe ich ihm viel aus meinem Leben erzählt.

War das Gespräch selbst angenehm für Dich?

Ich wusste, dass es das Richtige war, mit ihm zu sprechen. Allerdings war ich auch emotional sehr aufgewühlt über diese ganzen Dinge zu reden. Aber ich habe mich im Endeffekt nicht schlecht gefühlt, da ich ihm vertraute und wir auf einer guten Basis miteinander waren.

Du hattest auch während des Gespräches also kein seltsames Gefühl?

Erst mal nicht. Das kam erst bei einer Frage. Er meinte, er müsse mir jetzt noch ein paar Fragen stellen. Unter anderem fragte er, wie meine Eltern meiner Mission gegenüber stünden. Dann aber fragte er mich, mit wie vielen Männern ich in meinem Leben intimen Kontakt gehabt hätte. Ich war sehr verdutzt. Ich fragte, warum das relevant sei und warum er das wissen müsse. Seine Antwort beinhaltete, dass dies ihm helfe ein grobes Bild von der Gesamtsituation zu bekommen. Ich sagte ihm, dass ich von allem umgekehrt war, dass ich keine genaue Zahl hätte, und überlegte kurz.  Dann nannte ich ihm trotzdem eine Zahl, sagte aber, dass ich mir nicht sicher sei. Ich konnte vor Angst und Emotionen kaum klar denken.  Ich fühlte mich auch sehr seltsam und hatte das Gefühl „aufgelaufen“ zu sein. Die Frage war mir viel zu weit gegangen. Ich war in diesem Moment völlig sprachlos, hatte Angst, nicht vollkommen offen und aufrichtig zu sein. Ich wollte es richtig machen und dachte noch den ganzen Tag nach. Manches lag sehr lange zurück und ich hatte mich durch Umkehr längst davon losgemacht. Am nächsten Tag rief ich ihn an und nannte ihm eine korrigierte Zahl. Erst im Nachhinein habe ich erkannt, was eigentlich passiert war. Ich war von den Sünden meiner Jugend umgekehrt und wurde trotzdem Jahre später danach gefragt.

Wenn ich heute an diese Situation denke, dann dreht sich mir der Magen um.

Wie seid ihr dann verblieben?

Er hat mir gesagt, dass er meinen Pfahlpräsidenten kontaktieren würde, und beide separat eine Empfehlung abgeben werden. Diese würden dann einem Siebziger zugestellt, welcher ebenfalls eine Empfehlung abgeben würde. Danach würde ein zweiter Siebziger mit Hilfe der Empfehlungen letztlich entscheiden, ob ich auf Mission bleibe. Er hat mir gesagt, es könne sein, dass ich dann vielleicht ein halbes Jahr nach Hause muss. Es könne auch sein, dass ich bleiben darf. Er hat geweint und gesagt, es tue ihm Leid. Ich zweifle auch heute nicht an der Aufrichtigkeit meines Missionspräsidenten und dass er auch sehr traurig war. Wir kamen sehr gut miteinander aus und er war aus meiner Sicht ein guter, liebevoller Mensch.

Ich war überzeugt, dass alles gut wird und dass ich es nehme, wie es kommt, selbst wenn ich nach Hause gehen muss.

Meinen Eltern sagte ich zunächst nichts. Dem Missionspräsidenten sagte ich aber:„Wenn ich nach Hause gehen muss, würde ich es meinen Eltern gerne selber mitteilen.“ Ich wusste, dass sich meine Eltern sehr sorgen würden, wenn ich es ihnen nicht selbst sage.

Ich hing dann etwa zwei Wochen in der Schwebe.

Von wem erfuhrst Du von der Entscheidung?

