Analyse: „Sie können die Kirche verlassen, sie aber nicht in Ruhe lassen“

“Sie können die Kirche verlassen, sie aber nicht in Ruhe lassen” – oder auf englisch „They can leave the church but they can’t leave it alone.“

Dieser Satz steht für eine Denkweise oder einen Vorwurf, mit dem viele hinterfragende und ehemalige Mitglieder von ihren traditionell kirchengläubigen Mitmenschen konfrontiert werden. Dahinter steht die Annahme, dass jemand aus niederen Instinkten heraus weiterhin die Beschäftigung mit der Kirche sucht, obwohl man sich bereits abgewandt hat. Gleichzeitig steckt darin die Erwartung, dass man die Kirche einfach still verlassen sollte, ohne eine offene Aufarbeitung mit den „noch“ gläubigen Mitmenschen. In diesem Artikel wird darauf eingegangen, was dieser Denkansatz in einem Menschen auslöst und was daran kritisch zu bewerten ist.

Adaptiert und übersetzt mit Genehmigung aus einem Artikel von Dr. John Dehlin
(https://www.mormonfaithcrisis.com/why-you-cant-and-shouldnt-leave-the-mormon-church-alone/ )

Es kann unglaublich weh tun, etwas in diese Richtung zu hören, weil…

…dadurch eine häufige Fehlannahme verstärkt wird: nämlich dass man irgendwie beleidigt war und nun sauer ist – aber dass man es nicht schafft drüber hinwegzukommen, wie ein Kind dessen Lollie in den Dreck gefallen ist

…es sich wie eine Bevormundung anfühlt – es erkennt auch in keiner Weise den Schaden an, der durch die Kirche im eigenen Leben womöglich verursacht wurde

…es wie ein Versuch wirkt, Menschen mit berechtigten Bedenken ruhig zu stellen

…es bestätigt, wie sehr andersartige / andersdenkende Menschen in einer religiösen Gemeinschaft beschämt werden können

Es ist allerdings völlig normal…

…dass man in so einer Phase fast obsessiv Artikel und Bücher über den Mormonismus liest – schließlich gibt es viele Informationen, die einem über einen sehr langen Zeitraum vorenthalten wurden

…dass man Ärger verspürt. Ärger ist eine kritische/wichtige Phase im Trauerprozess die hilft, sich zu fokussieren. Ärger als Sekundäremotion hilft auch, Primäremotionen wie Verlust, Trauer etc. zu entdecken, was dazu führen kann dass man sich vor weiteren vergleichbaren Erfahrungen schützen kann

…dass man mit seiner Familie über diese Dinge sprechen möchte…die Familie ist das Wichtigste – das wurde uns auch in der Kirche so gelehrt – außerdem kann es sehr heilsam sein, wenn jemand in der Lage ist, ein sensibles, offenes Gespräch über die eigene Glaubensveränderung zu führen

…dass man in so einer Phase Online-Foren, etc. aufsucht und sich Unterstützung sucht – man braucht Ermutigung, Validierung, Weisheit und Feedback, um den richtigen Weg zu finden, zu gehen und dabei Fehler zu vermeiden

Es wäre seltsam und ungesund…

…von einer fundamental beeinflussenden Religion wie dem Mormonismus wegzulaufen – ohne eine signifikante Anstrengung zu lernen, zu besprechen und es mit den Menschen die man liebt emotional zu verarbeiten.

…die Kirche still zu verlassen und nichts zu verarbeiten, da man dabei Gefahr läuft, in ungesunde Verhaltensweisen und Muster abzurutschen. (Vermeidung, Nicht-Akzeptanz, Aufgabe zentraler Werte, etc.)

Zusammenfassung

Der Prozess, den man als hinterfragender HLT oder Ex-HLT-durchläuft, ist ein wesentlicher und gesunder Bestandteil für die eigene persönliche Entwicklung. Es kann und sollte nichts dabei überstürzt werden, und man sollte sich nicht beschämen oder zur Vermeidung beeinflussen lassen. Während der Prozess des Navigierens für die traditionell gläubigen Mitglieder um Dich herum höchstwahrscheinlich unbequem und unangenehm sein wird, kann man Trost in der Tatsache finden, dass man die Kirche schließlich auf ganz natürliche Weise „in Ruhe lassen“ wird. Dies passiert, sobald man den völlig verständlichen und gerechtfertigten Schock und die Zerrüttung, die eine mormonische Glaubenskrise mit sich bringt, vollständig verarbeitet hat und sobald die Wunden vollständig geheilt sind.

Quelle: https://www.mormonfaithcrisis.com/why-you-cant-and-shouldnt-leave-the-mormon-church-alone/

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Kathi
Kathi

Vielen Dank, das musste einmal gesagt werden! Tat gut.

Nils
Nils

Habe den Satz selbst noch nie benutzt. Aber denke er kommt auch in unseren Breitengraden vor.