François Radzik: „Veränderung in meinem Glauben“

Ein Gespräch mit François Radzik

Aufzeichnung des Live-Gesprächs vom Samstag den 21. Januar 2023

François Radzik, Familienvater, vormals Zweigpräsident, Bischof und Pfahlpräsident in der Schweiz sowie Autor diverser Bücher mit mormonischem Hintergrund, hat seine Bereitschaft erklärt, ab Januar 2023 Support Termine für HLT mit zu gestalten, die offen mit Bedenken, Fragen und Zweifeln umgehen wollen. In diesem Zuge führten wir dieses Live-Gespräch. Er beweist einmal mehr, wie bunt die Meinungsvielfalt unter HLTs ist, wenn man einmal wirklich offen und frei seine Meinung äußert. In diesem Video erfahren wir, wo François heute steht in seinem Prozess und was bei ihm zu Veränderung geführt hat.

AUSZUG AUS DEN FRAGEN

  1. Würdest Du uns ein paar Eckdaten zu Dir und Deinem Bezug zur Kirche geben?
    Wie lange bist Du Mitglied? Wie und wo hast Du gedient? Was hast Du in der Kirche geschätzt und tust es noch?
  2. Was waren ein oder zwei bewegende Momente in der Kirche für Dich? Wo Du gesagt hast: Das ist das richtige für mich. Hier bin ich richtig aufgehoben.
  3. Was waren Schlüsselmomente, wo sich Deine Beziehung zur Kirche verändert hat? Was ist da passiert und was hat es in Dir ausgelöst?
  4. Wie sieht heute Deine Überzeugung aus und was hat sich verändert?
  5. Du hast auch mehrere Bücher mit HLT-Bezug geschrieben – was würdest Du in groben Zügen heute anders schreiben?
  6. Warum hast Du Dich vor ein paar Wochen entschlossen, dass Du Menschen innerhalb der Kirche supporten willst, die einen offenen Umgang mit ihren Problemen und Zweifeln pflegen wollen?
  7. Was brauchen Menschen, die in der Kirche Zweifel und Probleme haben, aber doch drin bleiben möchten?
  8. Du hast davon gesprochen, dass Kirchenmitglieder eine Resilienz oder Widerstandsfähigkeit brauchen, und dass sie auch offen mit verstörenden Fakten umgehen können sollten. Wie stellst Du Dir das vor? Was tut man aktuell und wie könnte man es als Organisation womöglich besser machen?



Für mich eines der bezeichnendsten Zitate von François:

„Es ist nicht das einzelne Werk, das die Wahrheit birgt, es ist die Fülle von Meinungen, die uns der Wahrheit näherbringen.“



+++BEGINN KOMPLETTER TEXT VON FRANCOIS+++

Ausbildung

Ich wurde 1947 in Frankreich geboren, kam mit 7 Jahren in die Schweiz, wo ich die Schulen durchlief und meinen Militärdienst leistete.

Anlässlich meiner Ausbildung zum Lehrer für Sprachen und Geschichte habe ich Vreni Lechmann kennengelernt. Sie hat mich mit der Mormonen-Kirche bekannt gemacht. Bis dahin war ich dem katholischen Glauben meines Vaters und meiner Mutter verpflichtet. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg als polnischer Armeeangehöriger in die Schweiz gekommen und pflegte seinen Glauben in engem Kontakt mit der geistlichen Führerschaft.

Meine philosophische und psychologische Ausbildung vertiefte sich religiös einerseits durch das Studium der Mormonenliteratur, andererseits aber auch durch den jüdischen Hintergrund meiner lieben Vreni. Zunächst war es die englische Sprache, die mich an ihr interessierte – sie war in Kanada aufgewachsen, weil ihre Schweizer Eltern dorthin ausgewandert waren. Ihre religiöse Ausrichtung wurde schnell zum zentralen Thema in unserer Beziehung und bald wurde ich auch mit den Missionaren bekannt gemacht, die mit mir die gleichen ‚Discussions‘ durchgingen, die ich schon vor meinem Abitur kennengelernt, damals jedoch verworfen hatte.