Von meinem Missionspräsidenten. Das war ein interessanter Morgen. Ich betete und dann hatte ich das Gefühl, mich ins Schlafzimmer zurückzuziehen zum Beten. Dort spürte ich, dass ich erfahren würde, dass ich nach Hause gehen werde. Genau als ich zu Ende gebetet hatte, klingelte das Telefon. Es war mein Missionspräsident und er fragte, wann wir uns zum Reden treffen könnten. Wir haben uns dann getroffen und er sagte mir, dass ich am Dienstag nach Hause gehen würde.

Wie wurde die Entscheidung begründet?

Er sagte, dass ich nur zu Hause umkehren kann, um wieder vollkommen rein zu werden. Dann könne ich wieder würdig sein. Ich wurde dennoch „ehrenhaft“ entlassen.

Dass die Entlassung, wenn auch „ehrenhaft“, für Dich Auswirkungen haben würde, liegt nahe…wie hast Du Dich also nach diesem Gespräch gefühlt?

Ich habe geheult und war total am Boden zerstört, das fing auch schon während des Gesprächs an. Er sagte: „Es tut mir so so Leid, dass Sie nach Hause gehen müssen, Sister.“

Ich fühlte mich ab da wie ein verletztes, geschundenes Kind. Auf Mission sein war alles, was ich machen wollte und dann aufgrund meines eigenen Fehler nach Hause gehen zu müssen, war einfach die Härte.

Dann fand ich vor dem Rückflug nach Hause auch noch raus, dass meine Eltern bereits davon wussten. Mein Missionspräsident hat es mir gesagt. Dabei hatte ich es mir anders gewünscht. Es tat ihm Leid, dass er das „verpeilt“ hatte. An der Stelle war ich dann sehr enttäuscht, denn das war mir ja wichtig gewesen. Als ich dann zu Hause anrief, war meine Mutter mit den Nerven völlig am Ende. Sie wussten zwar, dass ich Heim käme, hatten aber wenig Details erfahren. Sie machten sich große Sorgen und erreichten das Missionsbüro nicht. Mein Bischof wusste auch davon, aber ihm wurde gesagt, er dürfe keine Details nennen. Sie haben es einige Tage vor mir erfahren und meine Mutter schlief in den Tagen kaum. Ich konnte sie dann am Telefon beruhigen. Der Informationsfluß wirkte auf mich ziemlich katastrophal.

Dann bin ich nach Hause geflogen. Mir schien die ganze Situation völlig unreal. Heim zu gehen fühlte sich auch nicht richtig an.

Wurde Dir gesagt, wann Du wieder zurückkommen könntest?

Ja, in zwölf Monaten.

Wow! Das erscheint sehr lang?

Mir wurde gesagt, ich könne dann entweder in die selbe Mission oder eine andere zurückkommen.

Ich bin dann mit meinem Namensschild noch in den Flughäfen umgestiegen und so weiter. Wir sind dann am selben Tag noch zum Pfahlpräsidenten gefahren und ich habe ihm erzählt, was los war. Er sagte, es sei schade, dass das nicht noch vor Mission geklärt werden konnte, aber er sei guter Dinge, dass ich auch bald eine Berufung bekommen würde. Er habe nämlich bereits mit dem Bischof gesprochen.

Ich habe ihn gefragt, ob ich meinen Tempelschein abgeben müsse. Er bejahte, aber nach ein paar Monaten könne ich ihn bestimmt wieder erhalten.

Wie ging es weiter?

Als ich dann am Sonntag in die Gemeinde kam, waren erstmal alle überrascht, dass ich wieder da war. Ich wurde nicht zu sehr ausgefragt. Ich wollte auch mit niemandem wirklich darüber reden.

