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Sven: „Es ist gut, sich den Realitäten zu stellen und keine Angst vor eigenen Gedanken, Erfahrungen und dem Verstand zu haben – gerade weil diese von Gott gegeben sind.“

Sven erzählt hier ausführlich seine Glaubensreise, die voller Schwierigkeiten, aber auch voller Überraschungen war – und bislang für ihn ein Happy End hatte. Er ist seit seiner Kindheit Mitglied der Kirche gewesen, erlebte aber schon recht früh zahlreiche Dissonanzen und Widersprüche. Auf Mission in Süddeutschland wurde er unter anderem als Zonenleiter Zeuge der „Afrikaner-Taufen“-Phase, einer Zeit wo Deutschland nach seinen Angaben die höchsten Wachstumsraten der Kirche vorweisen konnte. Widersprüchliche Erlebnisse wie diese, die später für ihn in einer Loslösung von der Kirche mündeten, hatte er zahlreiche.
Der Abschied von seiner Religion war dennoch wie er sagt „psychisch ein extrem schmerzlicher Prozeß“, unter Anderem weil er stark verwurzelt im Glauben aufgewachsen ist und so viele Aspekte seines Lebens und seines Denkens davon beeinflusst waren.

Sven hat zwei Mal seine Frau geheiratet. Heute ist Sven Familienvater von zwei bezaubernden Kindern und als Teilhaber einer Firma im Raum München geschäftlich erfolgreich. Sein Vater ist Patriarch im Pfahl Heidelberg. Aufmerksam wurde ich auf Sven über einen Artikel im Netz, den ich vor vielen Jahren von ihm las, in dem er sagte: „Ich bin mir sicher, daß der Mensch vor allem sich selbst, einem Gott und auch anderen gegenüber ehrlich sein muss, sonst wird sein Leben am Ende nicht viel Wert sein.“ Das Interview wurde geführt von Guido Müller.

Vielen Dank Sven, dass Du Dir die Zeit nimmst, uns mehr von Dir und Deiner Glaubensreise zu erzählen. Im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Mitgliedern, bist Du immer noch gerne im Gespräch mit HLTs jeglicher Couleur, was ich sehr angenehm finde. Woher kommt das bei Dir?

Die Frage wird mir öfter gestellt – da gibt es verschiedene Facetten. Auf der einen Seite bin ich durch mehrere Generationen Mitglieder in meiner Familie (mütterlicherseits) geprägt. Zudem war ich sehr aktiv bis ich ca. 30 Jahre alt war. Manche Mitglieder “schlittern” ja in die Inaktivität und lösen sich so langsam und verabschieden sich auch kulturell. Bei mir war es ein harter Schnitt. Das wäre aber noch kein Grund der Kirche verbunden zu bleiben. Bei uns zu Hause war Religion immer auch mit einer besonderen Art der Familienzusammengehörigkeit verbunden, auch mit “anders sein” auf was wir stolz waren – zudem vermittelten uns meine Eltern und meinen drei Geschwistern viel Liebe. Für manche bedeutet das Enge, für mich war es eher Geborgenheit. Wir fühlten uns trotz eher konservativer Kirche eher „modern“.
Warum ich nach meinem Austritt dann schon recht früh angefangen habe, zweifelnden Mitgliedern die auf mich zukamen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, hängt sicher damit zusammen, dass ich mich grundsätzlich als empathischen Menschen sehe – und meine zweijährig andauernde Glaubenskrise war von innerer Einsamkeit geprägt. Ich konnte mich eigentlich mit niemanden austauschen, außer glücklicherweise dann ein paar kritischen Geistern im Internet. Da wollte ich einfach für die Leute da sein und mich nicht “vom Acker machen”. Zudem gab es um 2000 herum wenige die sich als „Aussteiger“ outeten.
Anfangs war es sicher auch ein bisschen Missionsgeist, ich wollte meine neuen Erkenntnisse auch teilen. Aufgedrängt habe ich mich eher nicht, soweit ich mich erinnere. Ein Teil ist sicher auch “Sturheit” – meine Familie kommt ursprünglich aus Ostpreussen und Sachsen – man lässt sich da von seinen Wurzeln nicht einfach vertreiben – natürlich haben damals viele gemeint, dass ich nicht ablassen kann von der Kirche weil mein Zeugnis noch da ist. Aber es gibt Dinge die interessieren mich einfach über Jahre mit Leidenschaft, wie ein Hobby z. B. Totalitarismus, Islam, Politik usw.. Die Kirche wird in Teilen wie ein Stamm geführt (siehe auch patriarchalischer Segen). Selbst wenn dein Stamm und die Mechanismen dir schaden, fühlst du dich verbunden – und ich persönlich weigere mich meine Wurzeln zu verleugnen.

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