„Kirche sollte kein Ort der Religion sein, sondern ein Ort an dem Jesus präsent ist und wirken kann“

Von Gwen Eggers

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Ich möchte darüber schreiben was „Kirche“ für mich persönlich bedeutet. Dass ich Kirche so in Anführungszeichen setze, ist kein Zufall. Ich verstehe Kirche nicht unbedingt als eine Organisation, so wie wir es von der HLT-Kirche her kennen. Kein Ort, an dem alles durchdekliniert ist und der auf einem starren Regelkonstrukt gebaut wurde. Wo es kein „Handbuch“ geben muss, in dem jedes Jota und Dota vorgegeben ist und bei dem man den Eindruck gewinnen könnte, dass ein vergessenes Wort beim Abendmahl dazu führt, dass es nicht annehmbar wird. Kirche ist für mich jeder einzelne, der in Christus geboren ist, der ihn als seinen Herrn und Retter angenommen hat, und gerade durch seine Individualität einen Leib kreiert, der lebendig und in Bewegung ist.

Jesus ist nicht gekommen um sich an starre Regeln zu halten, er kam um diese Verkrustungen aufzubrechen und um Ketten zu sprengen

Ich habe kürzlich in Markus 3 die Verse 3-5 studiert. Dort geht es um die Heilung eines Mannes, der eine verdorrte Hand hat. Im 3. Kapitel im 3. Vers heißt es: Und er spricht zu dem Mann, der die verdorrte Hand hatte: „Steh auf und komm in die Mitte.“ Der Mann mit der verdorrten Hand, Lukas berichtet von der seinen Begebenheit und lässt uns übrigens wissen, dass es seine rechte Hand war, die verdorrt war. Um ihn herum waren die Pharisäer, die sehen wollten, ob Jesus die Gesetze der Religion bricht um an einem Shabbat zu heilen, ob er die geltenden Regeln außer Acht lassen wird, sein Ding macht und sie einen Grund fänden ihn anzuklagen. Im Verständnis der Zeit war eine Behinderung noch viel mehr als nur ein Makel, es war eine Strafe Gottes, etwas, was einen Menschen unwürdig machte, was ihm seiner gesellschaftlichen Position beraubte. Selbst wenn er diese Behinderung im Laufe des Lebens, etwa durch einen Unfall erworben hatte, bedeutete es seinen gesellschaftlichen Tod. Er wurde unrein und unwürdig. Ein Outcast. Ein Verstoßener. Behinderungen waren also etwas, worüber man nicht sprach und was man versteckte und was dich an den Rand gestellt hat. Und dann kommt dieser Jesus und sagt: „Steh auf und komm in die Mitte.“ Jesus ist nicht gekommen um sich an starre Regeln zu halten, er kam um diese Verkrustungen aufzubrechen und um Ketten zu sprengen. Er war ein Revoluzzer. Er stellt den in die Mitte, den niemand sehen will, der nichts wert ist. Den unreinen und unwürdigen Menschen macht er zum Mittelpunkt. Nicht die vermeintlich heiligen und rechtschaffenen, die sich selbst genügen und sich nur um sich selbst drehen. Und dieser Mann und seine Heilung werden noch mehr zu einem Sinnbild dessen, was Jesus vertreten hat. Und was heute noch genau so gilt. Seine rechte Hand ist verdorrt, diese Information gibt uns Lukas. Wenn wir in den Schriften nach der rechten Hand suchen, dann wird uns so etwas gesagt wie: die rechte Hand Gottes, rechts ist die Hand der Autorität, der Vollmacht, der Schöpfungsenergie, die Hand des Höchsten. Alles, was die Religion mit ihren Regeln verkrüppelt und verdorrt hat, wird in die Mitte gestellt für jeden sichtbar und Jesus heilt es. Er setzt frei. Er stellt wieder her und das nicht so, wie die Pharisäer es kannten. Er hielt sich nicht an die Regeln. Denn in den verdrehten Vorstellungen der Pharisäer war es nicht einmal erlaubt Gutes am Shabbat zu tun.

