Dr. Julie Hanks: „HLT-Bischöfe sind keine Therapeuten“

Die Bischöfe der Heiligen der Letzten Tage sind keine Therapeuten. Meiner Erfahrung nach müssen Bischöfe, gerade wenn es um Missbrauch geht, weniger beraten und mehr auf die Experten zurückgreifen. Sie sind der geistliche Leiter einer Gemeinde, aber sie sind normalerweise kein Experte auf bestimmten Gebieten. Missbrauch ist kein geistiges Problem – es ist ein Verbrechen.

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Hans Mattson: „Es ist der verbotenste aller Gedanken. Er könnte mein Leben ruinieren, meine Ehe zerstören und sogar dazu führen, dass meine Kinder sich gegen mich wenden.“

Der Regen tropft als die Abenddämmerung einfällt. Die Sicht ist schlecht. Abschnitte der E20 bedürfen der Reparatur und es befinden sich große Wasserpfützen entlang der Fahrbahn. In diesem tristen Wetter im Herbst 2009 fahre ich aus der Heimat meiner Kindheit nach Hause zu meiner Familie in Stockholm.
Obwohl ich 59 Jahre alt bin, denke ich zum ersten Mal in meinem Leben das Undenkbare in meinem Herzen: „Es ist wahrscheinlich nicht wahr!“ Es ist der verbotenste aller Gedanken. Er könnte mein Leben ruinieren, meine Ehe zerstören und sogar dazu führen, dass meine Kinder sich gegen mich wenden. Ich wäre dann nur noch ein Hochstapler, ein Verräter, jemand der seine Bündnisse bricht, ein Niemand. Ich würde als schwach und getäuscht angesehen – ein Pariah. Mein gesamtes soziales Netzwerk würde zusammenbrechen. Es wäre eine Peinlichkeit für meine Verwandtschaft und ein Betrug am Familienerbe. Es würde Schmerzen und Verwundungen verursachen. Schlimmer noch, die Dinge, die nach wie vor gut sind, würden in den Abgrund des Unglaubens mitgerissen werden. Ich wäre nicht länger einer der Erwählten – auf meinem Weg, zu Gott zurückzukehren.
Ich bete, bettle, rufe, schluchze „Herr Gott, hilf mir! Bitte lass mich alle meine Fragen vergessen. Lass alles wieder so sein, wie es war. Lass es doch einfach wahr sein! Ich kann das nicht – ich kann das einfach nicht ertragen! Himmlischer Vater, höre mich doch; das alles macht mich ganz verrückt. Es muss doch wahr sein.“ Stille. Tränen beginnen zu fließen. Ich weine wie ich noch nie in meinem ganzen Leben geweint habe, was die Sicht auf die E20 nicht gerade besser macht. Ich erleide Verlust, von Antworten.
Ich fühle mich leer. In wenigen Stunden werde ich bei meiner geliebten Birgitta zu Hause sein und sie wird ohne Zweifel erkennen, dass etwas sehr Ernsthaftes mit mir los ist. Soll ich sie in diese Verzweiflung hineinziehen? Soll ich meine Tränen trocknen und so tun als sei nichts passiert? Soll ich mein eigenes Leben und das meiner Familie vollständig auf den Kopf stellen und ein Chaos in unserer Gemeinde hervorrufen?
Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll, aber schon bald erscheint das Zeichen – „Willkommen in Haninge“. Unsere Familie hat ihr zu Hause hier eingerichtet, in einer der Kommunen mit dem höchstem Anteil Mormonen in ganz Europa. Die Fahrt von dem Haus meiner Mutter Clara in Göteborg ist nun fast zu Ende. Ich war in dem Auto für ein paar Stunden alleine mit all meinen Gedanken. Ich habe über das Undenkbare nachgedacht. Und ich realisiere, dass ich wahrscheinlich einen langen, harten Weg vor mir habe. Dieses ist die Geschichte einer Reise von einem strukturierten und regulierten Leben mit stets verfügbaren Antworten zu einem neuen, authentischeren Leben.

Aus:
Mattsson, Hans. Wahrheit gesucht – Zweifel gefunden (German Edition) (S.10-11). Kindle-Version.

