„Evangelium und Kirche“ von Elder Ronald Poelman: die ungekürzte Generalkonferenz-Ansprache

In unserer Facebook-Gruppe entstand der Wunsch, die unzensierte Ansprache „Evangelium und Kirche“ des Siebzigers Ronald Poelman aus der Herbst-Generalkonferenz 1984 auf deutsch verfügbar zu machen. Seine Ansprache hilft Zuhörern, eine gesunde Trennung von Evangelium und Kirche vorzunehmen, die vor falschen Erwartungen und Verurteilungen schützt. Außerdem hilft sie Gläubigen, sich selbst mehr Freiheit für persönliche Inspiration und Interpretation zu gewähren. Die ursprüngliche Ansprache von Poelman lässt Mitgliedern Raum dafür, gemäß individueller Inspiration eine Evangeliums- und Gott-bezogene Orthodoxie zu entwickeln, und warnt vor den ungesunden Folgen einer primär kirchenkulturellen, organisationsbezogenen Orthodoxie.
Leider wurde die Original-Ansprache vor der Veröffentlichung drastisch nacheditiert oder wenn man so möchte: zensiert. Da wir aber speziell die gestrichenen Inhalte für sehr förderlich halten, stellen wir es hier inkl. aller gestrichenen Passagen in einer deutschen Übersetzung gegenüber. Wir meinen es hilft Lesern, einen gesunden Umgang mit religiösen Organisationen zu erlernen. Ein großes Dankeschön an Folkhard Konietz für die teilweise Übersetzung und Aufbereitung des deutschsprachigen Dokuments.

Elder Ronald Poelman: links in seiner Original-Ansprache, rechts vor leeren Rängen im Tabernakel…mit einer redigierten Version
Entstehung der zwei Versionen

Weil Poelmans Ansprache von ein paar Mitgliedern per VHS-Video-Kassette während der Live-Ausstrahlung aufgenommen wurde, existieren zwei verschiedene Versionen der Ansprache. Die erste wurde wie angedeutet live auf der Generalkonferenz gegeben, aber dann im ursprünglichen Wortlaut nicht veröffentlicht. Sie ist nur bekannt geworden, nachdem einige Mitglieder die in den Kirchenmedien veröffentlichte Version gesehen haben und deutliche Unterschiede feststellten. Ihre vorher angelegte VHS-Kopie ermöglichte einen genauen Vergleich. Um für die Veröffentlichung wieder eine Aufzeichnung zu erstellen, musste Elder Poelman die zensierte, redigierte Ansprache erneut im Tabernakel halten – vor leeren Rängen. Die redigierte Version wurde dann schlussendlich im Ensign / im Stern und auf den Medienseiten der Kirche veröffentlicht. (Der Stern, 111.Jahrgang)


Über die genaueren Hintergründe gab es mal einen Artikel im Sunstone Magazin, in dem es berichtet wird:

„Unmittelbar nach der Generalkonferenz, sind Apostel auf Poelman zugekommen, die sich regelmäßig mit mormonischen Abtrünnigengruppen befassen. Sie hätten ihm „aufgezeigt“, dass seine Bemerkungen falsch interpretiert werden könnten. Nach Angaben seines Bruders Stuart, eines Anwalts aus Salt Lake City:
Ihm wurde gesagt, das kirchenabtrünnige Gruppen seine Bemerkungen nutzen könnten, um zu argumentieren, ‚dass Menschen die im Evangelium versiert und vollständig konvertiert seien, die Kirche nicht brauchen.‘ Elder Poelman soll dann seine Rede mit diesen Bedenken im Hinterkopf noch einmal überarbeitet haben.“

Nach diesem Vorfall dauerte es über vier Jahre, bis Elder Poelman wieder eine Ansprache in der Generalkonferenz halten durfte.

Das Original und die zensierte Version als Video

LINKS: Das Original aus der Live-Übertragung (Oktober Generalkonferenz 1984)
RECHTS: Die zensierte Version – im Nachhinein nochmals aufgenommen ohne Publikum

Eine Auswahl an gelöschten oder später veränderten Zitaten
„Dennoch existiert ein wesentlicher Unterschied zwischen [Evangelium und Kirche], und es ist von großer Bedeutung, diesen Unterschied zu verstehen. Von ebenbürtiger Bedeutung ist das Verstehen des wesentlichen Verhältnisses zwischen dem Evangelium und der Kirche. Verfehlt man zwischen den Beiden zu unterscheiden und deren richtiges Verhältnis zu verstehen, kann es zu Verwirrung und verfehlten Prioritäten führen. Außerdem können unrealistische und enttäuschte Erwartungen die Folge sein. Dies wiederum kann unsere Segnungen und unser Wohlbefinden beeinträchtigen – bis hin zu kompletter Entfremdung.“
 
