Klagelied eines Gläubigen im Exil

Von: Bischof John Shelby Spong (Aus dem Vorwort von „Jesus for the Non-Religious“)
Übersetzung: Guido Müller

Ach, Jesus, wo bist du hin? Wann haben wir dich verloren?

War es, als wir uns so sicher waren, dass wir dich besitzen, dass wir Juden verfolgten, Zweifler exkommunizierten, Ketzer verbrannten und Gewalt und Krieg anwandten, um Bekehrung zu erzwingen?

War es, als unsere Vorstellungen aus dem ersten Jahrhundert, mit wachsendem Wissen kollidierten? Oder als Bibelgelehrte uns darüber informierten, dass die Bibel nicht wirklich das stützt, was wir einst glaubten?

War es, als wir beobachteten, wie deine Anhänger die Menschen mit Schuldgefühlen, Angst, Bigotterie, Intoleranz und Wut entstellten?

War es, als wir bemerkten, dass viele, die dich Herr nannten und regelmäßig ihre Bibeln lasen, auch Sklaverei praktizierten, Rassentrennung verteidigten, Lynchjustiz billigten, Kinder missbrauchten, Frauen herabsetzten und Homosexuelle hassten?

War es, als wir endlich erkannten, dass der Jesus, der ein Leben in Fülle versprochen hat, nicht die Quelle des Selbsthasses sein kann, oder einer, der uns ermutigt, in lebenszerstörerischer Reue zu kriechen? War es, als uns dämmerte, dass dir zu dienen die Aufgabe jener sicherheitsstiftenden Vorurteile erfordern würde, die sich als süße Nahrung ausgeben?

Wir sehnen uns immer noch nach dir, Jesus, aber wir wissen nicht mehr, wo wir deine Gegenwart finden.

Sollen wir in jenen Kirchen suchen, die Wissen und Gewissheit praktizieren? Oder versteckst du dich in jenen Kirchen, die Kontroversen so sehr fürchten, dass sie „Einförmigkeit“ zu einem Gott machen und so wenig dagegen tun, dass sie vor Langeweile sterben?

Kannst du jemals in jenen Kirchen gefunden werden, die die Machtlosen und Ausgegrenzten, die Aussätzigen und Samariter unserer Tage, die du unsere Brüder und Schwestern nanntest, zurückgewiesen haben?

Oder müssen wir dich jetzt außerhalb kirchlicher Einrichtungen suchen, wo Liebe und Freundlichkeit keine Belohnung erwarten, wo Fragen als tiefster Ausdruck des Vertrauens angesehen werden?

Ist es überhaupt möglich, Jesus, dass wir Christen die Schurken sind, die dich getötet haben? Die dich unter buchstabengetreuen Bibeln, veralteten Glaubensbekenntnissen, irrelevanten Doktrinen und sterbenden Strukturen erdrücken?

Wenn diese Dinge die Quelle deines Verschwindens sind, Jesus, wirst du dann wieder auftauchen, wenn diese Dinge entfernt werden? Wird das die Auferstehung bringen?

Oder warst du, wie manche jetzt vermuten, nie mehr als eine Illusion? Indem wir dich begraben und entstellt haben, haben wir uns einfach davor geschützt, uns dieser Erkenntnis stellen zu müssen?

Ich strebe immer noch danach, das zu besitzen, was ich glaube, das du bist, Jesus: Zugang und Verkörperung der Quelle des Lebens, der Quelle der Liebe, des Grundes des Seins, ein Tor zum Geheimnis der Heiligkeit.

Durch dieses Tor möchte ich gehen. Wirst du mich dort treffen? Wirst du mich herausfordern, mich leiten, mich konfrontieren, deine Wahrheit mir und in mir offenbaren? Schließlich, am Ende dieser Reise, Jesus, wirst du mich in der ultimativen Realität umarmen, die ich Gott nenne, in dem ich lebe, mich bewege und mein Sein habe?

John Shelby Spong
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