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In eigener Sache: Antworten auf Missverständnisse & Vorurteile ggü. openfaith

Ich glaube wenn man so etwas wie openfaith in einem HLT-Umfeld macht, entstehen bei Geschwistern einige Missverständnisse und Vorurteile. Ich möchte drei davon versuchen zu klären, die mir immer mal wieder begegnen:

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Zusammenfassung und Diskussion der neuesten Änderungen des „General Handbook“ vom Februar 2020

Die Kirche hat am 19. Februar 2020 ein neues General Handbook mit dem Untertitel „Serving in The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints“ – zunächst in englischer Sprache – veröffentlicht. Die bisherigen Priestertumsführungs-Handbücher Nr. 1 und Nr. 2 sind damit obsolet.
Elder D. Todd Christofferson sagte dazu: „Dieses neue Handbuch ist Teil der laufenden Wiederherstellung des Evangeliums Jesu Christi, welche vor 200 Jahren begann. Diese Wiederherstellung war und wird auch weiterhin ein Prozess des Lernens sein, wie man einer reichhaltigen und diversen Welt so dienen kann, wie Jesus es tun würde. […] Wir wissen, dass es in dieser Kirche Platz für alle gibt.“ (Quelle: Offizielle Pressemitteilung)
John Dehlin hat sich die Arbeit gemacht, die wichtigsten Handbuchänderungen zusammenzufassen. Seine Fragen und weitere Reaktionen weiter unten.

Das neue Handbuch für Führungskräfte
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Ela: „Auf der einen Seite möchte ich gerne meinen Glauben in dieser Gemeinschaft ausleben – auf der anderen Seite kann ich einen Teil meiner Identität und Glaubenssätze nicht abschneiden“

Ela (Spitzname), eine Schwester die jahrelang in einer süddeutschen Gemeinde aktiv war und viel beigetragen hat, wurde von Ihrer Betreuerin angeschrieben. In ihrer Antwort betreibt sie Ursachenforschung darüber, warum sie aktuell (noch) nicht wieder zur Kirche kommt und stellt sehr reflektierte Gründe, Gedanken und Wünsche dar.

Ich weiß wohl, dass ich auf der Gemeindeliste als Inaktiv bezeichnet werde und möchte hierzu gerne einige, wie ich meine wichtige Inhalte an dich weitergeben, die du auch im Gemeinderat (falls du darin tätig bist) oder an anderen für dich passend erscheinende Stellen weiterleiten kannst: 

Über ihre Taufe und ihre aktuelle familiäre Situation

Als ich mich mit 14 zur Taufe entschieden habe, war dies eine lang überdachte und bewusste Entscheidung von mir. Meine Mission und meine Bündnisse bedeuten mir immer noch viel. Im Tempel habe ich wichtige geistige Erlebnisse gehabt, die mich seit dem begleiten. Nun, sieht es seit einiger Zeit so aus, dass ich mit meinem (noch ungeehelichten) Mann und meinem Kind zusammen wohne. Die äußere Rahmung der Kirchengesetze halte ich damit schon mal nicht ein. In meiner Mitgliedszeit habe ich erlebt, dass es Fälle gab, wie meine, in denen die Mitglieder trotzdem zur Kirche gegangen sind und ihnen sehr angeraten wurde schnell zu heiraten oder, trotz gemeinsamen Kindes, auseinander zu ziehen. Ein Fall wurde von der Kirche ausgeschlossen, ein anderes Paar hatte geheiratet um sich nach zwei Jahren wieder zu trennen, wieder zwei andere Fälle sind nicht mehr zur Kirche gegangen oder ausgetreten. Ein Grund, weshalb ich momentan nicht zur Kirche Jesu Christi komme ist, aus Angst, dass ich ausgeschlossen werde, da ich meinen Mann und mich nicht zu einer Heirat zwingen kann und werde und wir natürlich trotzdem weiterhin als Familie zusammen leben werden und wollen.

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Jonas: „Meine religiöse Erziehung vermittelte mir viele wunderbare Werte, aber als ich merkte, dass ich schwul bin, war es das Beängstigendste, das ich je erlebt habe.“

Kennt Ihr das wenn ein Telefonat Euch so bewegt, dass Ihr die Zeit vergesst? So ist mir das gestern bis kurz nach Mitternacht ergangen mit Jonas Jödicke aus Berlin. Ursprünglich waren nur 30 Minuten eingeplant, aber es wurden fast zwei Stunden draus. Seinen inneren Kampf, seine Reise und sein gebetvolles Ringen mit Gott nachzuvollziehen, ging mir direkt ins Herz! Das was ich hier in Kürze zusammenfassen kann, wird nicht annähernd dem gerecht, was er mir mitteilte. Somit ersetzt das keinesfalls den direkten Kontakt mit ihm:

Seine Eltern schlossen sich beide ungefähr zur gleichen Zeit der Kirche an, und Jonas wuchs mit dem wiederhergestellten Evangelium auf. Er hegte zwar mit 14 schon die Vermutung, dass er schwul ist und hatte mehrere traumatisierende Erlebnisse auf seiner Glaubensreise als HLT. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, weitere 10 Jahre mit voller Energie und Kreativität in der Kirche mitzuwirken. Er behielt außerdem diese ganze Zeit seine Homosexualität für sich, bis es dann Anfang 2019 zum „großen Knall“ kam. Jonas ist zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung 25 Jahre alt und konnte sich den Traum erfüllen, seinen Unterhalt als Künstler zu bestreiten…

Obwohl er in seiner Jugend viele schöne Zeiten in der Kirche erlebte und viel lernte, erhielt sein mormonisches Weltbild durch drei emotional traumatisierende Ereignisse erste Risse:

Jonas bei FSY

FSY (For the Strength of Youth) ist eine Veranstaltung für HLT-Jugendliche….zu dem seine Mutter Saskia ihn hartnäckig überreden musste:

Eigentlich war er bestens vorbereitet für den Event – zu diesem Zeitpunkt war Jonas 14 Jahre jung…z.B. hatte er beim Friseur die Haare kurz schneiden lassen, um die Richtlinien zu erfüllen.

Dennoch wurde er zu seiner Verwunderung nach Ankunft von einem älteren Bruder direkt am Bus empfangen und mit anderen Jugendlichen in einen Raum geführt. Ihm und den Anderen wurde mitgeteilt, dass ihr Aussehen nicht den Richtlinien entspräche. Jonas wurde deutlich gemacht, dass seine Haare noch zu weit über die Ohren stünden. (Ging lediglich um ca. 0,5 cm wie Jonas sagt) Das müsste korrigiert werden oder er könne nicht weiter teilnehmen und auf eigene Kosten die Heimfahrt antreten. Da dies für Jonas schon aus finanziellen Gründen keine Option war, unterzog er sich dem „Zwangshaarschnitt“. Das Trauma war für ihn perfekt, als bei der Eröffnungsveranstaltung dann auf eine Ansage der Organisatoren hin alle, die sich die Haare hatten schneiden lassen, von der gesamten versammelten Gruppe frenetisch beklatscht und bejubelt wurden – für ihren mutigen Schritt. Diese Erfahrung trübte seine gesamte Wahrnehmung der Veranstaltung.

Als er nach Hause kam, merkte seine Mom direkt, das irgendwas nicht stimmte…

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In eigener Sache: Drei Jahre openfaith

In den letzten Tagen wurde ein kleiner Meilenstein für die openfaith-Initiative erreicht:

Wir haben in unserem Blog seit dem Start vor ca. 3 Jahren den 10.000sten Besucher verzeichnet. Von diesen Besuchern wurden 40.000 Artikel aufgerufen. Die Leser verbringen durchschnittlich 3 Minuten auf der Seite, was wirklich nicht übel ist. Kenn mich ein wenig mit solchen Statistiken aus…

Ich denke das mit den 10.000 Personen die auf der Seite waren, kann sich in der deutschsprachigen HLT-Kirchenwelt sehen lassen – wo es etwas über 50.000 Mitglieder gibt.

Hier noch einmal ein kurzer Rückblick:

(1) Der Beitrag, der mit Abstand am meisten Interesse geweckt hat, war mit über 6000 Aufrufen der für HLTs angepasste Beitrag zum Glaubensstufen Modell von James Fowler:
https://openfaith.de/2017/09/10/glaubensstufen-modell-von-james-fowler-erlaeuterung-und-diskussion-fuer-mormonen/ 

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Woran man eine gesunde spirituelle Umgebung erkennt

Von Guido Müller

In einer GESUNDEN SPIRITUELLEN UMGEBUNG…

… werden Zweifel zugelassen und mitunter als wertvoll angesehen: nicht zum Selbstzweck, sondern als Chance, Glauben gesünder und nachhaltiger zu gestalten und falsche Vorstellungen zu identifizieren

…muss man sich weder seines Glaubens NOCH seiner Zweifel wegen schämen oder rechtfertigen

…wird Liebe grundsätzlich eine höhere Bedeutung zugemessen als Gehorsam – allerdings wird achtsamer Gehorsam auch als Chance verstanden, die eigene Liebesfähigkeit zu erhalten und zu vergrößern

… können die positiven Seiten einer religiösen Tradition gewürdigt werden, ohne ein Bewusstsein für die ungesunden Seiten der Tradition verhindern/unterdrücken zu müssen

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„Wenn ich der Kirche zustimmen würde, dass ich meinen Kompass verloren habe, wäre mein geistiges Leben tot“

Sitzt Ihr manchmal vor Eurem Computer und Euch stehen urplötzlich Tränen in den Augen?