Dann habe ich auch mit meinem Bischof gesprochen und das war eines der furchtbarsten Gespräche, die ich je in meinem Leben hatte. Ich war zunächst total durcheinander, weil ich wusste, dass er wohl Informationen bekommen hatte, aber sagte es mir nicht. Sein Verhalten bestätigte mir den Anschein. Für mich war es schmerzhaft über alles zu sprechen und ich sah nicht den Sinn, es nochmals auszupacken. Er verlangte aber, dass ich nochmal ein Geständnis ablege. Das war vollkommen paradox, denn, wie er dann zugab, wusste er bereits alles. Außerdem störte mich, dass ihm diese intimen und privaten Informationen einfach über meinen Kopf hinweg mitgeteilt wurden. Ich war aber bereits so verletzt und klein, dass ich nachgab. Es war sehr erniedrigend. Dann hat er mir ein paar Leitfäden gegeben; die sollte ich durcharbeiten. Er würde jede Woche mit mir sprechen und wissen wollen, wie es läuft. Abendmahl sollte ich erstmal keines nehmen.

So habe ich es dann auch gemacht, aber er hat die darauffolgenden Wochen nicht mehr mit mir gesprochen. Auch nicht sonntags, wenn wir uns gesehen haben. Auf meine Anrufe hat er nicht reagiert. Ich durfte kein Abendmahl nehmen, ich hatte keinen Tempelschein und ich bekam keine Berufung. Meine Seele lag auf einer Müllkippe und mein künftiges Seelenheil schien abhängig von anderen. Da fingen in mir sehr viele Denkprozesse an. Natürlich habe ich mich gefragt „War das jetzt ein Fehler, dass ich es gesagt habe?“ Ich habe es eher als Fehlentscheidung gesehen, dass ich nach Hause gehen musste. Schrittweise wurde mir auch bewusst, was da alles passiert war.

Ich habe dann Handbuch 1 gelesen – das ist ja auf Wikileaks verfügbar. Es hat mich interessiert, was alles zu meinem Fall dort steht. Es war ein wichtiges Ereignis den Paragraphen über das Bekennen schwerwiegender Sünden auf Mission zu lesen. Genauer, dass man dann für ein Jahr nach Hause muss, um wieder würdig zu werden. In dem Moment habe ich mich gefühlt wie ein Paragraph in diesem Handbuch und nicht mehr als Mensch. Ich habe mich von den Personen, die in meine Heimsendung involviert waren, überhaupt nicht verstanden gefühlt. Mir war dann, als ob ich für diese Menschen einfach nur dieser Paragraph war. Egal, was ich für ein Mensch war, es stand dort, dass ich nach Hause muss. Ich musste mich in diese unangenehme Situation bringen, alles erklären, über den Missbrauch sprechen, die Anzahl meiner intimen Kontakte nennen, aber am Ende stand es vorher fest. Da fühlt man sich nicht mehr als Mensch, sondern nur noch als Opfer der Institution.

Ich wollte so gerne auf Mission sein. Gab mir die größte Mühe. In mir war eine große Verletzung entstanden und mir wurde bewusst, dass Kontrolle über mich und mein Leben ausgeübt wurde. Damit meine ich insbesondere, dass ich nach Hause geschickt wurde. Im Zuge dieser Erkenntnisse kam erst Verzweiflung über diese Abhängigkeit und dann allmählich Wut.

Mir wurde aber auch bewusst, dass der Missionspräsident und der Bischof ebenfalls alle nur Teilnehmer des Systems und auch Opfer sind.

Das System der Kirche in der aktuellen Form bringt in bestimmten Konstellationen gute Menschen dazu, anderen guten Menschen Schaden zuzufügen – könnte man das so sagen?

Ja genau. Weil nämlich in den Handbuchrichtlinien z.B. nicht steht, dass die persönliche Situation des Missionars berücksichtigt werden sollte oder dergleichen. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass Missionare auch bei so einem Geständnis nicht nach Hause müssen. Im Prinzip hängt alles an den Personen, die es entscheiden, oder aber meist am Missionspräsidenten, der sich quasi der üblichen Handlungsempfehlung entgegen stellt. Wenn eine Kirchenautorität auf Nummer sicher gehen will, hält sie sich ans Handbuch. Und das geht dann wiederum am Menschen vorbei. Man merkt an Erlebnissen wie meinem, dass es in der Kirche an Professionalität und seelsorgerischer Ausbildung fehlt.

