Schlagwort-Archiv: Mormonen

Warum eine einheitliche Missionierung für oder gegen die Kirche verantwortungslos ist

Mittlerweile führe ich seit ca. drei Jahren sehr offene Gespräche mit vielen vielen unterschiedlichen Mitgliedern und Ex-Mitgliedern der Kirche. Je länger ich diese Gespräche führe, desto mehr verfestigt sich in mir eine zentrale Erkenntnis:

Es ist VÖLLIG UNMÖGLICH UND SOGAR VERANTWORTUNGSLOS, eine einheitliche Empfehlung für alle in Bezug auf Kirche auszusprechen. Ja, es ist verantwortungslos und kurzsichtig, einheitlich für oder gegen die Kirche zu „missionieren“.

Wie komme ich darauf? Lasst mich erklären:

ICH KENNE MENSCHEN IN DER KIRCHE….

…denen die Kirche ihre einzige Familie ist. Sie hatten keine einfache Kindheit und haben in der HLT-Kirchengemeinde zum ersten Mal erfahren, was es heisst, Geschwister zu haben. Zum ersten Mal erfahren, was Liebe und Gemeinschaft ist. Nimmt man ihnen das, werden sie das in diesem Leben evtl. nicht wieder finden.

…die durch ihre örtlichen Gemeinden finanziell und emotional unterstützt werden, um ihr Leben zu meistern. Ohne diese Unterstützung wären sie in einer sehr schwierigen Lage.

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Was sie hätten sagen können

Weil es mich TIEF BEWEGT hat, habe ich den kurzen Artikel „What they could have said“ von John Bonner übersetzt. Diesen hat er angesichts der kürzlichen Rücknahme der LGBT-Richtlinienänderung durch die Erste Präsidentschaft der Kirche verfasst.
An John: Thanks for being willing to share – you really touched my heart and brought me close to tears…! I hope my translation will do your words honor!

Vor dreieinhalb Jahren haben wir eine Richtlinie umgesetzt, welche die LGBTQ-Mitglieder unserer Glaubensgemeinschaft und deren Kinder betraf. In unserem Handbuch der Anweisungen für örtliche Führer haben wir erklärt, dass gleichgeschlechtliche Paare als „Abgefallene“ zu betrachten sind. Historisch gesehen wurde Glaubensabfall als „Feindschaft gegenüber Gott“ definiert. In der modernen Kirche wurde der Glaubensabfall definiert als „direkter, öffentlicher und wiederholter Widerstand gegen die Kirche und ihre Führer“.

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Diskussion der FSY-Regeln: „Steht der geforderte Einheitslook nicht im Widerspruch zu einem Gott der Vielfalt, der niemanden abweist?“

Eine Teilnehmerin unseres openfaith-Wochenendes erzählte uns nach der Veranstaltung, dass sie gestern für ihre Tochter zum ersten Mal eine Einladung zum FSY-Treffen erhalten habe, und zeigte mir sehr verwundert die peniblen Regeln für die äußere Erscheinung. Nachdem sie das durchlas, tendierte sie dahin, ihre Tochter doch nicht hin zu schicken. Obwohl sie eine gläubige HLT mit wunderbaren Kindern ist, die zur Kirche gehen. 
Das (für mich erstaunliche) Problem: eines ihrer Kinder hat einen Teil ihrer Haare etwas auffälliger („unnatürlich“) gefärbt. So würde sie dort gegen die Richtlinien verstoßen…und ihrer Tochter wäre es extrem schwer zu vermitteln, dass sie für ein solches Treffen ihre Haare umdekorieren müsste. Was ich verstehen kann..es sind JUGENDLICHE um die es sich hier handelt….

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Analyse: „Sie können die Kirche verlassen, sie aber nicht in Ruhe lassen“

“Sie können die Kirche verlassen, sie aber nicht in Ruhe lassen” – oder auf englisch „They can leave the church but they can’t leave it alone.“

Dieser Satz steht für eine Denkweise oder einen Vorwurf, mit dem viele hinterfragende und ehemalige Mitglieder von ihren traditionell kirchengläubigen Mitmenschen konfrontiert werden. Dahinter steht die Annahme, dass jemand aus niederen Instinkten heraus weiterhin die Beschäftigung mit der Kirche sucht, obwohl man sich bereits abgewandt hat. Gleichzeitig steckt darin die Erwartung, dass man die Kirche einfach still verlassen sollte, ohne eine offene Aufarbeitung mit den „noch“ gläubigen Mitmenschen. In diesem Artikel wird darauf eingegangen, was dieser Denkansatz in einem Menschen auslöst und was daran kritisch zu bewerten ist.

