Glaubenskrise

Zwischen Empowerment und Gehorsam: Persönlichkeitsentfaltung im Mormonismus

Von Guido Müller

Ich habe mich in den letzten Tagen und Wochen mit gefühlt mindestens 10 unterschiedlichen Coaches und Schulen für integrale Selbstverwirklichung und „Entfaltung“ beschäftigt. Diejenigen Ideen da draußen, die mich am meisten ansprechen sind von denen, die glauben und vermitteln, dass jeder Mensch einen göttlichen Kern hat, ein powervolles oder liebevolles inneres „Genie“, dem man Freiheit geben muss, herauszukommen. Es gibt im deutschsprachigen Raum erstaunlich viele, die das ebenfalls glauben… das war ein bisschen ein Flashback zum früheren Glauben. Die Überschneidung war spannend, aber natürlich gibt es Unterschiede.

Entfaltung göttlichen Potentials durch Gehorsam

Im Mormonismus hatte ich ein genaues Bild von einer männlichen Gott-Vater-Person. Im Endowment-Film war er ja sogar der typische Gottvater mit weißem Gewand und weißem Bart. Finde ich heute weniger hilfreich, da so in die Bebilderung zu gehen und es widerspricht auch einem der 10 Gebote, dass man sich von Gott kein Abbild machen soll.

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Phasen einer HLT-Krise: Mein Weg zum Austritt

Von Guido Müller

+++TRIGGER WARNING: ABSTIEG IN MEINEN KANINCHENBAU+++

Bildquelle: Guido Müller / whyy.org


Dies ist ein Rückblick auf die Phasen, die ich während meiner offenen Beschäftigung in den letzten sechs Jahren, nach Beginn meiner „HLT-Reality-Crisis,“ durchlebt habe:

Phase 1: „OMG, da ist noch mehr da draußen!“

…wo ich auf Empfehlung eines Mitbewohners anfing, Mormon Stories zu hören, und realisierte, die hören sich nicht nach „Anti-Mormonen“ an und John Dehlin nicht nach einem Sohn des Verderbens, sondern authentisch, und es machte mehr Sinn als das was ich kirchlich vermittelt bekam, war emotional intelligent und glaubwürdig.

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„Brief an einen CES-Direktor“ (CES Letter) gelesen – Was nun?

Frage von Lisa (Name geändert) und Antworten aus der Community

Bildquelle: cesletter.org

Hallo zusammen! Ich bin Lisa, gehe auf die Vierzig zu, verheiratet und Mutter. Ich gehöre einem Pfahl in Süddeutschland an. Nachdem sich meine Eltern bekehrt haben, bin ich mit dem Evangelium groß geworden und heute aktives Kirchenmitglied.

Kirchenkritische Lektüre als Austrittsgrund

Im erweiterten Bekanntenkreis habe ich letzte Woche erfahren, dass einige Mitglieder nicht mehr zur Kirche gehen. Das fand ich sehr schade, weil ich sie immer als sehr aktive Mitglieder empfunden hatte. Als ich nach dem Grund fragte, sagte man mir, dass es viele Austritte gab wegen kirchenkritischer Lektüre. Als ich erfuhr, dass es unter anderem um den Brief an einen CES Direktor (PDF 3,7 MB) ging, hatte ich schon Interesse, was sich dahinter verbirgt.

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Wie sieht Religion in Zukunft aus?

Aus der Community

Wie können wir uns selbst, unsere Familien und unsere Gesellschaft nach der Dekonstruktion der Religionen und dem Versagen der kirchlichen Institutionen neu strukturieren? Wie können wir Spiritualität praktizieren, ohne die Wissenschaft hinter uns zu lassen? Das Mormonentum zum Beispiel ist eine sterbende Religion, deren Kirchengebäude nach und nach verkauft werden, deren Mitgliederzahlen sinken und deren Kinder fast ganz abwandern. Große Teile der entwickelten Welt werden schon bald keinen mormonischen Einfluss mehr haben. Was also kommt nun? Diesen und weiteren Fragen widmen sich Britt Hartley und Bill Reel in ihrem Podcast Almost Awakened.

Britt Hartley (Bildquelle: Facebook)

Dabei kommen Sie auch auf eine spannende Analyse der aktuellen Situation, in der sich eine wachsende Anzahl HLTs wiederfindet. In einem Facebook-Post fasst Hartley den Ist-Zustand zusammen. In der Regel gibt es drei Möglichkeiten, die angeboten werden.

