Elder David A. Bednar: „Es gibt keine homosexuellen Mitglieder in der Kirche“

Das Statement von Elder Bednar „Es gibt keine homosexuellen Mitglieder in der Kirche“, das er in einem Frage-und-Antwort Forum am 23. Februar in Lateinamerika äußerte, hat seit dem 1. März 2016 im Internet und den soziale Netzen ein Erdbeben ausgelöst – man höre und staune: sogar in der deutschsprachigen Mormonen-Welt!

Beim Anschauen des Videos war ich – sicherlich zusammen mit einigen Anderen – zunächst perplex.

Ich lernte von Elder Bednar, dass es keine „homosexuellen Mitglieder“ gibt, da Homosexualität nicht die Identität eines Menschen bestimmt, sondern, dass sie eine Art „Herausforderung“ im Fleische darstellt, eine Schwäche, die wie so viele andere Schwächen überwunden bzw. ertragen werden kann. Er fügt hinzu, dass man sich eben nicht über eine Schwäche definiert, sondern dass alle Menschen einfach nur „Kinder Gottes“ sind, und nicht „Homosexuelle“.

Er führt einige Beispiele an von Schwächen, wie z.B. eine gutaussehende Person, die wegen guten Aussehens und daraus resultierender Popularität die schädliche Tendenz hat, vom Charakter her oberflächlich zu bleiben. Er sagt, es gäbe unzählige weitere Herausforderungen im Fleische, die uns quasi von Gott gegeben werden, um sie als Kind Gottes zu überwinden und weiter zu wachsen.

Abgesehen davon dass manches in diesen Aussagen wohl offensiv für betroffene Homosexuelle klingt, schien jedoch etwas daran auf den ersten Blick klug. Ich las dann auch von verschiedenen meiner kirchentreuen Freunde, wie liebevoll, wie gut und wie inspiriert Bednar gesprochen habe. Vielleicht haben sie gedacht: Ich möchte gerne wachsen und meine eigenen Herausforderungen bestehen – wollen das homosexuelle Mitglieder nicht auch? Wir sind doch tatsächlich alle Kinder Gottes und müssen unsere Entscheidungsfreiheit ausleben, nicht wahr? Irgendwie auch genial, wie sich mit einem Satz eine der herausforderndsten Streitfragen der HLT-Kirche im 21. Jahrhundert scheinbar in Luft auflösen kann, oder?

Wenn es nämlich keine homosexuellen Mitglieder gibt, kann es folglich auch keine Selbstmorde homosexueller jugendlicher Mitglieder geben, über die man sich weiter mit Experten für mentale Gesundheit auseinandersetzen muss. Dann hat sich in dem Fall einfach ein Kind Gottes das Leben genommen, das mit seinen Herausforderungen und Schwächen (inkl. Homosexualität) nicht klar kam.

Wenn es keine Homosexuellen gibt, dann sind wir endlich die Debatte über die Änderung der Handbuch-Richtlinien für homosexuelle Familien los. (welche unter deutschsprachigen Mitgliedern nach meinem Empfinden kaum stattgefunden hat) Denn dann haben die homosexuellen Mitglieder, die sich für eine Homo-Ehe entscheiden, einfach ihre Herausforderung nicht gemeistert.

Wenn es keine Homosexuellen gibt, können wir die sinnlosen Debatten endlich hinter uns lassen und uns mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftigen. Vielleicht Buch Mormon lesen, Beten, Besuchs- und Heimlehren, Gehorsam sein? Ja, lassen wir doch das lästige Thema endlich ruhen, oder?

Ich entschied mich dann tatsächlich für den Gehorsam und folgte Präsident Brigham Youngs Rat:

„Die größte Angst, die ich habe ist wenn die Mitglieder dieser Kirche das was wir sagen als den Willen des Herrn akzeptieren, ohne zuerst darüber zu beten und ein Zeugnis in ihrem eigenen Herzen zu erhalten dass das, was wir sagen der Wille des Herrn ist.“

Mehr als bei fast jedem anderen Thema, habe ich bei der Homosexuellen-Frage ein „Zeugnis“ davon, dass es gefährlich ist, wenn wir Aussagen von egal welcher Seite ungeprüft annehmen. Zumindest ich als Deutscher weiß und sollte wissen, was das bedeuten kann…und zu welchem unfassbaren menschlichen Leid es führen kann, wenn man Aussagen von Führern nicht kritisch hinterfragt.

