„Warum ich Kirche und menschliches Fehlverhalten nicht mehr trennen kann“

Community-Beitrag von Nicole Schwab

Bildquelle: Salt Lake Tribune

Lange Zeit habe ich versucht, den Gedanken aufrechtzuerhalten, dass Kirche als Institution etwas anderes ist als die Menschen, die in ihr dienen. Dass Gott vollkommen ist, und Menschen Fehler machen und dass man daher die Kirche nicht für diese Fehler verantwortlich machen darf.

Dieser Gedanke wurde mir oft so vermittelt, dass er sich wie ein Grundpfeiler des Glaubens anfühlte. Doch heute spüre ich: Für mich stimmt das nicht mehr. Und ich möchte erklären, warum, ganz ruhig, respektvoll und aus meiner eigenen Erfahrung heraus.


1. Eine Organisation kann nicht von den Menschen getrennt werden, die sie repräsentieren. In jedem anderen Bereich unseres Lebens ist dieser Gedanke selbstverständlich.

Wenn jemand in einem Unternehmen arbeitet und grob gegen Regeln, Ethik oder Sicherheit verstößt, dann trägt nicht nur der einzelne Mitarbeiter Verantwortung, sondern auch das Unternehmen, das ihn eingestellt, autorisiert und nicht rechtzeitig eingegriffen hat.

Warum?

Weil er das Unternehmen repräsentiert.

Bei einer Kirche, die für sich beansprucht: göttliche Führung, göttliche Berufung, göttliche Autorität, ist diese Verbindung sogar noch stärker.

Führer handeln nicht nur als Privatpersonen, sie handeln als Vertreter Gottes, weil die Kirche ihnen diese Rolle und diesen Titel gibt.


2. Wenn Macht vergeben wird, trägt die Institution Verantwortung.

Ein Bischof, ein Kirchenführer, ein Amtsträger bekommt seine Position nicht zufällig.

Er wird berufen, bestätigt, gesegnet, eingesetzt.

Er führt Interviews, beurteilt „Würdigkeit“, vergibt Sakramente, trifft Entscheidungen mit Auswirkungen auf das Leben anderer Menschen.

Wenn genau dieser Mensch dann jemanden verletzt, übergreift oder missbraucht, dann kann man nicht sagen:

„Das war nur der Mensch, nicht die Kirche.“

Denn ohne die Kirche hätte er diese Machtposition nicht, diesen Titel nicht, diesen Einfluss nicht, diese Entscheidungshoheit nicht, und oft auch nicht dieses Vertrauen.

Die Kirche hat ihn eingesetzt und sie lässt ihn häufig auch dort, selbst wenn Warnzeichen da sind. Das ist institutionelle Verantwortung. Auch wenn man es noch so spirituell verpackt.


3. Wie soll man trennen, wenn genau dieser Mensch Tempelinterviews führt?

Ein Beispiel, das mich persönlich tief bewegt:

Ein Bischof, der selbst übergriffig, unwürdig oder gewalttätig ist, darf dennoch darüber entscheiden, ob jemand anderes „würdig“ ist, den Tempel zu betreten.

Das bedeutet: Ein Mensch, der selbst Grenzen verletzt, darf darüber urteilen, ob jemand anderer vor Gott rein, moralisch und berechtigt ist. Wie soll man dort Institution und Mensch trennen?

Die Institution hat ihm diese Macht gegeben. Sie hat ihn nicht überprüft. Sie hält ihn in der Position. Sie schützt ihn oft eher als die Betroffenen. Das kann ich nicht mehr trennen.

Und ich finde, es ist okay, das auszusprechen.


4. Ich zweifle nicht an Gott. Ich zweifle an Systemen, die Menschen über Gott stellen.

Mir geht es nicht darum, einen Glauben zu zerstören. Mir geht es darum, ehrlich zu sein: Gott ist nicht das Problem.

Menschen, die behaupten, in seinem Namen zu sprechen, aber nicht transparent oder verantwortungsbewusst handeln das ist das Problem.

Ich glaube weiterhin an etwas Größeres, an Liebe, an Führung, an spirituelle Wahrheit. Nur eben nicht mehr an den Gedanken, dass eine einzige Organisation Unfehlbarkeit für sich beanspruchen darf.

Ich glaube: Der Weg zu Gott darf keine Angst, keine Scham und keinen Missbrauch schützen.


5. Warum ich diese Gedanken teile

Ich teile das nicht aus Bitterkeit. Nicht aus Wut. Nicht, um zu verletzen.

Ich teile es, weil dieses Thema viel zu lange im Schatten lebt. Weil man Betroffene oft zum Schweigen bringt, indem man ihnen sagt: „Das war nur ein einzelner Mensch, nicht die Kirche.“

Und weil ich heute weiß: Solange wir Institutionen nicht für ihre Strukturen verantwortlich machen, werden Opfer weiterhin alleine mit ihrer Geschichte dastehen.

