Ansprache: „Das richtige tun, zur richtigen Zeit – ohne zu zögern“

Ausführliche Fassung der Ansprache von Guido Müller – Gemeindehaus Kreuzlingen, 28. Juli 2019

Als Cedric mich darauf ansprach, über dieses Thema sprechen zu dürfen, trafen mich gleich zwei Blitze. Der eine Blitz war, dass ich eine gefühlte Ewigkeit keine Ansprache mehr gegeben habe und eine gewisse Nervosität aufkam. Der zweite war allerdings ein Blitz der Begeisterung für das Thema, das mir gegeben wurde. Ich glaube das Thema gab den Ausschlag für mich, meinen Mut zusammenzunehmen und diese Ansprache zu halten: Es lautet: „Zur richtigen Zeit das Richtige tun, ohne zu zögern“.

Die letzten Monate ging es für mich dank eines Gartenbauprojektes zu Hause jeden Tag darum, „zur richtigen Zeit das Richtige zu tun, ohne zu zögern“. Mir kam auch sofort noch meine Lieblingschriftstelle der letzten Monate in den Sinn: “Das Feld ist schon weiß, zur Ernte bereit.” – eine Schriftstelle über die ich immer wieder nachdenken musste und die heute eine völlig neue, andere Bedeutung für mich gewonnen hat im Vergleich zu damals – dazu komme ich dann noch. 

Aber zunächst mal noch zurück zu unserem Garten: Wir hatten uns das Ziel gesetzt, vor dem großen Familienbesuch und Familienfeiern, die uns bevorstanden, das Projekt „Garten“ fertigzustellen und diesen von einer Mischung aus steiniger Müllhalde, dorniger Wildwucherlandschaft und Hornissenparadies in einen Garten zu verwandeln, in dem wir, unsere Kinder und unsere Gäste / Freunde sich sicher und gerne aufhalten würden. Ein Garten, in dem statt giftiger Vogelbeeren schöne Früchte wachsen. Und in dem statt einer ständigen Verletzungsgefahr für die Kinder Möglichkeiten zum Toben und zum Spielen bestehen.

So gab es über mehrere Monate VIELE VIELE richtige Dinge auf die richtige Weise zur richtigen Zeit zu tun. Es hieß für uns dabei erstmal jedoch noch nicht “Das Feld ist schon weiß, zur Ernte bereit”, sondern:

“Der im Garten über 30 Jahre angesammelte Müll und Schutt ist zusammengesammelt worden – zum Abführen bereit.”

„Der Baum ist hässlich oder krank, zum Fällen bereit“

„Der Dornenbusch ist aufgegraben worden, zum Rausziehen bereit“

„Der Baum ist gefällt, zum Zersägen bereit“

„Der Garten ist voller Grünschnitt, Unkraut und ausgegrabenem Buchwerk, zum Abführen bereit“

„Der Bagger ist da, zum Graben bereit“

„Der Beton ist gemischt, zum Füllen bereit“

„Das Fundament der Mauer ist gelegt, zum Vermauern bereit“

„Die acht Paletten Pflastersteine sind geliefert worden, zum Abholen bereit“

„Der Boden ist geebnet und von Steinen gereinigt, zum Gießen bereit“

„Der Mörtel ist flüssig, zum Verputzen bereit“

„Der Mauerputz ist getrocknet, zum Streichen bereit“

„Die Arbeit ist zu umfangreich oder schwer für eine Person, aber liebe Leute aus der Gemeinde sind da – zum Helfen bereit“ (Vielen Dank an alle, die uns geholfen haben – und das waren nicht wenige – unser Liebe und Dankbarkeit für Euch kennt keine Grenzen! Wir hoffen, Euch etwas zurückgeben zu können!)

Es hieß dann aber auch irgendwann:

„Der Boden ist aufgelockert, zum Säen bereit“

„Der Baum ist gepflanzt, zum Gießen und Düngen bereit“

usw. Usw. Usw.

Bei ganz vielen dieser Aufgaben kam es entscheidend auf das Timing an. Wenn das Timing nicht stimmte, wurde das Ergebnis deutlich schlechter. Eine Entschlossenheit, zu jeder Zeit das richtige zu tun, ohne Zögern, wurde zum Erfolgsfaktor. Auch wenn man vielleicht keine Lust hatte, oder man dabei schmutzig und nass wurde.