Mir heute morgen um ca. 5:30 Uhr passiert, als ich diese Aussage las:

+++Übersetzter Text+++
Wenn ich der Kirche zustimmen würde, dass ich meinen Kompass verloren habe, wäre mein geistiges Leben tot. Wenn ich jetzt anfange zu glauben, dass mein geistiger Prozess mich falsch führt, wie könnte ich dann jemals wieder dem Wirken des Geistes vertrauen? Und wie könnte ich all dem vertrauen, was der Geist mich bisher gelehrt hat? Wenn ich zustimmen würde, dass ich der spirituellen Führung unwürdig bin, weil ich mit einem Mann ausgehe, warum sollte ich mich jemals wieder bemühen, zu beten und Klarheit über die Probleme meines Lebens zu suchen? Die einfachen Fakten sind, dass ich schwul bin, dass ich mit einem Mann zusammen bin, dass ich ein sehr reiches spirituelles Leben habe und dass ich Gottes Führung und Anerkennung spüre. Gott, so sehe ich jetzt, ist größer, liebevoller und weniger ein „Anseher der Person“ als das, was mir in der Kirche gelehrt wurde. Meine Botschaft an LGBTQ-Indidivuen ist zweigeteilt. Erstens, erlaube keiner religiösen Körperschaft oder Autorität, die Parameter Deiner Beziehung zu Gott zu definieren. Möge Gott das direkt mit dir definieren. Und zweitens, Gott ist wirklich da. Du bist nicht vom Himmel verlassen worden, auch wenn du dich von deiner Gemeinschaft verlassen fühlst. Gott wartet auf dich und sehnt sich danach, dass du alle Segnungen erhältst, die für dich bestimmt sind.+++Übersetzung Ende+++

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Ansprache: „Das richtige tun, zur richtigen Zeit – ohne zu zögern“

Ausführliche Fassung der Ansprache von Guido Müller – Gemeindehaus Kreuzlingen, 28. Juli 2019

Als Cedric mich darauf ansprach, über dieses Thema sprechen zu dürfen, trafen mich gleich zwei Blitze. Der eine Blitz war, dass ich eine gefühlte Ewigkeit keine Ansprache mehr gegeben habe und eine gewisse Nervosität aufkam. Der zweite war allerdings ein Blitz der Begeisterung für das Thema, das mir gegeben wurde. Ich glaube das Thema gab den Ausschlag für mich, meinen Mut zusammenzunehmen und diese Ansprache zu halten: Es lautet: „Zur richtigen Zeit das Richtige tun, ohne zu zögern“.

Die letzten Monate ging es für mich dank eines Gartenbauprojektes zu Hause jeden Tag darum, „zur richtigen Zeit das Richtige zu tun, ohne zu zögern“. Mir kam auch sofort noch meine Lieblingschriftstelle der letzten Monate in den Sinn: “Das Feld ist schon weiß, zur Ernte bereit.” – eine Schriftstelle über die ich immer wieder nachdenken musste und die heute eine völlig neue, andere Bedeutung für mich gewonnen hat im Vergleich zu damals – dazu komme ich dann noch. 

Aber zunächst mal noch zurück zu unserem Garten: Wir hatten uns das Ziel gesetzt, vor dem großen Familienbesuch und Familienfeiern, die uns bevorstanden, das Projekt „Garten“ fertigzustellen und diesen von einer Mischung aus steiniger Müllhalde, dorniger Wildwucherlandschaft und Hornissenparadies in einen Garten zu verwandeln, in dem wir, unsere Kinder und unsere Gäste / Freunde sich sicher und gerne aufhalten würden. Ein Garten, in dem statt giftiger Vogelbeeren schöne Früchte wachsen. Und in dem statt einer ständigen Verletzungsgefahr für die Kinder Möglichkeiten zum Toben und zum Spielen bestehen.

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