Tod eines Elternteils: Umgang mit trauernden Kindern im religiösen Kontext

Aus der Community

Bildquelle: trauerportal.ch

Nachfolgend ein anonymer Beitrag, den ich an die Community weitergeben darf. Vielleicht sollte man (auch) als religiöser Mensch ein wenig darüber nachdenken, was man einem Kind sagt, wenn ein Elternteil stirbt…

ZITAT:
Ich habe viele Jahre in Therapie verbracht, unter anderem weil mir gesagt wurde, dass ‚Gott ihn mehr braucht‘, nachdem mein Vater starb, als ich 6 Jahre alt war. Als Kind dachte ich immer wieder: ‚Habe ich nicht gezeigt, dass ich meinen Papi brauche?‘ Dazu wurde mir gesagt, dass mein Papa nicht in den Himmel kommen kann, bis ich aufhöre zu weinen. Das ist echt verkorkst!!

Bitte nicht wie so oft als Angriff verstehen auf Dich persönlich oder den Glauben der Dir heilig ist, sondern als Versuch, mal eine andere Perspektive aufzuzeigen und Aufmerksamkeit zu schaffen, denn ich muss sagen auch ich habe den ersten Satz das ein oder andere Mal im Kirchenkontext gehört, ohne viel weiter darüber nachzudenken. Vielleicht macht man sich nicht so viele Gedanken, wie das auf Kinder wirken kann?

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T.
T.
4 Monate her

Erinnert mich entfernt an eine Begebenheit von 2011. Mein Opa war schwer krank und es war ein auf und ab. Mal die Hoffnung, dass er es packt und dann die Angst, dass er stirbt. Als ich mal meine Sorgen auch Ausdruck verliehen hab, kam von seitens einiger Mitglieder mal mehr mal weniger deutlich solche Sätze wie: Wenn du traurig bist, dass er stirbt, dann hast du keinen Glauben/kann dein Zeugnis ja nicht so groß sein….

Wenn es tröstend/motivierend gemeint gewesen sein sollte. …naja ich belasse es mal dabei. Als Erwachsener ist es schon schwer genug sowas dann auszuhalten und solche Kommentare als Sprechdurchfall ab zu tun. Wie heftig muss das dann ein Kind belasten?

Guido Müller
Guido Müller
4 Monate her
Reply to  T.

gute fragen und das was dir da von diesen menschen gesagt wurde…in einer situation der trauer indirekt einen vorwurf/religiösen druck mit einzumischen, um einen menschen vermeintlich trösten zu wollen….das ist so ziemlich das gedanken- und herzloseste was man in einer solchen situation weitergeben kann wie ich finde…da ich ähnliche situationen in anderen kontexten hatte, kann ich das zumindest etwas nachempfinden…

Guido Müller
Guido Müller
4 Monate her

Wäre es vielleicht besser, manchmal einzugestehen dass man evtl. den Sinn der Dinge noch nicht so genau versteht als immer wie aus einem Reflex heraus zu meinen, eine Antwort für alles haben zu müssen? Das ist sowieso eins der Dinge, die mich an Religion aus heutiger Sicht mit am meisten stören. Dieser Drang, immer eine Art Erklärung für alles zu brauchen, um sich wohl fühlen zu können. Und leider kommt es ja noch schlimmer, wenn man indirekt oder auch direkt dafür beschämt wird, zahlreiche Erklärungen religiöser Menschen nicht (mehr) validieren zu können.

C. M.
C. M.
4 Monate her

Grundsätzlich ist es sehr wichtig Kinder achtsam aufzuklären. Sie nehmen vieles ungefiltert auf. Das passiert leider auch außerhalb von Religion. Ein Schulfreund meines Sohnes hat Schlafstörungen seitdem seine Mutter ihm gesagt hat das ein lieber Familienangehöriger friedlich eingeschlafen ist bei seinem Tod. Zu dem Zeitpunkt war er am Anfang seiner Grundschulzeit.

G. E.
G. E.
4 Monate her

Typische Aussage. Die Unfähigkeit der Empathie bei Trauer ist bei Mormonen sehr stark ausgeprägt und Trauer wird in der Regel als Schwäche ausgelegt. Unabhängig des Alters und der Umstände des Trauernden.

Trauer und Tod sind nie einfach. Der unter anderem Mormonismus bietet ja selbst auf die schwierigsten Fragen relativ einfache Antworten, die so einfach sind, dass auch nur ein minimales Abweichen zu massiven Erschütterungen führen kann. Etwas, was es natürlich zu vermeiden gilt. Du weißt ja: Schmetterling, Flügelschlag, Erdbeben.

Das wirklich Befreiendste für mich war tatsächlich, als mein Pastor mit mir vulnerabel wurde und sagte ich habe darauf keine Antwort und ich will da auch nichts konstruieren um mich besser zu fühlen. Wir haben nicht alle Antworten und das ist okay.

Generell sollte man trauernden Kindern sehr individuell begegnen. Was mich sehr sehr geprägt hat, und das absolut nicht im Guten, war die Aussage „Du bist Opas Medizin“. Mein Opa starb als ich 4 Jahre alt war an Krebs. Immer, wenn ich bei ihm war, „ging es ihm gut“ und dieser Satz fiel dann regelmäßig. Als er begann zu sterben kam er ins Krankenhaus auf die Intensivstation. Dort durfte ich natürlich nicht hin. Er verstarb und ich habe mir mit 4 Jahren vorgeworfen, dass ich schuld bin, weil ich seine Medizin war und nicht bei ihm war. Aber das waren die 80er, da sprach man nicht über so etwas und schon gar nicht mit einem Kind. Dieses Mindset und dieses Trauma hat sich in mich hineingefressen. 

M.S.
M.S.
4 Monate her

Vieles fällt halt auch in die Rubrik – Gut gemeint ist nicht (immer) gut getan. Menschen möchten etwas Tröstliches sagen, das aber in manchen Situationen total nach hinten losgehen kann. Vor allem, was Trauer betrifft – dabei hat Jesus selber ja auch mit Lazarus‘ Schwestern dessen Tod beweint….

Dazu kommt noch ein in unseren Breiten leider immer noch sehr verbreitetes Unverständnis bzw. Ungeduldig-Sein, was Emotionen von Kindern angeht. das ist gar nicht rein auf Mitglieder der Kirche bezogen. (Kann sich noch wer erinnern an die ausgesprochen „netten“ Worte „Hör auf zu weinen, sonst geb ich Dir einen Grund dafür!“).

Aber natürlich, darf man das Kirchen-(oder auch Vereins-)Element nicht unterschätzen, dass jeder meint, zu persönlichen Angelegenheiten anderer Personen etwas sagen zu müssen. Da fehlt es leider sehr oft an der gebotenen Sensibilität.
Da kommt es, wenn es Kinder betrifft, dann auf die Eltern an, durchaus auch mal guten (Kirchen-)Freunden Grenzen zu setzen.