Die Arbeit im Garten und auch das erfreuliche Ergebnis (sehr zufriedenstellend und etwas, das wir, unsere Kinder und Gäste nun täglich genießen können) motivierte mich zur Grundeinstellung, auch was meine Seele und mein geistiges Leben betrifft, entschlossen die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu tun – und ich stellte mir die Frage, was passieren würde, wenn ich die gleiche Entschlossenheit und Bereitschaft, jegliche Anstrengungen und Arbeiten zu tun, genau dann wenn sie anfallen – auch im “Garten meiner Seele” zur Anwendung bringen würde.

Wie sieht es im „Garten unserer Seele“ aus?

Wie sieht es also im „Garten unserer Seele“ aus? Wuchern die Wildbäume, die Stachelsträucher, das Unkraut? Liegen überall Steine herum? Hat sich viel Schutt und Müll angesammelt – sowohl geistig als auch körperlich? Können wir den Aufenthalt in unserem Seelengarten uneingeschränkt genießen und uns daran freuen? Oder wollen wir lieber gar nicht über unseren Zustand nachdenken und müssen konstant davon ablenken?
Können sich auch andere freuen, wenn Sie mit unserer Seele in Kontakt treten, oder werden sie sich an herumliegenden Scherben, Steinen und an Wurzeln und Dornen verletzen – werden sie über Löcher und Steine stolpern?

Oder ist unser Garten gut bestellt, gereinigt, und hergerichtet, so dass man darin spielen, toben, ausruhen und genießen kann?

Um zu so einem angenehmen Seelengarten zu kommen, könnte es für uns heißen: (Ich versuche dabei mal eine Art Gleichnis mit unserem Gartenprojekt herzustellen)

„Die schlechten und unfreundlichen Gewohnheiten sind hässlich und krank, zum Fällen bereit“

„Unsere schlechten Wünsche und Gewohnheiten sind gefällt, zum Zersägen bereit“

„In unserem Garten liegen überall gefällte egoistische Gedanken und Gewohnheiten herum, zum Abführen bereit“

„Probleme, Krankheiten und Lebenskrisen (Bagger) sind da, und der harte Boden unserer Seele zum Auflockern und Aufgraben bereit“ – (Mag es manchmal sogar wie bei unserem Projekt ein 8 Tonnen Bagger, also eine sehr große Lebenskrise notwendig sein, unsere harten Seelen weich und empfänglich für eine Kursänderung zu machen?)

„Ein guter, liebevoller oder hilfsbereiter Gedanke ist gefunden, zum Säen bereit“

„Eine Schwester, ein Bruder oder eine Familie aus unserem Umfeld brauchen Hilfe, sind wir zum Helfen bereit?“

„Unsere Familie braucht mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe, sind wir zum Reduzieren weniger wichtiger Hobbys (Ich denke da zunächst z.B. an Fussballübertragungen und Spielkonsolen) oder Verpflichtungen bereit – sicherlich können stellenweise auch sehr gute Dinge wie eine Aufgabe in einer Partei, einem Verein oder sogar in der Kirche zu viel werden…“

„Überlieferungen und Glaubenssätze, die nicht mit Nächstenliebe übereinstimmen – egal aus welcher Quelle sie kommen mögen – sind identifiziert worden, sind wir zum Entsorgen dieser Überlieferungen bereit?“

Als Beispiel so einer Überlieferung könnten wir nehmen, das Schwarze nicht würdig seien, das Priestertum zu empfangen – diese rassistische Lehre war zu keiner Zeit richtig – dennoch sie dazu geführt, dass die Gegenwart weißer Heiliger der Letzten Tage für viele Jahrzehnte zu einem gefährlichen, dornigen, steinigen und unangenehmen Wildgarten für wunderbare Kinder Gottes anderer Hautfarbe wurde. Warum? Weil wir uns vorschnell einer von Autoritäten vorgegebenen Überlieferung oder Auffassung angeschlossen haben.

Frühe Kirchenführer haben davor gewarnt, eine solche Form von Autoritätshörigkeit zu praktizieren:
In einer früheren Ausgabe des Leitfaden Lehren des Propheten Joseph Smith heisst es “ …. Er ( Joseph Smith) bezog das ( Ezechiel 14 ) auf den gegenwärtigen Zustand der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage und sagte, wenn sich die Leute vom Herrn abwenden, müssen sie fallen; sie verließen sich alle auf den Propheten, darum seien sie in ihrem Verstand verdunkelt, und zwar deshalb, weil sie das, was ihnen selbst obliegt, vernachlässigen …“ Seite 241; deutsche Ausgabe 1983) 

Haben diskriminierende Lehren, die wir innerhalb oder außerhalb der Kirche vernommen haben, in unserem Leben noch Platz? Grenzen wir statt Schwarzen vielleicht andere Menschen aus? Wie sieht es mit unserer Einstellung ggü. LGBT-Individuen aus? Petrus sah in einer Vision ein Tuch voller unreiner Speisetiere, und verstand die Vision so, dass alle Menschen für den Empfang des Evangeliums „würdig“ seien…nicht nur die Juden. Wer sind für uns die Menschen, denen gegenüber wir uns nach Gottes Willen öffnen sollten?