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Elder Neil L. Andersen: „Wer die HLT-Kirche verlässt, kehrt Jesus den Rücken zu“

Kommentar von Guido Müller

Ich bin während der Konferenz kaum dazu gekommen, mich mit den gepredigten Botschaften zu beschäftigen. Eine Stelle, über die wohl am heissesten und am meisten diskutiert wurde, sind die 1-2 Min von Neil L. Andersen zu denen ich hier vorgespult habe:

Verkürzt: Menschen, die die Kirche verlassen und besonders diejenigen die das nicht in sozialmedialer Mucksmäuschenstille tun, werden von Elder Andersen mit den Jüngern gleichgesetzt, die Jesus verlassen haben.

Wäre es wirklich so viel furchtbarer, wenn er stattdessen folgendes gesagt hätte:

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„Mein Gefühl sagte mir, dass etwas nicht stimmt“

Erfahrungsbericht von Sam (Name geändert)

Als ich endlich anfing zu hinterfragen, ob mein Glaube an die Wiederherstellung der Kirche Gottes durch Joseph Smith usw. richtig ist, ob ich die Wahrheit gelehrt bekommen und gelehrt habe, fing ich auch an, meinen Weg in der HLT-Kirche zu beleuchten, prägende Ereignisse auseinander zu nehmen und endlich auch an mich ran zu lassen. Ich dachte oder redete es mir oft ein, dass wenn die überwältigende Mehrheit meines Umfeldes bezeugt, dass gewisse Dinge sich gut anfühlen oder anzufühlen haben, muss es ja an mir liegen, dass ich es nicht so empfinden kann. Vielleicht ist dem so, vielleicht auch nicht. Wenn es so ist, dann schäme ich mich nicht und lasse mir dies auch nicht einreden. Denn ich bin ein Individuum. Dem einen hilft Penicillin, dem anderen kann es unter Umständen ernsthaft schaden. Um meinen Weg in der Kirche zu überprüfen habe ich angefangen, Schlüsselmomente für mich niederzuschreiben und zu reflektieren.

Einer dieser Momente war mein Endowment bzw. das ganze Wochenende am und im Tempel eigentlich, aber das habe ich in mehrere Kapitel unterteilt. Ich teile mit euch das Kapitel, das über mein Endowment berichtet.

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„Wenn man denkt, es wird Brot geworfen, aber in Wirklichkeit fliegen Steine“

Aus der Community

Ich wollte bereits am Montag abend ein Bild/Gleichnis von jemandem weitergeben, den ich hier im Pfahl als echten Nachahmer Christi wahrnehme, dann kam aber der Facebook-Breakdown dazwischen. Bei den Ansprachen dieser Person habe ich den Eindruck, ALLE ZUHÖRENDEN können wachsen und lernen.

Steinfänger werden – ein Anliegen Christi?

Das folgende Gleichnis wurde am vergangenen Sonntag in einer Ansprache verwendet, wo Mitglieder im Rahmen einer Gemeindekonferenz eingeladen wurden, darauf zu achten, wie sie miteinander umgehen. Alle Mitglieder wurden eingeladen, im übertragenen Sinne zu „Steinfängern“ zu werden. Darauf zu achten, wann ein Stein auf einen Mitmenschen losgeworfen wird, und sich mutig davor zu stellen. Natürlich auch, bisher unbemerktes eigenes Steinewerfen zu hinterfragen. Er sagte auch, manchmal mögen wir uns dabei sehr hilflos vorkommen, wenn wir uns in die Flugbahn eines Steines hechten … und manchmal mögen wir den Stein, der für jemand anders bestimmt war, sogar selbst abbekommen.

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Roger Diethelm: Meine Suche nach Gott – Fragen, Antworten, Überraschungen & Krisen

Live-Gespräch mit Roger Diethelm (Moderation: Guido Müller)

Art Credit: Del Parson („Carpenters Son“)

KAPITEL

0:00 Einleitung und Motivation
9:30 Erste Bestätigung für den Glauben an Gott
12:10 Hinterfragen schon beim Sonntagsunterricht für Kinder (PV)
15:48 Roboterhafter Eindruck mancher Missionare
19:15 Kleiner Junge hat Unfall & Heilende Macht Gottes
24:05 Gebete & wie Roger seine Frau gefunden hat
31:00 Tod seines Bruders & Sorgen um seine Seele
41:05 LGBT-Sichtweise ändert sich
51:50 Belehrungserfahrung lesbisches Pärchen
59:00 Dann „Iss, trink & sei lustig“?
1:02:40 Verunreinigte Kirche: Nur die Anderen?
1:09:00 Warum ihm offene Glaubensgespräche wichtig sind
1:12:50 Sorgen & Fragen über Polygamie
1:21:15 Fragen, Kommentare & Feedback der Teilnehmer

