„Mein Gefühl sagte mir, dass etwas nicht stimmt“

Erfahrungsbericht zum Erstendowment von Sam (Name geändert)

Als ich endlich anfing zu hinterfragen, ob mein Glaube an die Wiederherstellung der Kirche Gottes durch Joseph Smith usw. richtig ist, ob ich die Wahrheit gelehrt bekommen und gelehrt habe, fing ich auch an, meinen Weg in der HLT-Kirche zu beleuchten, prägende Ereignisse auseinander zu nehmen und endlich auch an mich ran zu lassen. Ich dachte oder redete es mir oft ein, dass wenn die überwältigende Mehrheit meines Umfeldes bezeugt, dass gewisse Dinge sich gut anfühlen oder anzufühlen haben, muss es ja an mir liegen, dass ich es nicht so empfinden kann. Vielleicht ist dem so, vielleicht auch nicht. Wenn es so ist, dann schäme ich mich nicht und lasse mir dies auch nicht einreden. Denn ich bin ein Individuum. Dem einen hilft Penicillin, dem anderen kann es unter Umständen ernsthaft schaden. Um meinen Weg in der Kirche zu überprüfen habe ich angefangen, Schlüsselmomente für mich niederzuschreiben und zu reflektieren.

Einer dieser Momente war mein Endowment bzw. das ganze Wochenende am und im Tempel eigentlich, aber das habe ich in mehrere Kapitel unterteilt. Ich teile mit euch das Kapitel, das über mein Endowment berichtet.

Ich weiß, dass es hier einige gibt, die ganz klar an die Heiligkeit dieser Gebäude und Riten usw. glauben. Fühlt euch bitte nicht angegriffen! Und verurteilt nicht sofort, nur weil jemand nicht in den Lobgesang einstimmen kann/will. Ihr wisst nicht wie oft ich im Tempel war um das „Richtige“ darüber zu empfinden.

Die ersten Zweifel

Ich war oft da drin. Ihr wisst nicht wie beständig ich die Garments getragen habe, obwohl – egal welcher Stoff – die Qualität dafür gesorgt hat, dass ich nach wenigen Stunden an bestimmten Stellen so gestunken habe, als hätte ich mich wochenlang nicht geduscht und am Ende eines jeden Tages so wund war an ganz bestimmten empfindlichen Stellen, trotz Schutzmaßnahmen usw., dass ich kaum noch gehen konnte und selbst nur Wasser schon enorme Schmerzen verursacht hat. Ich hab sie so getragen, wie die „Lehre“ es sagt. Nun, hier ist mein Bericht. Vielleicht hilft es Menschen, denen es ähnlich mit dem Thema geht zu sehen, dass sie nicht allein sind. Mir haben solche Berichte von anderen auch zu anderen Themen sehr geholfen. Vielleicht hilft es ja auch den „Standhaften“ zu sehen, wie andere einfach durch Aussagen wie: „Wenn du dich nicht wohl fühlst oder es nicht als schön empfinden kannst, dann hast du keinen Glauben,“ bla bla halt, verletzt und zusätzlich verunsichert werden. Wie sagte ich heute zu einer Bekannten zu einem Thema, was hiermit nichts zu tun hat: ich muss Rootbeer nicht 50 mal probieren um zu wissen, dass es mir persönlich nicht schmeckt…

Das Endowment stand an. Vorher ein Gespräch mit dem Tempelpräsidenten. Das Einzige was sich aus diesem Gespräch noch ungefähr weiß ist, das gesagt wurde, dass alles was ich jetzt erleben werde wiederhergestellte Wahrheiten sind. Dass die Rituale so wiederhergestellt sind, wie sie in alttestamentlicher Zeit waren.

Als ich aber zuvor die Tempelkleidung und die Garments gekauft hatte, fragte ich mich kurz, ob die Gerüchte, dass vieles aus dem Freimaurertum geklaut oder kopiert wurde, wahr sind.

Die Vorverordnungen mit der Salbung oder auch Ölung fand ich schon merkwürdig. Als wir dann später im celestialen Raum saßen und es losging, bekam ich ein ungutes Gefühl, wie als wäre ich in einer Art Indoktrinations-Zeremonie.