Und was ist mit unsere eigenen Seele? Haben Lehren in unseren Gedanken Platz, die unseren Garten für UNS SELBST zu einem unangenehmen Ort werden lassen? Belasten wir uns durch unseren Gehorsams-Perfektionismus oder durch einen übertriebenen „Würdigkeits-Wahn“ so stark, dass wir kaum noch Ruhe, Freude und Kraft finden? Dass wir kaum noch die einfachen, alltäglichen Freuden des Lebens genießen können?

Ein wichtiger Gradmesser für den geistigen Stand unserer Seele ist sicherlich, wenn wir uns ehrlich die Frage beantworten, ob wir glücklich sind. Dabei kann es helfen, wirklich glückliche Menschen in unserem Umfeld zu haben. Mit Glück meine ich NICHT Besitz, Ansehen oder Wohlstand, sondern eine innere, freudige Erwartung des Lebens verbunden mit konstantem inneren Frieden und Zufriedenheit. Wie viele von uns fühlen sich wirklich uneingeschränkt glücklich?

Ein weiterer Gradmesser für unseren geistigen Stand ist es, zu untersuchen, wie die schwächsten Individuen in unserer Umgebung behandelt werden:
Menschen die anders sind als das Ideal oder der Standard, Menschen die am Rand stehen, Menschen die krank sind, Menschen die schwach sind, Menschen, die allein sind, Menschen die ihre Heimat verloren haben, Menschen, die in Not sind.

ALLES, was uns daran hindert, Menschen zu lieben, sollte in unserem Leben hinterfragt werden.

Gerade letzten Sonntag war eine Familie aus El Salvador hier in der Gemeinde. Sie lebten für ein paar Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft hier in Kreuzlingen und fanden ihren Weg in die Gemeinde. Ihr Schicksal, von dem sie uns beim Mittagessen erzählten, war sehr ergreifend: Kriminelle Banden bedrohen ihren Lebensalltag. Sie wurden genötigt, für diese Banden bei anderen Geschäften Steuern/Abgaben einzutreiben. Wenn Sie dies nicht taten, drohte ihnen der Tod. Da es aber illegal ist, für die Banden Abgaben einzutreiben, kamen sie dadurch in Konflikt mit dem Gesetz des Landes und ihnen drohten die entsprechenden Strafen – vermutlich Gefängnis. Wir konnten verstehen, dass sie fliehen mussten. Das Leben ihrer Familie war in Gefahr. Dennoch konnten sie nicht ansatzweise auf Asyl hoffen. Iris steht mit der Familie noch in Kontakt. Aktuell befindet sie sich in Spanien – zumindest in Sicherheit, wie die Mutter Iris mitteilte.


Genau das bringt mich nun zum Satz:

“Das Feld ist schon weiß, zur Ernte bereit”

Unsere übliche Interpretation dieser Worte aus Lehre und Bündnisse Kapitel vier lautet: 

“Es sind viele Menschen bereit, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage kennenzulernen.”

Das stammt aus einem Leitfaden und grundsätzlich mag das stimmen, ich gebe aber zu dass ich hierzulande oft nicht den Eindruck habe, dass Menschen uns ständig über unsere Religion ausfragen wollen und kaum erwarten können, in unsere Kirche zu kommen. Ich finde es mittlerweile zu kurz gegriffen, diesen Gedanken lediglich auf das klassische Missionieren zu beziehen, also Freunde auf den Glauben anzusprechen, an Türen zu klopfen, in der Fussgängerzone Menschen anzusprechen. Uns mag es manchmal so vorkommen, dass manchmal noch nicht mal der Boden locker ist, denn wir kassieren regelmäßig Ablehnung. Allerdings möchte ich Ihnen vorschlagen, den Satz auch noch etwas anders zu verstehen…

Meine Vorschläge für eine andere Interpretation


José L. Alonso von den Siebzigern sagte in der Herbst-Generalkonferenz 2011:
“Wir haben jeden Tag die Gelegenheit, zu helfen und zu dienen und können zur rechten Zeit und ohne zu zögern das Richtige tun. Denken Sie an die vielen Menschen, die nur schwer einen Arbeitsplatz finden oder die krank sind, die einsam sind oder sogar meinen, alles verloren zu haben.”
Ich bin fest davon überzeugt, dass nicht die Gelegenheiten fehlen, sondern eher unsere mangelnde Wahrnehmung.