Bald nach meiner Taufe 1971 heirateten wir und wurden ein Jahr später im Schweizer Tempel ‚gesiegelt‘. Mit Vreni an meiner Seite wagte ich es, das Medizinstudium an der Uni Zürich aufzunehmen und mich zum Zahnarzt ausbilden zu lassen. Sie verdiente das Geld für mein Studium als Sekundarlehrerin. Schon während dieser Zeit waren Vreni und ich intensiv in der damals noch kleinen Gemeinde St.Gallen in verschiedene Aufgaben eingebunden und erlebten deren Wachstum und die Einweihung des eigenen Gemeindehauses. Inzwischen hatte Vreni uns drei Kinder geboren.

Das wiederhergestellte Evangelium hatte immer einen hohen Stellenwert in unserem Leben und hat uns als Familie sehr viel gegeben, wofür ich aus tiefstem Herzen dankbar bin. Die Heiligen Schriften haben mir von Anfang an ein starkes Fundament für meine Weltanschauung ermöglicht und auch in den Begegnungen mit den Mitgliedern habe ich Liebe, Einsatz- und Opferbereitschaft sowie Hingabe zum Glauben an den Erlöser gefunden.

Am Ende meiner schulischen Ausbildung wurde ich als Zweigpräsident und nach einem Jahr als Bischof berufen, dann für kurze Zeit als Hoher Rat und anschliessend durch L. Tom Perry als Pfahlpräsident im damaligen Pfahl Zürich eingesetzt, der 17 Gemeinden umfasste. Ich lernte die Kirche intensiv aus verschiedenen Blickwinkeln kennen. Nach meinem 9jährigen Dienst als Pfahlpräsident diente ich unter anderem 5 Jahre lang als Zweigpräsident in Ravensburg, etwa 90 Autominuten von unserem Zuhause im Appenzellerland entfernt. Ich habe unter dem Eindruck der Wahrheit des Evangeliums drei Bücher verfasst: ‚Alles über Josef‘, 629 Seiten, erschien 2001, ‚Babylon am Abgrund‘, 147 Seiten, erschien 2007, und ‚Das Sühnopfer verstehen‘, 392 Seiten, erschien 2015 (heute würde ich einiges in meinen Büchern differenzierter oder anders darstellen).

Ich bin heute noch als beratender Zahnarzt für die Sozialversicherung im Kanton St.Gallen und im Kanton Appenzell Innerrhoden tätig.

Zweifel

Während all dieser Zeit arbeitete ich seit 1980 in meiner eigenen Zahnarztpraxis und empfand die hohe Belastung im Kirchendienst, der – laut Kirchen-Propaganda – eigentlich die Familie in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen sollte. Nach und nach entdeckte ich weitere Halbwahrheiten, die immer wieder in Ansprachen und Publikationen auftauchten: die schnellst-wachsende Kirche, der ehrenamtliche (unbesoldete) Kirchendienst der Kirchenführer (es wurde nicht zwischen örtlichen Führern, Verwaltungsangestellten und Generalautoritäten unterschieden). Und bald entdeckte ich, dass die Apostel – im Gegensatz zu den ersten Jüngern des Herrn – keine Missionare sind, sondern dass sie nur propagandistische Ansprachen halten (z.B. Jesus Christus leitet diese Kirche) und sich in den Versammlungen Ehrungen zukommen lassen (z.B. man steht auf, wenn der Apostel mit seinen Bodyguards den Versammlungsraum betritt). Sehr störend empfand ich, dass die Kirche wie ein Wirtschafts-Unternehmen geführt wurde: der ständige Druck, Missions- und Reaktivierungs-Ziele in Form von Zahlen zu setzen, und am Ende des Jahres darüber Rechenschaft abzulegen. Auch musste ich lernen, dass persönliche Offenbarungen in den örtlichen Führungsämtern keine Bedeutung haben, weil die sogenannt gültigen Offenbarungen immer von den höheren Gremien bestimmt werden.

Als äusserst negativ motivierend empfand ich die zentral geführten Führerschafts-Versammlungen mit Anwesenheit von Generalautoritäten. Ich habe in den ersten vierzig Jahren meiner Mitgliedschaft immer nur dieselben stereotypen Anordnungen in Bezug auf die sogenannte dreifache Mission der Kirche gehört. Ich fühlte mich als denkender Mensch nicht nur nicht ernst genommen, sondern geradezu als geistig behindert angesehen. Im Rückblick auf all die Zeit, die wir in Konferenzen verbrachten, gab es nur wenige ‚Highlights‘, nämlich wenn zum Beispiel Elder LeGrand Richards von seinen persönlichen (und echten) Missions-Erfahrungen sprach (heute noch werden in der Kirche ‚faith promoting rumors‘ herumgeboten und schon den Kindern eingeflösst).

