„Sind Botschaften im Buch Mormon wirklich nur gut, aufbauend und gesund?“

Guido Müller

Vor einiger Zeit habe ich die geleakte Audio-Aufnahme vom sogenannten „Swedish Rescue“-Event in Schweden gehört. Elder Erich Kopischke (damals Gebietspräsident) sprach dort zu zweifelnden Mitgliedern um den mittlerweile ausgetretenen Ex-Siebziger Hans Mattsson und betonte mehrfach, wie schön und aufbauend das Buch Mormon doch sei. Auf mich wirkte das eher druckausübend: Statt die berechtigten Zweifel ernst zu nehmen, wurden sie mit dem Hinweis auf „schöne Stellen“ relativiert – fast so, als sei alles andere dadurch unwichtig.

Die als „Swedish Rescue“ bekannte Fireside als Audio & Text. Elder Kopischke richtet seine Worte bzgl. des Buches Mormon am Schluss an die Teilnehmenden.

Ich teile die Ansicht, dass das Buch Mormon viele inspirierende und christuszentrierte Botschaften enthält. Gleichzeitig sind mir im Laufe der Jahre mehrere Passagen aufgefallen, die mich persönlich stark belastet haben – besonders im Hinblick auf mentale Gesundheit, Selbstwert und die Frage, ob diese Texte wirklich durchweg gesund und aufbauend sind. Mir geht es nicht um Verurteilung, sondern um ehrliche Reflexion. Hier teile ich meine Gedanken zu sieben Themen, die oft diskutiert werden. Ich nenne jeweils die genaue Stelle aus der aktuellen deutschsprachigen Ausgabe und meinen persönlichen Eindruck.

1. „Geringer als der Staub der Erde“ – Helaman 12:7

Der Prophet Mormon schreibt:

„O wie groß ist die Nichtigkeit der Menschenkinder; ja, sie sind sogar weniger als der Staub der Erde.“

Diese Formulierung hat mich lange sehr belastet. Sie stellt den Menschen bewusst unter den Staub und vermittelt ein starkes Gefühl von Wertlosigkeit. Auch wenn der Kontext Demut sein soll, wirkt sie in unserer heutigen Zeit problematisch für das Selbstwertgefühl und die mentale Gesundheit.

2. „Ihr müsst wachen und immer beten“ – 3 Nephi 18:15 & 18

Jesus selbst sagt zu den Nephiten:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr müsst wachen und immer beten, damit ihr nicht vom Teufel versucht werdet und von ihm gefangen weggeführt werdet.“ (Vers 15)

Ähnlich in Vers 18 und in 2 Nephi 32:9. Diese Forderung nach ständigem Gebet hat bei mir früher massive Angst erzeugt – die ständige Sorge, schon ein kurzer Moment der Unachtsamkeit könne den Teufel „besitzergreifen“ lassen. Auch wenn die Kirche heute von Gnade spricht, bleibt der Druck in den Worten des Buches Mormon spürbar und kann für sensible Menschen belastend wirken.

3. Nephi und Laban – 1 Nephi 4:13

Der Geist befiehlt Nephi:

„Siehe, der Herr tötet den Gottlosen, um seinen gerechten Zwecken zu dienen. Es ist besser, dass ein Mensch umkomme, als dass ein ganzes Volk in Unglauben dahinschwinde und zugrunde gehe.“

Diese Geschichte hat mich lange irritiert. Sie rechtfertigt Tötung im Namen eines „gerechten Zwecks“ und steht in starkem Kontrast zur heutigen friedlichen Haltung der Kirche. Auch wenn sie historisch erklärt werden kann, bleibt sie für mich ein schwieriges Beispiel dafür, wie Gewalt im Buch Mormon theologisch begründet wird.