Und tatsächlich – statt einem Zeugnis von Elder Bednars Aussage zu erhalten, kamen in meiner Seele beim gebeterfüllten Nachsinnen gravierende Fragen, Sorgen und Zweifel auf:

1. Homosexualität umfasst mehr als nur die sexuelle Zuneigung – sie umfasst die gesamte Persönlichkeit. Kann ohne diese vollständigere Betrachtung ein menschengerechtes Verständnis dieses Problems erreicht werden?

Bednar sagt, wir sollen Menschen nicht über ihr homoerotisches Verlangen definieren, sondern als Kinder Gottes sehen. Da stimme ich zu: Es ist nicht richtig, einen Menschen auf seine sexuellen Neigungen zu begrenzen. Wir sind tatsächlich alle Kinder Gottes, und wollen nicht in irgendwelche Schubladen aufgrund wahrgenommener Schwächen gesteckt werden.

Der Standpunkt der Kirche kommt ungefähr so rüber: Homosexualität bedeutet homosexuelles Verlangen und ist eine „Herausforderung“, die nicht ausgelebt werden darf, daher für Betroffene keine sexuelle Intimität (lebenslanges Zölibat) oder nur in einer Ehe mit einem Partner des anderen Geschlechts.

Bednar vernachlässigt in seiner Darstellung, mit einzubeziehen, dass die Kinder Gottes, die eine homosexuelle Neigung haben, wesentlich mehr als dies haben. Homosexualität ist wesentlich vielschichtiger und kann nicht auf Sexualität reduziert werden.

Jeder der sich mit Homosexuellen beschäftigt hat weiß, dass sehr viele Verhaltens- und Persönlichkeitsaspekte bereits von Kindheit an betroffen sind: Schwule errinnern sich, dass sie lieber mit Mädchen und Puppen spielten und nicht an Raufereien oder Wettkämpfen teilnehmen wollten. Lesben erinnern sich, dass sie lieber mit Jungs spielten und bilden erstaunlich viele „männliche“ Verhaltensmerkmale aus – verglichen mit heterosexuellen Frauen. In den Worten des ehemaligen HLT-Bischofs Bill Reel:

„Sagen wir, dass [Homosexuelle] im nächsten Leben „repariert“ werden? Damit ignorieren wir die Breite davon, was es heißt, schwul oder lesbisch zu sein. Der Unterschied liegt nicht lediglich in der Anziehung. Lesben werden biologisch mit mehr männlichen Eigenschaften geboren als ihre heterosexuellen weiblichen Gegenüber. Schwule Männer kommen biologisch begründet mit mehr weiblichen Eigenschaften zur Welt. Ihre Gehirne und Fähigkeiten ähneln mehr den heterosexuellen Personen des gegenteiligen Geschlechts. Ihre Mathe-Fähigkeiten, ihr logisches Denkvermögen, ihre Art Informationen zu verarbeiten. Homosexuell zu sein hat nicht nur mit Anziehung zu tun, es umfasst die gesamte Persönlichkeit.“

Was also, wenn die Homosexualität eines Menschen doch etwas viel Größeres ist? Können bzw. sollten wir wirklich davon ausgehen, dass so viele Persönlichkeitsaspekte, die Homosexualität ausmachen fehlerhaft oder schlecht sein können? Oder sind alle Persönlichkeitsaspekte super, bloß die Sexualität nicht? Gehört Sexualität nicht zu einer Persönlichkeit mit dazu? Kann man das wirklich trennen?

Jeder Versuch, passende religiöse Grundsätze für Homosexuelle zu definieren, sollte eine möglichst vollständige Sichtweise zu Grunde legen. Da wir dies nicht tun, sondern wie Bednar die Homosexualität als Herausforderung, Behinderung oder Krankheit definieren (jeder suche sich den Begriff aus, der am besten passt), führt dies bei Homosexuellen zu einem inneren Dauerkonflikt – eine religiös induzierte Verneinung ihres Selbst.

Wir sollten uns nicht wundern, wenn homosexuelle Mitglieder in einer so gearteten Kirchenkultur besonders häufig berichten, dass sie sich selbst hassen und in häufige Depression verfallen. Und auch wenn es für treugläubiger Mitglieder schwer zu schlucken ist, darf es uns nicht wundern, dass der Bundesstaat Utah seit vielen Jahren eine der höchsten Jugend-Selbstmordraten in den USA aufweist.