Allmähliche Distanzierung

Eine grosse Ernüchterung brachte mir die Erkenntnis – entgegen der allgemeinen Annahme, die bis vor etwa fünfzehn Jahren in der Mitgliedschaft der Kirche herrschte (und vielleicht heute noch) – dass die Apostel nicht mit Jesus Christus persönlich und von Angesicht zu Angesicht verkehren, obwohl sie diese Vorstellung in Publikationen und Ansprachen suggerierten und bis zur letzten berühmten Ansprache von Bruce R. McConkie vor seinem Tod aufrecht erhielten. McConkie gab öffentlich zu, dass er Christus nie gesehen hatte und dass er hoffte, im Jenseits zu Füssen Christi anbeten zu dürfen.

Der auffälligste Anlass für meine Distanzierung von der Führerschaft der Kirche als spirituelle Verbindung zu Gott – die durch die Tempel-Unterredungen als unabdingbar erklärt werden –, war seit langem und ist seit meinen intensiveren Studien in Bezug auf die Kirchengeschichte – die Tatsache, dass im Buch Lehre und Bündnisse und in den Tempel-Verordnungen nach wie vor an der Vielehe als eine von Gott eingesetzte Verordnung für die Erhöhung festgehalten wird. Diese Frauen-verachtende Praxis wird auch von den Führern der Kirche insofern gelebt, dass diese Ehen beim Ableben der ersten Frau im Tempel ‚gesiegelt‘ werden unter der Prämisse der göttlichen Anerkennung (Nelson, Oaks).

Tatsächlich sind Teile des Abschnitts 132 und andere Abschnitte in Lehre und Bündnisse nachträglich von Brigham Young und seinen Aposteln (v.a. Willard Richards und Orson Pratt) verändert worden, wie es die Joseph Smith Papers zutage fördern. Wie können sich die Führer der Kirche ‚Propheten‘, ,Seher‘ und ,Offenbarer‘ nennen, wenn sie die Irrlehren in diesem Abschnitt als göttliche Offenbarung bezeichnen und z.B. Vers 54 als von einem liebenden Gott gegeben aufrechterhalten.

Allgemein herrscht im Kirchenjargon eine Inflation der Begriffe. Was ist ‚Offenbarung‘ oder ‚Inspiration‘, was ist ein ‚Prophet‘, ein ‚Seher‘, ein ‚Offenbarer‘? Diese Begriffe werden im Buch Mormon, Mosia 8:13-18, definiert – und diese Definition trifft auf Joseph Smith zu – aber es gibt in der Führerschaft der Kirche seit Joseph Smith niemand, der sich mit dieser Definition rechtens auszeichnen könnte. Wir werden also von einer Unternehmensleitung geführt, wie es auch auf andere Kirchen zutrifft. Damit habe ich kein Problem, aber der Anspruch einer göttlich legitimierten und authentischen Führung ist unehrlich, und ist es, seitdem Brigham Young diese Kirche ohne göttliche Legitimation übernommen hat.

Seither herrscht in der Kirche eine Inflation der Begriffe, die von den Mitgliedern gedankenlos übernommen wird. Begriffe wie ‚Priesterum‘, ‚Kinder Gottes‘, ‚Israel‘, ,Heiliger Geist‘, ,Wahrheit‘, werden auf höchster Ebene in Publikationen beliebig verwendet ohne klare theologische Grundlage. In dieser Hinsicht wird offensichtlich, dass den leitenden Beamten der Kirche eine konsistente Ausbildung fehlt. Ich verstehe, dass die Kirche des Herrn nicht auf profane wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen ist, weil die Heiligen Schriften darüber erhaben sind, aber es fehlt an der intellektuellen Disziplin. (Man überlässt es den Apologeten – den Totengräbern der Wahrheit – die Unstimmigkeiten zurecht zu biegen.)

