Als HLT aufwachsen mit Transidentität: Mein aussichtsloser Kampf gegen mich selbst

Live-Gespräch mit Juna Kollmeyer (Moderation: Guido Müller)

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Übersicht

0:00 Einleitung und warum Juna am Dialog teilnimmt
5:00 Warum Juna keine „Opferrolle“ einnehmen möchte
8:00 Wortwahl: Transsexuell, Transgender oder Transident?
11:20 Kindheit und Versuch, die „Jungenrolle“ zu spielen
19:50 Junas indiv. Sicht auf weibliche Rollen und Charaktermerkmale
24:00 Umgang mit kirchlichen Dogmen über LGBTs
27:40 Was Juna an der Kirche schätzt
30:30 Entschluss, als Mädchen/Frau zu leben
37:40 Schwierige Erlebnisse als transidente Person
45:15 Respektvoller Umgang mit transidenten Menschen
50:16 Kirchlicher & politischer Umgang mit Transidentität
56:00 Reaktion auf neueste HLT-Handbuchänderungen
1:01:00 Geistiges Erlebnis & Gespräch mit Gott
1:10:00 Angleichende Operationen und Eingriffe
1:19:40 Liebe & Beziehung
1:25:30 Junas Sicht auf Essenz der christlichen Botschaft
1:31:30 Feedback & Kommentare der Teilnehmer

Hintergrund

Juna Kollmeyer kommt aus Hannover, ist als HLT-Mitglied aufgewachsen (Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Spitzname: Mormonen) und hat vieles an ihrem christlichen Glauben geliebt.

Vor 38 Jahren kam sie als Junge zur Welt. Als sie drei Jahre jung war, bemerkten ihre Eltern erstmals ihr „ungewöhnliches Wesen…ein Junge hat sich nicht mit Puppen zu beschäftigen oder Kleidchen zu tragen“. Dennoch erlaubten ihre Eltern ihr recht viel, wofür Juna ihnen heute noch sehr dankbar ist. Irgendwann, vielleicht mit 9 oder 10 kam aber der Tag, an dem ihre Mutter klar machte, „Du bist ein Junge und kein Mädchen. Gott hat dir diesen Körper geschenkt, ehre ihn und benimm dich entsprechend“. Ihre Mutter schrieb damals in ihr Tagebuch, wie bitterlich Juna geweint hatte, einfach weil sie das gar nicht verstehen konnte.
Für sie war immer klar, ich bin ein Mädchen das anders ist als die Anderen, aber eben ein Mädchen. Juna akzeptierte die Worte ihrer Mutter, begann die Unterschiede zu begreifen und versuchte, die Verhaltensweisen von gleichaltrigen Jungen (mehr oder weniger glaubhaft) zu kopieren. Ich spielte eine Rolle, mit verschiedenen Facetten angelernter und übernommener Eigenschaften von Anderen. Der Mensch in ihr, hat dabei wie sie sagt „jeden Tag gelitten“.

Sie hatte nicht mal ein Wort für das was sie fühlte und was sie so sehr von anderen unterschied. Auch die Kirche hatte keine Antworten. Sie sagt: „In dem Heft ‚Für eine starke Jugend‘ stand damals nur etwas über Homosexualität, was ‚eine schwere Sünde, und vor dem Herrn ein Greul‘ sei.“ So dachte Juna ihre Gefühle seien schlecht, als sie sich erstmals in einen anderen Jungen verliebte. Die Jugendzeit war sehr schwer für sie. Der innere Kampf gegen die eigene Identität wurde, wie sie sagt „durch den äußeren Druck der Kirchenlehre noch verstärkt.“ Phasenweise hat sie sich der Kirche hingegeben, gekämpft, gebetet um diese Gefühle loszuwerden, um sein zu können was sie für alle darstellte, den Erwartungen gerecht zu werden, die alle an sie stellten (Priestertum, Mission, eine Frau heiraten, Kinder zeugen). Sie sagt: „Es hat nicht funktioniert. Ich weiß heute, dass es aussichtlos ist, gegen sich selbst zu kämpfen oder Gefühle zu unterdrücken, es gibt eben Grenzen dessen, was man an sich ändern, oder, wie es die Kirche sieht, verbessern kann.“

Juna hat sich bereit erklärt, vertiefende Fragen zu ihrer Geschichte zu beantworten und erzählt eingehender über ihre Kindheit, von schmerzhaften und geistigen Erlebnissen, und sie hat das Talent, mit viel Liebe, Offenheit und Verständnis über Transidentität aufzuklären.

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Sabine Hermann
Sabine Hermann
3 Monate her

Danke, Juna ❤️ für Deine Authentizität. Ich nehme aus diesem Gespräch so viel für mich persönlich mit. Danke! Liebe Grüße von Sabine

Juna
Juna
3 Monate her
Reply to  Sabine Hermann

Vielen Dank Sabine. Ich hatte ein gutes Gefühl dabei und freue mich sehr, dass es auch so angekommen ist 🙂

Melanie
Melanie
3 Monate her

Wie hast Du Dich in Bezug auf das Priestertum gefühlt? Das ist ja in der Kirche ein Element dessen Ausübung ganz klar einem Geschlecht zugeordnet wird. Hast du dich mit der Ordination zum Priestertum und der öffentlichen Ausübung (Abendmahl austragen etc.) wohl gefühlt oder hattest Du Zweifel ob Du es annehmen/ausüben solltest?

