Eheprobleme innerhalb von Mitgliederfamilien: Wenn der Partner nicht (mehr) an die Kirche glaubt

Einige berichten von familiären Problemen, die in ihrer Ehe zu einem noch kirchentreuen Partner auftreten, wenn sie eine Glaubensveränderung oder Glaubenskrise durchlaufen.
Was für Probleme treten auf? Welche Auswirkungen können diese Probleme haben? Geraten dadurch potenziell Beziehungen in Gefahr? Wir lassen drei Betroffene offen ihre Erfahrungen mitteilen. (Namen geändert)

Monika

Mein Glaubensänderungsprozess hat zu einer großen Spannung in meiner Ehe geführt. Eines der größten Probleme ist, dass mein Mann glaubt, dass meine Identität als „guter Mensch“ mit gesunden Grundwerten untrennbar von meiner Tätigkeit in der Kirche abhängig ist. Er meinte im Grunde genommen dass der einzige Weg, ein „guter“, emotional stabiler, glücklicher Mensch zu sein, bedeutet, in der Kirche eingebunden zu sein. Wenn die Kirche aus dem Blickfeld gerät, ist er extrem gestresst, dass ich in eine Art allgemeine moralische Verderbtheit versinken werde.

„Wenn die Kirche aus dem Blickfeld gerät, ist er extrem gestresst, dass ich in eine Art allgemeine moralische Verderbtheit versinken werde.“

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„Wir beschlossen, nicht mehr zu kuscheln, und der Bischof ließ uns Freunde bleiben. Dann erlaubten wir uns eine letzte ausgedehnte Umarmung…“

Dies ist die Geschichte von Chris (Name geändert), einem homosexuellen Bruder aus den USA, der vor etwa 10 Jahren in der Deutschland Hamburg Mission diente. Er schildert in Teil 1 seine Jugend, seine Mission und sein schmerzerfülltes und hoffnungsloses Beziehungsleben nach Mission, das ihn unter Anderem zu intensiven Selbstmordgedanken trieb, aber dann letztlich den Nährboden für eine Glaubensveränderung legte. In Teil 2 weiter unten erzählt er, wie sich seine Glaubensansichten und das Verständnis seines eigenen Geschlechts und seiner Sexualität verändert haben.

TEIL 1: MEINE GESCHICHTE

Mein Aufwachsen in der Kirche

Ich weiß nicht, ob sich meine ersten 19 Jahre wirklich von dem unterscheiden, was die meisten Mormonen erleben. Außer vielleicht, dass ich mich seit dem Alter von fünf oder sechs Jahren, wenn nicht schon früher, zu Männern hingezogen fühlte. Einige Leute haben es vermutet, aber niemand außer mir wusste es. Ich habe mich versteckt. Damit niemand meine weiblichen Seiten bemerken würde, versuchte ich, meine Stimme tiefer klingen zu lassen. Ich habe immer versucht, mich nicht feminin zu verhalten. Als Teenager ging ich hier und da an den Rand einer tiefen Depression, aber ich kam zurecht. Diese Gefühle würden verschwinden, oder? Und ich könnte stattdessen in Mädchen verliebt sein!

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„Unser Weg aus der Kirche in ein neues Bewusstsein“ – Die Geschichte von Bärbel und Johannes

Johannes und Bärbel, ehemals Mitglieder in den Regionen Stade und Braunschweig, haben vor kurzem den Weg in unsere openfaith-Facebookgruppe gefunden, und erzählen von ihrer Bekehrung, ihrer Zeit in der Kirche, den resultierenden familiären Problemen und den Gründen für ihren Ausstieg. Sie fassen außerdem zusammen, was sie für sich aus diesen ganzen Erfahrungen gelernt haben.

Hinweis zum Zweck der Veröffentlichung: openfaith will niemanden von der Kirche abbringen oder zu etwas Anderem bekehren. Der Mensch soll im Zentrum stehen und der Wert des Menschen unabhängig von Organisationszugehörigkeiten. Außerdem soll mit der Veröffentlichung die uns allen innewohnende Fähigkeit gewürdigt und zelebriert werden, mit Gott den individuell richtigen Weg für unser Glücklichsein zu wählen, egal ob innerhalb oder außerhalb der Kirche. Meinungen derjenigen, die hier ihre Geschichten erzählen, werden generell ungefiltert wiedergegeben, wie es den erklärten Grundsätzen der Zweckerklärung von openfaith entspricht.