Adaptiert und übersetzt mit Genehmigung aus einem Artikel von Dr. John Dehlin
(https://www.mormonfaithcrisis.com/why-you-cant-and-shouldnt-leave-the-mormon-church-alone/ )

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„Evangelium und Kirche“ von Elder Ronald Poelman: die ungekürzte Generalkonferenz-Ansprache

In unserer Facebook-Gruppe entstand der Wunsch, die unzensierte Ansprache „Evangelium und Kirche“ des Siebzigers Ronald Poelman aus der Herbst-Generalkonferenz 1984 auf deutsch verfügbar zu machen. Seine Ansprache hilft Zuhörern, eine gesunde Trennung von Evangelium und Kirche vorzunehmen, die vor falschen Erwartungen und Verurteilungen schützt. Außerdem hilft sie Gläubigen, sich selbst mehr Freiheit für persönliche Inspiration und Interpretation zu gewähren. Die ursprüngliche Ansprache von Poelman lässt Mitgliedern Raum dafür, gemäß individueller Inspiration eine Evangeliums- und Gott-bezogene Orthodoxie zu entwickeln, und warnt vor den ungesunden Folgen einer primär kirchenkulturellen, organisationsbezogenen Orthodoxie.
Leider wurde die Original-Ansprache vor der Veröffentlichung drastisch nacheditiert oder wenn man so möchte: zensiert. Da wir aber speziell die gestrichenen Inhalte für sehr förderlich halten, stellen wir es hier inkl. aller gestrichenen Passagen in einer deutschen Übersetzung gegenüber. Wir meinen es hilft Lesern, einen gesunden Umgang mit religiösen Organisationen zu erlernen. Ein großes Dankeschön an Folkhard Konietz für die teilweise Übersetzung und Aufbereitung des deutschsprachigen Dokuments.

Elder Ronald Poelman: links in seiner Original-Ansprache, rechts vor leeren Rängen im Tabernakel…mit einer redigierten Version

Entstehung der zwei Versionen

Weil Poelmans Ansprache von ein paar Mitgliedern per VHS-Video-Kassette während der Live-Ausstrahlung aufgenommen wurde, existieren zwei verschiedene Versionen der Ansprache. Die erste wurde wie angedeutet live auf der Generalkonferenz gegeben, aber dann im ursprünglichen Wortlaut nicht veröffentlicht. Sie ist nur bekannt geworden, nachdem einige Mitglieder die in den Kirchenmedien veröffentlichte Version gesehen haben und deutliche Unterschiede feststellten. Ihre vorher angelegte VHS-Kopie ermöglichte einen genauen Vergleich. Um für die Veröffentlichung wieder eine Aufzeichnung zu erstellen, musste Elder Poelman die zensierte, redigierte Ansprache erneut im Tabernakel halten – vor leeren Rängen. Die redigierte Version wurde dann schlussendlich im Ensign / im Stern und auf den Medienseiten der Kirche veröffentlicht. (Der Stern, 111.Jahrgang)

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Renate: „Ich hoffe [meine Liebsten] verstehen, dass ich immer nach Wahrheit gesucht habe und ihr gefolgt bin, da wo ich sie gefunden habe“

Renate Reading aus Bern wurde geboren in eine schicksalsgeprüfte Familie, die nach eindrucksvoller Bekehrungsgeschichte bereits in der dritten Generation mit der Kirche verbunden war. So wuchs Renate als Mitglied der Kirche auf und wurde zu einer Mormonin, die sich mit ganzem Herzen einbrachte. Obwohl sie sich stets sehr bemühte, eine gute Heilige der Letzten Tage zu sein, hatte sie in ihren jungen Jahren noch mit diversen Schwierigkeiten und Widersprüchen zu kämpfen – jedoch immer, ohne den Glauben ihrer Kindheit grundsätzlich in Frage zu stellen. Ihre Vollzeitmission leistete sie in Irland ab und erlebte dort eine strukturelle Unterordnung den männlichen Kollegen gegenüber.
Später studierte sie an der BYU, heiratete dort ihren heutigen Mann Bill und gestaltete den Start ihrer beruflichen Karriere erfolgreich in den USA, bis sie und Bill dann in die Schweiz zurückkehrten, wo sich später ihre Sicht auf die Kirche grundlegend änderte. Die Geschichte von Renate ist an vielen Stellen schmerzhaft, aber spendet auch viel Hoffnung!

Danke, dass Du offen bist, um uns an Deiner Geschichte teilhaben zu lassen!
Du bist neben diesem Interview hier auch im Gespräch mit weiteren Medien, unter Anderem mit Mormon Stories und der Neuen Züricher Zeitung. Was hat Dich nach all den Jahren nun dazu bewegt, Deine Geschichte erzählen zu wollen?

Das ist eine gute Frage. Ich habe gemerkt, dass es mir hilft, wenn andere ihre Geschichte erzählen. Ich habe mir viele interessante und bewegende Geschichten angehört auf Mormon Stories und jede hat mir etwas anderes gegeben: manchmal Mut, manchmal Hoffnung, manchmal das Gefühl, nicht alleine zu sein, manchmal Trost. Irgendeinmal genügte es mir nicht mehr, einfach nur andern zuzuhören und von ihrem Mut und ihrer Offenheit zu profitieren. Ich wollte etwas zurückgeben! Besonders jetzt, wo es mir langsam besser geht, möchte ich andern Hoffnung machen, dass es Licht gibt am Ende des Tunnels. Wenn ich mich in die Arena stelle und meine Wahrheit sage, dann gibt das andern vielleicht den Mut dasselbe zu tun. Vor allem da ich eine ganz gewöhnliche Frau bin, einfach eine wie sie.