Im Handbuch steht übrigens auch, dass wenn eine schwerwiegende Sünde erst nach vielen Jahren gestanden wird, dass man dann darüber hinwegsehen kann. Auch das fand ich irgendwie unfair. Wenn ich also nicht offen bin, ist es am Ende ok?

Wie haben Deine Erfahrungen Dein Verhältnis geändert? Wie kam dann der Bruch zustande?

Das war ein allmählicher Prozess. Den Bischof habe ich irgendwann ignoriert. Dann bin ich weggezogen. Zwar hatte ich dann wieder einen Tempelschein, fühlte mich aber weiterhin als geschundenes Kind. Das Trauma war sehr groß, ich konnte kaum darüber sprechen. Es machte mich tieftraurig. Falls meine Mission zur Sprache kam, habe ich nicht erwähnt, dass ich nur kurz auf Mission war. Ich wollte meine Ruhe haben. Es ist halt auch nicht so schön, zugeben zu müssen, dass man etwas Schwerwiegendes falsch gemacht hat. Ich hatte genug Seelenstriptease hinter mir. Ich schwor mir, nie mehr mit einem Kirchenführer über meine Sexualität zu sprechen. Gleichzeitig erkannte ich, in welchen Lebensbereichen ebenfalls Kontrolle auf mich einwirkte. Beispielsweise empfand ich neben Interviews die Garments als Kontrolle. Sie abzulegen war eine große Befreiung. Ich trug sie dann nur noch sonntags. Unter diesen Bedingungen ging ich weiter zur Kirche.

Mich beschäftigten einige Fragen. Ich kann dem Menschen, der mich verletzt hat, verzeihen, aber wie kann ich einer Institution verzeihen, die sich nicht ändert? Wie kann ich einem Handbuch verzeihen? Dieses Handbuch wird sich nicht so schnell ändern. Mein Vertrauen in die Institution war zerstört, quasi über dem Ozean abgestürzt.

Des Weiteren fragte ich mich: Wie kann ich angesichts des verlorenen Vertrauens trotzdem einen Weg in der Kirche gehen? Ich wollte in der Kirche bleiben. Dieser Konflikt zerriss mich nahezu und ich litt sehr. Ich kam nach der Kirche nach Hause und habe oft geweint. Nachts lag ich wach.

Zeitgleich habe ich mir außerhalb der Kirche einen neuen Freundeskreis aufgebaut. Dort wiederum erzählte ich erst einmal nichts von der Kirche und schon gar nichts über meinen Konflikt. Ich hatte dort Raum zum Atmen.

Nach einigen Monaten änderte ich aus Selbstschutz meinen Ansatz. Denn ich fand keinen Weg. Ich beschloss, die Kirche und das Problem einfach mal gut sein zu lassen und zu schauen, wohin mich das Leben tragen würde. Ich akzeptierte, dass ich mein Problem zeitnah nicht lösen können würde. Ich habe mich graduell entfernt, war ab und zu sonntags da. Im Alltag lernte ich mich selbst und meinen eigenen Sinn für richtig und falsch kennen. Ich hatte zum ersten mal das Gefühl, mein Leben zu leben. Irgendwann wurde mir klar, dass ich in der Kirche nicht ich selbst sein kann. Ich wollte kein Doppelleben führen. Ich könnte niemals offen zu mir selbst stehen können ohne nicht die Exkommunikation zu fürchten. Ab und zu dachte ich über eine Rückkehr nach. Seit der November Policy habe ich mich das nicht mehr gefragt.

Hattest Du Angst, Deinen „Schutz“ zu verlieren, oder auch Angst, dass Du nicht mehr errettet wirst, wenn du der Kirche den Rücken kehrst und nach außen flüchtest?

