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Hans Mattson: „Es ist der verbotenste aller Gedanken. Er könnte mein Leben ruinieren, meine Ehe zerstören und sogar dazu führen, dass meine Kinder sich gegen mich wenden.“

Der Regen tropft als die Abenddämmerung einfällt. Die Sicht ist schlecht. Abschnitte der E20 bedürfen der Reparatur und es befinden sich große Wasserpfützen entlang der Fahrbahn. In diesem tristen Wetter im Herbst 2009 fahre ich aus der Heimat meiner Kindheit nach Hause zu meiner Familie in Stockholm.
Obwohl ich 59 Jahre alt bin, denke ich zum ersten Mal in meinem Leben das Undenkbare in meinem Herzen: „Es ist wahrscheinlich nicht wahr!“ Es ist der verbotenste aller Gedanken. Er könnte mein Leben ruinieren, meine Ehe zerstören und sogar dazu führen, dass meine Kinder sich gegen mich wenden. Ich wäre dann nur noch ein Hochstapler, ein Verräter, jemand der seine Bündnisse bricht, ein Niemand. Ich würde als schwach und getäuscht angesehen – ein Pariah. Mein gesamtes soziales Netzwerk würde zusammenbrechen. Es wäre eine Peinlichkeit für meine Verwandtschaft und ein Betrug am Familienerbe. Es würde Schmerzen und Verwundungen verursachen. Schlimmer noch, die Dinge, die nach wie vor gut sind, würden in den Abgrund des Unglaubens mitgerissen werden. Ich wäre nicht länger einer der Erwählten – auf meinem Weg, zu Gott zurückzukehren.
Ich bete, bettle, rufe, schluchze „Herr Gott, hilf mir! Bitte lass mich alle meine Fragen vergessen. Lass alles wieder so sein, wie es war. Lass es doch einfach wahr sein! Ich kann das nicht – ich kann das einfach nicht ertragen! Himmlischer Vater, höre mich doch; das alles macht mich ganz verrückt. Es muss doch wahr sein.“ Stille. Tränen beginnen zu fließen. Ich weine wie ich noch nie in meinem ganzen Leben geweint habe, was die Sicht auf die E20 nicht gerade besser macht. Ich erleide Verlust, von Antworten.
Ich fühle mich leer. In wenigen Stunden werde ich bei meiner geliebten Birgitta zu Hause sein und sie wird ohne Zweifel erkennen, dass etwas sehr Ernsthaftes mit mir los ist. Soll ich sie in diese Verzweiflung hineinziehen? Soll ich meine Tränen trocknen und so tun als sei nichts passiert? Soll ich mein eigenes Leben und das meiner Familie vollständig auf den Kopf stellen und ein Chaos in unserer Gemeinde hervorrufen?
Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll, aber schon bald erscheint das Zeichen – „Willkommen in Haninge“. Unsere Familie hat ihr zu Hause hier eingerichtet, in einer der Kommunen mit dem höchstem Anteil Mormonen in ganz Europa. Die Fahrt von dem Haus meiner Mutter Clara in Göteborg ist nun fast zu Ende. Ich war in dem Auto für ein paar Stunden alleine mit all meinen Gedanken. Ich habe über das Undenkbare nachgedacht. Und ich realisiere, dass ich wahrscheinlich einen langen, harten Weg vor mir habe. Dieses ist die Geschichte einer Reise von einem strukturierten und regulierten Leben mit stets verfügbaren Antworten zu einem neuen, authentischeren Leben.

Aus:
Mattsson, Hans. Wahrheit gesucht – Zweifel gefunden (German Edition) (S.10-11). Kindle-Version.