Bärbel

Wer ich bin und wie meine Familie zur Kirche kam

Manchmal ist es schwer mindestens die Hälfte seines Lebens (denn ich will mindestens 100 werden) in kurze Worte zu fassen, aber einen Versuch ist es wert: Ich wurde 1959 als Zwillingsschwester meines jüngeren Bruders, in Schönberg Kreis Plön geboren und bin vom 2. bis zu meinem 7. Lebensjahr ohne Vater groß geworden. Nachdem meine Mama nochmal heiratete, erfuhr sie kurze Zeit später, als sie mit meinem Halbbruder im 6. Monat schwanger war, dass mein Vater mit dem Schiff von hoher See nicht wiederkehren würde. Die ganze Mannschaft war auf Grönland verschollen. Wir lebten zur damaligen Zeit in Bremerhaven und hier lernte dann meine Mama auch kurze Zeit später durch die Missionare die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage kennen und auch wenn sie zuerst vor der Wahrheit und ihren starken Gefühlen davonlaufen wollte, so schloss sie sich doch kurze Zeit später der Kirche an und mein Bruder und ich wurden auch getauft und mein kleiner Bruder, der dann geboren wurde, erhielt die Kindersegnung. Nach dem Tod meines Vater zogen wir zu meinen Großeltern nach Hesedorf bei Bremervörde. Wir fühlten uns glücklich in der neuen Kirche, aber für meine Mutter war es nicht einfach, denn sie war nun das schwarze Schaf der Familie. Mein Urgroßvater, der Kantor in der evangelischen Kirche war und alle unsere Verwandten kamen mit dem Wandel nicht sehr gut zurecht, verstießen uns aber nicht, sondern behielten weiter liebevollen Kontakt.

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„Lieber Elder Oaks: Ein Jahrzehnt in der HLT-Kirche“ – die Geschichte von Elder Randell Hoffmann

Elder Randell Hoffmann erzählt seine bewegende Geschichte, die in Reaktion auf Elder Oaks letzte Generalkonferenzansprache (Herbst 2017) entstand. „Randy“, wie ihn seine Freunde nennen, stammt aus Kalifornien und diente bis Juli 2015 in der Deutschland Berlin Mission.

Lieber Elder Oaks,

Heute vor zehn Jahren wurde ich in die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage getauft. Es war ein wunderschöner, besonderer Anlass, eine Verordnung, die ich gemeinsam mit Familie und Freunden gleichermaßen erleben durfte. Die Erinnerung daran ist in meinem Herzen genauso tief verwurzelt wie noch am Tag danach. Die Redner, die gesprochenen Worte, die gesungenen Lieder. Ich erinnere mich an die Schwestermissionare, die mich belehrt haben, und mich mit einer Interpretation von „Ich bin ein Kind von Gott“ überrascht haben. Ich saß dort in meinem weißen Overall, barfuß und mit kalten Füßen, hörte den Sprechern zu und fühlte mich so warm.

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Disneyland 2007

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Glaubensstufen-Modell von James Fowler: Welchen Nutzen bietet es Kirchenmitgliedern?

Hast Du den Eindruck, Deine Art und Weise zu glauben verändert sich und würdest das gerne näher verstehen? Wunderst Du Dich, warum so viele Deiner 20-40 jährigen Glaubensgefährten den Glauben ihrer Kindheit hinterfragen? Fühlt es sich für Dich seltsam an, Menschen wegen ihrer „Glaubenskrise“ ohne tieferes Hinterfragen das Label „Übertreter/Zweifler“ anzuheften?  Möchtest Du die Beziehung zu Familienangehörigen verbessern, die „anders“ glauben als Du? Möchtest Du ein Kind optimal im Glauben fördern und fragst Dich, was besonders wichtig dabei ist? Dann geht es Dir nicht anders als vielen anderen Gläubigen, denen das Modell von James Fowler bereits weitergeholfen hat.
So häufig wurde ich bereits von anderen Glaubensgeschwistern und Teilnehmern der openfaith-Facebookgruppe  über Details zum Glaubensstufen-Modell von James Fowler gefragt, dass ich mir dachte, ich müsste dazu mal einen Beitrag posten. Das Modell bietet die Chance, Glaubensentwicklung besser verstehen und fördern zu können. Es hilft Verständnis unter Individuen in unterschiedlichen Entwicklungsphasen herzustellen und Andere (auch sich selbst) in einer Glaubenskrise nicht unnötig zu verurteilen. Vielmehr kann die Phase als Entwicklungsschritt verstanden und gestaltet werden. Zunächst sollen in diesem Artikel die Phasen der Glaubensentwicklung vorgestellt – danach das Modell diskutiert werden.