Nein, nicht in dieser Art. Ich hatte gar nicht das Gefühl, der Kirche den Rücken zu kehren und auch nicht, nach außen zu flüchten. Es kam mehr eins aufs andere. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass Gott mich versteht und meine Situation kennt und mit mir leidet.  Ich wollte ein selbstbestimmtes Leben führen und mich der Kontrolle entledigen. Dafür habe ich mich selbst entwurzelt. Ich musste mir neuen Boden unter den Füßen schaffen. Die Welt „da draußen“ mit ihren Konventionen war mir ja auch völlig fremd. Betrachtet man die Metaebene, ist mir natürlich auch dort bewusst, dass es eine Art System ist. Jedoch ist das Maß an Kontrolle nicht vergleichbar.

Wie hat sich Dein Verhältnis zu Jesus Christus und zu Gott Vater geändert?

Das ist eine gute Frage! Als ich erkannte, dass ich selbstbestimmt leben muss, habe ich gebetet und Gott gesagt „Ich kann so nicht mehr“…und ich hatte das Gefühl, er versteht es. Ich hatte auch das Gefühl dass er will, dass ich mich von diesem Ballast befreie. In dem Moment dachte ich mir: Warum habe ich vorher nicht auf ihn gehört? Da habe ich mich gefragt, ob ich Gott einfach nicht verstanden habe.

Als Resultat meiner Entwurzelung kam ich in einem Selbstfindungsprozess an. Jedes Prinzip meines bisherigen Lebens stand auf dem Prüfstand. Somit habe ich auch über Gott und Christus nachgedacht. Momentan bin ich in einem agnostischen Stadium. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt. Ich mag es auch nicht ausschließen. Mein ganzes Leben habe ich es angenommen. Heute habe ich nicht mehr eine so gefestigte Meinung dazu. Es ist ein freies Gefühl, denn ich muss dazu keine Statements mehr abliefern.

Du bist nicht die erste Mormonin in meinem Bekanntenkreis, die nicht (mehr) sicher ist, ob es Gott gibt. Worin siehst Du die Gründe für diesen Glaubensverlust bei Dir?

Mein Leben war von der Ansicht, dass es einen Gott gibt, durchdrungen. Und dieses Prinzip hat den Prüfstand nicht so ganz überstanden, weil mein Gottesbild durch und durch mormonisch geprägt war.

Anfangs habe ich nach anderen Glaubensgemeinschaften recherchiert, dann aber gemerkt, dass mir dort das Gottesbild oder auch verschiedene Lehren widerstrebten. Gottesglauben und den Berg an Mormonentum zu trennen, fand ich zu der Zeit schwierig. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob ich Teil eines neuen religiösen Umfelds sein möchte. In meiner Selbstfindung beschloss ich daher, es entspannt anzugehen und zu sehen, was ich für mich in Bezug auf Gott noch feststelle und mich daran zu orientieren. Momentan stelle ich wenig bis gar nichts fest, und das ist vollkommen in Ordnung. Ich habe gemerkt, dass es momentan kein Teil von mir und meiner Persönlichkeit ist. Das Maß ist dabei meine Erfahrung, die ich als Mormonin hatte.

Ich sehe allerdings, dass es das Gutes gibt. Wenn man es so sagen will, dann glaube ich an das Gute. Sei es nun, ob man für jemanden etwas tut, ein gutes Gefühl hat, Gutes denkt oder sich mit tollen Menschen umgibt. In solchen Situationen fühle ich mich wohl und danach strebe ich. Manche sagen vielleicht dazu „Gott“ und „Glauben“, aber ich finde das nicht so treffend. Denn Glaube, so wie ich ihn gelebt habe oder wie bei den Glaubensgemeinschaften, über die ich recherchiert habe, ist mir zu regelhaft und hat zudem viele weitere Konventionen. Oft wirkt es auf mich abergläubisch. Satan, Wunder, Vorsehung, Beten und ein Gott, der die Welt und andere lenkt, da verliere ich den Bezug.

Kann man aus Deiner Sicht Mitglied der Kirche sein, wenn man gemäß Alma lediglich darauf hofft, dass es Gott gibt bzw. man glauben kann?