Dieser Mangel äussert sich zum Beispiel, wenn Dallin Oaks in einer Konferenzansprache den Grundsatz verteidigt, dass es nicht gut ist, immer die Wahrheit zu sagen (entgegen dem Prinzip: Tu, was ist recht, lass dich Folgen nicht sorgen), oder wenn Russel Nelson in einer Ansprache sagt: „Gottes Liebe ist nicht immer bedingungslos“ und diese Aussage von Oaks sekundiert wird. Trotzdem beanspruchen die obersten Gremien die Unfehlbarkeit in ihren Entscheidungen und lassen aufmüpfige Fragesteller wie Hans Mattson in Schweden im Ungewissen stehen, indem sie ihn mit Aussagen von unkompetenten Gehaltsbezügern der Kirche abspeisen oder gar mit Moralpredigten von anmassenden Autoritäten bedrohen.

Befremdung

Nein, das ist nicht die Kirche des Herrn. Es fehlt am Grundlegenden, am herzlichen Erbarmen, an der unvoreingenommenen Liebe, die von einer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus ausgehen würde. Ich habe noch die Strafandrohungen in den Verordnungen im Tempel erlebt, die aus der Zeit von Brigham Young stammen, wo die Blutsühne für Abtrünnige gelehrt wurde (Journal of Discourses Bd. 4, S. 53f), wo die sogenannten Daniten als Geheimpolizei Mordaktionen durchführten (seit 1838 in Far West), wo Frauen in die Polygamie gezwungen wurden (z.B. Wife No. 19, A Life in Bondage, Ann Eliza Young), wo eine gewalttätige Reformation gelehrt wurde, 1856 und 1857 (Jedediah M. Grant), wo ein Spitzelsystem errichtet wurde, das in die sogenannte Heimlehrarbeit mündete und wo die Schwarzen als minderwertige Rasse behandelt wurde.

Anlässlich einer Präsentation über Joseph Smith als Mitglied der Pfahlsonntagschule wurde mir vollends bewusst, dass die Mitglieder durch die Kirchenpropaganda dahingehend ausgebildet werden, klare rationale Wahrheiten im kirchlichen Bereich nicht mehr zu ertragen und keine Resilienz mehr in Bezug auf unliebsame Vorkommnisse in der Kirchengeschichte der Vergangenheit und in Bezug auf Unstimmigkeiten in der Kirchenführung von heute (Politik und Propaganda) zu haben.

Tatsächlich findet ein eigentlicher spiritueller Verdummungsprozess statt. Man macht Jesus Christus zwar zum Idol, aber man stellt ihn nicht in den Kontext seiner jüdischen Herkunft (z.B. Jeffrey Holland weiss nicht, warum er sein Blut als Sühnopfer vergiessen musste). Wo hört oder liest man tiefere Einsichten über das Erstgeburtsrecht von Jesus Christus und seine Bedeutung, über die göttliche Rechtsordnung, über die Ordnungen in der Welt der Geister, über das Leben in der Welt des vorirdischen Daseins, über Einsichten aus den Berichten von Nahtoderfahrungen, über die Bedeutung der Juden im Evangelium, über die wundersame Bekehrung von messianischen Juden zu ihrem Erlöser Jesus Christus im heutigen Staat Israel und in den USA, über den Messias Ben Josef in der jüdischen Tradition und über die Bedeutung des Stammes Josefs und der Lamaniten in der Verkündigung des Sühnopfers, über die Rolle des Staates Israel in der Endzeit?

Man beschränkt sich auf psychologische Halbwahrheiten, die mit dem Drohfinger von der Kanzel gepredigt und schon in der Primarvereinigung eingetrichtert werden („Folgt dem Propheten, er weiss den Weg“). Viele Mitglieder haben sich darauf eingestellt, dass die Führerschaft der Kirche scheinbar besser weiss, wie man das Leben zu leben hat, obwohl die bezahlten Kirchenführer nicht den harten Bedingungen des Geschäfts-Alltages ausgesetzt sind, nicht grosse stressige Verantwortungen tragen müssen bis an den Rand der Belastbarkeit, nicht allenfalls um ihren Job bangen müssen und dabei ein harmonisches Familienverhältnis pflegen müssen und dazu noch die Belastungen des Kirchendienstes mit zusätzlichen Verantwortungen stemmen müssen. Viele Mitglieder merken nicht, dass sie von einer abgehobenen (und abgesonderten) Führung (wie bezahlte Politiker) unterwiesen und gefordert werden. (Sie lassen sich gerne im Umgang mit politischen und kirchlichen Würdenträgern im öffentlichen Raum der Welt ablichten).

