Ist freier Wille eine Illusion?

Ein Community-Beitrag von Tobias Kempkens

Diese Frage erscheint auf dem ersten Blick kontraintuitiv zu sein. Schließlich treffe ich jeden Tag Entscheidungen. Und wenn ich vor der Eisdiele stehe, dann habe ich doch die freie Wahl, ob ich mich für Schoko oder Vanille entscheiden möchte. Lange Zeit galt auch in der Wissenschaft der freie Wille als so offensichtlich, dass ihn niemand ernsthaft in Frage gestellt hätte.
Doch dies hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Für viele Physiker und Neurowissenschaftler erscheint bewiesen, dass es sowas wie einen freien Willen überhaupt nicht gibt oder geben kann. Und tatsächlich erscheinen die empirischen Ergebnisse und Modelle überzeugend, wenn man eine rein materialistische (und somit atheistische) Weltanschauung zugrunde legt. (Meist ist dies noch kombiniert mit der Vorstellung, dass dieses Universum komplett deterministisch in seinen Grundzügen funktioniert.)

Wir sehen zwar die Optionen, die es gäbe. Aber so wie unsere „Konfiguration“ ist, werden wir uns immer nur für die Option entscheiden, die wir auch wirklich gewählt haben.

Aber nun eine sehr verkürzte Darstellung der materialistisch-deterministischen Argumentation: Die Entscheidungsfindung eines Menschen findet im Gehirn statt und kann auch dort gemessen werden. Die Entscheidungsprozesse erfolgen über einen neuronalen Informationsaustausch in bestimmten Segmenten des Gehirns. Mittlerweile ist die Wissenschaft sogar so weit, dass man (mit sehr viel technischen Aufwand) die Gedanken von Menschen auslesen kann oder dessen Bilder im Kopf rekonstruieren kann. Wenn in der Physik und in diesem Universum eine harte Ursache-Wirkung-Kausalität existiert, dann wird die gleiche Ausgangsituation immer wieder das identische Ergebnis hervorrufen. Wie auch eine mathematische Gleichung immer nur das identische Ergebnis hervorbringen kann. Dies nennt man Determinismus. Über diesen Determinismus ließe sich – bei vollständigen Informationen – die Zukunft perfekt ableiten. Und unser Gehirn ist nun einmal aus Atomen und Elementarteilchen zusammengesetzt. Und folgen diese ebenfalls physikalischen Gesetzen, so sind deren zukünftige Bewegungen determiniert und somit auch welche Entscheidungen wird bei einer gegebenen Situation treffen werden. Wir sehen zwar die Optionen, die es gäbe. Aber so wie unsere „Konfiguration“ ist, werden wir uns immer nur für die Option entscheiden, die wir auch wirklich gewählt haben. (Dies hat auch eine wichtige theologische Komponente, auf welche ich noch eingehen werde).

Das Gehirn trifft bereits Entscheidungen, bevor der Mensch sich dieser bewusst wurde

