„In jedem dritten Lied das Gefühl, getriggert zu werden“

Ein Beitrag aus der Community

Ich poste das hier anonym, weil sich das für mich in der jetzigen Situation richtig anfühlt, und ich denke, ich möchte oder muss das nicht weiter erklären: Ich war vor Kurzem wieder mal in der Versammlung und hab dort wie üblich die Gesangbuchlieder mitgesungen…will Euch kurz schildern, was sich dabei in mir verändert hat und was mir auffiel. Früher habe ich in vielen Chören der Kirche mitgesungen und Musik war einer der wichtigsten Bestandteile meines Kirchenlebens. Ich habe die Gesangbuchlieder quasi aufgesogen wie ein Schwamm, daraus viele gute Dinge gelernt und wirklich geglaubt, wenn die Kirchenführer sagten, die Gesangbuchlieder seien wie die „Heilige Schrift“. Damals hatte das Wort „Heilige Schrift“ allerdings auch noch eine positivere Bedeutung für mich. (Heute denke ich, dass die Schriften inhaltlich viel mehr hinterfragt werden müssten, aber uns das Label „heilig“ daran hindert, dies zu tun…es kommt mir manchmal mehr wie ein Denkverbot vor. Sollte die Auseinandersetzung mit Schrift nicht vielmehr eine Einladung sein, auch heute genauso offen über Gott nachzudenken, wie die Menschen das damals taten?)

„Damals selten Inhalte der Lieder hinterfragt“

Viele der Gesangbuchlieder konnte ich damals in allen vier Stimmen singen, und ich hab‘ auch selten die Inhalte der Lieder hinterfragt oder mich dabei unwohl gefühlt. In meiner Familie waren Lieder zu Weihnachten und zum Familienheimabend immer etwas Schönes und Verbindendes. Es kam mir im Gesangbuch auch nie seltsam vor, was ich sang, außer vielleicht mal ein Schmunzler in den früheren Editionen bei Zeilen wie „In der Hütte lacht die Lust“…(wer kennt das noch, wurde nun geändert in „In dem Haus herrscht Fröhlichkeit“) oder das vielleicht typisch deutsche Naserümpfen über militärisch anmutende Liedtexte: „Kommt und stellt Euch in die Reihen, strebt in Eurer Jugend Kraft“…

„Ich merkte, wie ich durch Lieder programmiert wurde “

irgendwann zu Beginn meiner Glaubenskrise und nach dem Studium des Vorfalles, wo Joseph Smith die Druckerpresse zum Drucken des „Nauvoo Expositor“ zerstören ließ, kam hinzu, dass ich „Preiset den Mann“ nicht mehr mitsingen wollte. Ich begann, die Menschen zu verstehen, die nicht so happy mit Joseph Smith waren und verstand zum ersten Mal, dass er vielleicht nicht wirklich als Märtyrer, sondern auch zumindest teilweise als Tyrann starb, der Informationen um jeden Preis unterdrücken wollte, und auf die richtig dumme Idee kam, dafür in der Neuen Welt die Meinungs- und Pressefreiheit zu bekämpfen. Heute, wenn ich die Lieder singe, habe ich in fast jedem zweiten oder dritten Satz der Lieder das Gefühl, indoktriniert und getriggert zu werden. „Ich hab manche Pflicht zu tun, darf nicht müßig sein und ruhn…“, wäre so ein Beispiel. Selbst in meinem früheren Lieblingslied „Komm, du Quelle jedes Segens“ heisst es: „O könnt ich es nur ermessen, wie groß täglich meine Schuld, wie so oft ich pflichtvergessen“…und ich kann das nicht mehr so recht genießen. Vielmehr merke ich, wie ich durch die Lieder programmiert wurde, mir selbst immer wieder Schuld- und Pflichtgefühle einzureden. Mich nie so richtig wohlfühlen zu können mit meinem Engagement.

