Archiv für den Monat: März 2022

„Glaube ist ungefährlich, wenn es Raum für Zweifel gibt“

Eine Analyse von Gwen Eggers

Immer wieder hören wir, dass sich in der Kirche nie etwas ändern wird und dass Reformen ein Wunschdenken seien. Diejenigen, die für einen Wandel einstehen wollen, würden ihre Energien vergeuden und warum sich Ehemalige überhaupt noch engagieren . Es gibt aber dennoch zwei Beispiele in der jüngeren Kirchengeschichte, wo zwei Glaubensgemeinschaften, die orthodox und mit Exklusivanspruch unterwegs waren, dieser Wandel gelungen ist und die sich „ökumenisch entsektet“ haben, oder auf dem Weg dorthin sind. Das sind einmal die Siebenten-Tags-Adventisten und andererseits die Neuapostolische Kirche, die mit 370.000 Mitgliedern in Deutschland und über 10 Millionen weltweit nicht sooo klein ist und in einigen Dingen der HLT Kirche ähnlich ist.

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Warum so viele intelligente Mitglieder einen Mann verteidigen, der wegen Hochstapelei vor Gericht stand und junge Frauen in geheime Ehen nötigte

Eine Analyse von Guido Müller

Eine der zentralsten Fragen, die sich mir in den letzten fünf Jahren im Austausch mit meinen vielfach tollen HLT-Freunden und Familienmitgliedern stellte:

Warum geben so viele ansonsten intelligente und liebenswerte Menschen so unheimlich viel Energie dafür, nicht auch nur den kleinsten Hauch an Zweifel zuzulassen über Joseph Smith, seine Werke und die von ihm maßgeblich geprägte Organisation? Warum geben sie so viel Zeit und Energie, diesen Mann zu verteidigen?

Bildquelle: commons.wikimedia.org

Die besonders treuen Kirchenmitglieder kämpfen für ihn wirklich um jeden Millimeter – auch ich tat das. Warum habe ich jahrelang nicht mal ansatzweise zugelassen, mich mit den schwerwiegenden Fragen auseinanderzusetzen und dem keinerlei Raum gegeben, obwohl ich doch anderweitig behaupte ein offener Mensch zu sein? Warum habe ich mich bei „FAIR LDS“ engagiert, um diesen Mann mit teils äusserst fragwürdigen Argumenten zu verteidigen?

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„Vielleicht ist meine Vorstellung in vielen Dingen dann einfach nicht kirchenkompatibel und ich erwarte zuviel“

Ein Erfahrungsbericht von Gwen

Bildquelle: tinybuddha.com

Jahrelang habe ich geglaubt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Jahrelang habe ich mich gefragt, ob ich es bin, die etwas falsch macht. Seit drei Jahren „darf“ ich mir das Prädikat „Witwe“ and die Brust heften, nichts was man gerne will, aber das Leben hat es so entschieden. Ich habe nie ein Geheimnis darum gemacht, warum das so ist. Ich war von 2017 bis 2020 relativ inaktiv in der Kirche. Denn 2017 erlitt mein Partner ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Eine Hirnblutung, die ihm fast das Leben gekostet hätte und die ihn, nach Klinik und Reha, pflegebedürftig zurück ließ. Auch wenn er körperlich wieder relativ hergestellt wurde, so blieb doch eine kognitive Einschränkung, die es schwierig machte ihn auch nur wenige Stunden allein zu lassen. Eine „aktive Teilnahme“ am Kirchenleben war so nicht möglich. Seine Betreuung hat mich, aller Professionalität zum Trotz, an meine psychischen Grenzen gebracht. 2019 kam dann der Suizid und ich bin kollabiert.

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„Ich weiß, dass du aufrichtig versuchst, mir zu helfen, da du wahrscheinlich das Gefühl hast, dass ich verloren bin“

Email Austausch von Lara mit ihrem früheren Bischof (Name geändert)

Das hier hat mein „Bischof“ heute Abend geschickt. Ich habe ihn wiederholt gebeten, mich nicht mehr mit Dingen zu kontaktieren, die mit Kirche zu tun haben. Und obwohl ich denke, dass er ein guter Mensch ist, hat mich das heute Abend auf eine Art und Weise aus der Bahn geworfen, die ich nicht erwartet hatte.