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Analyse: „Sie können die Kirche verlassen, sie aber nicht in Ruhe lassen“

“Sie können die Kirche verlassen, sie aber nicht in Ruhe lassen” – oder auf englisch „They can leave the church but they can’t leave it alone.“

Dieser Satz steht für eine Denkweise oder einen Vorwurf, mit dem viele hinterfragende und ehemalige Mitglieder von ihren traditionell kirchengläubigen Mitmenschen konfrontiert werden. Dahinter steht die Annahme, dass jemand aus niederen Instinkten heraus weiterhin die Beschäftigung mit der Kirche sucht, obwohl man sich bereits abgewandt hat. Gleichzeitig steckt darin die Erwartung, dass man die Kirche einfach still verlassen sollte, ohne eine offene Aufarbeitung mit den „noch“ gläubigen Mitmenschen. In diesem Artikel wird darauf eingegangen, was dieser Denkansatz in einem Menschen auslöst und was daran kritisch zu bewerten ist.

Adaptiert und übersetzt mit Genehmigung aus einem Artikel von Dr. John Dehlin
(https://www.mormonfaithcrisis.com/why-you-cant-and-shouldnt-leave-the-mormon-church-alone/ )

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Sven: „Es ist gut, sich den Realitäten zu stellen und keine Angst vor eigenen Gedanken, Erfahrungen und dem Verstand zu haben – gerade weil diese von Gott gegeben sind.“

Sven erzählt hier ausführlich seine Glaubensreise, die voller Schwierigkeiten, aber auch voller Überraschungen war – und bislang für ihn ein Happy End hatte. Er ist seit seiner Kindheit Mitglied der Kirche gewesen, erlebte aber schon recht früh zahlreiche Dissonanzen und Widersprüche. Auf Mission in Süddeutschland wurde er unter anderem als Zonenleiter Zeuge der „Afrikaner-Taufen“-Phase, einer Zeit wo Deutschland nach seinen Angaben die höchsten Wachstumsraten der Kirche vorweisen konnte. Widersprüchliche Erlebnisse wie diese, die später für ihn in einer Loslösung von der Kirche mündeten, hatte er zahlreiche.
Der Abschied von seiner Religion war dennoch wie er sagt „psychisch ein extrem schmerzlicher Prozeß“, unter Anderem weil er stark verwurzelt im Glauben aufgewachsen ist und so viele Aspekte seines Lebens und seines Denkens davon beeinflusst waren.

Sven hat zwei Mal seine Frau geheiratet. Heute ist Sven Familienvater von zwei bezaubernden Kindern und als Teilhaber einer Firma im Raum München geschäftlich erfolgreich. Sein Vater ist Patriarch im Pfahl Heidelberg. Aufmerksam wurde ich auf Sven über einen Artikel im Netz, den ich vor vielen Jahren von ihm las, in dem er sagte: „Ich bin mir sicher, daß der Mensch vor allem sich selbst, einem Gott und auch anderen gegenüber ehrlich sein muss, sonst wird sein Leben am Ende nicht viel Wert sein.“ Das Interview wurde geführt von Guido Müller.

Vielen Dank Sven, dass Du Dir die Zeit nimmst, uns mehr von Dir und Deiner Glaubensreise zu erzählen. Im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Mitgliedern, bist Du immer noch gerne im Gespräch mit HLTs jeglicher Couleur, was ich sehr angenehm finde. Woher kommt das bei Dir?