Erklärung

Vorstufe: Undifferenzierter Glaube
(im Säuglingsalter)
  • Auf dieser Stufe entwickeln Kleinkinder einfaches Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen zum engsten Kreis seiner Mitmenschen (Mutter, Vater, Geschwister, etc.)
  • Die Qualität und Tiefe auf dieser Stufe bilden die Basis für alle späteren Entwicklungen des Glaubens für die Person.

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Anne 2/2: Vorzeitiges Ende der Mission, Selbstfindung und Ausblick

In dieser zweiteiligen Interview-Serie erzählt Anne (Name geändert) von ihrer bewegenden Lebens- und Glaubensreise als HLT-Kirchenmitglied. Das Interview führte Guido.
Teil eins handelte von ihrer insgesamt positiv empfundenen Kindheit in der Kirche und ihrem Kampf mit dem Thema Sexualität als Jugendliche. Im Vorfeld ihrer Mission erleidet sie einen Missbrauch. Sie erzählt von ihrem ersten Tempelbesuch in Vorbereitung auf ihre Mission und was sie dabei empfunden hat.
Im vorliegenden Teil zwei, geht es um ihre zunächst aufbauende Erfahrung im Vollzeit-Missionsdienst in den USA, welcher dann eine dramatische Wendung vollzog und darin mündete, dass sie nach Hause geschickt wurde. Anne arbeitet ihre traumatischen Erfahrungen im Zusammenhang mit diesem Ereignis auf. Dann erzählt sie, was sie für ihr heutiges Leben aus diesen ganzen Erfahrungen gelernt hat und wie sich ihre Sicht auf die Kirche und den Glauben dadurch verändert hat.

Anne, im letzten Teil hatten wir davon berichtet, mit welchen Schwierigkeiten Du im Vorfeld auf Deine Mission zu kämpfen hattest. Diese wurden aber schließlich überwunden und Du bist tatsächlich auf Mission gegangen. Wie hast Du Deine Mission erlebt?

Ich war total gerne auf Mission! Das MTC habe ich jedoch als „Goldenen Käfig für Kleinkinder“ empfunden. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt schon älter als die meisten anderen Missionare, die 18 oder 19 sind, und dementsprechend kamen mir viele dieser Regeln etwas albern vor. Manche haben sich aber noch sehr unreif verhalten, aber ich habe auch Menschen mit ein bisschen mehr Lebenserfahrung getroffen. Auf sie wirkten die Regeln auch teilweise übertrieben.

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Anne 1/2: Kindheit und Jugend, Kirche als „Schutzraum“, Sexualität und Schuldgefühle, Missionsvorbereitung, Endowment

In dieser zweiteiligen Interview-Serie erzählt Anne (Name geändert) von ihrer bewegenden Lebens- und Glaubensreise als HLT-Kirchenmitglied. Das Interview führt Guido.
Teil eins handelt von ihrer insgesamt positiv empfundenen Kindheit in der Kirche und ihrem Kampf mit dem Thema Sexualität als Jugendliche. Im Vorfeld ihrer Mission erleidet sie einen Missbrauch. Sie erzählt von ihrem ersten Tempelbesuch in Vorbereitung auf ihre Mission und was sie dabei empfunden hat.
In Teil zwei, geht es um ihre zunächst aufbauende Erfahrung im Vollzeit-Missionsdienst in den USA, welcher dann eine dramatische Wendung vollzog und darin mündete, dass sie nach Hause geschickt wurde. Anne arbeitet ihre traumatischen Erfahrungen im Zusammenhang mit diesem Ereignis auf. Dann erzählt sie, was sie für ihr heutiges Leben aus diesen ganzen Erfahrungen gelernt hat und wie sich ihre Sicht auf die Kirche und den Glauben dadurch verändert hat.