Wenn also unser Gehirn rein mechanisch bedingt bereits die Entscheidungen trifft, wie kann dann „Ich“ Entscheidungen treffen? Aber diese Frage stellt sich auf Basis einer materialistischen Sicht nicht wirklich. Denn es gibt demnach kein „Ich“ als eine übergeordnete Entität. Es gibt nicht „das ist mein Gehirn“ oder „mein Herz“. Es gibt auch kein „Ich“ im metaphysischen Sinne welches unabhängig von meiner Biologie existiert. Das „Ich“ wird konstruiert aus der Gesamtheit aller Atome des Körpers. Das was ich als „Ich“ identifiziere, ist das Produkt neuronaler Impulse welche auf „wundersame Weise“ ein Bewusstsein und somit die „Illusion“ eines Ichs erzeugt. Der Mensch und jedes Lebewesen ist letztlich aber ein rein mechanisch funktionierendes Wesen wie alles im Universum. Dies war eine sehr theoretische Behandlung des Modells mit seinen Auswirkungen auf das Sein selber. Gestützt wird dieses aus der Physik stammende Modell durch neurowissenschaftliche Studien, wonach bei verschiedenen Tests das Gehirn bereits Entscheidungen getroffen hat, bevor der Mensch sich dieser bewusst wurde. Dies ist ein interessantes Argument gegen das Konzept des freien Willens. Weil wenn das Gehirn die Entscheidung bereits getroffen hat, bevor ich mir dieser Entscheidung bewusst werde, dann habe ich ja keine Möglichkeit mehr auf diese Einfluss zu nehmen. Es bleibt folglich kein Raum für freier Wille. Offen ist hier natürlich die Frage, ob die mechanische Entscheidungsfindung prozessual anders abläuft wenn nach Kahneman das System 2 (für analytisches und bewusstes Denken) im Gehirn aktiviert wird anstatt System 1 (automatisiert und unbewusstes Denken). Die Ergebnisse der empirischen Studie können das Konzept eines freien Willens daher nicht komplett beseitigen. Jedoch wird der Wahrscheinlichkeitsraum deutlich reduziert, weil zumindest Teile unserer Entscheidungen getroffen wurden, bevor uns diese Entscheidung bewusst wurden und es somit logischerweise keine freie Willensausübung gegeben haben kann. Grundsätzlich ist das Thema Bewusstsein hier ein zentraler Themenpunkt auf welchen gesondert eingegangen werden müsste. Dies würde hier aber den Rahmen sprengen.

Im Mormonismus ist Gott nicht in dem Sinne „allmächtig“ wie im allgemein christlichen Sinne

Damit freier Wille wirklich existieren kann, müsste der Entscheidungsträger eine metaphysische Entität sein. Heißt z.B. dass wir Geist sind und nur einen Körper besitzen und das Gehirn lediglich ein Teil der Hardware darstellt. Die Prozesse im Gehirn wären daher lediglich die Abbildungen der Entscheidungen, die unser Geist trifft. Dies bedeutet es gibt eine vom Determinismus unabhängige Entscheidungsebene. Damit sind aber noch nicht alle Probleme aus o.g. Wissenschaftlicher Sicht gelöst. Jedoch zeigt dieser ontologische Dualismus nach Descartes, dass freier Wille einer „höheren Ebene“ bedarf in Form eines Geistes, einer Seele oder sonstigen metaphysischen Formen welche außerhalb der materialistischen Welt funktionieren.
Aber auch die Religion hat nicht selten ein theologisches Problem mit dem Determinismus. Wenn Gott vermeintlich allwissend ist und weiß, wie wir uns entscheiden werden, dann ist dies auch eine Form von Determinismus. Ein großes Problem hat hier das klassische Christentum. Denn wenn Gott einen Menschen erschaffen hat, und sein Handeln determiniert ist (sonst würde Gott es ja im Vorfeld nicht kennen) wieso ist die Verfehlung des Menschen dann seine Schuld und nicht die seines Schöpfers? Schließlich waren alle seine Entscheidungen im Vorfeld von Gott erschaffen worden. Aus dieser Überlegung heraus entstanden gnostische Lehren wonach diese Welt von einem schlechten Gott geschaffen worden seien musste.
Der Mormonismus kann dieses Problem aufweichen. Denn im Mormonismus ist Gott nicht in dem Sinne „allmächtig“ wie im allgemein christlichen Sinne. Der mormonische Gott muss sich an feste Regeln halten („sonst würde Gott aufhören Gott zu sein“). Auch wurden wir als Intelligenzen nach mormonischer Metaphysik nicht erschaffen, sondern haben wie Gott bereits immer existiert. Hiermit entfällt der Zielkonflikt, dass der allwissende Schöpfer für die Fehler der Menschen verantwortlich ist. Denn er hat nur unseren Körper erschaffen. Nicht aber uns selber als „Ich“. Das Konzept Entscheidungsfreiheit ist im Mormonismus sogar sehr hoch aufgehangen und gilt sogar als elementares göttliches Prinzip (siehe Geschichte der Präexistenz).