„Wie ein Soldat Befehle ausführen“

Gefühlt soll überall aus mir der unterwürfige, pflichtbewusste, kindgleiche Nachfolger gemacht werden, der sich im ständigen Schuldbewusstsein einen Schuldenerlass und Vergebung sucht. Der nicht hinterfragt, sondern wie ein Soldat treu Befehle ausführt. Das stösst mich neuerdings ziemlich ab. Ja, logisch, es gibt auch komplett schöne Lieder, die auch einfach nur positive Gefühle auslösen: „Liebet einander“, oder aus dem Kindergesangbuch „Ich geh‘ mit Dir“. Aber leider fühle ich mich mit vielen Inhalten nicht mehr wohl. Viel Hoffnung in die bereits angekündigte Erneuerung des Gesangbuches setze ich auch nicht. Mich würde interessieren, ob ich der einzige bin, der eine Transformation seiner Gefühle in Bezug auf das Gesangbuch durchlebt hat.

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Ulrike
Ulrike
15 Tage her

Ich kann Deine Gefühle zu 100 Prozent nachvollziehen und bestätigen. Vielleicht bin ich auf meiner Reise schon ein Stückchen weiter und kann Dir mit meinen Erfahrungen ein klein wenig helfen. Das Gesangbuch war definitiv mein „Lieblingsbuch der Heiligen Schriften“. Musik hat in meinem Leben schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Die Musik in der Kirche hat den Ausschlag dazu gegeben, mich als Jugendliche der Kirche anzuschließen. Ich war PV-Musikbeauftragte, Organistin, Gemeindemusikbeauftragte, Chorleiterin, Pfahlmusikbeauftragte, Pfahlchorleiterin, organisierte und gestaltete Konzerte in der Gemeinde. Musik war ein zentraler Punkt meines Gemeindelebens und meines geistigen Lebens. Ich war großer Fan des Tabernakelchores, und zweimal durfte ich an Proben teilnehmen, was beide Male ein großartiges Erlebnis war. Nachdem für mich offensichtlich geworden war, dass ich 25 Jahre lang einem Lügengebäude aufgesessen war und ich die Kirche verlassen hatte, hatte ich lange ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Musik der Kirche. Ich fühlte mich manipuliert, benutzt und beschmutzt. Die Musik, die ich so sehr geliebt hatte, war dazu benutzt worden. Einige Jahre wollte und konnte ich keine Kirchenmusik oder Musik des Tabernakelchores hören, ohne sehr traurig zu werden. Jetzt, mit etwas mehr Abstand, kann ich an meine schönen Erlebnisse mit der Kirchenmusik denken, ohne auch wegen des Betrugs traurig oder zornig zu werden. Ich kann wieder Musik des Tabernakelchores hören (z.B. zu Weihnachten) und mich daran erfreuen. Die Texte und Botschaften der Lieder sind nur noch ein kulturelles Phänomen, was ich zwar wahrnehme, aber überhaupt nicht mehr auf mich beziehe. Nach dem Verlassen der Kirche habe ich auch… Weiterlesen »

anonym
anonym
15 Tage her
Reply to  Ulrike

ist natürlich auch Geschmackssache. Mir war der Tabernakel Chor immer zu schwülstig und eintönig. Ich fühlte schon als Jugendlicher oder auf Mission bei „weltlichen‘ klassischen Chor-Konzerten, wie von Händel, einfach mehr Seele und Leben in der Musik.