So wie es momentan in der Kirche Jesu Christi ist, ja, aber nicht so gut. Würde man sich äußern wie ich, bekäme man allerhand Tipps und Ratschläge, doch das eigene Zeugnis zu stärken. Zum Beispiel durch Beten oder Schriften lesen. Außerdem müsste man dann in den Interviews seine eigenen Gefühle beschönigen.

Wie haben sich Deine Prioritäten und Prinzipien durch den Glaubensveränderungsprozess verändert?

Zum einen habe ich ergründet, was ich für richtig empfinde.

Es gibt durchaus Werte, die mir weiterhin wichtig sind:

  • Ehrlichkeit
  • Nächstenliebe
  • Treue
  • Mitgefühl
  • Gesellschaftliche Verantwortung

Was sich verändert hat:

  • Werte werden nicht mehr religiös begründet
  • Probleme sind nicht mehr institutionell begründet
  • Ich war noch nie so sehr ich selbst
  • Ich lebe entsprechend meines eigenen Rechtsempfindens
Ist Dir die soziale Trennung schwer gefallen?

Das war sehr schwer und ich habe unter der Trennung gelitten. Manchmal sehne ich mich noch heute ein paar Aspekten der Gemeinschaft. So wurde ich auch auf Openfaith aufmerksam. Ich würde jedem empfehlen, sich mit Leuten auszutauschen, die etwas Ähnliches durchgemacht haben und Erfahrungsberichte zu lesen. Mir hat es sehr geholfen und heute ist es nicht mehr so schwer.

In der Kirche gibt man häufig Zeugnis und äußert die eigenen Überzeugungen. Was würdest Du heute sagen, wo Deine Überzeugungen liegen? Was wäre heute Dein „Zeugnis“?
  • Lebe selbstbestimmt und authentisch
  • Respektiere dich selbst und deine Mitmenschen in deinem Handeln
  • Erkenne Kontrolle und wehre sie ab
  • Nicht jeder Mensch kann in der Kirche glücklich werden
  • Die Welt ist nicht böse und viele Menschen sind unabhängig von Religion unglaublich glücklich und aufrichtig
  • Es gibt viele schöne Orte, die Ruhe und Kraft bieten, so wie man es im Tempel immer gespürt hat

Was ich hoffe:

  • Früher habe ich für die Kirche auf eine „Revolution von unten“ gehofft; seit November 2015 glaube ich nicht mehr daran
  • Ich wünsche mir eine Kirche, die sich wandelt, sich von schädlicher 19. Jhd Kultur löst und Fehler einräumt
Wie stehst Du zum Buch Mormon und zur Kirchengeschichte?

Für mich persönlich gab es da nie so ein großes Problem wegen der Widersprüche, denn es war für mich immer der Fokus auf dem, was heute geschieht und nicht auf dem, was in der Vergangenheit geschehen ist. Wäre die Kirche wirklich authentisch und nicht beschönigt mit ihrer Geschichtsdarstellung (das Buch Mormon eingeschlossen), würde sie entweder zerfallen oder sich komplett umstrukturieren müssen. So, wie heute, könnte sie nicht existieren. Eines der grundsätzlichsten Aspekte, nämlich der Wahrheitsanspruch, auf den man sich beruft, müsste verworfen werden. Damit würde sich die Kirche ihrer Grundlage berauben.

Vor kurzem bin ich durch den Park gefahren, und habe jemanden auf der Bank sitzen sehen, der ein blaues eingebundenes Buch mit goldener Aufschrift las. In dem Moment dachte ich, es wäre das Buch Mormon und fuhr nochmal zurück. Es war dann zwar nicht das Buch Mormon, aber wenn es das gewesen wäre, hätte ich mit der Person ein Gespräch darüber begonnen.

Man kann aus dem Buch Mormon viele positive Dinge für sein Leben ziehen, so viel ist sicher, aber man muss sich eben auch der anderen Aspekte in Bezug auf die Kirche und insbesondere die Herkunft des Buches bewusst sein, um einen gesunden Weg damit zu gehen.