2. Nach allem was homosexuelle Mormonen bereits erleiden mussten, fühlt es sich für mich wie eine Verhöhnung aller betroffenen Brüder und Schwestern an, ihre Homosexualität weiter als „Herausforderung“ bzw. Krankheit zu betrachten. Das Denken über Homosexualität hat sich bereits über die Jahre stark verändert und kann sich auch weiter verändern.

Am 25. Februar 2000, beging Kirchenmitglied Stuart Matis Selbstmord. Er war ehemaliger BYU-Student und schrieb noch 3 Tage vorher einen Brief an die Redaktion der BYU Studenten-Zeitung, in der er zu mehr Toleranz für Homosexuelle aufrief. Außerdem hinterließ er auf den Stufen des HLT-Gemeindehauses, wo er sich das  Leben nahm, eine Notiz: „Ich bin jetzt frei…frei von Schmerz und Selbsthass. So wie es sich für mich darstellt, hat Gott für mich nie vorgesehen straight zu sein. Vielleicht wird mein Tod etwas Gutes bewirken.“

Dass dieser Fall Aufsehen erregte, war zu erwarten. Leider gab es trotzdem erst ca. 10 Jahre später wieder kleine Fortschritte, nämlich dass die Kirche eine neue Pfadfinder-Richtlinie herausbrachte, in der schwule Pfadfinder an HLT-Programmen teilnehmen dürfen, und dass die Kirche die neue Webseite mormonsandgays.org herausbrachte, auf der steht:

„Obwohl Individuen sich nicht aussuchen können, eine solche Anziehung zu haben, suchen sie sich aus, wie sie darauf reagieren.“

Obwohl ich diese Aussage auch als ungenügend wahrnehme, stellte sie zumindest zu dem Zeitpunkt einen echten Fortschritt dar, denn davor wurde Homosexuellen häufig unterstellt, dass sie sich für ihre sexuelle „Präferenz“ entscheiden. Zum Glück haben wir auch verschiedene „Therapien“ zur Heilung von Homosexualität abgelehnt, z.B. hypnotische Therapien, Schmerz-Therapien (Sich selbst mit einem Gummiband wehtun, wenn man homosexuelle Gedanken hat) und die Elektroschock-Therapie, die 1976 an der kircheneigenen Brigham Young Universität angetestet wurde – alle mit fürchterlichen Folgen für die Betroffenen. Zum Glück empfehlen Kirchenführer homosexuellen Mitgliedern zur „Therapie“ ihrer Homosexualität nicht mehr die heterosexuelle Tempelehe. Der Dank dafür geht an Präsident Gordon B. Hinckley. Wer noch mehr wissen möchte, schaue sich bitte diese Chronologie des HLT-Denkens über Homosexualität an.

Wenn man all dies liest, drängt sich wie bereits angedeutet die Frage auf, ob es nicht an der Zeit ist, Homosexualität als validen Identitätsbestandteil anzuerkennen. Ich bete dafür, dass Führer der Kirche die richtige Antwort finden mögen. Dass sich die Haltung unserer Führer – entgegen dem was manche Mitglieder glauben – ändert und weiterentwickeln darf, ist glaube ich deutlich geworden.

3. Ist es nicht seltsam, wenn wir ausgerechnet bezüglich der Betroffenen in der Homosexuellen-Debatte dafür eintreten, „Labels“ bzw. Schubladendenken aufzugeben? Das wirkt angesichts unserer Tendenz, selbst Labels zu verteilen, unglaubhaft. Führt dies zur Lösung, oder evtl. zu einer fortwährenden Leugnung des Problems?

Wir sollen also aufhören, Menschen gemessen an ihren Herausforderungen zu definieren, sagt Elder Bednar: keine Labels mehr, keine oberflächlichen Kategorisierungen. Keine Reduktion einer Person auf ihre „Schwächen“. Hört sich doch eigentlich gut an, oder? Das Seltsame ist der Nachgeschmack, der bleibt, wenn man die Labels kennt, die wir bereits Anderen aufgezwungen haben:

War es nicht Elder Boyd K. Packer, der bereits 1993 gesagt hatte, die drei größten Gefahren für die Kirche kämen durch die „Homosexuellen/Lesben Bewegung“, die „Feministen-Bewegung“ sowie „sogenannte Gebildete oder Intellektuelle“? Ist das kein Label, das aufgrund einer „Herausforderung“ gegeben wird? War die Schwäche dieser Menschen, dass sie sich für das Falsche eingesetzt haben? Für gleiche Rechte wie Heterosexuelle, gleiche Rechte wie Männer und für eine authentischere und wahrheitsgetreue Darstellung der Kirchengeschichte?
Als ich 2002-2005 an der BYU studiert habe, fiel mir auf, wie einig man sich unter Studenten und Professoren zu sein schien, dass Aktivisten für Menschenrechte, insbesondere die American Civil Liberties Union als gesellschaftlicher Feind der Kirche gelten. Beeinflussbar durch die sichere Gewissheit, an der „Universtät Gottes“ zu studieren, entwickelte ich aufgrund dieser Rhetorik eine Voreingenommenheit und Abneigung gegenüber Aktivisten.

Ist es nicht unsere Kirche, die seit ich denken kann immer gerne wieder die Labels „Anti-Mormone“ und „Abgefallene“ nutzt?  Ist das etwa kein „Label“ und kein Schubladendenken?

Waren es nicht viele verschiedene Kirchenführer, die noch bis 1978 Schwarzen sehr unangenehme Labels aufgezwungen haben, die ich hier nicht explizit erwähnen möchte?

Ich glaube ich könnte noch weiter gehen, aber es ist nicht meine Absicht, Labels und Stigmata aufzuzählen, die die Kirche bereits Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche aufgezwungen hat. Eins ist sicher, Labels sind tatsächlich nicht wirklich hilfreich und führen zu viel Leid. Doch wenn wir ausgerechnet bezüglich der homosexuellen Mitglieder dafür eintreten, Labels aufzugeben, führt dies zu einer dramatischen Leugnung der Problematik, die im Interesse unserer Schwestern und Brüder gelöst werden sollte. Leider löst Wegschauen keine Probleme. Und wir müssen hier noch wesentlich mehr hinschauen, da unsere Betrachtung des Problems bisher viel zu reduziert und eindimensional war.

4. Die Kirche verlangt von homosexuellen Mitgliedern den Verzicht auf Sexualität, aber damit gleichzeitig auf alle anderen Aspekte einer vertrauensvollen, intimen Liebesbeziehung. Diese Seiten einer Beziehung lassen sich nicht trennen.

Es macht mich traurig, wenn Heterosexuelle einen großen Teil ihrer ewigen Identität aus ihrer Sexualität beziehen dürfen und sollen, aber Homosexuellen dies verwehrt wird. Es macht mich traurig zu sehen, dass man Menschen (welcher sexuellen Neigung auch immer sie sind) Schuldgefühle für den Wunsch nach vertrauensvoller intimer Partnerschaft vermittelt.

Könnten wir uns als heterosexuelle Mitglieder vorstellen, unser Leben mit einer Person des gleichen Geschlechts zu teilen oder als Alternative zölibatär zu leben? Ich denke die meisten nicht. Genau dies verlangen wir jedoch von den homosexuellen Mitgliedern. Schlimmer noch: Wir verlangen von Ihnen nicht nur den Verzicht auf Sexualität, sondern auf alle anderen Aspekte einer intimen Partnerschaft wie z.B. Treue, Vertrauen, gegenseitige Unterstützung, gemeinsames Lachen und Weinen, das gemeinsame Bewältigen von Problemen. Sexuelle und nicht-sexuelle Aspekte einer Partnerschaft lassen sich da schwerlich trennen – oder empfehlen wir in dem Fall eine „Beziehung“ ohne Sexualität? Nein, wird nicht funktionieren.

Kann das wirklich Gottes Absicht sein? Hat Christus wirklich gelehrt, dass intime Beziehungen zwischen Homosexuellen eine Sünde sind? Wie mein offen homosexueller HLT-Freund Sascha kürzlich in einer Diskussion sagte:

„…wenn man jemanden von ganzen Herzen liebt und mit ihm zusammen ist und mit ihm alles teilt , wie [kann Liebe Sünde sein?] Es heißt Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt der bleibt in Gott und Gott in ihm!“.

5. Angesichts der Konflikte und Schwierigkeiten: Sollten wir vielleicht den Ursprung unserer Sexualtheologie hinterfragen? Liegt in der offenen und ungeschönten Auseinandersetzung mit unserer Geschichte evtl. ein wichtiger Schlüssel zur Lösung des Problems?