4. Korihor und die Leugnung Gottes – Alma 30:42 und 59–60

Alma sagt zu Korihor:

„Siehe, ich weiß, dass du es glaubst; aber du bist von einem lügenhaften Geist besessen, und du hast den Geist Gottes weggestoßen, sodass er in dir keinen Platz haben kann; sondern der Teufel hat Macht über dich, und er schleppt dich umher und setzt Pläne ins Werk, um die Kinder Gottes zu vernichten.“ (Vers 42)

Später wird Korihor stumm und schließlich heißt es über seinen Tod:

„Und es begab sich: Als er unter dem Volk umherging […] da wurde er überrannt und niedergetreten, ja, bis er tot war.“ (Vers 59)

„Und so sehen wir, wie jemand endet, der die Wege des Herrn verkehrt; und so sehen wir, dass der Teufel seinen Kindern am letzten Tag nicht beistehen wird, sondern sie schnell zur Hölle hinabzerrt.“ (Vers 60)

Diese Passage hat mich besonders getroffen. Die Leugnung Gottes wird hier nicht nur als Irrtum, sondern als teuflisch dargestellt – und endet mit dem Tod durch eine Menschenmenge. Das wirkt auf mich heute hart und wenig einladend gegenüber Zweiflern oder Andersgläubigen.

5. „Seid vollkommen“ – 3 Nephi 12:48

Jesus fordert:

„Darum möchte ich, dass ihr vollkommen seid, so wie ich vollkommen bin oder wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

Diese Forderung kann – trotz späterer Gnadenlehre der Kirche – starken Perfektionismus fördern. Für mich war sie lange eine Quelle von Druck und Schuldgefühlen. Sie zeigt, dass das Buch Mormon an manchen Stellen sehr hohe, psychologisch anspruchsvolle Erwartungen stellt.

6. Hautfarbe und Rechtschaffenheit – 2 Nephi 5:21 und 2 Nephi 30:6

In 2 Nephi 5:21 wird von einem „Fluch“ gesprochen:

„Und er verursachte, dass ein Fluch über sie kam, ja, sogar einen schweren Fluch, wegen der Missetaten ihrer Väter; und der Herr Gott verursachte, dass eine Haut von Schwärze über sie kam, damit sie nicht anziehend wären für mein Volk.“

Und in 2 Nephi 30:6 (aktuelle Ausgabe) heißt es bei der Umkehr:

„…und sie werden rein und angenehm sein wie ihr Volk.“

Diese Verknüpfung von Hautfarbe und geistlichem Zustand bleibt für mich eines der problematischsten Themen im Buch Mormon. Auch wenn die Kirche heute klar sagt, dass Hautfarbe keine Rolle spielt, stehen die ursprünglichen Formulierungen noch im Text und wirken in unserer Zeit diskriminierend.

7. Der „Große Geist“ und Bekehrung – Alma 18:24–28

Ammon erklärt dem Lamaniten-König Lamoni:

„Glaubst du, dass es einen Großen Geist gibt?“ (Vers 26)
„Ja.“ (Vers 27)
„Das ist Gott.“ (Vers 28)

Die Botschaft ist klar: Der Glaube der Lamaniten reicht nicht aus – sie müssen zum vollen Evangelium bekehrt werden. Das zeigt, wie stark das Buch Mormon Bekehrungsdruck auf andere Glaubenssysteme ausübt. Auch wenn die Kirche heute Dialog betont, bleibt dieser missionarische Impuls im Text sehr dominant.

Mein Fazit heute

Das Buch Mormon enthält zweifellos viele schöne und inspirierende Stellen. Aber die oben genannten Passagen haben mich persönlich immer wieder belastet und meine Zweifel nicht kleiner, sondern größer gemacht. Elder Kopischkes Argument, man könne ja zweifeln, aber das Buch Mormon sei doch so schön, hat bei mir eher das Gefühl verstärkt, dass berechtigte Kritik schnell weggewischt wird.

Ich habe gelernt: Glaube muss ehrlich bleiben. Es ist okay, diese Texte kritisch zu lesen, den historischen Kontext zu sehen und trotzdem zu fragen, ob sie wirklich durchweg der mentalen Gesundheit und dem Selbstwert dienen. Genau diese Ehrlichkeit – und nicht das Schönreden – hat meinen inneren Frieden letztlich gestärkt.

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A.S.
A.S.
2 Jahre her

Sehr oft wird von „… werden im Feuer/ Hölle brennen“ geredet.
Angstmache kommt sehr oft vor.

Guido
Guido
2 Jahre her
Reply to  A.S.