Glaubst Du, dass Du heute noch bei der Kirche wärst, wenn Du nicht von Mission heimgeschickt worden wärst?
Ich denke mindestens bis November 2015 auf jeden Fall.
Also die Veröffentlichung der neuen Handbuch-Richtlinie für Homosexuelle?

Genau, es muss ein menschenwürdiger Weg für alle existieren, die sich jenseits von hetero bewegen. Mit dieser neuen Richtlinie jedoch hat man diese Glaubensgeschwister eher noch mehr ins Abseits getrieben.

Gäbe es irgendetwas, was Du Dir von der Kirche wünschen würdest, was evtl. dazu führen könnte, dass Du zurückkehrst?

Der wichtigste Punkt wäre für mich, dass ich ohne Angst ich selbst sein kann. Dass ich offen zu meinem Leben und meinen Überzeugungen stehen kann, ohne ein Ausschlussverfahren zu bekommen. Dann fände ich wichtig, dass man sich von alten Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert löst. Das betrifft insbesondere Sexualität, Kleidung und Rollenverteilung. Zuletzt habe ich oft beobachtet, dass Leuten Berufungen aufgedrängt werden, obwohl diejenigen sagen, dass sie es nicht wollen. Das muss sich unbedingt ändern. Außerdem sollte niemand seelsorgerische Positionen ohne entsprechende Schulungen inne haben. Als Konsequenz kann ich mir unter den jetzigen Bedingungen nicht vorstellen, Kinder in der Kirche groß zu ziehen.

Liebe Anne, vielen Dank für das Interview, dass Du so vieles mit uns geteilt hast. Ich wünsche alles erdenklich Gute für Deinen weiteren Weg!

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Alexandra
Gast
Alexandra
11 Tage 13 Stunden her
Ich gratuliere dir zu deinem Mut und zu deiner Aufrichtigkeit, Anne. – Ich hatte beim Lesen so viele Gedanken, die mir in den Kopf kamen…- Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. Eines hast du sehr richtig zu erkennen…. Dieses Leben ist nicht nur dazu da Gott näher zu kommen, und ihn ueberhaupt erst einmal zu erkennen, sondern ganz wichtig, wie du richtig erkannt hast, um Authentizität zu entwickeln und sich zu erkennen. Ich habe ein Zeugnis davon, dass jeder später im Reich Gottes dort einen Platz haben wird, wo er glücklich sein kann und wird. … Entsprechend seiner Persönlichkeit. Du hast dich unfrei gefühlt, und du könntest in der Kirche, mit den Geboten und Verordnung nicht leben und glücklich werden, wohingegen es andere gibt, die die Gebote gar nicht als Einschränkungen sehen, sondern, die auch ohne dass es sie geben würden, ihr Leben danach ausrichten wuerden, weil es… Weiterlesen »
Alexandra
Gast
Alexandra
11 Tage 13 Stunden her

Doofes Telefon… Lol. Es hat mir unbemerkt Fehler eingebaut und ich kann sie nicht korrigieren… Arg. 🙂

Alexandra
Gast
Alexandra
11 Tage 13 Stunden her

PS…
Es geht ja nicht nur um das Befolgen von Geboten, sondern darum, Erkenntnisse zu entwickeln, warum es sie gibt.
Gebote zu Befolgen, ohne das das Herz voll dahinterstehen kann, und es einen glücklich macht, bringt auf Dauer nicht sehr viel, es sei denn, man durchlebt eine echte Herzenswandlung; das geschieht aber nur, wenn man es selbst will und nicht weil es von einem erwartet wird – und der Kreis schließt sich, dass man authentisch werden soll, denn früher oder später brechen immer unerfuellte Bedürfnisse hervor, wenn man sie lediglich unterdrückt, anstatt daran zu arbeiten sie zu meistern. 🙂

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