Er schrieb mir

Brief des Bischofs an mich:
+++ZITAT BEGINN+++
Lara, ich habe mein Bestes getan, um deinen Wunsch, nicht kontaktiert zu werden, zu erfüllen. Morgen werden wir in der zweiten Stunde des Gottesdienstes über die Bewältigung von Glaubenskrisen sprechen. Mein Wunsch, dass du zusiehst, war leider stärker als mein Versprechen an Dich – dieses eine Mal. Ich habe gebetet, dass du 40 Minuten deiner Zeit opferst, um dir diese Gedanken anzuhören. Der Zoom-Link ist unten.
Hochachtungsvoll,
Bischof —Name entfernt
https://zoom.us– info entfernt
+++ZITAT ENDE+++

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Ist Satan verantwortlich für alles Böse in der Welt?

Von Guido Müller

Zahlreiche Gläubige und Kirchenführer erklären, dass das „Böse“ in der Welt durch den Satan komme. Man hört:

  • Der Satan kämpft gegen das Gute.
  • Der Satan zettelt Kriege an.
  • Der Satan kämpft gegen die Kirche.
  • Der Satan hat die Menschen aufgewiegelt, die frühen Kirchenmitglieder und die Pioniere zu verfolgen.
  • Der Satan bringt Menschen dazu, die Kirchenführer zu kritisieren.
  • Der Satan verführt dazu, sich unanständige Dinge anzuschauen.
  • Der Satan verführt uns dazu, zu masturbieren.
  • Der Satan hat Eva dazu verführt, von der verbotenen Frucht zu essen.
  • Der Satan will, dass wir den Sabbat nicht heilig halten.
  • Der Satan will, dass wir Religion nicht mehr wichtig nehmen.
  • Der Satan gewinnt, wenn wir nicht genug oder gar nicht mehr in den Schriften lesen.
  • Wer die Kirchenorganisation verlässt, wird ein Gefäß des Bösen und somit ein Diener Satans. (leider eine Aussage Joseph Smiths, die noch in Generalkonferenzansprachen und somit auch in Klassen nachgeplappert wird…so geschehen in meiner Gemeinde hier)
  • Der Satan gewinnt, wenn wir das Wort „Mormone“ verwenden und nicht „Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ sagen.
  • Der Satan verführt uns dazu, dass wir schädliche Substanzen zu uns nehmen.
  • Der Satan hat Joseph Smith verfolgt und versuchte, ihm zu schaden.
  • Wenn man als Untersucher der Kirche kurz vor Taufe nochmal Bedenken bekommt und das ganze nicht durchziehen will, ist es wahrscheinlich auch der Satan.
  • Die Existenz des Satans zu leugnen, ist ein Riese- Problem, weil er mich ja versucht anzugreifen.
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Was würde ich meinem Kind sagen?

Von Guido Müller

Ein spannender Maßstab, um angebliche Umgangsweisen Gottes mit seinen Kindern auf Stimmigkeit zu überprüfen ist, könnte sein, wie man selbst eigene Kinder behandeln würde.

Wir gehen mal davon aus, dass so gut wie alle Eltern (wie auch ich) die eigenen Kinder über alle Maßen lieben und das Beste für sie wollen.

Würdest Du Deinem Kind sagen, dass es, weil Du es doch so sehr liebst, nur zu Dir zurückkommen kann, wenn es Deinen langen Katalog an Regeln einhält? Und dass Du es sonst für immer verstoßen oder an einem weniger schönen Ort als Deine gehorsameren Kinder festhalten würdest?

Oder würdest Du dem Kind sagen, dass es allgemeine Grundsätze des Glücklichseins gibt, die sich aber immer am zentralsten Prinzip der Nächstenliebe messen müssen? Und dass es in dem Maße wie es sich entscheidet, diese anzuwenden, glücklich sein kann, aber dass es jederzeit eine Möglichkeit gibt, sich dafür oder dagegen zu entscheiden?

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Beten für die Ukraine: zwei Seiten der Medaille

Ein Kommentar von Guido Müller

Ich find’s weder schlimm noch verachtenswert, für andere Menschen in Not zu beten und wenn mir jemand in einer schwierigen Lage sagt, sie/er würde für mich beten wollen, dann bedanke ich mich höflich im Respekt für das, was es dieser Person bedeutet. Dennoch finde ich, sollte man beim Beten etwas differenzieren.