Wenn ich mich für Vanille-Eis oder Schoko-Eis entscheiden müsste, dann würde ich mich in 100% der Fälle für Vanille entscheiden.

Aber ist Determinismus und freier Wille überhaupt ein Widerspruch? Nicht wenn der freie Wille auf metaphysischer Ebene existiert. Wenn ich mich für Vanille-Eis oder Schoko-Eis entscheiden müsste, dann würde ich mich in 100% der Fälle für Vanille entscheiden. Einfach weil ich kein Schoko-Eis mag. Von außen ist die Entscheidung 100% deterministisch und vorhersehbar. Weil mein Wesen so veranlagt ist. Ebenso könnte ein Gott einfach unser Wesen kennen und obwohl eine freie Wahl besteht könnte er wahrscheinlich zumindest gut antizipieren was passieren wird – oder zumindest die Folgen für beide Entscheidungen abwägen. Daher werden in den heiligen Schriften vllt auch nicht selten zwei Szenarien genannt (wenn sie umkehren oder nicht).
Eine andere Lösung des Problems greift wieder auf die Physik zurück. Die vorherrschende Meinung in der Physik ist, dass Raum und auch Zeit erst mit dem Urknall (vor 13,8 Mrd. Jahren) begann. Ein Schöpfer des Universums würde sich folglich außerhalb von Raum und Zeit bewegen. Nun muss man sich das Universum – von seinem Start bis zu seinem Ende – als eine gigantische mathematische Formel darstellen (oder alternativ Computer-Simulation). Und jede einzelne Entscheidung ist eine Variable in dieser Formel. Und jede Variable / Entscheidung basiert auf freien Willen. Egal wie jemand eine Entscheidung im Zeitverlauf getroffen hat. Die Person welche auf die Formel (oder Simulation) drauf schaut, sieht die Parametrisierung und die Ergebnisse zeitgleich. Weil sich der Designer außerhalb der Zeit befindet. Für eine Person außerhalb von Raum und Zeit wirken freie Entscheidungen daher zwangsläufig deterministisch.

Haben Elementarteilchen Intelligenz?

Zum Abschluss noch in kürze ein weiterer Punkt: Wer sich ein wenig mit Quantenmechanik auskennt weiß, dass ein Großteil der Quantenphysiker von einer Stochastik auf Ebene der Elementarteilchen ausgeht. Dies bedeutet, dass für diese die Welt nicht auf Basis eines Determinismus beruht sondern auf den Zufall welcher nur in großen Ordnungen statistischen Regeln folgt („Gesetz der großen Zahlen“). Auf dem ersten Blick macht diese Stochastik das Konzept von göttlicher Gerechtigkeit noch komplizierter. Wie kann jemand für eine Tat verurteilt werden, wenn es Zufall war, welchen Output die Biochemie des menschlichen Gehirns liefert (relevant wohl nur für marginale Entscheidungen). Aber hier kommt der Panpsychismus ins Spiel welcher auch sehr gut mit Mormonismus verbunden werden kann. Unter mormonistischer Lesart besagt dieser: Jede Form von Materie – auch Elementarteilchen – verfügen über eine ganz feine marginale Intelligenz (als „Proto-Consciousness“ in der Wissenschaft bezeichnet). Und weil diese Intelligenzen sich verhalten können wie sie mögen (ohne ein ausgeprägtes Bewusstsein zu haben), können deren „Entscheidungen“ oder Prozesse von außen als stochastisch wirken. Was in der Physik als Zufall auf Ebene der Quantenmechanik gesehen wird, wäre in der Tat gut vereinbar mit dem immer stärker zunehmenden Panpsychismus. Panpsychismus kann dabei atheistisch oder auch religiöse Prägungen annehmen. Aber besonders die mormonische Metaphysik bietet sehr große Schnittpunkte zum Panpsychismus. Auch wenn das Konzept des Panpsychismus mehr auf die elementare Frage von Bewusstsein und Innenleben / Qualia eingeht anstatt auf das Konzept freien Willens.