Juna
Juna
3 Monate her
Reply to  Melanie

Soweit ich mich erinnern kann, gab es alle 2 Jahre eine Art Rangerhöhung im Priestertum (mit 14,16,18=Lehrer, Priester, Ältester oder so?). Weiß nur noch dass ich Abendmahl austeilen durfte, es segnen jedoch nicht. Dafür war ich nie „würdig“ genug bzw.war es mir auch nicht wichtig weiter aufzusteigen. Auch ein Endowment habe ich nie erhalten, das war ja auch Altersabhängig und war vorher schon inaktiv.
Etwas besonderes gespürt habe ich dahingehend nicht, weder eine besondere Freude daran, noch eine Abneigung. Mir gefiel eher nicht, jeden Sonntag einen Anzug tragen zu müssen und somit diese Männlichkeit noch zusätzlich zu unterstreichen. Mich hat diese strenge Geschlechterordnung in der Kirche immer gestört, wenn bspw auch bei Tempelfahrten während der Taufe für Verstorbene, die Mädchen getrennt von den Jungen sitzen mussten oder durch Unterrichtsklassen getrennt waren.
Man muss auch verstehen, ich war Teenager und hatte innerlich nur einen Verdacht, ein Gefühl, was mit mir nicht stimmen könnte. Die Hoffnung, dass diese Gefühle einfach im Laufe der Zeit von selbst oder mit Gebeten wieder verschwinden hatte ich damals schon noch.

Katarina
Katarina
3 Monate her

Vielen Dank für diese Stunde Juna!

Jacqueline
Jacqueline
3 Monate her

Hast du jemals drüber nachgedacht, wie es gewesen wäre, in einem Jahrhundert aufzuwachsen, das (noch) rückständiger ist als unseres und wo z.B. eine Angleichung allein aus medizinischen Gründen nicht möglich gewesen wäre? 

Juna
Juna
3 Monate her
Reply to  Jacqueline

Ja, sehr oft. Ich mag es mir gar nicht ausmalen wie es Menschen ergangen sein mag in all diesen Jahrhunderten. Es herrschte ja noch gar keine Aufklärung wie wir es gewöhnt sind. Man hat vieles als Perversion abgetan und sogar verfolgt und bestraft.
Umso dankbarer bin ich, in dieser Zeit leben zu dürfen, mit all den Hormonellen und Medizinischen Eingriffen die möglich sind.

Katrin
Katrin
3 Monate her

Danke für deine Offenheit. Damit kannst du bestimmt vielen Menschen helfen. Ich freu mich dass Gott dir seine Liebe gezeigt hat. Du siehst sehr hübsch aus

Juna
Juna
3 Monate her
Reply to  Katrin

Dankeschön 🙂

Ja, diese ‚Begegnung‘ mit Gott war überwältigend und etwas ganz besonderes. Ich bin sicher, es wird zu gegebener Zeit ein Wiedersehen geben.

Tabea
Tabea
3 Monate her

Ich danke dir für den gemeinsamen Abend und schön von Dir zu hören wie es Dir ergangen ist. 

Immanuel
Immanuel
3 Monate her

Danke für den Beitrag und die sehr persönlichen Einblicke in dein Leben, Juna!

Chantal
Chantal
3 Monate her

Deine Kunst ist voll schön, vor allem das Blaue liebe ich sehr und du bist wunderschön. Deine Haare und es sieht natürlich aus. Es fällt sehr leicht dich als Frau zu sehen.

Juna
Juna
3 Monate her
Reply to  Chantal

Merci Chantal, es war super, dass du mit dabei warst 🙂

A.S.
A.S.
3 Monate her

Ich sehe gar nichts anderes in Dir als eine Frau. Und deine Stimme klingt wunderschön warm und weiblich!

Juna
Juna
3 Monate her
Reply to  A.S.

Meine Chirurgen haben gute Arbeit geleistet 😀

David
David
3 Monate her

Vielen Dank Juna für deine Offenheit! Freu mich, dass es dir gut geht! Wünsch dir weiterhin alles Gute!

Eda
Eda
3 Monate her

Hallo Juna,
wir kennen uns nicht aber ich bin total beeindruckt von dir. Du bist mir ein Vorbild darin den eigenen Lebensweg zu gehen. Du hast Schmerzen in Kauf genommen die Frau zu werden die du bist. Du wirst dein Leben lang sicherlich auf diese Zeit schauen und unheimlich stolz sein.

Ich wünsche dir nur das Beste.

Juna
Juna
3 Monate her
Reply to  Eda

Moin Eda,

es freut mich sehr, dass du aus dem Gespräch etwas mitnehmen konntest. Jeder trägt sein eigenes Päckchen im Leben, individuell verschieden. Was aber alle vereint ist das Suchen, Finden und Kennenlernen des eigenen Wesens. Seinen Weg für sich zu entdecken und zu leben, unabhängig von den Vorstellungen Anderer, mag ein gutes Rezept sein um inneren Frieden und Stärke aufzubauen, und um sich vor allem weiterzuentwickeln. Meine ‚Begegnung‘ mit Gott in der Kirche, die ich im Gespräch erwähnte hat mir das bestätigt. Gott kennt und liebt uns, unser Wesen und alle Stärken und Schwächen. Ich habe nicht gespürt, dass ihm dabei die körperlichen Attribute irgendwie wichtig gewesen wären. Vielleicht ist das mehr als eine Lebensweisheit, gar eine Aufgabe für uns, uns selbst zu finden.
Ich wünsche dir auch alles Liebe 🙂

Felicitas Weck
Felicitas Weck
2 Monate her

Liebe Juna,
Tabea ( ich bin ihre Mutter) hat mich auf Dein Interview aufmerksam gemacht. Ich bin sehr beeindruckt von Dir und Deinem Werdegang. Nur was das Gendern angeht, sind wir unterschiedlicher Meinung 😉 Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute.
Fee