Klarheit

Das alles und noch mehr ist mir im Lauf der Jahre bewusst geworden. Der englische Ausdruck ,gaslighting‘ wird in Wikipedia wie folgt definiert und kann auf die manipulative Einwirkung auf die Mitglieder angewendet werden: Als Gaslighting (Kompositum aus englisch gas und lighting, deutsch: ‚Gasbeleuchtung‘, in diesem Zusammenhang aber auch im Deutschen als Gaslighting bezeichnet) wird in der Psychologie eine Form von psychischer Gewalt beziehungsweise Missbrauch bezeichnet, mit der Opfer gezielt desorientiert, manipuliert und zutiefst verunsichert werden, und ihr Realitäts- und Selbstbewusstsein allmählich deformiert bzw. zerstört wird.

Subtil wird im männlichen Wesen ein unterschwelliger Überlegenheitswahn geweckt, indem das Priestertum als ‘Vollmacht im Namen Gottes zu handeln’ definiert wird. Krasse Beispiele zeigen, wie Familien unter diesem Wahn leiden mussten. Diese Weihung weckt in vielen Männern und Frauen den Ehrgeiz, die scheinbare Erfolgsleiter des Priestertums anzustreben, die durch den Nimbus der ‘Unberührbaren’ im Apostelkollegium gefördert wird: Ein klares Beispiel für die Deformierung des Selbstbewusstseins, das durch die formelle Darstellung der Hierarchie in Konferenzversammlungen gefördert wird.

Erst, wenn man beginnt, sich aus dem angeblich göttlichen Legitimations-Anspruch der Kirche zu lösen – und die Kirche als Firma mit einem gut honorierten Verwaltungsapparat zu sehen begint – erstdann erkennt man das ganze Spektrum von manipulativen Beschönigungen, Verdrehungen, Halbwahrheiten und Lügen, die zur Aufrechterhaltung der Autorität angewendet werden.

Die grosse Tragik der Mormonenkirche liegt darin, dass der ursprüngliche Kern der religiösen Bewegung tatsächlich auf der Wahrheit des wiederhergestellten Evangeliums beruht. Joseph Smith war ein von Gott begnadeter Prophet, der Heilige Schriften hervorgebracht hat, die einen riesigen Schatz an spirituellen Wahrheiten enthalten, die weit über menschliches Erfindungsvermögen hinausgehen. Leider ist er seinen eigenen Schwachheiten und Übertretungen erlegen – von der göttlichen Gnade gefallen – und hat sich mit dem Vielehe-System eines Jacob Cochran (Saco-Valley, Maine) und mit der Freimaurerei eine Ersatz-Autorisierung geschaffen, die über die verbrecherische autokratische Herrschaft eines Brigham Young bis heute in der Kirche nachwirkt, ohne dass die Kirchenführung sich mit diesen Tatsachen auseinandersetzen will oder der Mitgliedschaft Rechenschaft ablegen will.

Ich werde nicht aus der Kirche austreten, weil ich ein starkes Zeugnis vom wiederhergestellten Evangelium habe, das nirgendwo sonst auf der Welt gefunden werden kann. Aber ich mache eine Trennung zwischen der klaren Lehre des Evangeliums, die ich durch jüdische Traditionen unterstützt sehe, und der Kirche als Institution, die durch Menschen wie Du und ich geleitet wird. Ich glaube an die Macht des Gebets und an die Vorgaben in den Heiligen Schriften, dass – nach viel Trübsal – mit der Wiederkunft des Erlösers alles in Ordnung gebracht werden wird.

Anbei einige sorgfältige Arbeiten über geschichtliche Fakten und Lehren der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Quellentexte und Erlebnisberichte:

(Es ist nicht das einzelne Werk, das die Wahrheit birgt, es ist die Fülle von Meinungen, die uns der Wahrheit näherbringen.)

