Archiv für den Monat: Januar 2020

Ela: „Auf der einen Seite möchte ich gerne meinen Glauben in dieser Gemeinschaft ausleben – auf der anderen Seite kann ich einen Teil meiner Identität und Glaubenssätze nicht abschneiden“

Ela (Spitzname), eine Schwester die jahrelang in einer süddeutschen Gemeinde aktiv war und viel beigetragen hat, wurde von Ihrer Betreuerin angeschrieben. In ihrer Antwort betreibt sie Ursachenforschung darüber, warum sie aktuell (noch) nicht wieder zur Kirche kommt und stellt sehr reflektierte Gründe, Gedanken und Wünsche dar.

Ich weiß wohl, dass ich auf der Gemeindeliste als Inaktiv bezeichnet werde und möchte hierzu gerne einige, wie ich meine wichtige Inhalte an dich weitergeben, die du auch im Gemeinderat (falls du darin tätig bist) oder an anderen für dich passend erscheinende Stellen weiterleiten kannst: 

Über ihre Taufe und ihre aktuelle familiäre Situation

Als ich mich mit 14 zur Taufe entschieden habe, war dies eine lang überdachte und bewusste Entscheidung von mir. Meine Mission und meine Bündnisse bedeuten mir immer noch viel. Im Tempel habe ich wichtige geistige Erlebnisse gehabt, die mich seit dem begleiten. Nun, sieht es seit einiger Zeit so aus, dass ich mit meinem (noch ungeehelichten) Mann und meinem Kind zusammen wohne. Die äußere Rahmung der Kirchengesetze halte ich damit schon mal nicht ein. In meiner Mitgliedszeit habe ich erlebt, dass es Fälle gab, wie meine, in denen die Mitglieder trotzdem zur Kirche gegangen sind und ihnen sehr angeraten wurde schnell zu heiraten oder, trotz gemeinsamen Kindes, auseinander zu ziehen. Ein Fall wurde von der Kirche ausgeschlossen, ein anderes Paar hatte geheiratet um sich nach zwei Jahren wieder zu trennen, wieder zwei andere Fälle sind nicht mehr zur Kirche gegangen oder ausgetreten. Ein Grund, weshalb ich momentan nicht zur Kirche Jesu Christi komme ist, aus Angst, dass ich ausgeschlossen werde, da ich meinen Mann und mich nicht zu einer Heirat zwingen kann und werde und wir natürlich trotzdem weiterhin als Familie zusammen leben werden und wollen.

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Jonas: „Meine religiöse Erziehung vermittelte mir viele wunderbare Werte, aber als ich merkte, dass ich schwul bin, war es das Beängstigendste, das ich je erlebt habe.“

Kennt Ihr das wenn ein Telefonat Euch so bewegt, dass Ihr die Zeit vergesst? So ist mir das gestern bis kurz nach Mitternacht ergangen mit Jonas Jödicke aus Berlin. Ursprünglich waren nur 30 Minuten eingeplant, aber es wurden fast zwei Stunden draus. Seinen inneren Kampf, seine Reise und sein gebetvolles Ringen mit Gott nachzuvollziehen, ging mir direkt ins Herz! Das was ich hier in Kürze zusammenfassen kann, wird nicht annähernd dem gerecht, was er mir mitteilte. Somit ersetzt das keinesfalls den direkten Kontakt mit ihm:

Seine Eltern schlossen sich beide ungefähr zur gleichen Zeit der Kirche an, und Jonas wuchs mit dem wiederhergestellten Evangelium auf. Er hegte zwar mit 14 schon die Vermutung, dass er schwul ist und hatte mehrere traumatisierende Erlebnisse auf seiner Glaubensreise als HLT. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, weitere 10 Jahre mit voller Energie und Kreativität in der Kirche mitzuwirken. Er behielt außerdem diese ganze Zeit seine Homosexualität für sich, bis es dann Anfang 2019 zum „großen Knall“ kam. Jonas ist zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung 25 Jahre alt und konnte sich den Traum erfüllen, seinen Unterhalt als Künstler zu bestreiten…

Obwohl er in seiner Jugend viele schöne Zeiten in der Kirche erlebte und viel lernte, erhielt sein mormonisches Weltbild durch drei emotional traumatisierende Ereignisse erste Risse:

Jonas bei FSY

FSY (For the Strength of Youth) ist eine Veranstaltung für HLT-Jugendliche….zu dem seine Mutter Saskia ihn hartnäckig überreden musste:

Eigentlich war er bestens vorbereitet für den Event – zu diesem Zeitpunkt war Jonas 14 Jahre jung…z.B. hatte er beim Friseur die Haare kurz schneiden lassen, um die Richtlinien zu erfüllen.

Dennoch wurde er zu seiner Verwunderung nach Ankunft von einem älteren Bruder direkt am Bus empfangen und mit anderen Jugendlichen in einen Raum geführt. Ihm und den Anderen wurde mitgeteilt, dass ihr Aussehen nicht den Richtlinien entspräche. Jonas wurde deutlich gemacht, dass seine Haare noch zu weit über die Ohren stünden. (Ging lediglich um ca. 0,5 cm wie Jonas sagt) Das müsste korrigiert werden oder er könne nicht weiter teilnehmen und auf eigene Kosten die Heimfahrt antreten. Da dies für Jonas schon aus finanziellen Gründen keine Option war, unterzog er sich dem „Zwangshaarschnitt“. Das Trauma war für ihn perfekt, als bei der Eröffnungsveranstaltung dann auf eine Ansage der Organisatoren hin alle, die sich die Haare hatten schneiden lassen, von der gesamten versammelten Gruppe frenetisch beklatscht und bejubelt wurden – für ihren mutigen Schritt. Diese Erfahrung trübte seine gesamte Wahrnehmung der Veranstaltung.

Als er nach Hause kam, merkte seine Mom direkt, das irgendwas nicht stimmte…

Jonas: „Meine religiöse Erziehung vermittelte mir viele wunderbare Werte, aber als ich merkte, dass ich schwul bin, war es das Beängstigendste, das ich je erlebt habe.“ weiterlesen