„Manchmal werden Traditionen, Gebräuche, soziale Praktiken und individuelle Vorlieben durch wiederholtes oder gemeinsames Anwenden, als Kircheneigene Vorgehensweisen oder Richtlinien, missdeutet.
Manchmal werden solche Traditionen, Gebräuche und Praktiken von einigen als ewige Evangeliums Prinzipien betrachtet. Unter diesen Umständen können die, die mit diesen Maßstäben nicht konform gehen, fälschlicher Weise als unorthodox oder sogar als unwürdig angesehen werden. Die ewigen Prinzipien und die göttlich inspirierte Kirche beherbergt aber in Wirklichkeit ein weites Spektrum individueller Einzigartigkeit und kultureller Vielfalt.“
 
„Disziplin, die Seitens der Institution erwartet wird, wird durch Selbstdisziplin ersetzt.“

„In dem Maß, wie wir persönlich und insgesamt die Evangeliums Prinzipien besser verstehen, annehmen und anwenden, werden wir immer weniger von den Programmen der Kirche abhängig sein, unser Leben richtet sich nach dem Evangelium aus.“

„Mithilfe des Schriftstudiums können wir die ewigen Prinzipien erkennen und lernen, sie von den institutionellen Quellen zu unterscheiden und sie zu ihnen in Beziehung setzen.“

Elder Poelmans Ansprache in einer Vorher-Nachher Gegenüberstellung auf deutsch

Komplettes Dokument als PDF-Download (9 Seiten)

HINWEIS:
Ein Anteil der Passagen wurden von der im Kirchenmagazin „Der Stern“ veröffentlichten Ansprache übernommen, weil sie keiner Veränderung unterlagen und die Übersetzung recht gut ist. Hier und da wurden einige Worte neu übersetzt und in den Text eingefügt, da sie meiner Meinung nach, den Kontext besser ausdrückten. Die Stern-Version der Ansprache ist hier zu finden.

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Iris
Iris
3 Monate 16 Tage her

Danke Folkhard und Guido für die Zeit die ihr in die Übersetzung dieser Ansprache gesteckt habt. Die Gegenüberstellung der der original Ansprache und der „korrigierten“ hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Die original Ansprache ist so berührend. Ich kann kaum glauben, dass Poelman ohne Publikum eine neue Aufnahme machen musste. Schade dass er sein Denken nicht beibehalten durfte…

C.S.
C.S.
3 Monate 16 Tage her

Folkhard, vielen Dank für Deine Mühe. Heute hätte er damit wohl weniger Anstoß erregt. Es zeigt aber wie stark die „Seilschaften“ in der Kirche sind. Ich würde mir wünschen unsere Kirchenführer würden mehr beten und auf Gottes Antwort hören statt andere Kirchenführer zu fragen und auf sie zu hören. So kann sich nichts ändern und es bleibt eben „eine von Menschen geführte“ Organisation.

Guido
Guido
3 Monate 16 Tage her
Ich will nochmal einen anderen Aspekt in das Gespräch mit einbringen… bisher ging es eher um Folgen der Missachtung der Peolman-Gedanken für Individuen. (Und das ist gut so) Man schaue sich aber doch mal die heutigen Probleme der Kirchenorganisation an: Poelman war aus meiner Sicht regelrecht prophetisch, indem er auch Probleme für die Kirche skizziert hat, die sich aus falsch verstandener Orthodoxie herausbilden werden. Flächendeckend gibt es gute Menschen die heutzutage von ihrer HLT-Kirche regelrecht entfremdet sind – der schlimmste Fall den Poelman beschreibt! Diese Menschen sind teils entfremdet, weil ihnen die gesunde Trennung von Kirche und Evangelium nie richtig beigebracht wurde – weil ihnen sogar in tausenden kleinen Teilimpfungen das Gegenteil eingeflößt wurde – und das teils zu allergrößten Tragödien geführt hat…muss da persönlich an meine vorige Beziehung denken, in der solch falsch verstandene kulturelle Orthodoxie eine unglaubliche Belastung darstellte: Wir saßen doch tatsächlich beim Ehe-Therapeuten und haben darüber diskutiert, ob man den Familienabend am Montag durchführen muss oder ob auch Dienstag geht..meine Ex-Frau bestand auf Montag als wäre die Wahl eines anderen Wochentages Ketzerei und bezog sich dabei auf Aussagen des Bischofs. (selbstverständlich spielten da auch psychische Probleme eine Rolle..) Dann dürfen wir uns auch nicht fragen, warum wir in unseren Gemeinden so viele belastet und unglücklich aussehende Menschen sehen und warum in Utah Antidepressiva in Bischofsbüros verschrieben werden… Und warum die Kirche nur noch so richtig in Gegenden wächst, in denen solche Probleme überhaupt nicht interessieren, weil man täglich darum kämpft, genug Nahrung für die Familie auf… Weiterlesen »
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