Ich möchte Mut machen, hinzuschauen. Fragen zu stellen. Die eigene spirituelle Wahrheit zu finden, unabhängig von Dogmen.

Ich wünsche mir Respekt für alle Wege: Für diejenigen, die in der Kirche Halt finden. Und für diejenigen, die ihren Glauben jenseits von Institutionen finden. Beides ist okay. Beides ist menschlich. Beides verdient Raum.

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Anonymer Leser
Anonymer Leser
1 Monat her

Das ist ein guter Artikel. Er ist neutral geschrieben und die Emotionen werden nicht über die Vernunft gestellt. Wenn man strenge Maßstäbe an eine Organisation stellt, was man als Kirche, als Unternehmen und auch als Staatsapparat tun sollte, dann bleiben nicht viele Institutionen übrig, die man als „nur gut“ bezeichnen könnte. Denn alle Organisationen sind „infiltriert“ von Menschen, die zwar Teil der Organisation sind, aber nicht deren Zwecken dienen. In Regierungen ist das besonders tragisch, da es einen Effekt auf sehr viele Menschen hat. In Demokratien kann man diese Menschen zumindest abwählen, in autokratischen Systemen regieren sie dagegen manchmal über Jahrzehnte und regeln dann sogar noch ihre Nachfolge. In sehr vielen Ländern der Erde sind die Regierungen dysfunktional und infiltriert von Menschen, die aus reinem Eigennutz handeln und mithilfe der Institution (Regierung) die Menschen, denen sie eigentlich dienen sollten, aussagen und unterdrücken. Bei Unternehmen ist das von vornherein klar. Deren Zweck ist es, Geld zu verdienen, Gewinnmaximierung. Dem ist alles untergeordnet und die Moral ist „optional“. Ein Drogenkartell hat einen sehr niedrigen Moralkodex, eine NGO einen höheren. Normale Unternehmen liegen irgendwo dazwischen. Und jetzt kommen die Kirchen. Die sollten einen sehr hohen Moralkodex haben. Allerdings kämpfen die Kirchen ebenfalls um den Erhalt von Macht und Einfluss. Im Grunde genommen tun sie das aus einer positiven Überzeugung heraus und gemäß ihrer grundlegenden Lehre oder Philosophie. Der Islam ist ein Freund von weltlicher Macht, um den Glauben an Allah zu verbreiten. Deshalb drängt er an die Regierung von Ländern. Das Christentum hält… Weiterlesen »

Petra Dickamore
Petra Dickamore
1 Monat her

23rd August, 2022 An Open Letter to the Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, As organisations and individuals who have an interest in the welfare of children, youth and vulnerable adults in The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, we have serious concerns about safeguarding procedures within The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. The recent Associated Press article has caused a great deal of concern from within and outside of the Latter-day Saint faith community. We believe the Church’s response to the article is wholly insufficient and which does not alleviate the concerns raised by the AP article. Basic safeguarding procedures are not being followed within the Church. Congregants who work directly and closely with children, youth and vulnerable adults are not subject to criminal background checks. No safeguarding information is on display in our buildings. There is no training for members or leaders in the church with the exception of an extremely poor and wholly insufficient online video which lasts for less than 30 minutes. The Handbook of Instructions contains insufficient procedural advice. This is NOT safeguarding. 1. We ask that you ensure that all members of the Church of Jesus Christ of Latter-day Saints who will or who may work with children and vulnerable adults, be subject to criminal background checks. 2. We ask that Bishops and any lay members report suspected cases of abuse to the relevant authorities immediately in all areas of the world. 3. We ask you to ensure that safeguarding… Weiterlesen »

Anonymer Leser 2+
Anonymer Leser 2+
23 Tage her

Meine Deutsch schreiben ist nicht so gut aber Ich gib mehr mühe.

Gott rieft Propheten. Propheten machen fehler, manchmal Grosse fehlern.
Alle Menschen sind fehlerhaft und beeinflusst von satan, Unserer zeil und Hoffnung ist zum ausharrren bist am ende, vergeben und gewaschen und gereinigt von das Sündofer Jesus Christus,

Petra Dickamore
Petra Dickamore
23 Tage her

Hi, I live in Texas and I saw this.

https://www.facebook.com/share/1AWRx4Stog/

Can you please follow up on it? Please tell me that a convicted child abuser is not set apart in the stake
high council.

A simple background check could have prevented this. The power of discernment is not always accurate.

Jörg van der Heiden
Jörg van der Heiden
19 Tage her

Das Evangelium Jesu Christi beinhaltet nicht solche Vorgehensweise. Deshalb trenne ich das Evangelium von den Menschen und der Organisation. Ich habe für mich gelernt, das zutun was ich für mich als richtig empfinde und nicht blind das zutun was mir andere vorschreiben wollen. Eine wichtige Hilfe ist für mich Julie de Azevedo Hanks geworden. Schaut mal auf ihre Seite.