Ein ungutes Bauchgefühl

Als gesagt wurde, dass man jetzt noch gehen kann, wenn man sich nicht bereit fühlt, blieb ich sitzen obwohl ich gehen wollte. Aber ich war nicht mutig genug! Ich fühlte mich grauenhaft. Ich hatte dem Gruppenzwang nachgegeben und wider meiner Intuition gehandelt. Natürlich redete ich mir ein, dass der Widersacher mich aufhalten wollte, schließlich war ich ein Missionsanwärter und mein patriarchalischer Segen sagte mir ja was ich zu tun hatte. Aber es war nicht der Widersacher! Mein Gefühl sagte mir, dass etwas gewaltig nicht stimmt! Dass ich gehen sollte. Dass ich besser das Weite suchen sollte! Aber ohne Endowment auf Mission zu gehen, davon wurde abgeraten! (Oder ist gar nicht möglich). Außerdem hatte ich ja ein Zeugnis, dass die Kirche wahr ist. Also sagte ich meiner inneren Stimme: „halt’s Maul!“

Ich bekam also mein Endowment, lernte die Handzeichen und Grußformeln kennen, die so „göttlich“ waren. Dumm ist nur, dass ich in der achten Klasse im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hatte. Da behandelten wir das Thema Freimaurertum. Natürlich nicht zu detailliert, aber die Symbolik und deren Bedeutung usw. schon.

Die Zeichen und Symbole, die Handgriffe das war alles 1 zu 1 aus dem Freimaurertum abgekupfert. Die Tempelkleidung, ich fühlte mich so lächerlich in der Aufmachung. Was hat das alles mit der reinen Lehre Gottes zu tun? Tief in mir drin fühlte ich mich belogen, wollte dies aber nicht wahrhaben. Ich war jung und stolz. Als wir dann im celestialen Raum saßen und ich versuchte meine Gedanken, Gefühle und Eindrücke zu ordnen, merkte ich, wie mich fast alle beobachteten und mich ansahen und lächelten als wären sie in Erwartung, dass ich vom Geist erfüllt sei. Ob mein Eindruck stimmte weiß ich nicht. Aber jedenfalls war ich ganz weit weg davon den Geist zu fühlen. Als der Tempelpräsident mich fragte, wie es für mich war, sagte ich sowas wie „interessant“, und dass ich noch viel zu lernen habe.

Tief in mir drin begann ich zu begreifen

Einer der Freunde die mich begleiteten, sagte mir, dass ich alles in Ruhe verarbeiten sollte und dass ich, je mehr ich die Session besuchte, umso mehr verstehen würde. Er fragte mich dann, ob ich an der nächsten Session noch teilnehmen möchte. Ich schaute zu dem anderen Tempelneuling, der so verstört schaute, wie ich mich fühlte, und ich sagte dann: „Nein, das wäre zu viel auf einmal! Ich möchte nach Hause!“ Auf der Rückfahrt ging es mir dann besser, vor allem weil wir über das Evangelium sprachen. Wie auf der Hinfahrt übrigens. Die Hin- und Rückfahrt waren das Geistige an diesem Wochenende.

Als ich dann heimkam redete ich mir ein, dass ich die Prüfung bestanden hatte. Ich klopfte mir auf die Schulter, dass der Widersacher es nicht geschafft hatte, mein Zeugnis von der „Wahrheit“ ins Wanken zu bringen. Tief in mir drin aber begann ich zu begreifen, dass das was die Kirche behauptet zu sein und was sie aber in Wirklichkeit ist, sich sehr voneinander unterscheiden – aber das war damals noch ein sehr langer Weg…

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J. K.
J. K.
3 Monate her

Deine Beschreibung wie du dort gesessen hast, mit dem Gefühl, hier stimmt etwas nicht, kann ich gut verstehen. Ich habe zwar nie ein Endowment erhalten, und auch die Garments sind mir erspart geblieben, aber ich habe im Rahmen dieser Jugendfahrten in den Tempel ähnlich gefühlt. Wir durften als Jugendliche nur die Taufe für die Verstorbenen und die anschließende Segnung durchführen, alle anderen Räume im Tempel waren tabu. Ich empfand die Fahrt ansich, mit Gleichaltrigen und Freunden zusammenzusein, den Gesprächen, den Spaß und allgemein die Zeit in der Herberge angenehm. Auch die Zeugnisversammlung war immer ein Highlight (heute glaube ich jedoch, dass es vielmehr dieses tief emotionale Gemeinschaftsgefühl war, was mich so bewegt hatte, als der Heilige Geist).

