Patrick Mason bei FairMormon: Der „Alles oder Nichts“-Mormonismus wird keinen Bestand haben

Patrick Mason, Author des neuen autorDeseret Book Titels Planted: Belief and Belonging in an Age of Doubt, sprach vor kurzem bei einer FairMormon-Konferenz erstaunlich authentisch über die aktuelle „Kulturkrise“ der HLT-Kirche im Umgang mit Zweifel. Er ging dabei auch auf den Brief an einen CES-Direktor, die Verantwortung der Kirche(-nkultur) für die Reaktionen zweifelnder Mitglieder und Prognosen für die Zukunft der Kirche ein. Hier die Übersetzung einiger Höhepunkte des Vortrags inkl. Zeitangaben der jeweiligen Stelle im Video: (Die Aufzeichnung selbst ist nur auf englisch vorhanden, aber ich empfehle, es komplett zu hören, denn vieles darin ist erfrischend authentisch und exzellent. Das bin ich von FairMormon-Konferenzen in letzter Zeit nicht gewohnt.)

12 Min. 6 Sek.
Der CES-Brief ist beispielhaft für diese „Alles oder Nichts“-Herangehensweise an das Thema Religion. Der Brief ist in gewisser Weise ein perfektes Spiegelbild der Version des Mormonismus auf die er reagiert. Jeremy Runnels mag den Brief geschrieben haben, aber es war eigentlich unvermeidbar, dass dies geschieht. Irgendjemand, irgendwann, irgendwo hätte diesen Brief geschrieben weil er eine offensichtliche Antwort auf einen gewissen Stil, Ton und Modus des Mormonismus darstellt. Diese Art von Mormonismus mündete in einer stark doktrinären „um keinen Zentimeter zurückweichen“-Position, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von bestimmten Kirchenführern und Mitgliedern eingenommen wurde.

Ich stimme mit der Grundidee des CES-Briefes überein, nämlich dass sich der Mormonismus auf den er reagiert so nicht aufrecht erhalten lässt. Wo ich nicht übereinstimme ist dass der Mormonismus auf den er reagiert, der echte und unvermeidliche Mormonismus ist. Es war sicher der Mormonismus mancher, jedoch nicht meiner und ich glaube es ist nicht der Mormonismus der auf Jahrzehnte und Jahrhunderte hinaus Bestand haben wird.

Eine unserer Hauptaufgaben wird es sein, eine bessere, differenziertere und -offen gesagt- christlichere Theologie über Propheten zu entwickeln. Wir haben unsere Propheten zu oft wie Halbgötter behandelt. Wir glauben nicht an prophetische Unfehlbarkeit. Es kann nicht genug gesagt werden und nicht ernst genug genommen werden.

Das Video inkl. Verlinkung zur englischen Textversion hier

14 Min. 36 Sek.
Wie Sie erkennen können, glaube ich nicht dass wir einfach den Zweiflern die Schuld zuschieben können, nicht genügend geglaubt zu haben…in Wirklichkeit wurde in manchen Fällen ihr Glaubensverlust dadurch mitbeeinflusst, dass von ihnen verlangt wurde zu viel zu glauben – entweder in der Abwesenheit glaubhafter Daten oder durch doktrinäre Vorstöße und theologische Konstrukte, die sich mit der Zeit nicht bewähren konnten und manchmal sehr offensichtlich falsch waren.

Hier zwei Beispiele von meiner eigenen Mission: Erstens habe ich als 19-jähriger wiederholt und voller Überzeugung Zeugnis gegeben, dass Joseph Smith als junger Mann absolut nicht in Schatzsuchen oder Goldgräberei verwickelt war – ich kann kaum aufzählen wie vielen Leuten ich das erzählt habe. Zweitens habe ich mit anderen Missionaren gemeinsam in verschiedenen Ansprachen von Generalautoritäten gelesen dass Schwarze im vorirdischen Dasein zu feige waren, sich für Christus zu entscheiden und deshalb mit einem Fluch auf diese Welt kamen.
Bezüglich des ersten Beispiels mit der Goldgräberei von Joseph Smith hatte ich überhaupt keine Absicht, irgendjemanden zu belügen, aber genau das tat ich denn ich wurde in meiner Jugend nicht besser belehrt. Das zweite Beispiel mit den Schwarzen ist noch wesentlich schädlicher gewesen und mit moralischen und ethischen Bedenken verknüpft die mich aus heutiger Sicht anwidern. Aber als Missionare taten wir einfach das was der Rest der Kirche und ihre Führer für ca. 150 Jahre taten: Historische und theologische Löcher mit verwerflich schlechten Erklärungen zu füllen weil wir der Meinung waren wir bräuchten eine solide doktrinäre Basis für alles auch wenn wir dafür erfinderisch sein mussten.

18 Min. 43 Sek.
Sobald [forschende Mitglieder] diese neuen Fakten [aus dem CES-Letter] entdecken und realisieren dass diese nicht die Erfindungen bösartiger Anti-Mormonen-Propaganda sind, fragen sich viele Mitglieder was ihnen sonst noch vorenthalten wurde. Sie fangen an, Falschheit anstatt von Authentizität in der offiziellen Präsentation der Kirchenlehre und -geschichte zu sehen. Skepsis und Zweifel überwinden Vertrauen und Glauben. Eine der Ironien die wir in der Diskussion über Zweifel noch nicht vollständig verstanden haben ist dass unsere Kirchenkultur auf verschiedene Weisen mitverantwortlich dafür ist, wie verschiedene Mitglieder auf problematische Informationen reagieren. Ob sie es beabsichtigen oder nicht, manche zweifelnde Mitglieder wenden häufig das an was sie in wohlgemeinten aber destruktiven PV- und Jugendklassen gelernt haben: z.B. wenn der Lehrer der Klasse eine Schale Eiskrem zeigt und dann einen klein wenig Dreck darauf fallen lässt und die Schüler fragt ob irgendjemand es jetzt noch haben möchte. Natürlich sagen alle „Nein“ und der Lehrer weist darauf hin dass genau das passiert wenn man ein klein wenig sündigt: „Es ruiniert alles!“. Diejenigen die also nur ein klein wenig Schmutz in der Kirchengeschichte sehen, handeln in vollem Einklang mit dem was ihnen ihr ganzes Leben lang beigebracht wurde: „Gott kann nicht mit der geringsten Billigung auf Sünde blicken.“ Somit wenden wir uns von Sünde ab und lassen von Unreinheit ab. Da sie die kognitive Dissonanz nicht verarbeiten können, wird ihre Beziehung zur Kirche, über die „ein klein wenig“ Schmutz gestreut wurde, immer schwächer und bricht sehr häufig komplett.

 

 

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Tobias
Gast
Tobias
1 Jahr 1 Monat her

Weist du warum das Video gelöscht wurde? Hat es kommerzielle Gründe?
Weil es kann ja keine inhaltlichen Motive geben, wenn der Inhalt in Textform weiterhin erhältlich ist.

Aber es tut gut einmal solche Kommentare (wie von P. Mason) von anderen aktiven Mitgliedern zu hören. Es spiegelt genau meine Ansicht wieder was ich seit Jahren denke. Leider gibt es viel zu wenige Menschen in der Kirche mit denen man sich überhaupt über solche Themen austauschen kann. (Bzw. überhaupt differenzieren zwischen offizieller Kirchen-Kerndoktrin, Mainstream-Meinungen und einzelnen Privatmeinungen. Wobei allein schon diese Kategorisierung stark diskutiert werden kann.)

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