
Ich dachte lange Zeit ich müsste still sein, denn sonst würde dieser Bruder, der damals mein Bischof und später Jugendleiter war, in Frage stehen, seine Position in der Kirche und somit auch die Kirche selbst. Uns HLT-Mädchen wurde früh beigebracht, dass wir dazu da sind, Kinder zu bekommen, uns um Familie und Haushalt zu kümmern und dem Mann zu folgen. Auch dies führte dazu, dass ich nicht das nötige Selbstbewusstsein für einen offenen Umgang fand und verschloss das Geschehene in mir. Aber die letzten Monate reifte in mir der Entschluss, dass ich doch darüber reden will. Und zwar um auf ein Problem in dieser Kirchenorganisation hinzuweisen, dass nicht nur im deutschsprachigen Raum viele weitere (stille) Opfer gefordert hat und weiter andauert.
Ich sollte mich auf seinen Schoß setzen und er fing an, mich unter dem Shirt zu streicheln
Es gab ein paar Schlüsselmomente, an die ich mich immer mal wieder erinnere. Es begann damit, dass er (angesehenes Mitglied, Bischof eine Zeit lang) Jugendliche Aktivitäten und Zeltlager mit organisierte und begleitete. Das erste woran ich mich erinnere ist, dass er mich – dort muss ich etwas 12 Jahre jung gewesen sein – in einen Raum rief, mir sagte ich solle mich auf seinen Schoß setzen und er anfing mich zu streicheln – unter dem Shirt. Ich trug nämlich immer nur Röcke mit Oberteil drüber und da hat er mich unter dem Shirt an meinem Brüsten gestreichelt und dann auch zwischen den Beinen. Er stöhnte dabei, hauchte mir in meinen Nacken und ich war starr vor Angst und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich schämte mich danach. Irgendwie schien völlig klar, dass ich darüber nicht sprechen durfte.
Dann gab es eine Situation im Seminar-Unterricht. Und ich weiss, ich kam zu spät. Alle saßen schon. Seine Frau hatte das Thema und wir saßen an Tischen im Halbkreis zur Tafel. Es gab keinen Stuhl mehr und er sagte, setz dich auf meinen Schoß. Er streichelte mich unter meinem Shirt. Die Tische waren so hoch, dass ich entweder meinen Busen auf den Tisch legen musste oder sie unter dem Tisch waren und er zog an meinem BH, damit ich die Brüste unter den Tisch „fallen“ lassen musste. Er begrabschte mich während des Unterrichts! Warum das keiner gemerkt hat, ist mir bis heute ein Rätsel.
Beim nächsten Ereignis an das ich mich erinnern kann, waren wir auf einem Zeltlager und ich hatte eine Zecke auf meinem rechten Schulterblatt. Ich musste ins Zelt wo alle Arzneisachen lagen. Es stand eine etwas höhere Liege oder Feldbett darin, ich erinnere mich nur schwach an die Umgebung. Er kam rein und sagte, zieh dich obenrum aus, dann schau ich mal, ich tat es, aber ließ mein Shirt vor meinen Brüsten im Arm um nicht angefasst zu werden. Meine Freundin wurde raus geschickt um Alkohol zu holen zum desinfizieren. Ich legte mich mit dem Bauch so auf die Liege, dass er nicht an meinen Busen kam. Doch es reichte ihm wohl, dass er ihn seitlich streichelte. Es dauerte alles sehr lange in meiner Erinnerung, bis endlich die Zecke entfernt war.
Irgendwann wurden in der Gemeinde tatsächlich Fenster in die Türen eingebaut
Ich entwickelte Überlebensstrategien, mied Räume, in die er mich bat, und suchte nach Wegen, niemals allein über Flure oder zur Toilette zu gehen. Irgendwann wurden in der Gemeinde tatsächlich Fenster in die Türen eingebaut – weil es nicht nur mich traf, sondern mehrere Kinder in der Gemeinde. Doch selbst diese Maßnahme brachte nicht den erhofften Schutz. Wer einen Weg sucht, unbeobachtet zu bleiben, findet ihn. Somit fielen zwar einige Räume weg, doch der eine lange, der zwischen zwei Türen eine längere Wand hatte, der Raum, der auf dem Weg zur Toilette lag, den hat er öfter ausgewählt. Er konnte z.B. sehen, wenn ich mal alleine auf Klo musste (ich hab es oft vermieden oder versucht jemanden mit zu nehmen) doch ab und an ging es nicht. Die Belästigung hielt also an bis ich im Alter von 18 Jahren beschloss, nicht mehr zur Kirche zu gehen.
