Ansprache: „Das richtige tun, zur richtigen Zeit – ohne zu zögern“

Ausführliche Fassung der Ansprache von Guido Müller – Gemeindehaus Kreuzlingen, 28. Juli 2019

Als Cedric mich darauf ansprach, über dieses Thema sprechen zu dürfen, trafen mich gleich zwei Blitze. Der eine Blitz war, dass ich eine gefühlte Ewigkeit keine Ansprache mehr gegeben habe und eine gewisse Nervosität aufkam. Der zweite war allerdings ein Blitz der Begeisterung für das Thema, das mir gegeben wurde. Ich glaube das Thema gab den Ausschlag für mich, meinen Mut zusammenzunehmen und diese Ansprache zu halten: Es lautet: „Zur richtigen Zeit das Richtige tun, ohne zu zögern“.

Die letzten Monate ging es für mich dank eines Gartenbauprojektes zu Hause jeden Tag darum, „zur richtigen Zeit das Richtige zu tun, ohne zu zögern“. Mir kam auch sofort noch meine Lieblingschriftstelle der letzten Monate in den Sinn: “Das Feld ist schon weiß, zur Ernte bereit.” – eine Schriftstelle über die ich immer wieder nachdenken musste und die heute eine völlig neue, andere Bedeutung für mich gewonnen hat im Vergleich zu damals – dazu komme ich dann noch. 

Aber zunächst mal noch zurück zu unserem Garten: Wir hatten uns das Ziel gesetzt, vor dem großen Familienbesuch und Familienfeiern, die uns bevorstanden, das Projekt „Garten“ fertigzustellen und diesen von einer Mischung aus steiniger Müllhalde, dorniger Wildwucherlandschaft und Hornissenparadies in einen Garten zu verwandeln, in dem wir, unsere Kinder und unsere Gäste / Freunde sich sicher und gerne aufhalten würden. Ein Garten, in dem statt giftiger Vogelbeeren schöne Früchte wachsen. Und in dem statt einer ständigen Verletzungsgefahr für die Kinder Möglichkeiten zum Toben und zum Spielen bestehen.

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Diskussion der FSY-Regeln: „Steht der geforderte Einheitslook nicht im Widerspruch zu einem Gott der Vielfalt, der niemanden abweist?“

Eine Teilnehmerin unseres openfaith-Wochenendes erzählte uns nach der Veranstaltung, dass sie gestern für ihre Tochter zum ersten Mal eine Einladung zum FSY-Treffen erhalten habe, und zeigte mir sehr verwundert die peniblen Regeln für die äußere Erscheinung. Nachdem sie das durchlas, tendierte sie dahin, ihre Tochter doch nicht hin zu schicken. Obwohl sie eine gläubige HLT mit wunderbaren Kindern ist, die zur Kirche gehen. 
Das (für mich erstaunliche) Problem: eines ihrer Kinder hat einen Teil ihrer Haare etwas auffälliger („unnatürlich“) gefärbt. So würde sie dort gegen die Richtlinien verstoßen…und ihrer Tochter wäre es extrem schwer zu vermitteln, dass sie für ein solches Treffen ihre Haare umdekorieren müsste. Was ich verstehen kann..es sind JUGENDLICHE um die es sich hier handelt….

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Sam Youngs Verteidigungsrede im Disziplinarverfahren: „Was ist wichtiger – der Schutz der Kirchenführer oder der Schutz unserer Kinder?“

Sam Young wurde am 9. September 2018 vor einen Disziplinarrat der Kirche gestellt infolge seines Aktivismus zum Schutz von HLT-Kindern vor sexuellen Übergriffen innerhalb der Kirche.
Er setzte sich energisch dafür ein, dass in privaten Interviews mit Kirchenautoritäten keine sexuell expliziten Fragen mehr gestellt werden dürfen und dass diese Interviews bei Minderjährigen nur noch mit einem zweiten Erwachsenen im Raum stattfinden dürfen.

Gestern am 16. September verlas Sam die Nachricht, dass er tatsächlich exkommuniziert ist. Hier beschreibt er kurz seinen Disziplinarrat und gibt auch seine Verteidigungsrede wider, die ich mit seiner Genehmigung hier in einer von mir erstellten deutschen Übersetzung veröffentliche. Damit soll Sam Young für seinen unermüdlichen Einsatz für sexuelle Missbrauchsopfer Anteilnahme zuteil werden und seiner Sache auch im deutschsprachigen Raum mehr Aufmerksamkeit verschafft werden. Ich reihe mich mit Sam ein und appeliere damit ebenfalls an die Kirche, sich für die mittlerweile fast tausend Fälle sexuellen Missbrauchs, die Sams Wirken ans Tageslicht gebracht hat zu entschuldigen und Kinder endlich effektiv vor Sextätern innerhalb der eigenen Reihen zu schützen.

***WARNUNG: SEXUELL EXPLIZITE INHALTE***

Sams Einleitung

Das Tribunal ist nun vorbei. Der 9. September 2018 wird in die Geschichte eingehen. Aber, unser Anliegen, mormonische Kinder zu schützen, wird das nicht.