Liebe Anne (Name geändert), danke dass Du uns über Deine Erfahrungen in der Kirche erzählen wirst. Zunächst einmal: Was sind Deine Beweggründe, dieses Interview zu geben?

Nach allem, was ich erlebt habe, sehe ich Offenheit und Direktheit in Bezug auf meinen Weg als wirksamstes Mittel für einen ganzheitlichen Diskurs im HLT-Universum. Ich bin mit meinen Erfahrungen und Ansichten nicht allein und gebe deshalb einer Gruppe eine Stimme. Anne 1/2: Kindheit und Jugend, Kirche als „Schutzraum“, Sexualität und Schuldgefühle, Missionsvorbereitung, Endowment weiterlesen

Freie Diskussion: „Wohin wollen Sie gehen?“ – Elder Ballard’s Äußerung ggü. zweifelnden Mitgliedern

Elder Ballard machte in der bildschirmfoto-2016-11-06-um-11-04-33vergangenen Herbst-Generalkonferenz einen mittlerweile „berühmten“ und vielzitierten Kommentar:

„Sollte jemand von Ihnen im Glauben wanken, stelle ich Ihnen die gleiche Frage, die Petrus stellte: „Zu wem sollen [Sie] gehen?“ Wenn Sie beschließen, inaktiv zu werden oder die wiederhergestellte Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zu verlassen, wohin wollen Sie gehen? Was gedenken Sie zu tun?“
(Quelle: lds.org)

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Freie Diskussion: HLT-Mitglied, dann Agnostiker oder Atheist – warum verbleiben vergleichsweise wenig Ex-Mormonen in einem christlichen Weltbild?

rausgehenBei diesem Beitrag handelt es sich um eine offene Diskussion, bei der jeder Leser zur aktiven Teilnahme per Kommentarfunktion (siehe unten) eingeladen ist. Es wurden verschiedene deutschsprachige Mormonen und Ex-Mormonen Facebook Communities eingeladen. Im Folgenden wird zunächst das Thema / die Fragestellung und meine eigene Antwort präsentiert.

Fragestellung/Thema

Ein Phänomen das ich durch einige Gespräche und Beobachtungen erfahren habe ist, dass wenn HLT-Mitglieder dem Glauben ihrer Kindheit den Rücken kehren, die Mehrheit Agnostiker oder Atheisten werden. Vergleichsweise wenige verbleiben aktiv in einem christlichen Weltbild oder schließen sich einer anderen christlichen Glaubensgemeinschaft an. Freie Diskussion: HLT-Mitglied, dann Agnostiker oder Atheist – warum verbleiben vergleichsweise wenig Ex-Mormonen in einem christlichen Weltbild? weiterlesen

Patrick Mason bei FairMormon: Der „Alles oder Nichts“-Mormonismus wird keinen Bestand haben

Patrick Mason, Author des neuen autorDeseret Book Titels Planted: Belief and Belonging in an Age of Doubt, sprach vor kurzem bei einer FairMormon-Konferenz erstaunlich authentisch über die aktuelle „Kulturkrise“ der HLT-Kirche im Umgang mit Zweifel. Er ging dabei auch auf den Brief an einen CES-Direktor, die Verantwortung der Kirche(-nkultur) für die Reaktionen zweifelnder Mitglieder und Prognosen für die Zukunft der Kirche ein. Hier die Übersetzung einiger Höhepunkte des Vortrags inkl. Zeitangaben der jeweiligen Stelle im Video: (Die Aufzeichnung selbst ist nur auf englisch vorhanden, aber ich empfehle, es komplett zu hören, denn vieles darin ist erfrischend authentisch und exzellent. Das bin ich von FairMormon-Konferenzen in letzter Zeit nicht gewohnt.)

12 Min. 6 Sek.
Der CES-Brief ist beispielhaft für diese „Alles oder Nichts“-Herangehensweise an das Thema Religion. Der Brief ist in gewisser Weise ein perfektes Spiegelbild der Version des Mormonismus auf die er reagiert. Jeremy Runnels mag den Brief geschrieben haben, aber es war eigentlich unvermeidbar, dass dies geschieht. Irgendjemand, irgendwann, irgendwo hätte diesen Brief geschrieben weil er eine offensichtliche Antwort auf einen gewissen Stil, Ton und Patrick Mason bei FairMormon: Der „Alles oder Nichts“-Mormonismus wird keinen Bestand haben weiterlesen