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„Unser Weg aus der Kirche in ein neues Bewusstsein“ – Die Geschichte von Bärbel und Johannes

Johannes und Bärbel,ehemals Mitglieder in den Regionen Stade und Braunschweig, haben vor kurzem den Weg in unsere openfaith-Facebookgruppe gefunden, und erzählen von ihrer Bekehrung, ihrer Zeit in der Kirche, den resultierenden familiären Problemen und den Gründen für ihren Ausstieg. Sie fassen außerdem zusammen, was sie für sich aus diesen ganzen Erfahrungen gelernt haben.

Hinweis zum Zweck der Veröffentlichung: openfaith will niemanden von der Kirche abbringen oder zu etwas Anderem bekehren. Der Mensch soll im Zentrum stehen und der Wert des Menschen unabhängig von Organisationszugehörigkeiten. Außerdem soll mit der Veröffentlichung die uns allen innewohnende Fähigkeit gewürdigt und zelebriert werden, mit Gott den individuell richtigen Weg für unser Glücklichsein zu wählen, egal ob innerhalb oder außerhalb der Kirche. Meinungen derjenigen, die hier ihre Geschichten erzählen, werden generell ungefiltert wiedergegeben, wie es den erklärten Grundsätzen der Zweckerklärung von openfaith entspricht.

Bärbel

Wer ich bin und wie meine Familie zur Kirche kam

Manchmal ist es schwer mindestens die Hälfte seines Lebens (denn ich will mindestens 100 werden) in kurze Worte zu fassen, aber einen Versuch ist es wert: Ich wurde 1959 als Zwillingsschwester meines jüngeren Bruders, in Schönberg Kreis Plön geboren und bin vom 2. bis zu meinem 7. Lebensjahr ohne Vater groß geworden. Nachdem meine Mama nochmal heiratete, erfuhr sie kurze Zeit später, als sie mit meinem Halbbruder im 6. Monat schwanger war, dass mein Vater mit dem Schiff von hoher See nicht wiederkehren würde. Die ganze Mannschaft war auf Grönland verschollen. Wir lebten zur damaligen Zeit in Bremerhaven und hier lernte dann meine Mama auch kurze Zeit später durch die Missionare die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage kennen und auch wenn sie zuerst vor der Wahrheit und ihren starken Gefühlen davonlaufen wollte, so schloss sie sich doch kurze Zeit später der Kirche an und mein Bruder und ich wurden auch getauft und mein kleiner Bruder, der dann geboren wurde, erhielt die Kindersegnung. Nach dem Tod meines Vater zogen wir zu meinen Großeltern nach Hesedorf bei Bremervörde. Wir fühlten uns glücklich in der neuen Kirche, aber für meine Mutter war es nicht einfach, denn sie war nun das schwarze Schaf der Familie. Mein Urgroßvater, der Kantor in der evangelischen Kirche war und alle unsere Verwandten kamen mit dem Wandel nicht sehr gut zurecht, verstießen uns aber nicht, sondern behielten weiter liebevollen Kontakt.

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Danke, Elder Uchtdorf!

Lieber Elder Uchtdorf,

vielen Dank für Ihren Einsatz für mehr Transparenz, Offenheit, Inklusivität und Menschlichkeit in der mormonischen Kirchenkultur. Auch ich werde Sie – wie viele andere Glaubensgeschwister – schmerzlich in der obersten Führungsriege vermissen.

Wenn ich mir Ihre Ansprachen anhörte, freute ich mich, weil sie Menschen zusammenführten statt zu spalten – weil sie eine vorbehaltlose Liebe repräsentierten. Eine solche Liebe empfinde ich als göttlich und sie ist das heiligste und schönste, das Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft demonstrieren und in die Tat umsetzen können. Danke, Elder Uchtdorf! weiterlesen

Generalkonferenz-Kommentar: „Elder Oaks, was wir brauchen ist mehr Liebe – keine Bekräftigung von Proklamationen und Richtlinien, die Kinder Gottes ausgrenzen“

Nachdem ich mich dem wieder mehr öffnenkann, habe mir die Samstagvormittag-Versammlung der Generalkonferenz angeschaut. Freute mich auf die geistige Erbauung. Diese kam auch, und zwar mehr als ich mir erhofft hatte, bis dann Elder Oaks an die Reihe kam…

Uchtdorf

Erste Ansprache: Uchtdorf spricht wirklich aufbauend und versöhnlich. Die Worte sind für mich nicht nur inspirierend, sondern für bisherige Kirchenstandards so inklusiv, dass ich meinen Ohren kaum traue und etwas ungeduldig andere im Raum bitte, leise zu sein, damit ich nichts davon verpasse. Uchtdorf erwähnt bedeutende Charaktere in der Entstehung der Kirche, wie z.B. Martin Harris, Oliver Cowdery und Generalkonferenz-Kommentar: „Elder Oaks, was wir brauchen ist mehr Liebe – keine Bekräftigung von Proklamationen und Richtlinien, die Kinder Gottes ausgrenzen“ weiterlesen