Community Beitrag von Nicole Schwab

Wenn wir über Emma Smith sprechen, sprechen wir nicht einfach über eine „schwierige Frau“ oder eine Ehekrise. Wir sprechen über ein Machtgefälle, das religiös legitimiert wurde – und genau deshalb so schwer zu erkennen ist.
„Wir sprechen bei Emma Smith nicht über eine ’schwierige Frau‘ oder eine Ehekrise, sondern über ein Machtgefälle, das religiös legitimiert wurde – und genau deshalb so schwer zu erkennen ist.“
Emma Smith wollte die Polygamie nicht leben.
Nicht aus Rebellion.
Nicht aus Unglauben.
Sondern weil sie es nicht wollte.
Und dieses „Nicht-Wollen“ ist entscheidend.
Was Emma tatsächlich gesagt wurde
Joseph Smith erklärte die Polygamie nicht als persönliche Entscheidung, sondern als göttliches Gebot.
In den Offenbarungen (u. a. später in LuB 132) wird sehr deutlich: Wer dieses Gesetz annimmt, wird erhöht. Wer es ablehnt, riskiert Ausschluss, Verlust von Segnungen, Trennung, Vernichtung.
Auch wenn diese Worte theologisch verpackt sind, ist die Botschaft klar: Wenn du nicht zustimmst, verlierst du alles:
Deine Ehe.
Deine Gemeinschaft.
Deine Zugehörigkeit.
Dein ewiges Heil.
Warum das keine echte Entscheidungsfreiheit ist
In der Kirche wird gern betont, dass Gott niemanden zwingt.
Dass Entscheidungsfreiheit ein göttliches Prinzip ist.
Aber aus psychologischer und ethischer Sicht gilt:
👉 Eine Entscheidung ist nur dann frei, wenn ein „Nein“ ohne existenzielle Bedrohung möglich ist.
Wenn die Konsequenz eines Neins ist:
Verdammnis, Ausschluss, Vernichtung, ewige Trennung. Dann ist das kein „Angebot“.
Das ist Zwang! Nicht körperlich. Aber emotional, spirituell und existenziell.
Der entscheidende Punkt: Die Drohung kam nicht von einem Mann – sondern von „Gott“
Das macht diesen Fall so besonders schwer greifbar.
Emma wurde nicht einfach von ihrem Ehemann unter Druck gesetzt.
Der Druck wurde göttlich legitimiert.
Nicht: „Ich will das so.“ Sondern: „Gott will das so.“
Und genau hier kippt jede normale ethische Bewertung. Denn wie widerspricht man Gott,
ohne alles zu verlieren?
Warum Emmas Widerstand gesund war
Aus heutiger Sicht – therapeutisch, psychologisch, menschlich –
war Emmas Zögern kein Mangel an Glauben. Es war ein intakter innerer Kompass.
„Emmas Zögern war kein Mangel an Glauben. Es war ein intakter innerer Kompass.“
Ihr Körper, ihre Seele, ihr Gewissen sagten: „Das verletzt mich. Das überschreitet meine Grenze.“
Das ist kein geistiges Versagen.
Das ist Selbstschutz.
Dass sie dafür als problematisch, widerspenstig oder schwach dargestellt wurde, zeigt, wie sehr das System Loyalität höher bewertete als Autonomie und gesundes Vertrauen in die eigene Intuition.
„Dass Emma dafür als problematisch, widerspenstig oder schwach dargestellt wurde, zeigt, wie sehr das System Loyalität höher bewertete als Autonomie und gesundes Vertrauen in die eigene Intuition.“
Was wir daraus lernen dürfen
Wenn ein religiöses System sagt: Du bist frei zu wählen, aber gleichzeitig gilt: Dein Nein kostet dich alles. Dann ist diese Freiheit nur theoretisch.
„Wenn ein religiöses System sagt: Du bist frei zu wählen, aber gleichzeitig gilt: Dein Nein kostet dich alles. Dann ist diese Freiheit nur theoretisch.“
Und genau das ist der Punkt, den viele von uns nie lernen durften zu benennen. Nicht, weil wir dumm waren.
Sondern weil das System keine Sprache dafür erlaubt hat.
Warum das heute noch relevant ist
Diese Dynamik ist nicht Vergangenheit. Sie zeigt sich überall dort, wo Gehorsam über Wohlbefinden gestellt wird, Zweifel als Gefahr gelten, Leid als Prüfung umgedeutet wird, Grenzen als geistige Schwäche interpretiert werden.
„Diese Dynamik ist nicht Vergangenheit. Sie zeigt sich überall dort, wo: Gehorsam über Wohlbefinden gestellt wird, Zweifel als Gefahr gelten, Leid als Prüfung umgedeutet wird, Grenzen als geistige Schwäche interpretiert werden.“
Emma Smith ist kein Einzelfall.
Sie ist ein frühes, klares Beispiel.
Zum Schluss
Man kann an Gott glauben
und trotzdem sagen:
Das war Zwang.
Das war keine freie Entscheidung.
Und das darf benannt werden.
Denn ein Gott, der Liebe ist, braucht keine Drohung, um Zustimmung zu bekommen.
„Ein Gott, der Liebe ist, braucht keine Drohung, um Zustimmung zu bekommen.“