DIE EINE SEITE

Für jemanden beten, das bedeutet auch immer, an diese Person zu denken…und das ist was Positives. Beten, das heisst hoffentlich für die meisten auch, sich Gedanken zu machen, was man für einen Menschen tun kann. Und es kann auch heißen, sich mit einer höheren und feineren Liebe und Intelligenz verbinden zu wollen. Und die eigenen Gedanken, Handlungen und Ziele damit in Einklang zu bringen. Ich bin total dabei, dass da viel Gutes drin steckt. Und vielleicht wollen Menschen auch einfach an einer Hoffnung und einer Sehnsucht festhalten und gute Wünsche zum Ausdruck bringen….alles top…alles gut! Bin jetzt persönlich nicht so derjenige, der tatsächlich glaubt, den russischen Panzern ginge durch die Gebete der Kraftstoff aus. Oder die Zielsysteme der Raketen versagen dadurch auf magische Weise und landen im Acker statt in der bewohnten Siedlung, wie ich heute gelesen habe. Aber insgesamt habe ich gegen Beten nicht so viel einzuwenden.


DIE ANDERE SEITE

Dennoch hab ich ein Gefühl im Bauch dass Beten auch heißen kann, Verantwortung abzugeben und sich aus der Affäre zu ziehen. Und wenn ich mir das Statement der Ersten Präsidentschaft ansehe, die früher mal gesagt haben, lediglich 0,4 % der jährlichen Vergrößerung ihres Dagobert Duck Tresors pro Jahr für alle humanitären Aktionen zu spenden, aber sich nun primär darauf beschränken, für die Menschen in der Ukraine zu beten, dann ist das für mich ein PR-Gau und hat etwas von toxischer Unverantwortlichkeit.

HINTERGRUNDWISSEN
Die Kirche hat sich vor ein paar Jahren mal damit geschmückt, schon seit 30 Jahren ca. 40 Mio pro Jahr für humanitäre und mildtätige Zwecke zu geben.

Auf ein Jahr gerechnet würde das bedeuten:
7 Milliarden steuerfreie Zinsgewinne aus dem Ensign Peak Fond + ca. 7 Milliarden Einnahmen aus Zehnten und Spenden  = ca. 14 Milliarden jährliche Einnahmen (das sind 14000 Millionen Dollar, ein unfassbarer Betrag)
laufende feste Ausgaben jährlich: ca. 5 Milliarden Dollar habe ich mal gelesen.

Es bleibt ein Überschuss von 9 Milliarden jährlich, Tendenz steigend. Von diesem Überschuss werden 40 Mio gespendet. Wie viel Prozent sind das? Das wären dann ca. 0,4 Prozent, die die Kirche spendet.

Zum Vergleich: Falls ich pro Jahr 10000 Euro zur Seite legen könnte, würde das einer jährlichen Spende von 40 Euro entsprechen.Dafür dass es die reichste Kirchenorganisation der Welt (noch vor der katholischen Kirche) ist, kann uns das nicht besonders stolz machen.

Man sollte auch nicht unterschätzen, dass dieses Verhalten Vorbildwirkung hat. Klar, unzählige HLT helfen…auch ich….aber wie viele lassen sich unterschwellig von der „Dagobert-Betet-Mentalität“ beeinflussen und belassen es bei ein paar Bestellungen beim himmlischen Hilfs-Sheriff und ein paar symbolischen Spenden?

Wer so viele Möglichkeiten hätte und primär betet, macht es sich womöglich zu leicht

Wer auf 130 Milliarden Dollar für den Rainy Day sitzt, und dann in so einer Krise primär beten will, der WILL womöglich nicht wirklich helfen, sondern irgendwas anderes… Der gibt Verantwortung an ein ersehntes allmächtiges Wesen ab, ohne die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Der macht es sich zu leicht.

Wenn beten heisst, Verantwortung abzugeben, und nicht mehr zu überlegen, was man selbst auch in der realen Welt noch tun kann, dann lieber nicht beten und bitte diese Art des Betens auch nicht an die große Glocke hängen.