A.S.: du hast da was falsch verstanden glaube ich….auch ein Höllenfeuer kann uns in dieser kalten Jahreszeit Wärme schenkencomment image

D.L.
D.L.
2 Jahre her

Guido Müller Der Vollständigkeit halber diesen Post bitte um die gleichen, ähnlichen und nicht weniger schwerverständlichen Aussagen aus dem alten und neuen Testament erweitern. Klingt ja sonst so, als würdest du dir nur die Rosinen rauspicken (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Rosinenpicken), um ein einseitiges Weltbild in dieser „offenen“ Diskussionsrunde zu etablierencomment image

O.K.
O.K.
2 Jahre her
Reply to  D.L.

D.L.: es ist zwar richtig, dass die Bibel viele nicht gerade erbauliche Teile enthält, aber was willst du damit sagen? Dass Gott absichtlich solch schädliche Lehren in seinen heiligen Büchern kundtun will oder dass alle sogenannten heiligen Schriften doch nur die spezifische Kultur und das beschränkte Weltbild der Autoren (Menschen) widerspiegeln oder irgendetwas dazwischen? Eine Ausweitung Guidos Aufzählung auf ähnliche Bibelbotschaften hätte nur gezeigt, dass sich die Kritik auch auf andere Religionen ausweiten lässt. Hätte das die ursprüngliche Botschaft deiner Meinung nach entkräftet oder bestärkt?

H.S.
H.S.
2 Jahre her
Reply to  O.K.

D.L.: ich verstehe den Vorwurf nicht. Guido bezieht sich hier auf eine Aussage zum BM und hier sehe ich keine Notwendigkeit sich auch auf die Bibel zu beziehen, auch wenn es da sicher Parallelen gibt. Wo siehst du Rosinenpicken? Weil Guido die Aussage nicht aufs AT und NT HIER ausgeweitet hat und den Beitrag doppelt und dreifach so lang gemacht hat? Wo steht, dass er deshalb einige vergleichbaren Aussagen aus der Bibel weniger schlimm findet? Dann könnte ich evtl. den Vorwurf nachvollziehen – so stehe ich auf dem Schlauch.

D.L.
D.L.
2 Jahre her
Reply to  H.S.

H.S.: berechtigter Einwand, es ging mir aber darum, eine Diskussion zu Thema Einseitigkeit anzustoßen. Demnächst folgen dazu ein paar Gedanken meinerseits in einem separaten Beitrag.

G.E.
G.E.
2 Jahre her
Reply to  D.L.

D.L.: Nunja in jedem Buch finden sich erbauliche und gute Passagen, die aus dem Kontext genommen sicherlich dem warmen fuzzy feeling nachhelfen können. Wenn man lang genug sucht, dann findet man sicherlich auch im Parteiprogramm der AfD oder Mein Kampf was Positives, so ohne Kontext. Die Bibel ist über einen langen Zeitraum, kulturkontextuell beeinflusst ein Produkt mit sehr unterschiedlicher Autorenschaft und einer eben so diversen Empfängergruppe. Und mit Sicherheit ist nicht alles grundsätzlich gut darin und für uns von heutiger Sicht auch nicht einfach zu verstehen. Man denke nur an die Kinder, die vom Propheten Elisha verflucht und dann von Bären gerissen wurden, weil der Prophet sich in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte. Hat dann auch ein bißchen was vom Struwelpeter. Und auch da sind die heutigen exegetischen Ansätze sehr kontrovers. Aber das Buch Mormon hat nur einen Autor: Joseph Smith und er kannte seine Zielgruppe ebenfalls recht gut. Er hatte die Wahl, ein wirklich erbauendes Werk über die Liebe Gottes zu schreiben, in dem wir Gott wirklich kennen und verstehen lernen, in dem seine Liebe zu seinen Menschen offenbar wird – hat er aber nicht. Er hat sich sehr bewusst in seinen Schriften, seien es nun BOM, D&C oder PoGP, für ein Narrativ entschieden, das ein Bild von Gott zeichnet, das nicht positiv ist, sondern dazu taugt, Angst und somit unfrei zu machen. Joseph Smith als Alleinautor seiner Jesus Fanfiction hatte die Wahl, wie er die Geschichte gestalten will, was er den Menschen damit vermitteln und was er damit bei… Weiterlesen »

H.S.
H.S.
2 Jahre her

Das Buch Mormon, die Bibel und viele andere Bücher haben schöne und erbauende Stellen – mal abgesehen davon, dass es auch einige merkwürdige Stellen gibt, wie hier völlig zu Recht angeschnitten wurde. Im Gegensatz zu nicht heiligen Büchern, gibt man allerdings vor, dass die HS allgemein wahr sind und man diese nicht hinterfragen darf. Bei allen anderen Büchern ist Kritik normal. Wo gibt es aber innerhalb des Mormonismus einen Raum für Kritik und Zweifel?! – Ich habe den bis heute nicht gefunden bzw. bin nicht zu diesem eingeladen worden.