Es gibt in unserer Kirche Intellektuelle wie z.B. Lindsay Hansen Park, die mit guter Begründung sagen, dass Polygamie – und damit das Sexualverhalten unserer ersten Kirchenführer – unsere gesamte Theologie und unser Denken beeinflusst. Kann es sein, dass Joseph Smiths und Brigham Youngs Sexualität auch das Denken unserer Kirche in Bezug auf Homosexualität beeinflusst hat?

Ich vermute ja, denn wenn es so zentral für unsere ewige Bestimmung ist, dass die glaubenstreuen Männer unter uns irgendwann Götter werden, die mit ihrer Frau oder evtl. halt einer Mehrzahl an Frauen in alle Ewigkeit Nachkommen haben können, dann passt Homosexualität tatsächlich gar nicht ins Bild. Die Frage, ob es im Himmel Homosexuelle geben kann, wird dann wohl eher mit Nein beantwortet.

Wir sollten uns genauer die Entstehung dieser Sexualtheologie anschauen und dann entscheiden, wie wir heute damit umgehen. Dazu ist ein mutiger Blick in die Kirchenvergangenheit nötig. Es gibt viele Hinweise, und die Kirche gibt es indirekt zu, dass Joseph Smith sich bei seiner Polygamie nicht an die in LuB 132 niedergelegten Regeln gehalten hat. Die vier in Lehre und Bündnisse definierten Regeln lauten:

  1. Die erste Frau muss ihre Zustimmung geben (LuB 132:61)
  2. Die zweite Frau muss Jungfrau sein (LuB 132:61)
  3. Zusätzliche Frauen sollten vor dem Eintritt in die Vielehe unverheiratet sein (LuB 132:61)
  4. Der Sinn ist es, sich zu mehren und die Erde zu füllen (LuB 132:63)

Joseph Smith scheint die ersten drei Regeln nicht einzuhalten und die vierte nicht zu erfüllen. Außerdem gab Richard Bushman, der in vielen Kreisen als kirchennaher und gemäßigter Historiker angesehen wird, in seiner Joseph Smith Autobiographie „Rough Stone Rolling“ zu, dass Joseph Smith auch bereits vor der von ihm berichteten Wiederherstellung der Siegelungsvollmacht durch Elijah Beziehungen zu anderen Frauen hatte bzw. Polygamie praktizierte. Das würde Joseph Smith’s Heirat(saffäre) mit Fanny Alger im Jahr 1833, sowohl unter gesetzlichen als auch theologischen Gesichtspunkten zu einem Fall von Ehebruch machen. Mehr Informationen und Quellen findet man im CES Letter im Abschnitt „Polygamie“. Man könnte hier noch viel mehr dazu sagen, aber es ist nicht mein Ziel, Joseph Smith unnötig schlecht zu machen.

Was wir uns als Mitglieder jedoch angesichts der wirklich mehr als zweifelhaften Historie fragen sollten: Wollen wir eisern festhalten an der auf wackelige Weise entstandenen Theologie in Bezug auf Ehe oder wollen wir uns in der Lösung der Homosexuellen-Frage am Prinzip der christlichen Nächstenliebe orientieren? Können wir Raum schaffen für die Idee, dass homosexuelle Liebe, wenn sie auf Liebe, Vertrauen und Treue beruht, genauso göttlich sein kann wie heterosexuelle Liebe?

Für mich widerspricht unsere Theologie über Homosexualität der Grundbotschaft Jesu Christi: Kommt zu mir! Klopfet an und es wird euch aufgetan. Christus hat niemanden abgewiesen! Sein Evangelium war inklusiv, nicht exklusiv! Wird das Tor zum celestialen Reich nur denjenigen aufgetan, die ihre homosexuelle Neigung durch ein zölibatäres Leben oder eine heterosexuelle Ehe gehorsam nach den Richtlinien der Kirche leben? Auch ein Blick auf die andere Seite der Medaille könnte hilfreich sein: Kann es sein, dass diejenigen, die Menschen den Zugang zum Segen Gottes verwehren verantwortlich gehalten werden?

Ich hoffe für unsere Kirchenführer, dass ihr Herz von Liebe erfüllt sein wird. Und dass diese Liebe sich darin äußert, dass potenziell menschenfeindliche Aspekte unserer Theologie überdacht und aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft angepasst werden. Ich möchte niemandem einen Vorwurf machen, aber es geht mir nicht darum, nur politisch korrekt zu sein, sondern es geht darum Menschen zu schützen.

