Chantal: „Wenn es diese Kirche gibt die Dir, Gott, gefällt, dann zeig‘ sie mir!“

Wenn ich Chantals Glaubensreise in wenigen Sekunden wiedergeben müsste, würde ich sagen:
In Afrika auf der Flucht zur Welt gekommen, in Deutschland auf beeindruckende Weise in die HLT-Kirche getauft. Exakt am Tag ihres 25-jährigen Taufjubiläums (während eines Kampfes gegen Krebs und gegen Ende einer sehr komplizierten Ehephase) wie durch ein Wunder zur „Gemeinschaft Christi“ bekehrt.

Chantal ist in Burundi auf der Flucht geboren worden und musste noch als Kind mit ansehen, wie Soldaten ihre Mutter geschlagen haben.

Während ihrer Jugend in Norddeutschland war sie zwar sicher vor der Gewalt rivalisierender Stämme, aber leider nicht vor der Übergriffigkeit ihres Stiefvaters. Als das Jugendamt einschritt und sie in ein Jugendwohnhaus kam, war das die beste Zeit ihres jungen Lebens, wie sie sagt. Sie übernahm trotz all dieser Widrigkeiten über drei Jahre Verantwortung als Schulsprecherin.
Als sie dann mit 17 Jahren in einer Jugend-WG lebte, lernte sie zum ersten Mal Missionare der Kirche kennen.
Es kam jedoch nicht zur Taufe – auch weil ihr Stiefvater warnte: „Das ist eine Sekte“.

Erst später ging es weiter mit ihrer Bekehrung. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie einen atheistischen Freund und es kamen Zeugen Jehovas vorbei, die ein Traktat zum Zweiten Kommen Christi zurückließen.
Chantal fragte sich: Was, wenn Christus jetzt wirklich wiederkommen würde? Sie dachte sich auch, dass sie Christus in Anbetracht seines großen Opfers fair gegenüber sein wolle und ihn nicht ausnutzen wolle.
Ab dann stellte sie sich häufig die Frage: „Welche Kirche würde Gott am besten gefallen?“
Einige Wochen später las sie eine Bibelstelle, die sinngemäß lautete „Wer suchet der findet“. Sie betete in ihrem Herzen: „Wenn es diese Kirche gibt die Dir, Gott, gefällt, dann zeig sie mir!“

Ein paar Tage später sah sie an einem Bahnhof einen HLT-Vollzeitmissionar, der grad allein ohne Companion unterwegs war. Er setzte sich – wie es das Schicksal wollte – genau ins gleiche Zugabteil in dem sie bereits war… Im Gespräch ergaben sich weitere Belehrungstermine.
Bei der zweiten Diskussion war ihr späterer Ehemann, Henning, zugegen, auch wenn es noch einige Jahre plus eine Vollzeitmission für beide dauerte, bis die beiden zueinander finden sollten…

Chantal war ein sehr aktives, begeistertes Mitglied der Kirche und erfüllte zahlreiche Berufungen:
Gemeinde JD Leitung, mehrere Male PV Lehrerin, PV Leitung, Pfahl JD Leitung (in zwei Pfählen), FHV Lehrerin, Institutslehrerin. Sie sagt rückblickend auch, dass sie ihre Mitgliedschaft in der Kirche nicht bereut, sondern mit Dankbarkeit zurück blickt.

Für Henning hingegen, der fast direkt nach seiner Mission als Zweigpräsident berufen wurde, begann recht früh eine jahrelange Glaubenskrise in Bezug auf Kirche. Für beide waren die sich entwickelnden unterschiedlichen Ansichten über viele Jahre eine starke Belastung ihrer Ehe, ja fast eine Zerreissprobe.