Die Frage wird mir öfter gestellt – da gibt es verschiedene Facetten. Auf der einen Seite bin ich durch mehrere Generationen Mitglieder in meiner Familie (mütterlicherseits) geprägt. Zudem war ich sehr aktiv bis ich ca. 30 Jahre alt war. Manche Mitglieder “schlittern” ja in die Inaktivität und lösen sich so langsam und verabschieden sich auch kulturell. Bei mir war es ein harter Schnitt. Das wäre aber noch kein Grund der Kirche verbunden zu bleiben. Bei uns zu Hause war Religion immer auch mit einer besonderen Art der Familienzusammengehörigkeit verbunden, auch mit “anders sein” auf was wir stolz waren – zudem vermittelten uns meine Eltern und meinen drei Geschwistern viel Liebe. Für manche bedeutet das Enge, für mich war es eher Geborgenheit. Wir fühlten uns trotz eher konservativer Kirche eher „modern“.
Warum ich nach meinem Austritt dann schon recht früh angefangen habe, zweifelnden Mitgliedern die auf mich zukamen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, hängt sicher damit zusammen, dass ich mich grundsätzlich als empathischen Menschen sehe – und meine zweijährig andauernde Glaubenskrise war von innerer Einsamkeit geprägt. Ich konnte mich eigentlich mit niemanden austauschen, außer glücklicherweise dann ein paar kritischen Geistern im Internet. Da wollte ich einfach für die Leute da sein und mich nicht “vom Acker machen”. Zudem gab es um 2000 herum wenige die sich als „Aussteiger“ outeten.
Anfangs war es sicher auch ein bisschen Missionsgeist, ich wollte meine neuen Erkenntnisse auch teilen. Aufgedrängt habe ich mich eher nicht, soweit ich mich erinnere. Ein Teil ist sicher auch “Sturheit” – meine Familie kommt ursprünglich aus Ostpreussen und Sachsen – man lässt sich da von seinen Wurzeln nicht einfach vertreiben – natürlich haben damals viele gemeint, dass ich nicht ablassen kann von der Kirche weil mein Zeugnis noch da ist. Aber es gibt Dinge die interessieren mich einfach über Jahre mit Leidenschaft, wie ein Hobby z. B. Totalitarismus, Islam, Politik usw.. Die Kirche wird in Teilen wie ein Stamm geführt (siehe auch patriarchalischer Segen). Selbst wenn dein Stamm und die Mechanismen dir schaden, fühlst du dich verbunden – und ich persönlich weigere mich meine Wurzeln zu verleugnen.

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Anne 2/2: Vorzeitiges Ende der Mission, Selbstfindung und Ausblick

In dieser zweiteiligen Interview-Serie erzählt Anne (Name geändert) von ihrer bewegenden Lebens- und Glaubensreise als HLT-Kirchenmitglied. Das Interview führte Guido.
Teil eins handelte von ihrer insgesamt positiv empfundenen Kindheit in der Kirche und ihrem Kampf mit dem Thema Sexualität als Jugendliche. Im Vorfeld ihrer Mission erleidet sie einen Missbrauch. Sie erzählt von ihrem ersten Tempelbesuch in Vorbereitung auf ihre Mission und was sie dabei empfunden hat.
Im vorliegenden Teil zwei, geht es um ihre zunächst aufbauende Erfahrung im Vollzeit-Missionsdienst in den USA, welcher dann eine dramatische Wendung vollzog und darin mündete, dass sie nach Hause geschickt wurde. Anne arbeitet ihre traumatischen Erfahrungen im Zusammenhang mit diesem Ereignis auf. Dann erzählt sie, was sie für ihr heutiges Leben aus diesen ganzen Erfahrungen gelernt hat und wie sich ihre Sicht auf die Kirche und den Glauben dadurch verändert hat.

Anne, im letzten Teil hatten wir davon berichtet, mit welchen Schwierigkeiten Du im Vorfeld auf Deine Mission zu kämpfen hattest. Diese wurden aber schließlich überwunden und Du bist tatsächlich auf Mission gegangen. Wie hast Du Deine Mission erlebt?

Ich war total gerne auf Mission! Das MTC habe ich jedoch als „Goldenen Käfig für Kleinkinder“ empfunden. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt schon älter als die meisten anderen Missionare, die 18 oder 19 sind, und dementsprechend kamen mir viele dieser Regeln etwas albern vor. Manche haben sich aber noch sehr unreif verhalten, aber ich habe auch Menschen mit ein bisschen mehr Lebenserfahrung getroffen. Auf sie wirkten die Regeln auch teilweise übertrieben.

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