HINTERGRUND

Roger ist in Zürich in eine gläubige HLT-Familie (Spitzname: Mormonen) geboren worden und hatte schon in jungen Jahren einfache, aber persönlich beeindruckende Erlebnisse, die seinen Glauben und seine Gewissheit stärkten: Gott ist für mich da. Diese zogen sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben. Andererseits fing er schon als Kind im Sonntagsunterricht an, auch kritisch zu hinterfragen. Bezüglich bestimmter kirchlicher Lehren und Richtlinien hatte er so manche schmerzhaften Widersprüche, Zweifel und Krisen zu bewältigen, die ihm viele Tränen abverlangten. Geistige Erlebnisse hatte er viele und sehr unterschiedliche, aber nicht jedes davon passte in traditionell kirchliche Denkmuster von Sünde, Strafe und Schuld. Eher öffnete sich dadurch sein Blick auf eine viel umfassendere, universelle Liebe. Ein paar dieser überraschenden transzendenten Erfahrungen wird Roger an diesem Abend mit uns teilen, z.B. den Tod seines Bruders und einen Traum, den er und seine Mutter hatten. Er sagt: „Kirchennorm ist nicht immer Gottesnorm“. Obwohl Roger als Hoher Rat in seiner Kircheneinheit dient und somit kirchliche Verantwortung trägt, zeigt er sich immer wieder offen für einen Dialog ohne „Scheuklappen“ und hat unter Beweis gestellt, wie wichtig ihm offenes Zuhören und Mitfühlen ist.

Daniel Schmidl : „Lernen zu sein, der ICH bin“

Die Transformation des eigenen religiösen Weltbildes ist mit das tiefgehendste und einschneidendste das einem Menschen widerfahren kann – insbesondere wenn sich dieses komplett auf den Kopf stellt, aber die eigene gläubige und kirchenorthodoxe Grossfamilie weiterhin daran festhält: Daniel Schmidl ist Ex-HLT, Psychologe und Therapeut im Bereich systemische Familientherapie. Hier erzählt er seine Glaubensreise als HLT (Mormone) und erläutert seine veränderte Sichtweise auf die Kirche und die Themen „Wahrheit“, Entscheidungsfreiheit, Schuld und Spiritualität.

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Folkhard: „Alle Religionen sind nur ein Teil des Großen – niemals das Große selbst: jeder Mensch soll da wo er ist, schauen, ob er Gott suchen, fühlen und finden kann.“

Folkhard ist in der Gemeinde Selbongen in Ostpreußen aufgewachsen. Mit 14 kam er nach Deutschland. Schon sehr früh in seiner Jugend war er an offenen, tiefgehenden Glaubensgesprächen interessiert . Folkhard ist quasi seit Gründung eng in die Dialoge bei openfaith involviert gewesen und hat die Gespräche regelmäßig bereichert.
Als ich Folkhard 2016 auf dem ersten gemeinsamen Wochenende im Taunus kennenlernen durfte, wurde mir bewusst, warum sowohl viele aktive HLT-Freunde als auch viele ehemalige oder inaktive Mitglieder ihn gleichermaßen respektieren…

Er glaubt, dass alle Religionen und Glaubensgemeinschaften einmal ein „großes Ganzes“ werden – und somit die Leichen im Keller jeder Organisation zwar existieren, aber auch nicht täglich (mit nichtsahnenden HLTs) „Leichenschau“ betrieben werden muss. Diesen Respekt vor unserer Glaubensgemeinschaft und den Gläubigen hat er, obwohl er die vielen Widersprüche und Dissonanzen gut kennt. Ich erinnere mich noch an seinen geistigen Gedanken, bei dem sich so mancher gewünscht hatte, das könnte man öfter hören – auch Sonntags.

Er sagt, die Mitglieder bei ihm vor Ort sind „gute Menschen, auf die ich mich in vielen Dingen verlassen kann, und die da sind, wenn ich ihre Hilfe brauche“. Nicht nur deswegen pflegt er trotz seines umfangreichen Wissens, das er schon lange nicht mehr exklusiv aus kirchlichen Quellen bezieht, einen empathischen und respektvollen Umgang.

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