„Religion ist heilbar“

Jesus hat dem Mann auch nicht gesagt, und nun geh los und werde einer von denen. In diesem Fall wissen wir nicht, was er zu ihm sagte, aber er sagte öfter geh und sündige nicht mehr. Er verlangte nichts, keine Gegenleistung, keine Versprechen. Eines meiner Zitate lautet ‚Religion ist heilbar‘. Und das hat Jesus dort getan. Er hat die Regeln der menschengemachten Religion zu Gunsten seiner himmlischen Regeln außer Acht gelassen. Religion ist immer ein Konstrukt, eine Übereinkunft einer Gruppe, wie Gott zu sein hat. Wenn das ganze dann noch mit einem Absolutheitsanspruch kombiniert wird haben wir in der Regel etwas sehr toxisches, aber keine lebendige Beziehung mehr mit Jesus Christus. Ich bin wahrlich kein religiöser Mensch. Jeder, der das von mir denkt, liegt locker 3000km daneben. Ich war auch nie ein religiöser Mensch und ich will auch niemals einer werden. Religion sets rules. Jesus sets free.

Das Werk Jesu nicht außer Kraft setzen

Kirche sollte kein Ort der Religion sein, sondern ein Ort an dem Jesus präsent ist und wirken kann. Frei. An dem im Geist Jesu gewirkt wird und die Kultur des Himmels gelebt wird. Dir Kultur des Himmels ist denkbar einfach, wie in 1. Timotheus 1:5 zu lesen ist. „Das Endziel aber ist Liebe aus reinem Herzen, guten Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ Kein wenn du X willst, musst du erstmal Y erreichen, dich an Regel Z halten und dich verpflichten nach irgendwelchen Regeln zu leben, und wenn du das nicht schaffst – dein Pech. Dann ist Jesus halt nicht für dich gestorben. Das setzt im tiefsten Sinne das ganze Werk Jesu außer Kraft, welches Paulus so treffend in Epheser 2 zusammenfasste: Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühmt.

Aus Glauben erwächst Freiheit und Liebe

Und das ist auch das, was ich aus dem viel und zu Tode zitierten und gerittenen Vers aus Nephi nehmen möchte. „Denn wir arbeiten eifrig daran zu schreiben, um unsere Kinder und auch unsere Brüder zu bewegen, dass sie an Christus glauben und sich mit Gott versöhnen lassen; denn wir wissen, dass wir durch Gnade errettet werden, nach allem, was wir tun können.“ Nach allem, was wir tun können bedeutet nicht XYZ und danach noch Sondervereinbarung A mit Anhang B – sondern Glaube. Es braucht nichts, als Glaube. Und aus diesem Glauben wird Freiheit und Liebe erwachsen, nicht aus Regeln, die uns in ein Korsett pressen und uns unfrei machen. Das ist, was uns würdig und genug macht in den Augen Gottes. Wen würde Jesus heute in die Mitte der Heiligen stellen? Den Zerbrochenen, den, der sein Leben vor die Wand gefahren hat, den, der in den Augen der Heiligen nichts wert ist. Den, der am Rand der Gesellschaft steht, weil er krank ist, keinen Job findet oder halten kann, geschieden ist oder sich sonst wie im Sinne der Religion schuldig gemacht hat. Und an denen wird sein Werk, seine Gnade und sein Handeln offenbar werden. Das sind die, die sein Reich erbauen, das war nie anders.

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F.K.
F.K.
3 Monate her

Ganz Deiner Meinung, es gibt ja den Begriff > Kirche ohne Mauern < oder auch > Das reich Gottes in uns < . daran glaube ich heute mehr als je zuvor.

Anonymus
Anonymus
3 Monate her
Reply to  F.K.

Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen.
Dietrich Bonhoeffer

SNJ
SNJ
3 Monate her

Einfach wunderbar. Eine provokativ progressiver Ansatz und dennoch mit dem nötigen Respekt, etwas, das zum Nachdenken anregt. Chapeau! Vielen Dank dafür. Die Kultur des Himmels hier auf die Erde zu bringen und sie zu leben ist wahrscheinlich mit eine der anspruchvollsten Aufgaben, aber mit Sicherheit auch eine sehr gesegnete.