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Henning S.
Henning S.
3 Monate her

Ich höre immer wieder, dass die deterministische Weltsicht atheistisch sei. Auch finde ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse superinteressant, aber ich denke diese werden auch nicht zu 100% beweisen, dass es einen Determinismus gibt. Anders gesagt – es gibt auch ohne Wissenschaft viele Fragen, die ich nicht schlüssig zusammenbringe, wenn man behauptet es gäbe einen Freien Willen. Mal jenseits der Wissenschaft und des „atheistischen“ Weltbildes – woher soll der freie Wille kommen? Aus theologischer Sicht, stellt sich die Frage, woher ein freier Wille in das Leben gekommen sein soll. Nehmen wir einmal an, es gäbe einen Schöpfergott. Erstmal die Frage – woher kam der Wille eines Gottes, einen Gott zu erschaffen?! Gott muss nach der Logik ja erschaffen worden sein und das kann nicht zufällig passiert sein! Anders gesagt – es muss einen Willen gegeben haben, Existenz mit einem Willen zu schaffen…… wo das angefangen haben soll ist ein Mysterium um das sich Gottesgläubige drücken. Ein Gott, der metaphysisch, außerhalb von Raum und Zeit existiert, ist für uns nicht nachvollziehbar und ist für mich pseudointellektuelle Fantasie. Metaphysik ist pseudointellektuell bzw. antiwissenschaftlich, denn es kann auch nicht widerlegt werden, da die Gesetze sich jenseits der Überprüfbarkeit bewegen oder wild mit diesen gemischt werden. Also, Relativitätstheorie, Quantenphysik….. werden gerne misbraucht und auf einem Confirmation Bias aufbauend mit unergründbaren Annahmen gemixt. Sorry, ich habe mich dazu zuviel mit naturalistischen Philosophen und Wissenschaftlern ausgetauscht und habe nie intellektuell verstanden, warum man sich mit Metaphysik beschäftigen sollte, wo ich (wie fast alle anderen) schon mit evidenzbasierter bzw.… Weiterlesen »

Tobias Kempkens
Tobias Kempkens
3 Monate her
Reply to  Henning S.

„Ich höre immer wieder, dass die deterministische Weltsicht atheistisch sei.“ => Eigentlich ist es genau andersherum. Der Atheismus ist häufig deterministisch. Wie ich angeführt habe, kann auch der Theismus sehr wohl als Determinismus funktionieren. Die meisten christlichen Religionen gehen sogar (unbewusst) von einem Determinismus aus!      „Mal jenseits der Wissenschaft und des „atheistischen“ Weltbildes – woher soll der freie Wille kommen?“ => Aus einem aktiven Ich-Bewusstsein. Wenn eine Entität sich seiner selbst und seiner Umwelt bewusst wird, könnte es Entscheidungsalternativen sehen und realisieren. Es hat ja einen Grund warum es kognitiv über Jahrtausende als gegeben angesehen wurde. Erst der Materialismus konnte logisch nachweisen warum dies ggfs eine Illusion ist – weil nach materialistischer Sicht eben auch das Ich-Bewusstsein nur eine Illusion ist, welche sich aus der Mechanik des Gehirns ergibt. Die Frage ist daher meines Erachtens eher: Wie kann ein Innenleben entstehen auf welchen aufgebaut ein Ich-Bewusstsein entstehen kann? Wenn ein Innenleben eine fundamentale Eigenschaft des Universums ist, dann stellt sich die Frage des woher gar nicht, da es einfach existent ist – ebenso wie  überhaupt irgendetwas anstatt einfach nichts.   „Gott muss nach der Logik ja erschaffen worden sein“ => Nein. Weder ein bekanntes Gotteskonzept basiert auf der Schöpfung des Gottes noch ist es eine logische Prämisse. Das Underlying von allem (egal ob theistisch oder atheistisch) muss immer die Unendlichkeit sein. Wenn du irgendeinen Anfang hast, dann gibt es immer ein davor. Und über einen infiniten Regress würdest du auch wieder bei der Unendlichkeit angelangen weil es keine Alternative gibt. Würdest… Weiterlesen »