
Von Tanja (Name geändert)
Ich war zwölf Jahre alt, als ich zum ersten Mal begriff, dass Schweigen lauter sein kann als Schreie. Der Missbrauch in meiner scheinbaren HLT-Bilderbuchfamilie, in der alle aktiv zur Kirche gingen, begann leise, fast unsichtbar, und doch veränderte er alles, was ich über Nähe, Vertrauen und Sicherheit glaubte. Ich war ein Kind und verstand nicht, was geschah – nur, dass es falsch war und dass niemand eingriff.
„Wenn man dann doch sprach, machte man mich verantwortlich – ein Kind“
Am schlimmsten waren nicht nur die jahrelang andauernden und ständig wiederkehrenden sexuellen Übergriffe meines Bruders selbst, sondern die Reaktionen derer, zu denen ich eigentlich hätte laufen können. Meine Eltern sahen weg. Wenn ich versuchte, Worte zu finden, wich man meinem Blick aus. Und wenn man doch sprach, dann machte man mich verantwortlich – ein Kind. Ich lernte früh, dass mein Schmerz etwas war, das man besser verdrängte, um den äußeren Schein zu wahren.
In meiner Verzweiflung wandte ich mich damals an einen Bischof. Ich dachte, die Kirche sei ein Ort, an dem man gehört wird. Ein Ort, an dem Erwachsene helfen, wenn man selbst keine Kraft mehr hat. Aber auch dort stieß ich auf Schweigen, Ausflüchte und eine Haltung, die mich erneut alleinließ. Man hörte zu, ohne wirklich zuzuhören. Man hätte handeln können – aber tat es nicht.
Ich war etwa dreißig, als es wieder geschah
Viele Jahre vergingen. Ich wurde erwachsen, baute mir ein eigenes Leben auf und versuchte, meine Geschichte so tief zu vergraben, dass sie mir nicht mehr wehtun konnte. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht einfach abstreifen. Sie bleibt im Körper, in Reflexen, im Schweigen, das sich wie ein Schatten über manche Tage legt.
Ich war etwa dreißig, als es wieder geschah. Diesmal war es ein Mitglied der Kirche außerhalb meiner Familie, jemand, den ich kannte und bei dem ich gelegentlich half. Er hätte gar nicht zu Hause sein sollen. Ich erwartete nichts Böses, ich ging einfach meiner Aufgabe nach. Und doch nutzte er die Situation aus, überschritt Grenzen, die für mich seit der Kindheit fest verschlossen sein sollten. Ich erstarrte – so, wie man erstarrt, wenn man etwas schon einmal erlebt hat und der Körper schneller reagiert als der Verstand. Ich konnte durch einen glücklichen Umstand fliehen, aber das Gefühl der Ohnmacht blieb.
Es war der einzige Moment, in dem ich spürte: vielleicht nimmt man mich jetzt ernst
Wieder ging ich zur Kirche, zu einem neuen Bischof. Diesmal gestand der Mann, der mich belästigt hatte, was er getan hatte. Es war der einzige Moment, in dem ich spürte: vielleicht nimmt man mich jetzt ernst. Doch die Gespräche, die folgten, galten nicht mir. Sie galten ihm. Was er getan hatte. Warum er es getan hatte. Was nun mit ihm geschehen sollte. Nennenswerte Konsequenzen? Keine. Eine Entschuldigung? Fehlanzeige. Niemand fragte mich, wie es mir ging, was ich brauchte oder wie ich die Situation überstanden hatte. Niemand kam auf die Idee, mit professionelle psychologische Unterstützung zur Verfügung zu stellen oder sie mir zu empfehlen.
Ich war erneut die Unsichtbare.
Ich kann hier nicht bleiben
In diesem Moment wusste ich: Ich kann hier nicht bleiben. Nicht in einer Kirche, die Täter schützt und Opfer vernachlässigt. Oder wie es leider auch vorkommt: in die Stille drängt. Nicht in einer Gemeinschaft, in der man lieber den Ruf wahrt, als Verantwortung zu übernehmen. Ich trat aus. Und mit diesem Schritt verlor ich nicht nur meine geistige Heimat, sondern auch den letzten Rest Vertrauen in meine Eltern, die einst genauso geschwiegen hatten.
Heute erzähle ich meine Geschichte, weil Schweigen schützt – aber die Falschen. Ich erzähle sie, weil Kinder wie mein zwölfjähriges Ich jemanden brauchen, der ausspricht, was anderen unangenehm ist. Und ich erzähle sie, weil ich gelernt habe, dass der erste Schritt zur Heilung oft der ist, bei dem man endlich gehört wird.
Ein Dank geht an alle, die kürzlich ihre Geschichte erzählt haben. So fassen Andere Mut, sich bei OF zu melden. Dies geht jederzeit via [email protected].
Es werden nicht nur Kinder missbraucht, sondern auch Ehefrauen. Und es ist wichtig und gut, dass diese Dinge an die Öffentlichkeit kommen, damit die Verantwortlichen der Kirche zur Rechenschaft gezogen werden. Auch die Verantwortlichen in der Präsidentschaft, welche Kritik nicht hören und sehen wollen.