Monographien:

Bushman, Richard Lyman: Joseph Smith, Rough Stone Rolling, 2007

Compton, Todd: In Sacred Lonelyness, The Plural Wives of Joseph Smith, 1997

Corbden, Luna Lindsey: Recovering Agency: Lifting the Veil of Mormon Mind Control, 2014

Drake, Taylor: Joseph in the Gap, The Hidden History That Explains Mormonism’s Past, Present and Future, 2020

Hales, Brian: Joseph Smith’s Polygamy, 2015

Horning, Whitney N.: Joseph Smith Revealed, Exploring an Alternate Polygamy Narrative, 2019

Lee, John D. (Doyle): Mormonism Unveiled, or The Life and Confessions of the Late Mormon Bishop, 1877

Mattson, Hans, with Hanke, Christina: Truth Seeking, 2018

Newell, Linda King, and Tippetts Avery, Valeen: Mormon Enigma, Emma Hale Smith, 1994

Palmer, Grant H., An Insider’s View of Mormon Origins, 2002

Pearson, Carol Lynn: The Ghost of Eternal Polygamy, Haunting the Hearts and Heaven of Mormon Women and Men, 2016

Price, Richard and Pamela: Joseph Smith Fought Polygamy, 2000

Proctor, Scot Face, and Maurine Jensen: The Revised and Enhanced History of Joseph Smith by His Mother, Edited, 1996

Smith, Robert: Teaching for Doctrines the Commandments of Men, 2016

Smith, Robert: The Glory of God is Intelligence, 2019

Snuffer, Denver C. Jr.: Passing the Heavenly Gift, 2011

Stenhouse, Fanny: Tell It All, Woman’s Life in Polygamy, Autobiography, 1890

Stenhouse, T. B. H. (Thomas Brown Holmes): The Rocky Mountain Saints, A Full and Complete History of the Mormons, from the First Vision of Joseph Smith to the Last Courtship of Brigham Young, 1873

Tullidge, Edward W.: The Women of Mormondom, 1877

Walker, Kyle R.: William B. Smith, In the Shadow of a Prophet, 2015

Young, Ann Eliza (Webb), Wife No. 19, A Life in Bondage, 1875

Editionen geschichtlicher Sammlungen:

The First Fifty Years of Relief Society, 1842 – 1892

Journal of Discourses, 1854 – 1886, 26 Volumes

The Joseph Smith Papers, Journals online

History of the Church, 7 Volumes

Doctrine and Covenants 1835 Edition

Youtube:

Mormon Stories, John Dehlin

Hemlock Knots

LDS Discussions

Rob Fotheringham

Radio Free Mormon

Mormon Discussion

Mormonism Live

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Guido Müller
Guido Müller
1 Monat her

Genauso wie das Kerzlein am Kranze gerade heiss brennt, so ist es mit den Fragen in mir, wenn ich Deine erstaunlichen Zeilen lese: Daher eine brennende Frage, lieber François. Und ich weiß dass Du ja sehr liebevoll und geduldig auch mit komplizierten, direkten Fragen bist…daher schon mal danke dass ich die überhaupt stellen darf: Da wird ja von Dir eine Menge „Klartext“ gesprochen über die Kirche als Unternehmen, Joseph Smith und Brigham Young. Wie kann man – wie Du es auch in Deinem Vortrag im Kontext der Pfahl-Sonntagsschule getan hast – so viel Klartext auch über Joseph Smith aussprechen, aber dennoch glauben, dass es tatsächlich eine inspirierte „Wiederherstellung“ ist? Was ist mit Joseph Smith als Schätzgräber, der Falsches vorgab und deswegen vor Gericht stand? Warum durfte scheinbar niemand mal so richtig die Platten sehen? Warum waren sie so oft unter diesem ominösen Tuch? Warum wurden die Platten scheinbar gar nicht verwendet und für die „Übersetzung“, wie Joseph das Projekt nannte, gar nicht nötig? Wie kriegst Du das in Deinem Kopf so hin, dass es am Ende doch insgesamt noch passt? Du schreibst dass Joseph Smith am ENDE gestürzt sei über seine Schwächen, aber war er nicht auf entscheidende Weise bereits am ANFANG seiner „Wiederherstellung“ und sogar noch davor bereits „gestürzt“ und nicht authentisch und ehrlich? Wie schaffst Du es, das alles in Einklang zu bringen? Sind nicht auch die Inhalte im Buch Mormon mit so vielen Anleihen aus dem Methodismus, Gleichnissen aus der Smith Familie, Schatzgräber/Schutzgeister Analogien, Anleihen aus der… Weiterlesen »

