Archiv der Kategorie: Gespräche

Woran man eine gesunde spirituelle Umgebung erkennt

Von Guido Müller

In einer GESUNDEN SPIRITUELLEN UMGEBUNG…

… werden Zweifel zugelassen und mitunter als wertvoll angesehen: nicht zum Selbstzweck, sondern als Chance, Glauben gesünder und nachhaltiger zu gestalten und falsche Vorstellungen zu identifizieren

…muss man sich weder seines Glaubens NOCH seiner Zweifel wegen schämen oder rechtfertigen

…wird Liebe grundsätzlich eine höhere Bedeutung zugemessen als Gehorsam – allerdings wird achtsamer Gehorsam auch als Chance verstanden, die eigene Liebesfähigkeit zu erhalten und zu vergrößern

… können die positiven Seiten einer religiösen Tradition gewürdigt werden, ohne ein Bewusstsein für die ungesunden Seiten der Tradition verhindern/unterdrücken zu müssen

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„Wenn ich der Kirche zustimmen würde, dass ich meinen Kompass verloren habe, wäre mein geistiges Leben tot“

Sitzt Ihr manchmal vor Eurem Computer und Euch stehen urplötzlich Tränen in den Augen?

Mir heute morgen um ca. 5:30 Uhr passiert, als ich diese Aussage las:

+++Übersetzter Text+++
Wenn ich der Kirche zustimmen würde, dass ich meinen Kompass verloren habe, wäre mein geistiges Leben tot. Wenn ich jetzt anfange zu glauben, dass mein geistiger Prozess mich falsch führt, wie könnte ich dann jemals wieder dem Wirken des Geistes vertrauen? Und wie könnte ich all dem vertrauen, was der Geist mich bisher gelehrt hat? Wenn ich zustimmen würde, dass ich der spirituellen Führung unwürdig bin, weil ich mit einem Mann ausgehe, warum sollte ich mich jemals wieder bemühen, zu beten und Klarheit über die Probleme meines Lebens zu suchen?Die einfachen Fakten sind, dass ich schwul bin, dass ich mit einem Mann zusammen bin, dass ich ein sehr reiches spirituelles Leben habe und dass ich Gottes Führung und Anerkennung spüre. Gott, so sehe ich jetzt, ist größer, liebevoller und weniger ein „Anseher der Person“ als das, was mir in der Kirche gelehrt wurde.Meine Botschaft an LGBTQ-Indidivuen ist zweigeteilt. Erstens, erlaube keiner religiösen Körperschaft oder Autorität, die Parameter Deiner Beziehung zu Gott zu definieren. Möge Gott das direkt mit dir definieren. Und zweitens, Gott ist wirklich da. Du bist nicht vom Himmel verlassen worden, auch wenn du dich von deiner Gemeinschaft verlassen fühlst. Gott wartet auf dich und sehnt sich danach, dass du alle Segnungen erhältst, die für dich bestimmt sind.+++Übersetzung Ende+++

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Diskussion: HLT-Mütter, die dem Vater den Kontakt zu den gemeinsamen Kindern erschweren?

Die folgende Diskussion nahm ihren Anfang in unserer Facebook-Gruppe, mit folgender Aussage von Guido Müller:

Hallo liebe Freunde, ich bin sehr dankbar Menschen in meinem Leben zu haben, mit denen ich hin und wieder mal „Outside-the-box“ denken darf….aber auch mal etwas loswerden kann, das mich belastet!

Mein Herz ist SEHR schwer, wenn ich Euch über diese Erfahrung schreibe:

Ich habe in den letzten Monaten und Jahren von SO VIELEN meiner engsten Freunde und Bekannten in der Kirche gehört, dass die Frau/Ex-Frau ihnen den Zugang zu den gemeinsamen Kindern erschwert. In manchen Fällen wird der Zugang sogar komplett verwehrt.

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Ansprache: „Das richtige tun, zur richtigen Zeit – ohne zu zögern“

Ausführliche Fassung der Ansprache von Guido Müller – Gemeindehaus Kreuzlingen, 28. Juli 2019

Als Cedric mich darauf ansprach, über dieses Thema sprechen zu dürfen, trafen mich gleich zwei Blitze. Der eine Blitz war, dass ich eine gefühlte Ewigkeit keine Ansprache mehr gegeben habe und eine gewisse Nervosität aufkam. Der zweite war allerdings ein Blitz der Begeisterung für das Thema, das mir gegeben wurde. Ich glaube das Thema gab den Ausschlag für mich, meinen Mut zusammenzunehmen und diese Ansprache zu halten: Es lautet: „Zur richtigen Zeit das Richtige tun, ohne zu zögern“.