Der Rat dauerte nur 1 1/2 Stunden. ES WURDE [VOR ORT] KEINE ENTSCHEIDUNG GETROFFEN. Das Ergebnis sollte mir „in ein paar Tagen“ per E-Mail zugesandt werden.

Sobald das Urteil verkündet ist, werde ich Ihnen mehr über das Verfahren erzählen. Alles in allem fühlte ich mich bei der ganzen Sache sehr gut. Die Stimmung der Gerichtsmitglieder war zu Beginn düster. Später zum Ende hin lockerte es sich etwas auf. Vorher lagen meine Chancen bei 1 zu einer Million bei einer Entlastung von den Vorwürfen. Danach würde ich sagen lagen sie bei 2 zu 1 Million.

[…] 45 Minuten waren meine vorgesehene Zeit. Ich hatte am Ende noch ein paar Minuten übrig. Meine Rede wurde mit viel Emotion gehalten. Manchmal feurig – manchmal tränenreich.

Sams Verteidigungsrede

Sehr geehrter Präsident _______,

Danke, dass Sie diesen Rat einberufen haben. Er hat jedem Mann, der an diesem Tisch sitzt, eine einmalige Gelegenheit geboten. Allein durch die Einberufung des Rates, unabhängig vom Ergebnis, haben Sie das Bewusstsein für meine Sache auf eine neue Ebene gehoben. Sie haben das Leben von Kindern durch die öffentliche Aufmerksamkeit gerettet, die dieses Verfahren bereits erzeugt hat.

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Eheprobleme innerhalb von Mitgliederfamilien: Wenn der Partner nicht (mehr) an die Kirche glaubt

Einige berichten von familiären Problemen, die in ihrer Ehe zu einem noch kirchentreuen Partner auftreten, wenn sie eine Glaubensveränderung oder Glaubenskrise durchlaufen.
Was für Probleme treten auf? Welche Auswirkungen können diese Probleme haben? Geraten dadurch potenziell Beziehungen in Gefahr? Wir lassen drei Betroffene offen ihre Erfahrungen mitteilen. (Namen geändert)

Monika

Mein Glaubensänderungsprozess hat zu einer großen Spannung in meiner Ehe geführt. Eines der größten Probleme ist, dass mein Mann glaubt, dass meine Identität als „guter Mensch“ mit gesunden Grundwerten untrennbar von meiner Tätigkeit in der Kirche abhängig ist. Er meinte im Grunde genommen dass der einzige Weg, ein „guter“, emotional stabiler, glücklicher Mensch zu sein, bedeutet, in der Kirche eingebunden zu sein. Wenn die Kirche aus dem Blickfeld gerät, ist er extrem gestresst, dass ich in eine Art allgemeine moralische Verderbtheit versinken werde.

„Wenn die Kirche aus dem Blickfeld gerät, ist er extrem gestresst, dass ich in eine Art allgemeine moralische Verderbtheit versinken werde.“

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„[Mein Vater] fügte hinzu, dass ich dann nicht in der Ewigkeit mit meiner Familie zusammen sein kann“

Dieser persönliche Bericht stammt von einem jungen Mitglied unserer offenen Gesprächsgruppe, das gerne anonym bleiben möchte:

Tieferes Nachsinnen auf Mission

Ich habe erst auf Mission angefangen über die HLT-Lehre nachzudenken und war auch bestrebt ein Zeugnis zu erlangen (als Jugendlicher war ich nur wegen meinen Eltern und Freunden in der Kirche, Gedanken habe ich mir nie darüber gemacht). Ich habe das Buch Mormon 5x und das Neue Testament 2x gelesen. Ich habe mich jeden Abend hingekniet und gebetet. Ich habe oft das Gleiche gesprochen, denn ich wollte eine Bestätigung durch den Heiligen Geist, dass das Buch Mormon und folglich auch die Kirche wahr sind. Leider hatte ich nie eine Antwort bekommen, ich hatte das Gefühl dass meine Gebete nur bis zur Zimmerdecke reichten. Ich fragte mich sehr oft ob es an mir liege, ob ich zu stolz bin oder auch nicht bereit bin Gott bzw. Jesus Christus anzunehmen. Nach vielen Zweifeln und Versuchen hatte ich mich dazu entschieden die Mission abzubrechen und ich wollte auch mit der Kirche Schluss machen.

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Danke, Elder Uchtdorf!

Lieber Elder Uchtdorf,

vielen Dank für Ihren Einsatz für mehr Transparenz, Offenheit, Inklusivität und Menschlichkeit in der mormonischen Kirchenkultur. Auch ich werde Sie – wie viele andere Glaubensgeschwister – schmerzlich in der obersten Führungsriege vermissen.