„Du hast Dich nicht gewehrt, also wolltest Du es und hast damit Sünde begangen“
Die Übergriffe geschahen nach den ersten Vorfällen nicht täglich, sondern in größeren Abständen. So genau kann ich es nicht mehr abrufen, aber es war höchstens etwa einmal im Monat. Mit der Zeit funktionierten meine Strategien immer besser: ich wich ihm gezielt aus oder sorgte dafür, dass jemand anderes bei mir war. Und doch blieb die Angst – jede Woche, jedes Treffen konnte wieder der Moment sein.
Und so hörte es nicht auf – bis ich mit 18 beschloss, nicht mehr zur Kirche zu gehen.
Nachdem dies mehrere Jahre so ging und ich ca. einmal im Monat mit einem Übergriff konfrontiert war, wollte ich endlich mein Schweigen brechen als ich 17 Jahre alt war. Ich erzählte es zunächst meinen Eltern. Daraufhin gab es ein Gespräch mit dem damaligen Bischof, der bereits gewechselt hatte – blöderweise handelte es sich um den Sohn des betroffenen Bischofs. Ich würde lediglich kurz angehört, dann der Beschuldigte. Danach hieß es sinngemäß: Julia, du hast dich nicht gewehrt, also wolltest du es gewissermaßen auch, das ist eine Sünde.
Stille half rückblickend niemandem, außer dem vermeintlich einwandfreien Ruf der Organisation
Danach wurde nie mehr darüber gesprochen. Es wurden weder Strafverfolgungsbehörden kontaktiert noch professionelle Hilfe zur psychologischen Nachbetreuung. Diese sorglose Stille half mir als Opfer rückblickend aber gar nicht, sie half lediglich nach außen hin den Ruf des Täters und der Kirchenorganisation zu wahren. Intern war ja einigen klar, was abging, auch wenn man nicht drüber sprechen sollte. Aus meiner Sicht baut der oft unter Mitgliedern als makellos beschriebene Ruf allerdings auf dem Schweigen zahlreicher Betroffener auf. Es ist, Zeit, dass die Dinge ans Licht kommen und damit möchte ich andere aufrufen, sich mit diesen Geschichten zu melden. (Dafür hat OF eine vertrauliche Anlaufstelle unter der Email-Adresse: [email protected] )
Bitte der Polizei melden. Selbst wenn die Tat verjaehrt ist es hinterlässt eine Papierspur. Wenn der Taeter es bei jemand anderem tut ist der Taeter bereits der Polizei bekannt.
[…] Ich habe Erfahrungen gemacht, die mich geprägt haben. […]
Aber du weißt, dass das Fehler der Menschen sind und nicht Gottes Fehler. Gott hat all seinen Kinder Entscheidungsfreiheit gegeben und leider müssen oft andere Menschen aufgrund der falschen Entscheidungen anderer leiden… in diesem Fall sogar sehr. Aber dank Jesus Christus wird am Ende alles gerecht gemacht. Nur er kann wirklich gerecht richten – und er wird es tun. Und alle Wunden werden geheilt… endlich unendlich! Vergiss nie, wie sehr der Vater im Himmel dich liebt!
Das ist sicherlich richtig, nur nützt es den Betroffenen nichts, erst die Gerechtigkeit später zu erhalten. Wir leben im hier und jetzt und brauchen jetzt die nötige Gerechtigkeit. Wir sind ja dazu angehalten uns jetzt zuverbessern. Also sollten wir alles daran setzen dies zu tun.
Bitte lesen.
https://www.startribune.com/sexual-abuse-old-apostolic-lutheran-church-minnesota/601513471
Manchmal ist es in den Gemeinden bekannt und niemand geht zu der Polizei.
Meine Tochter wurde in ihrer Ehe von ihrem Mann sexuell missbraucht. Obwohl sie eine Anzeige bei der Polizei gemacht hat, wurde keine Anklage erhoben. Auch in der Kirche wurde ihr Exmann von der Leitung der Gemeinde, sowie dem Pfahlpräsidenten geschützt. Man hat einfach dem männlichen Part mehr geglaubt. Ihr Exmann hat alle manipuliert. Er hat sogar das gemeinsame Kind in dieses pervide Spiel mit eingebunden. Da die Kirche nicht beide gleichwertig behandelt hat, zeigt es mir einmal mehr, dass die Organisation in der Kirche nicht die Führung Jesu Christi bei sich hat. Auch meine Briefe wurden von der Präsidentschaft nicht beantwortet. Ich weiß für mich, dass das Evangelium Jesu Christi wahr ist, aber nicht die Verantwortlichen auf dieser Erde. Solange keine Frauen in der Bischofschaft mit beurteilen und entscheiden dürfen, solange wird es keine Gerechtigkeit in solchen Fällen geben. Die Erste Präsidentschaft sollte einmal mehr darüber nachdenken! Gerechtigkeit im Sinne Jesu Christi sieht anders aus!