Petra Dickamore
Petra Dickamore
19 Tage her

Ich denke die HLT Kirche sollte Führungszeugnisse machen fuer alle die Berufungen mit Kindern und Jugendlichen haben. „Ein Mord-Urteil, das zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe führt, wird nie aus dem Führungszeugnis gelöscht und bleibt dort dauerhaft vermerkt, ebenso wie die Anordnung der Sicherungsverwahrung oder Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Alle anderen Verurteilungen werden nach 3, 5 oder 10 Jahren (je nach Schwere der Strafe) aus dem Führungszeugnis gelöscht, aber auch nach der Löschung bleiben sie im Bundeszentralregister (BZR) bestehen, nur eben nicht im Führungszeugnis.“ https://www.welt.de/wams_print/article2695344/Warum-hat-niemand-die-kleine-Talea-gerettet.html Auch ein Pedophiler kann dann nicht mehr zum Bespiel als JM Leiter berufen werden. „„Es war ein Doppelleben“ Ein 61-Jähriger aus dem Kreis Calw ist wegen Kindesmissbrauchs in mehr als 200 Fällen angeklagt. Seit Mitte der 1990er Jahre soll ein Familienvater aus Altensteig (Kreis Calw) zehn Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 16 Jahren mehrfach sexuell missbraucht haben. Der Kontakt zu den Kindern soll über seine Glaubensgemeinschaft, sein ehrenamtliches Engagement bei den Pfadfindern sowie über seine sieben Kinder zustande gekommen sein. Überwiegend Jungen soll er vor allem bei sich zu Hause, aber auch auf Zeltlagern und Ausflügen durch Anfassen und Handverkehr missbraucht haben. Beim Prozessauftakt am Tübinger Landgericht gab der 61-Jährige alle Taten zu. „Ich würde es gern ungeschehen machen“, sagte er und erklärte, dass es durch „spielerisches Raufen und Kitzeln“ zu den Berührungen gekommen sei. Bewusst ausgenutzt habe er die Situation nie, so der Angeklagte. Die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen habe er falsch interpretiert; deren Suche nach Nähe missverstanden und ausgenutzt. Darunter… Weiterlesen »

Jörg van der Heiden
Jörg van der Heiden
19 Tage her

Wo ist der Zusammenhang zu meiner Antwort? Ich trennen das Evangelium Jesu Christi von der Kirche und den Verantwortlichen, weil ich weiß dass hier Diskrepanzen bestehen. Trotzdem ist das Evangelium Jesu Christi für mich die Wahrheit.

Petra Dickamore
Petra Dickamore
19 Tage her

Der Zusammenhang besteht für mich darin, dass eine Organisation/Kirche ihre Kinder und Jugendlichen besser schützen kann. Ein Führungszeugnis finde ich sehr wichtig. Schulen zum Beispiel haben Lehrer, die ein Studium absolviert haben, damit sie die Kinder und Jugendlichen unterrichten dürfen. Trotzdem bekommt jeder Lehrer ein Führungszeugnis, bevor er/sie eingestellt wird. In der Kirche bekommt man eine Berufung ohne Führungszeugnis Es geht mir um Kinderschutz. Selbst die wahre Kirche könnten ihre Kinder und Jugendlichen besser schützen, würde die HLT-Kirche Führungszeugnisse beantragen.

Jörg van der Heiden
Jörg van der Heiden
19 Tage her

Ein Führungszeugnis nützt überhaupt nichts, solange die alten Herren ihre Hände darüber halten. Vielmehr müssen die Frauen als gleichberechtigte Partner in den Gremien mitentscheiden. Priesterinnen und Priester, so wie man es im Tempel gesagt bekommt. Solche Fälle gehören in die Öffentlichkeit, erst dann wird sich etwas ändern.

Petra Dickamore
Petra Dickamore
19 Tage her

Die Vorgehensweise, wie Berufungen vergeben werden. Ein Gebet genügt.

Jörg van der Heiden
Jörg van der Heiden
19 Tage her

Schau mal bei Julie de Azevedo Hanks auf die Internetseite. Eine interessante und imposante Frau.

Petra Dickamore
Petra Dickamore
19 Tage her

Danke, ich werde es mir anschauen.

Jörg van der Heiden
Jörg van der Heiden
19 Tage her

Ja, aber sie kämpft gegen das patriale System! Und dieses sollten alle tun. Und nicht nur austreten.

Petra Dickamore
Petra Dickamore
18 Tage her

Vielleicht kann diese Facebook Gruppe helfen.
https://www.facebook.com/groups/athoughtfulfaith/

Jörg van der Heiden
Jörg van der Heiden
19 Tage her

Wohl kaum. Viel zu oft werden diese Menschen gedeckt. Erst wenn die Frauen in den Entscheidungsgremien mitentscheiden, wird sich etwas ändern.