Henning wagte dann Jahre nach seinem Austritt einen zweiten Versuch mit der HLT-Kirche – aus Chantals Sicht ging er damit auch einen Schritt auf sie zu, wofür sie ihm sehr dankbar war. Sein zweiter Anlauf mit der Kirche verlief auch zunächst gut, bis dann eine neue Bischofschaft eingesetzt wurde. Mit dieser gab es von Anfang an Stress und er wurde indirekt (aber deutlich genug) in einer Ansprache vom Gemeindepräsidenten als „Wolf“ gebrandmarkt, der die Schäfchen vom Weg abbringen würde. Dabei wollte er eigentlich nur ein etwas progressiveres Denken in der Gemeinde anregen, das er für sich selbst als gesund entdeckt hatte. Henning blieb dann der Gemeinde fern und lernte die Gemeinschaft Christi (Community of Christ) kennen, vormals als „Reorganisierte Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ bekannt, und die auch im nahen Augsburg einen Zweig hatte.

Chantal empfand die Brandmarkung von Henning in ihrer HLT-Gemeinde als unfair, und dies sollte ein gewichtiger Grund sein, warum sie dann später selbst inaktiv wurde…

Chantal, zu diesem Zeitpunkt noch voll aktiv, bekam einige Jahre nach Hennings endgültiger Distanzierung von der Kirche eine niederschmetternde Diagnose: „Brustkrebs“. Eine Infektionskrankheit hätte in dieser Lage tödlich für sie enden können, weswegen ihr medizinisch untersagt war, sich in größeren Menschenansammlungen aufzuhalten. So ließ sie gezwungenermaßen zunächst ihre Berufung als Institutslehrerin ruhen und meidete Kirchenversammlungen.

Sie fing während dieser Zeit auch an, den deutschsprachigen CES-Letter zu lesen, mit dessen Übersetzung Henning involviert war, dennoch fühlte es sich für sie auch komisch an, Sonntags nicht mehr hinzugehen.

Genau an ihrem 25. Tauftag geschah aus Chantals Sicht ein Wunder:
Ein Apostel der Gemeinschaft Christi war grad bei München unterwegs. Als er von Chantals Krankheit hörte, bot er an, ihr einen Krankensegen zu geben. Es war ein wunderschönes, geistiges Erlebnis, das Chantal nie vergessen wird.

Sie fühlte sich zu dieser Zeit zurückerinnert an ihre Bekehrungszeit als junge Erwachsene, wo sie sich die Frage stellte: „Welche Kirche würde Gott am besten gefallen?“

Nun fiel ihre Antwort anders aus: auf die Gemeinschaft Christi.

Ende 2015 ließ Chantal sich gemeinsam mit Henning in der Gemeinschaft Christi konfirmieren. Eine erneute Taufe war nicht nötig, denn die Taufe bzw. das Bündnis, welches Chantal in der HLT-Kirche mit Gott einging, wurde als gültig anerkannt.

Als HLTs können wir uns das kaum vorstellen, ABER:
Die Gemeinschaft Christi verlangt, wie Chantal mir sagte, keine Distanzierung oder einen Austritt aus einer bestehenden Kirche, um dort in der Gemeinschaft teil zu haben. Vielleicht zeigt das: Sie respektieren die Taufe, die Bekehrung und die bisherige Glaubensreise ihrer neuen Glaubensgeschwister in hohem Maße und verstehen sich primär als Community von Menschen, die Christus nachfolgen wollen – nicht primär als Kirche, der man angehören muss, um errettet zu werden.

Chantal nahm die letzten Jahre an einem Master of Art & Religion Programm an der University of Graceland teil – ein Studienprogramm für angehende Geistliche.

Aktuell führen Chantal und Henning regelmäßig bei sich zu Hause in München eine Hauskirche durch und freuen sich über jeden, der dort mit ihnen Gott näher kommen und Gemeinschaft pflegen möchte.

Als Bestätigung für ihre Entscheidung, sich von der HLT-Kirche distanziert zu haben, nahm sie den Umgang der Kirche mit Aktivist Sam Young wahr. (Protect LDS Children)
Kürzlich erhielt sie eine private Message von einer Freundin, deren Missbrauch durch ein Kirchenmitglied vom Bischof der Gemeinde „unter den Tisch gekehrt“ worden war und die immens darunter leiden musste. Das rief alle Emotionen der Sam Young Exkommunikation wieder ins Bewusstsein.

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