Wenn ich mir Ihre Ansprachen anhörte, freute ich mich, weil sie Menschen zusammenführten statt zu spalten – weil sie eine vorbehaltlose Liebe repräsentierten. Eine solche Liebe empfinde ich als göttlich und sie ist das heiligste und schönste, das Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft demonstrieren und in die Tat umsetzen können. Danke, Elder Uchtdorf! weiterlesen

Nahtod-Bericht von Bettie Eadie: Die Haltung Jesu Christi zur Vielfalt verschiedener Religionen und Weltanschauungen

Bettie J. Eadie ist vielen, die sich mit Nahtoderfahrungen beschäftigen ein Begriff, besonders durch ihr Buch „Licht am Ende des Lebens – Bericht einer außergewöhnlichen Nah-Todeserfahrung“ (Knaur 1994).

Obwohl ihre Mitgliedschaft in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bekannt ist, erscheint das Verhältnis zur Kirche von außen betrachtet gemischt:
Einerseits findet man in ihrem Erlebnisbericht viele Bestandteile der mormonischen Sicht auf das Jenseits, weswegen es von vielen sogar als Missionierungswerkzeug betrachtet und genutzt wurde. Auch sagt die englischsprachige Wikipedia, dass Bettie Eadie nach ihrer Nahtod-Erfahrung in ihrer Gemeinde in Seattle aktiv wurde, während sie vorher jahrelang inaktiv war.

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Glaubensstufen-Modell von James Fowler: Welchen Nutzen bietet es Kirchenmitgliedern?

Hast Du den Eindruck, Deine Art und Weise zu glauben verändert sich und würdest das gerne näher verstehen? Wunderst Du Dich, warum so viele Deiner 20-40 jährigen Glaubensgefährten den Glauben ihrer Kindheit hinterfragen? Fühlt es sich für Dich seltsam an, Menschen wegen ihrer „Glaubenskrise“ ohne tieferes Hinterfragen das Label „Übertreter/Zweifler“ anzuheften?  Möchtest Du die Beziehung zu Familienangehörigen verbessern, die „anders“ glauben als Du? Möchtest Du ein Kind optimal im Glauben fördern und fragst Dich, was besonders wichtig dabei ist? Dann geht es Dir nicht anders als vielen anderen Gläubigen, denen das Modell von James Fowler bereits weitergeholfen hat.
So häufig wurde ich bereits von anderen Glaubensgeschwistern und Teilnehmern der openfaith-Facebookgruppe  über Details zum Glaubensstufen-Modell von James Fowler gefragt, dass ich mir dachte, ich müsste dazu mal einen Beitrag posten. Das Modell bietet die Chance, Glaubensentwicklung besser verstehen und fördern zu können. Es hilft Verständnis unter Individuen in unterschiedlichen Entwicklungsphasen herzustellen und Andere (auch sich selbst) in einer Glaubenskrise nicht unnötig zu verurteilen. Vielmehr kann die Phase als Entwicklungsschritt verstanden und gestaltet werden. Zunächst sollen in diesem Artikel die Phasen der Glaubensentwicklung vorgestellt – danach das Modell diskutiert werden.

Erklärung

Vorstufe: Undifferenzierter Glaube
(im Säuglingsalter)
  • Auf dieser Stufe entwickeln Kleinkinder einfaches Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen zum engsten Kreis seiner Mitmenschen (Mutter, Vater, Geschwister, etc.)
  • Die Qualität und Tiefe auf dieser Stufe bilden die Basis für alle späteren Entwicklungen des Glaubens für die Person.

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Was mich zur Kirche hinzieht: Terryl Givens fünf Facetten des Mormonismus

Heutzutage können freidenkerische Mormonen so manche Gründe anführen, die Kirche nicht zu mögen: Neben der mit manchen Grundsätzen des neuen Testaments unvereinbaren Haltung gegenüber Homosexuellen, über finanzielle Intransparenz bis hin zu Kontroll-Aspekten des Kirchensystems.  Diese Abneigungen verspüre ich persönlich auch. Dennoch möchte ich heute thematisieren, was mich zur Kirche hinzieht. Diese positiven Punkte sind genau so real. Da mir dafür ein Text von Terryl Givens kürzlich aus dem Herzen gesprochen hat, führe ich die von ihm genannten fünf Facetten des Mormonismus auf:

 

  1. Gott ist eine Person mit einem Herzen, das in Empathie mit den menschlichen Herzen schlägt, unsere Freude und unser Leid über unseren Schmerz fühlt.
  2. Wir lebten als Geistwesen in der Gegenwart Gottes, bevor wir in dieses sterbliche Leben hineingeboren wurden.
  3. Die Sterblichkeit ist ein Aufstieg, kein Fall, und wir tragen unendliches Potenzial in eine Welt der Sünde und der Trauer.
  4. Gott hat den Wunsch und die Macht, die ganze Menschheitsfamilie in einem Königreich des Himmels zu vereinen und zu erheben, und, abgesehen von den hartnäckigsten Unwilligen, wird das unser Schicksal sein.
  5. Der Himmel wird aus den Beziehungen bestehen, die uns jetzt am wichtigsten sind.

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