Vielleicht haben Sie schon das neue Video der Kirche gesehen von dem Jugendlichen, der ständig auf sein Smartphone schaut und nicht wahrnimmt, dass während einer Pause eine Klassenkameradin hinter ihm weint…und getröstet werden möchte. Er nimmt nicht wahr, dass er einer älteren Dame im Geschäft die Tür aufhalten könnte. 

Es ist sicher nicht nur das Smartphone, das uns daran hindert, einen angenehmen Garten für alle Menschen zu schaffen, sondern manchmal sind es auch unsere verkrusteten Ansichten: Ein Beispiel:
“Ich bin besser als Du” – ein Gedanke den wohl niemand von uns bewusst unterschreiben würde, aber der sich unbewusst immer wieder mal einschleichen mag. Wenn wir Überlegenheitsgedanken haben, haben Nächstenliebe-Gedanken keinen Platz mehr. Fühlen wir uns als Heilige der Letzten Tage in irgendeiner Weise besondererer, wertvoller oder “erwählter” als andere Gläubige oder als andere Nicht-Gläubige?

Das Leben ist voll von Gelegenheiten zum Dienen, zum Helfen, zum Ermuntern, zum Erheitern, zum Erfreuen. Das Feld ist jeden Tag weiß, zur Ernte bereit! Die Möglichkeiten zum Dienen warten an jeder Ecke, wenn wir nur danach suchen. Wir können so viel Glücklichsein und Segen anhäufen, dass unsere Lager vor Überfüllung platzen.

Wir können…
…trauriger Menschen in unserer Umgebung trösten
…Türen aufhalten
…Heruntergefallenes aufheben
…Umzüge mitgestalten
…Gärten in Ordnung bringen
…Kaputtes für andere reparieren
…Entmutigte ermutigen
…Menschen die allein oder ausgegrenzt sind, einladen
…Gute, inspirierende Gedanken teilen
…Familienmitgliedern ungeteilte Aufmerksamkeit und Gemeinschaft schenken
…Aufgaben in der Gemeinde erfüllen
…uns Unrecht offen entgegenstellen wo wir ihm begegnen – EGAL WO wir ihm begegnen


Wir können voller Freude unsere Sichel einschlagen. Damit erfüllen wir das wichtigste Gebot: Liebe Deinen Nächsten und nebenbei auch noch das Gebot der Missionsarbeit, denn Missionsarbeit ohne Nächstenliebe ist wie ein Motor ohne Benzin, wie ein Sommerabend ohne Sonne, oder wie ein Computer ohne Software – absolut unbrauchbar und undenkbar. Wenn wir Nächstenliebe wählen, egal ob sie mit kulturellen Erwartungen übereinstimmt oder nicht, können wir nicht fehlgehen. Wir werden wahre Freude finden. Wir werden lernen, unsere eigene innere Autorität und unseren Sinn für Recht und Unrecht zu entwickeln. Wir werden empfänglicher für Lehre, die Nächstenliebe fördert und resistenter gegen Lehre, die Nächstenliebe verhindert. Wir werden empfänglicher für Lehre, die uns nachhaltig glücklich macht – ohne Umwege und ohne unnützen religiösen Ballast.

Dies ist meine feste Überzeugung und mein Zeugnis: Im Namen Jesu Christi Amen.

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Folkhard
2 Monate 14 Tage her

Lieber Guido, deine Ansprache finde ich toll und kann mich als Schrebergarten Besitzer sehr gut mit dem Leitgedanken Deiner Ansprache, identifizieren. Besonder schön finde ich die Aussage > Der Garten unserer Seele Gradmesser unseres geistigen Standes < haben mich zum Nachdenken gebracht. Ob wir glücklich sind und wie wir andere behandeln, ist mit Sicherheit ein guter Indikator für meinen Stand. "Haben Lehren in unserem Leben Platz, die unseren Garten für uns selbst zu einem unangenehmen Ort werden lassen? Belasten wir uns durch unseren Gehorsams-Perfektionismus oder durch Würdigkeits-Wahn so stark, dass wir kaum noch Ruhe, Freude und Kraft finden?" << ist eine Schlüsselaussage für mich. Werde jetzt wohl bei der Gartenarbeit nicht um diese Gedanken und ihre Bedeutung für mich, herumkommen.

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