Wenn ich ein Buch als wahr verkaufe, dann sollte es nicht anschließend nur mit dem Argument verteidigt werden, es sei schlicht nett und schön (was, wenn überhaupt, nur partiell zu verstehen ist). Es ist von der Kirche zu erwarten, dass sie das richtig stellt und nicht vom Wahrheitsanspruch zurück tritt.

G.G.F.
G.G.F.
2 Jahre her

Ich kann die Kirche für mich nur daran messen: Ist sie die einzig wahre Kirche Gottes auf Erden?

Angesichts dessen was sich in der Geschichte, insbesondere in deren Anfängen nun zeigt, zweifel ich an ihrer Glaubwürdigkeit!

Mein Verständnis von persönlicher Offenbarung liegt in der eigenen Würdigkeit. Diese spreche ich mit dem heutigen Wissen insbesondere Joseph Smith und Brigham Young ab. Wenn das tatsächlich von Gott geduldet würde, pfeife ich auf ihn und mach mir meine eigene Religion.

In jeder Religion ist Gutes aber auch Schlechtes bis fast schon zur Perversion zu finden. Bleibt immer noch die Frage: Kommt DAS von Gott?

Und bei Joseph Smith gab und gibt es da Verbindungen zu viel mächtigeren Drahtziehern wie z.B. den Freimaurern. So, wie auch heute die wirklich Mächtigen vernetzt sind! Und da ging/geht es immer nur um Macht und Geld.

Alles steht und fällt mit folgender Überzeugung: Ist dies wirklich die einzig wahre Kirche? Von Gott mit hunderten Offenbarungen an Joseph Smith errichtet?

Für mich NEIN. Soweit ich das beurteilen KANN, war Joseph Smith ein UNWÜRDIGER. Und ein Unwürdig kann ein guter Autor oder Sprecher sein, aber kein Fürsprecher Gottes.

ICH FÜR MICH könnte mir nicht vorstellen, so zu handeln, wie Joseph Smith oder Brigham Young! Ich würde mich aus Scham in die hinterste Ecke verkriechen!

Wenn ich schöne Sprüche oder Geschichten als Argument für die Glaubwürdigkeit heranziehe, dann sind Romane von Rosamunde Pilcher ab jetzt Gottes Wort.

Jörg van der Heiden
Jörg van der Heiden
27 Tage her

Ob Josef Smith würdig oder unwürdig war kann ich aus heutiger Sicht nicht beurteilen. Eines kann ich aber sagen, wir sind Menschen, wir machen Fehler und gerade jene welche Macht besitzen neigen dazu das Volk zu manipulieren. In vergangener Zeit, genauso wie heute. Dies gilt für Propheten genauso wie für normale Gläubige! Jedes der Bücher beinhaltet gutes, als auch nicht so erbauliches. Sobald aber eine Religion behauptet die einzig wahre Kirche zu sein, wird es schwierig, egal ob es wahr sein sollte. Dies zeugt von einer maßlosen Überheblichkeit anderen Gläubigen gegenüber! Ist Jesus Christus in seinem Leben auch so aufgetreten? Wohl kaum! Er hat durch seine Taten die Wahrheit des Evangeliums sprechen lassen. Wenn die Führung der Kirche zu den Fehlern der Vergangenheit und der Gegenwart stehen würde und sich bei den Menschen entschuldigen würde, dann wäre dies das gelebte Evangelium Jesu Christi. Da aber ein Prophet und das Gremium der Apostel sich nicht in Frage stellt, wird dieses nie geschehen. Schade, aber die ganzen Mitglieder, welche sich aufgrund solcher Verhaltensweisen von der Kirche entfernt haben, gehen ganz alleine zu Lasten der Führung der Kirche!