François Radzik
François Radzik
1 Monat her
Reply to  Guido Müller

Lieber Guido, Deine Fragen sind völlig berechtigt – und es sind sehr viele auf einmal – die ich alle mehr oder weniger angehe in meinem neuen Buch, das noch in Vorbereitung ist. Hier zwei summarische Bemerkungen: Erstens war Joseph Smith ein ausserordentliches Medium mit der Fähigkeit, sich im zeitlosen Bereich zu bewegen aufgrund seines Sehersteines (eine Annäherung zum Verständnis sind die Nahtoderlebnisse, darüber gibt es eine erdrückende Literatur). Auf diese Weise konnte er Zeitreisen machen. Ein kleines Beispiel ist 3 Nephi 16:10, wo er den Aufstieg der USA zur mächtigsten Nation der Welt richtig voraussagt. Zweitens: Es gibt eine spirituelle Ebene, die intellektuell wahrnehmbar ist und die unendlich viel grösser ist als zu sagen: „ich glaube, dass es einen Gott gibt“. Auf dieser Ebene lernt man zu vertsehen, warum es der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist, warum und wozu er sich ein Bundesvolk (Juden, Lamaniten) erschaffen hat als Träger siner Rechtsordnung. Dies habe ich in meinem Buch: ‚Das Sühnopfer verstehen‘ dargelegt. (Einige wenige Aussagen würde ich heute anders schreiben). Joseph Smith hat durch seine ‚Offenbarungen‘ diese Türen der Erkenntnis geöffnet. Aber jeder einzelne muss durch Studium und Gebet durch diese Türen gehen, um das Universum der Rechtsordnung Gottes zu erkennen und damit auch die Rolle von Joseph Smith. Ausserdem: Der Widersacher war von Anfang an dabei. Man kann dieses einzigartige Werk in der Menschheitsgeschichte, diese ‚Dispensation‘, nicht angehen, ohne dass der Widersacher seinen Fuss in der Türe hat. Das war auch bei Jesus der Fall. Es ist deshalb auch… Weiterlesen »

Guido Müller
Guido Müller
1 Monat her

François Radzik: wenn Joseph Smith ein Medium war, das zeitlos sehen konnte, warum hat er dann in seinem job als „scryer“ nie für Erfolg sorgen können und wurde dementsprechend vor Gericht gestellt? warum hat er dann die Faksimile in der KP völlig fehlinterpretiert? etc.

François Radzik
François Radzik
1 Monat her
Reply to  Guido Müller

Guido Müller: Auch wenn man zeitlos Schauungen haben (Mosia 8:13-18) kann, ist es nicht möglich, die Realität der grobstofflichen Gegenwart zu ändern. Das ist das Prinzip des ‚Wahrsagens‘ und der freien Entscheidung und des ständig einwirkenden Gegensatzes. In der KP Abraham hat JS keine ‚Übersetzung‘ gegeben, obwohl das Wort ‚Translation‘ immer wieder auftaucht. Dieses Wort hat verschiedene Bedeutungen. Er hat eine Übertragung in eine sinnvolle spirituelle Erkenntnis für das Evangelium gemacht, z.B. Faksimile Nr. 2: Eine Einsicht in die göttliche Rechtsordnung durch die Gestirne. Der Bezug zum Ägyptischen des Altertums ist insofern zulässig, weil ihre Spiritualität durch die profane Wissenschaft ebenso wenig erfasst wird wie zum Beispiel die Spiritualität des Buches Mormon oder des Hebräerbriefes im Neuen Testament. Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen.

Guido Müller
Guido Müller
1 Monat her

François Radzik: vielleicht schwebe ich tatsächlich noch nicht in den Sphären, wo ich das gänzlich verstehen könnte..comment image
aber dennoch danke, dass Du da offen drüber sprichst und dass man dich mit diesen Fragen belagern darf
einen ganz lieben Gruß