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Jonas: „Meine religiöse Erziehung vermittelte mir viele wunderbare Werte, aber als ich merkte, dass ich schwul bin, war es das Beängstigendste, das ich je erlebt habe.“

Kennt Ihr das wenn ein Telefonat Euch so bewegt, dass Ihr die Zeit vergesst? So ist mir das gestern bis kurz nach Mitternacht ergangen mit Jonas Jödicke aus Berlin. Ursprünglich waren nur 30 Minuten eingeplant, aber es wurden fast zwei Stunden draus. Seinen inneren Kampf, seine Reise und sein gebetvolles Ringen mit Gott nachzuvollziehen, ging mir direkt ins Herz! Das was ich hier in Kürze zusammenfassen kann, wird nicht annähernd dem gerecht, was er mir mitteilte. Somit ersetzt das keinesfalls den direkten Kontakt mit ihm:

Seine Eltern schlossen sich beide ungefähr zur gleichen Zeit der Kirche an, und Jonas wuchs mit dem wiederhergestellten Evangelium auf. Er hegte zwar mit 14 schon die Vermutung, dass er schwul ist und hatte mehrere traumatisierende Erlebnisse auf seiner Glaubensreise als HLT. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, weitere 10 Jahre mit voller Energie und Kreativität in der Kirche mitzuwirken. Er behielt außerdem diese ganze Zeit seine Homosexualität für sich, bis es dann Anfang 2019 zum „großen Knall“ kam. Jonas ist zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung 25 Jahre alt und konnte sich den Traum erfüllen, seinen Unterhalt als Künstler zu bestreiten…

Obwohl er in seiner Jugend viele schöne Zeiten in der Kirche erlebte und viel lernte, erhielt sein mormonisches Weltbild durch drei emotional traumatisierende Ereignisse erste Risse:

Jonas bei FSY

FSY (For the Strength of Youth) ist eine Veranstaltung für HLT-Jugendliche….zu dem seine Mutter Saskia ihn hartnäckig überreden musste:

Eigentlich war er bestens vorbereitet für den Event – zu diesem Zeitpunkt war Jonas 14 Jahre jung…z.B. hatte er beim Friseur die Haare kurz schneiden lassen, um die Richtlinien zu erfüllen.

Dennoch wurde er zu seiner Verwunderung nach Ankunft von einem älteren Bruder direkt am Bus empfangen und mit anderen Jugendlichen in einen Raum geführt. Ihm und den Anderen wurde mitgeteilt, dass ihr Aussehen nicht den Richtlinien entspräche. Jonas wurde deutlich gemacht, dass seine Haare noch zu weit über die Ohren stünden. (Ging lediglich um ca. 0,5 cm wie Jonas sagt) Das müsste korrigiert werden oder er könne nicht weiter teilnehmen und auf eigene Kosten die Heimfahrt antreten. Da dies für Jonas schon aus finanziellen Gründen keine Option war, unterzog er sich dem „Zwangshaarschnitt“. Das Trauma war für ihn perfekt, als bei der Eröffnungsveranstaltung dann auf eine Ansage der Organisatoren hin alle, die sich die Haare hatten schneiden lassen, von der gesamten versammelten Gruppe frenetisch beklatscht und bejubelt wurden – für ihren mutigen Schritt. Diese Erfahrung trübte seine gesamte Wahrnehmung der Veranstaltung.

Als er nach Hause kam, merkte seine Mom direkt, das irgendwas nicht stimmte…

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„Wir beschlossen, nicht mehr zu kuscheln, und der Bischof ließ uns Freunde bleiben. Dann erlaubten wir uns eine letzte ausgedehnte Umarmung…“

Dies ist die Geschichte von Chris (Name geändert), einem homosexuellen Bruder aus den USA, der vor etwa 10 Jahren in der Deutschland Hamburg Mission diente. Er schildert in Teil 1 seine Jugend, seine Mission und sein schmerzerfülltes und hoffnungsloses Beziehungsleben nach Mission, das ihn unter Anderem zu intensiven Selbstmordgedanken trieb, aber dann letztlich den Nährboden für eine Glaubensveränderung legte. In Teil 2 weiter unten erzählt er, wie sich seine Glaubensansichten und das Verständnis seines eigenen Geschlechts und seiner Sexualität verändert haben.

TEIL 1: MEINE GESCHICHTE

Mein Aufwachsen in der Kirche

Ich weiß nicht, ob sich meine ersten 19 Jahre wirklich von dem unterscheiden, was die meisten Mormonen erleben. Außer vielleicht, dass ich mich seit dem Alter von fünf oder sechs Jahren, wenn nicht schon früher, zu Männern hingezogen fühlte. Einige Leute haben es vermutet, aber niemand außer mir wusste es. Ich habe mich versteckt. Damit niemand meine weiblichen Seiten bemerken würde, versuchte ich, meine Stimme tiefer klingen zu lassen. Ich habe immer versucht, mich nicht feminin zu verhalten. Als Teenager ging ich hier und da an den Rand einer tiefen Depression, aber ich kam zurecht. Diese Gefühle würden verschwinden, oder? Und ich könnte stattdessen in Mädchen verliebt sein!

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