Die letzten Monate ging es für mich dank eines Gartenbauprojektes zu Hause jeden Tag darum, „zur richtigen Zeit das Richtige zu tun, ohne zu zögern“. Mir kam auch sofort noch meine Lieblingschriftstelle der letzten Monate in den Sinn: “Das Feld ist schon weiß, zur Ernte bereit.” – eine Schriftstelle über die ich immer wieder nachdenken musste und die heute eine völlig neue, andere Bedeutung für mich gewonnen hat im Vergleich zu damals – dazu komme ich dann noch. 

Aber zunächst mal noch zurück zu unserem Garten: Wir hatten uns das Ziel gesetzt, vor dem großen Familienbesuch und Familienfeiern, die uns bevorstanden, das Projekt „Garten“ fertigzustellen und diesen von einer Mischung aus steiniger Müllhalde, dorniger Wildwucherlandschaft und Hornissenparadies in einen Garten zu verwandeln, in dem wir, unsere Kinder und unsere Gäste / Freunde sich sicher und gerne aufhalten würden. Ein Garten, in dem statt giftiger Vogelbeeren schöne Früchte wachsen. Und in dem statt einer ständigen Verletzungsgefahr für die Kinder Möglichkeiten zum Toben und zum Spielen bestehen.

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Diskussion der FSY-Regeln: „Steht der geforderte Einheitslook nicht im Widerspruch zu einem Gott der Vielfalt, der niemanden abweist?“

Eine Teilnehmerin unseres openfaith-Wochenendes erzählte uns nach der Veranstaltung, dass sie gestern für ihre Tochter zum ersten Mal eine Einladung zum FSY-Treffen erhalten habe, und zeigte mir sehr verwundert die peniblen Regeln für die äußere Erscheinung. Nachdem sie das durchlas, tendierte sie dahin, ihre Tochter doch nicht hin zu schicken. Obwohl sie eine gläubige HLT mit wunderbaren Kindern ist, die zur Kirche gehen. 
Das (für mich erstaunliche) Problem: eines ihrer Kinder hat einen Teil ihrer Haare etwas auffälliger („unnatürlich“) gefärbt. So würde sie dort gegen die Richtlinien verstoßen…und ihrer Tochter wäre es extrem schwer zu vermitteln, dass sie für ein solches Treffen ihre Haare umdekorieren müsste. Was ich verstehen kann..es sind JUGENDLICHE um die es sich hier handelt….

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Sam Youngs Verteidigungsrede im Disziplinarverfahren: „Was ist wichtiger – der Schutz der Kirchenführer oder der Schutz unserer Kinder?“

Sam Young wurde am 9. September 2018 vor einen Disziplinarrat der Kirche gestellt infolge seines Aktivismus zum Schutz von HLT-Kindern vor sexuellen Übergriffen innerhalb der Kirche.
Er setzte sich energisch dafür ein, dass in privaten Interviews mit Kirchenautoritäten keine sexuell expliziten Fragen mehr gestellt werden dürfen und dass diese Interviews bei Minderjährigen nur noch mit einem zweiten Erwachsenen im Raum stattfinden dürfen.

Gestern am 16. September verlas Sam die Nachricht, dass er tatsächlich exkommuniziert ist. Hier beschreibt er kurz seinen Disziplinarrat und gibt auch seine Verteidigungsrede wider, die ich mit seiner Genehmigung hier in einer von mir erstellten deutschen Übersetzung veröffentliche. Damit soll Sam Young für seinen unermüdlichen Einsatz für sexuelle Missbrauchsopfer Anteilnahme zuteil werden und seiner Sache auch im deutschsprachigen Raum mehr Aufmerksamkeit verschafft werden. Ich reihe mich mit Sam ein und appeliere damit ebenfalls an die Kirche, sich für die mittlerweile fast tausend Fälle sexuellen Missbrauchs, die Sams Wirken ans Tageslicht gebracht hat zu entschuldigen und Kinder endlich effektiv vor Sextätern innerhalb der eigenen Reihen zu schützen.

***WARNUNG: SEXUELL EXPLIZITE INHALTE***

Sams Einleitung

Das Tribunal ist nun vorbei. Der 9. September 2018 wird in die Geschichte eingehen. Aber, unser Anliegen, mormonische Kinder zu schützen, wird das nicht.

Der Rat dauerte nur 1 1/2 Stunden. ES WURDE [VOR ORT] KEINE ENTSCHEIDUNG GETROFFEN. Das Ergebnis sollte mir „in ein paar Tagen“ per E-Mail zugesandt werden.

Sobald das Urteil verkündet ist, werde ich Ihnen mehr über das Verfahren erzählen. Alles in allem fühlte ich mich bei der ganzen Sache sehr gut. Die Stimmung der Gerichtsmitglieder war zu Beginn düster. Später zum Ende hin lockerte es sich etwas auf. Vorher lagen meine Chancen bei 1 zu einer Million bei einer Entlastung von den Vorwürfen. Danach würde ich sagen lagen sie bei 2 zu 1 Million.