Ich hoffe für alle Mitglieder, dass wir lernen, nicht alles was von den berufenen Kirchenführern kommt, ungeprüft zu akzeptieren oder noch schlimmer: ungeprüft als Gottes Willen hinzustellen! Das heißt nicht dass wir den Respekt über Bord werfen müssen, doch Respekt ist nicht gleichzusetzen mit Gehorsam. Wenn wir lediglich gehorsam sind, machen wir uns damit mitverantwortlich an dem was unsere Führer entscheiden.

Ich hoffe für unsere homosexuellen Schwestern und Brüder, dass sie sich von Gottes Liebe umfangen fühlen. Ich hoffe, dass sie spüren, dass nicht alle Mitglieder gleich über ihre Homosexualität und die damit verbundenen Schwierigkeiten denken, denen sie in ihrer Glaubensgemeinschaft ausgesetzt sind.

Ich kann sehr häufig spüren, dass Gott jedes seiner Kinder hier auf der Erde mit einer unaussprechlich großen Liebe liebt. Er liebt Vielfalt! Das sieht man in jeder Facette seiner Schöpfung. Ich wünsche mir und bete dafür, dass Liebe und Akzeptanz bei uns spürbar sein wird – auch und insbesondere unseren homosexuellen Schwestern und Brüdern gegenüber. Jünger Christi erkennt man daran, dass sie liebevoll und unvoreingenommen sind.

Ich bewundere die christliche Haltung einer lesbischen Schwester aus den USA, Elisabeth Grimshaw, die vor kurzem vermutlich aufgrund der neuen Handbuch-Richtlinie, nach der eine homosexuelle Ehe pauschal als Glaubensabfall definiert wird von ihrem Bischof vor die Wahl gestellt wurde, ihre Ehe aufzugeben oder aus der Kirche ausgeschlossen zu werden. Der Bischof forderte sie auf, darüber zu beten. Das tat sie! Statt die gleichen Gefühle der Ablehnung zu erfahren, fühlte sie sich von den Armen göttlicher Liebe umschlossen. Obwohl sie durch die fatale Wahl, vor die sie gestellt wird, viel Leid erfährt und sie bei der Ankündigung des Bischofs zu weinen anfing, spürte sie aber im Gebet auch, dass sie vergebungsbereit sein soll. Sie fühlte sich inspiriert zu beten: „Herr, vergib‘ ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“

Wen das hier Geschriebene verstört, der soll wissen, dass ich niemandem dazu raten würde, aufgrund von problematischen Entdeckungen unreflektiert die eigene religiöse Tradition zu verlassen. Ich selbst hege einige Zweifel, aber habe ein Fundament im Glauben an Christus und ich finde aktuell einiges Gute in der HLT-Kirche, auf dem sich immer noch aufbauen ließe. Ich denke jedoch nur durch eine wirklich offene und authentische Betrachtung schwieriger Themen können wir als religiöse Gemeinschaft aktuelle Herausforderungen bestehen und unsere homosexuellen Schwestern und Brüder fair behandeln.

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Nadja
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Alexandra
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Alexandra
2 Jahre 7 Monate her
Hallo Guido! … Was fuer ein langer thread ueber etwas, was misverstanden wurde. Das Wort Homosexualitaet impliziert, dass jemand Sex hat…in diesem Fall gleichgeschlechtlichen. 😉 Elder Bednar, wenn ihr das ganze Video anschaut, macht eine riesen Ausfuehrung, was dienlich zum Verstaendnis dieser Frage nach gleichgeschlechtlicher Anziehung ist. …Es ist dadurch verwirrend, zugegebenermassen, da er im laufe des Videos erklaert, was er eigentlich sagen moechte. Er haette gleich zur Aussage kommen koennen, dass es nur eine Suende ist, diesen Beduerfnissen nachzugehen, aber nicht dies Beduerfnisse zu hegen. 😉 ….Deshalb kannst du auch davon ableiten, dass es in der Kirche auch keine Singles gibt, die Heterosexual sind. … Wird jetzt klar, dass es nicht seine Absicht war es tot zuschweigen? …Spaeter sagt er ja selbst, dass es viele wuerdige Mitglieder gibt, die direse Neigung haben, sie jedoch nicht leben…ergo sind sie homophil, aber nicht homosexuel. 🙂 Hoffe das hilft. Tolles Video uebrigens…werde… Weiterlesen »
Alexandra
Gast
Alexandra
2 Jahre 7 Monate her

Ooops…typos…sorry! 🙂

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