
Von Tanja (Name geändert)
Ich war zwölf Jahre alt, als ich zum ersten Mal begriff, dass Schweigen lauter sein kann als Schreie. Der Missbrauch in meiner scheinbaren HLT-Bilderbuchfamilie, in der alle aktiv zur Kirche gingen, begann leise, fast unsichtbar, und doch veränderte er alles, was ich über Nähe, Vertrauen und Sicherheit glaubte. Ich war ein Kind und verstand nicht, was geschah – nur, dass es falsch war und dass niemand eingriff.
„Wenn man dann doch sprach, machte man mich verantwortlich – ein Kind“
Am schlimmsten waren nicht nur die jahrelang andauernden und ständig wiederkehrenden sexuellen Übergriffe meines Bruders selbst, sondern die Reaktionen derer, zu denen ich eigentlich hätte laufen können. Meine Eltern sahen weg. Wenn ich versuchte, Worte zu finden, wich man meinem Blick aus. Und wenn man doch sprach, dann machte man mich verantwortlich – ein Kind. Ich lernte früh, dass mein Schmerz etwas war, das man besser verdrängte, um den äußeren Schein zu wahren.
In meiner Verzweiflung wandte ich mich damals an einen Bischof. Ich dachte, die Kirche sei ein Ort, an dem man gehört wird. Ein Ort, an dem Erwachsene helfen, wenn man selbst keine Kraft mehr hat. Aber auch dort stieß ich auf Schweigen, Ausflüchte und eine Haltung, die mich erneut alleinließ. Man hörte zu, ohne wirklich zuzuhören. Man hätte handeln können – aber tat es nicht.
„Als ich zum ersten Mal begriff, dass Schweigen lauter sein kann als Schreie“ weiterlesen