Im Tempel habe ich mich dagegen nicht wohl gefühlt, ich fühlte mich wie ein Schmutzfleck inmitten dieser penibel sauberen und prunkvoll geschmückten Umgebung. So unrein und unwürdig, ich kann das nicht beschreiben. Viele Jahre dachte ich, dass ich deshalb den Geist nicht spüre kann, weil ich evtl nicht würdig genug war. Heute weiß ich, dass das gar nicht mein Weg und meine Welt ist. Ich hege jeden Respekt anderen Menschen gegenüber, die all das was dort im Tempel an Zeremonien stattfindet ernst und wahrhaftig empfinden.

Für mich ist es aus heutiger Sicht unvorstellbar, dass mir eine Gemeinschaft vorgibt, welche Unterwäsche ich zu tragen habe. Immer eine Frage der Perspektive

anonym
anonym
3 Monate her

Mir ging es ähnlich. 1995 in Freiberg. Damals gab es keine Strafen mehr, man war aber bei den Vorverordnungen noch nackt unter dem Schild, damit der Tempelarbeiter einen salben konnte. Es war befremdlich, aber habe es so hingenommen. Abgefahren, um es nett auszudrücken, fand ich auch das Endowment. Geheime Handschläge, etc… Innerlich distanziert habe ich mich bei dem Gesetz der Weihung. Es war als ob mir die Füße weggezogen wurden. Im Nachhinein würde ich das als Traumatisierung beschreiben…. Mein Patron, hat mich nachdem wir wieder draußen waren auch danach gefragt, wie ich es empfunden hätte, und dass es ganz schön „Fremd“ ist. Offensichtlich ging es ihm ähnlich.
Einen interessanten Gedanken (aus den Englischen) habe ich zu den Tempelverordnungen noch gehört. Als im Rahmen der Wahl von Mitt Romney die geheimen Tempelzeremonieen publik geworden sind, haben viele Mitglieder geantwortet „they are sacred and not secret“ (sie sind heilig und nicht geheim). Was sie meinten, ist vermutlich „they are sacred, therefore they are secret“ (sie sind heilig, deswegen sind sie geheim).
Der Wahrheit am nächsten kommt aber „because they are secret, they are sacred“ (weil sie geheim sind sind sie heilig). Das letzte Prinzip lässt sich an vielen Stellen wiederfinden: Patriarchalischer Segen, Berufungen, Zweite Salbung, Interviews etc….

anonym
anonym
3 Monate her
Reply to  anonym

Die Erfahrungen kann ich nur ansatzweise hier teilen und ich glaube ich bin da nicht der einzige. Die Kirche und die Auswirkungen auf die Familien/Individuen und die Gesellschaft sind so unglaublich facettenreich und komplex, man kann mehrstündige Abhandlungen darüber geben.
Zum Tempel: ich hatte auch immer das Gefühl, dass es zwei Kirchen sind. Das eine was im Tempel passiert, das andere, was in den Gemeinden abläuft. Das mit dem drohenden Gott habe ich dabei nichtmal so schlimm aufgefasst, da ich mich ja auf der richtigen Seite (attestiert durch den Tempelschein) wähnte. Vielmehr war er ein unglaublich mit sich selbst beschäftigter, introvertierter Gott. Hingegen der Gott sonntags war ein empathischer und offener. Zumindest habe ich es immer so sehen wollen.

anonym
anonym
3 Monate her
Reply to  anonym

Danke, dass du deine Erfahrungen teilst. Und ja dieses englische Wortspiel mit sacred und secret ist mir bekannt.
Die Endowmentsession über dachte ich damals und bei jeder folgenden. Dass ist nicht die Kirche wie man sie mir näher gebracht hat und an die ich geglaubt habe. Es fühlte sich so an, als ob man erst das Evangelium Jesu Christi gelehrt bekommen und befolgt hat und ab dem Endowment das Gesetz des Mose. Also genau umgekehrt. Plötzlich gab es den drohenden Gott, der von dir Perfektion und die Einhaltung des Buchstabens des Gesetzes erwartet und nicht das höhere Gesetz Jesu Christi. Es fühlte sich für mich sehr sehr einengend an.