[…] 45 Minuten waren meine vorgesehene Zeit. Ich hatte am Ende noch ein paar Minuten übrig. Meine Rede wurde mit viel Emotion gehalten. Manchmal feurig – manchmal tränenreich.

Sams Verteidigungsrede

Sehr geehrter Präsident _______,

Danke, dass Sie diesen Rat einberufen haben. Er hat jedem Mann, der an diesem Tisch sitzt, eine einmalige Gelegenheit geboten. Allein durch die Einberufung des Rates, unabhängig vom Ergebnis, haben Sie das Bewusstsein für meine Sache auf eine neue Ebene gehoben. Sie haben das Leben von Kindern durch die öffentliche Aufmerksamkeit gerettet, die dieses Verfahren bereits erzeugt hat.

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Eheprobleme innerhalb von Mitgliederfamilien: Wenn der Partner nicht (mehr) an die Kirche glaubt

Einige berichten von familiären Problemen, die in ihrer Ehe zu einem noch kirchentreuen Partner auftreten, wenn sie eine Glaubensveränderung oder Glaubenskrise durchlaufen.
Was für Probleme treten auf? Welche Auswirkungen können diese Probleme haben? Geraten dadurch potenziell Beziehungen in Gefahr? Wir lassen drei Betroffene offen ihre Erfahrungen mitteilen. (Namen geändert)

Monika

Mein Glaubensänderungsprozess hat zu einer großen Spannung in meiner Ehe geführt. Eines der größten Probleme ist, dass mein Mann glaubt, dass meine Identität als „guter Mensch“ mit gesunden Grundwerten untrennbar von meiner Tätigkeit in der Kirche abhängig ist. Er meinte im Grunde genommen dass der einzige Weg, ein „guter“, emotional stabiler, glücklicher Mensch zu sein, bedeutet, in der Kirche eingebunden zu sein. Wenn die Kirche aus dem Blickfeld gerät, ist er extrem gestresst, dass ich in eine Art allgemeine moralische Verderbtheit versinken werde.

„Wenn die Kirche aus dem Blickfeld gerät, ist er extrem gestresst, dass ich in eine Art allgemeine moralische Verderbtheit versinken werde.“

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„[Mein Vater] fügte hinzu, dass ich dann nicht in der Ewigkeit mit meiner Familie zusammen sein kann“

Dieser persönliche Bericht stammt von einem jungen Mitglied unserer offenen Gesprächsgruppe, das gerne anonym bleiben möchte:

Tieferes Nachsinnen auf Mission

Ich habe erst auf Mission angefangen über die HLT-Lehre nachzudenken und war auch bestrebt ein Zeugnis zu erlangen (als Jugendlicher war ich nur wegen meinen Eltern und Freunden in der Kirche, Gedanken habe ich mir nie darüber gemacht). Ich habe das Buch Mormon 5x und das Neue Testament 2x gelesen. Ich habe mich jeden Abend hingekniet und gebetet. Ich habe oft das Gleiche gesprochen, denn ich wollte eine Bestätigung durch den Heiligen Geist, dass das Buch Mormon und folglich auch die Kirche wahr sind. Leider hatte ich nie eine Antwort bekommen, ich hatte das Gefühl dass meine Gebete nur bis zur Zimmerdecke reichten. Ich fragte mich sehr oft ob es an mir liege, ob ich zu stolz bin oder auch nicht bereit bin Gott bzw. Jesus Christus anzunehmen. Nach vielen Zweifeln und Versuchen hatte ich mich dazu entschieden die Mission abzubrechen und ich wollte auch mit der Kirche Schluss machen.

„[Mein Vater] fügte hinzu, dass ich dann nicht in der Ewigkeit mit meiner Familie zusammen sein kann“ weiterlesen

Danke, Elder Uchtdorf!

Lieber Elder Uchtdorf,

vielen Dank für Ihren Einsatz für mehr Transparenz, Offenheit, Inklusivität und Menschlichkeit in der mormonischen Kirchenkultur. Auch ich werde Sie – wie viele andere Glaubensgeschwister – schmerzlich in der obersten Führungsriege vermissen.

Wenn ich mir Ihre Ansprachen anhörte, freute ich mich, weil sie Menschen zusammenführten statt zu spalten – weil sie eine vorbehaltlose Liebe repräsentierten. Eine solche Liebe empfinde ich als göttlich und sie ist das heiligste und schönste, das Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft demonstrieren und in die Tat umsetzen können. Danke, Elder Uchtdorf! weiterlesen