G. E.
G. E.
15 Tage her

Das Gesangbuch und ich oder die musikalische Kultur in der Kirche und ich sind nie wirklich Freunde geworden und werden es wohl auch nicht. Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens, sei es nun passiv, als Zuhörer oder aktiv als Sängerin oder Musikantin. Musik war und ist für mich ein sehr starkes Kommunikationsmittel und ein Katalysator. Und ich gehöre zu den Menschen, die egal, wie toll die Töne sind, wenn der Text nicht passt, dann ist das ganze Lied Mist. Eigentlich. Ich bin in einer charismatischen Pfingstgemeinde aufgewachsen, wer sich ein wenig auskennt, der weiß, dass der Lobpreis ein sehr großer Bestandteil der Gottesdienste und der generellen Anbetungskultur ist. Und mit Lobpreis meine ich Konzertatmosphäre in der wir Liebeslieder für Jesus feiern. Laut, fröhlich, mit einer guten Band und in jedem gängigen Genre. 🤘 Metal for Jesus 🤘 Ich war in Gottesdiensten wo Hardrock Halleluja von Lordi gesungen wurde und es eine Moshpit gab. Ich war in Lobpreis, wo Lines gedropped wurden und der Bass so hard war, dass der subwoofer umstehende Leute eingesaugt hat. Lange lange Jahre war ich Lobpreisleiterin in unserer Gemeinde. Hat Gott Spaß daran, wenn man ihn so feiert? Auf jeden Fall. Ich glaube da wippt mehr als der kleine Göttliche Finger mit. 😉 Das zu meinem Background. Und nun kam ich also zum ersten Mal in eine Abendmahlsversammlung… Jaaaa. Guuuuut. Das war…. Anders. Keine „Rock’nRoll angels who brought back Hardrock Halleluja“. Nicht, dass ich dies erwartet hätte, aber DAS hätte ich auch nicht erwartet.… Weiterlesen »

anonym HLT
anonym HLT
15 Tage her
Reply to  G. E.

danke, ja ich finde mich in sehr vielem wieder. wo ich mich nicht so wiederfinde ist, dass gott da mitwippen würde, wenn wir ihn verehren. ich finde das alles etwas befremdlich schon diese jubelarien auf ein entferntes imaginiertes Wesen. So viele Menschen in unserer Gesellschaft kriegen nicht ein bisschen Lob von uns. Im Durchschnitt geben wir als Gesellschaft einander viel zu wenig Anerkennung. Aber auf ein fremdes Wesen im Himmel geben wir dann volle dröhnung lob und halleluja…
Ausserdem machen wir uns durch das überschwängliche Loben irgendwie auch unterwürfig. Das hat sowas von „Euer Hochwohlgeboren“…sowas Kirchenadeliges diese Verehrungsarien. Letztlich beziehen die Organisationen ja dann unser Verhalten Gott gegenüber auch wieder auf unser Verhalten den Kirchenführern gegenüber, denn diese sind ja Gottes Werkzeuge und Sprachrohre.
Ein Bekannter schrieb mal:
Aus psychologischer Sicht ist das ständige Lobpreisen von Gott problematisch und dient vorwiegend den Religionen und Glaubensgemeinschaften. Die permanente Verehrung unterminiert das Selbstwertgefühl der Gläubigen und fördert die Unterwürfigkeit.
Das führt zu Angst und stärkt die Bindung, die oft in die Abhängigkeit mündet. Deshalb verlassen sich oft nicht mehr auf die eigenen Erfahrungen und Gefühle, sondern widmen ihr Leben Gott und delegieren ihre Entscheide an Geistliche, die sie als die Vertreter Gottes betrachten.

G.E.
G.E.
15 Tage her

Das du es befremdlich findest, ist wahrscheinlich mehr deinem derzeitigen persönlichen Standpunkt geschuldet, in dem Gott ein imaginiertes Wesen ist. Für mich ist er das nicht.
Und meine persönliche Beziehung zu Gott ist ganz weit weg von überschwänglich und unterwürfig.comment image Ob ein Nelson meine Beziehung und mein Verhalten gegenüber Gott feiern würde und das als benefit für die Organisation sieht, bezweifle ich.
Im übrigen denke ich persönlich, ich kann nicht Gott preisen und meinen Nächsten nicht loben und wertschätzen. Das passt nicht in mein Konzept und mein Verständnis eines christlichen Lebens.
Die Institutionalisierung ist wieder einmal das Problem, was den Menschen unterwürfig und abhängig macht. Davon losgelöst ist Lobpreis eben nicht „euer Hochwohlgeboren“ und ein blindes Folgen von Geistlichen, die sich als Sprachrohr berufen fühlen.

Tabea
Tabea
15 Tage her

Als ich mental aus der Kirche ausgestiegen bin, war ich gerade in der PV-Leitung, ich war PV-Lehrerin und ich war die PV-Pianistin (zur selben Zeit). Viel schlimmer als die Lieder der Abendmahlsversammlung fand ich die Indoktrination in den Kinderliedern und das hat es für mich sehr schwer gemacht, die Lieder zu spielen.